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Mit Wulff leben müssen

Die Bürger haben ihr Urteil gesprochen: Schuldig! 75 Prozent der Wähler halten Christian Wulff für schwer beschädigt, jeder zweite verlangt seinen Rücktritt. Er ist der unbeliebteste Bundespräsident in der deutschen Geschichte.

Auch der Bundespräsident hat sein Urteil über sich selbst gesprochen: Unschuldig! Er habe lediglich Fehler gemacht, alles war rechtens, in einem Jahr ist alles vergessen.

Ein größere Wahrnehmungslücke zwischen Volk und Präsident ist kaum vorstellbar. Und das bei einem Amt, das Volk und Politik über Parteigrenzen hinweg versöhnen soll.

Mit dieser Kluft werden die Deutschen jetzt leben müssen. Denn Christian Wulff ist fest entschlossen zu bleiben, seine verbleibenden dreieinhalb Jahr ohne Rücksicht auf Verluste durchzuziehen. Amtsbesetzung und Schlossbesetzung. Und keine Partei, keine Kanzlerin kann oder will ihn hinaustragen. 

Wulffs Strategie ist die des Schwiegermuttermörders von Jürgen von Manger, der mit seiner Hände Arbeit, durch ein schöneres Leben wieder alles gutmachen will. Das war schon bei von Manger unglaubwürdig (die Schwiegermutter blieb tot), aber wenigstens lustig. Bei Christian Wulff ist es unglaubwürdig und extrem unlustig. Es kann nicht gelingen.

Man sieht es heute schon: er verkommt zum Statisten, zum ungeliebten, unerhörten und ungehörten Darsteller eines Präsidenten. Seine Reden tauchen, wenn überhaupt und selbst dann, wenn sie gut sind, nur noch in Kleinstmeldungen in den Medien auf. Weil ihre Relevanz mit jedem weiteren Tag im Amt verfällt. Es fehlt das moralische Fundament.

Was soll ein Volk mit einem moralisch schwer beschädigten Präsidenten? Was bedeutet es für ein Amt, wenn es sein Inhaber nicht nur nicht ausfüllen kann, sondern es der Verachtung und Lächerlichkeit preisgibt? Der nur geduldet und ertragen wird?

Bisher ist nur Wulff beschädigt, wenn er aber tatsächlich, und dazu ist er finster entschlossen, bis 2015 weiter amtiert, dann beschädigt er auch das Amt. Was ist es nach dem Ende seiner Amtszeit noch wert, wenn es ein Mann mit solch zwielichtigem Finanzgebaren, mit solchen Mit- und Annnehmerqualitäten, mit solcher Uneinsichtigkeit in sein eigenes Fehlverhalten einfach weiter ausüben kann?

Was Christian Wulff, offenbar aus Angst vor einem Lebensabgrund, verkennt: Man kann ein Amt auch abschaffen, indem man es weiter ausübt. Welche Messlatte gilt 2015 nach fünf Jahren Wulff noch für dieses hohe, anspruchsvolle Amt?

Geradezu wie Hohn wirkt es, wenn Angela Merkel sagt, Wulff werde noch viele weitere wichtige Akzente „für unser Land“ setzen. Er hat schon mehr als genug Akzente gesetzt. Wulff und die ihn tragende Kanzlerin werden es erleben: er ist und wird im wahrsten Sinn des Wortes ein Präsident zum Vergessen.

Aber wie sagte schon der große Fußballphilosoph Dragoslav Stepanovic: „Lebbe geht weider“. Auch ohne einen Präsidenten.

P.S. Abkürzen könnte diesen Prozess nur noch Olaf Glaeseker, der ehemalige Wulff-Sprecher. Wenn er auspackt, muss Wulff einpacken. Aber das ist kaum zu erwarten.