Sonntag, 12. Februar 2012, 18:06 Uhr

Das Märchen vom Politiker im Glück

Nehmen wir einmal an, Sie sind Politiker und haben kein Geld. Sie verdienen zwar gut (etwa 8.000 Euro netto im Monat), aber Sie haben Familie und eine anspruchsvolle Freundin, später müssen Sie davon zwei Familien ernähren.

Da bleibt nichts für Urlaube in Florida, Italien, Mallorca und nicht einmal auf Norderney, kein Geld für Designerkleider ihrer jungen Frau, kein Geld für teure Filmbälle, kein Geld für die Business-Class. Und wohnen müssen Sie zur Miete.

Sie können Ihrer jungen Frau nicht viel mehr bieten als sich selbst. 

Und nehmen wir einmal an, sie haben Minderwertigkeitskomplexe, ihr Selbstwertgefühl war jahrelang großen Belastungsproben ausgesetzt, weil Sie als der ewige Verlierer galten. Und die Menschen, denen Sie die Hand gaben, wischten ihre Hand anschließend an der Hose ab. Sie sind wer (nehmen wir einmal an, Sie sind Ministerpräsident), aber irgendwie sind Sie doch keiner.

Sie lechzen nach Anerkennung, Sie wollen endlich einer sein, der von den oberen Zehntausend respektiert und gemocht wird. Sie wollen dazugehören, auf dem großen Partykarussell mitfahren, und nicht nur auf den hinteren Politikseiten, sondern auch in den bunten Hochglanzblättern auftauchen.

Sie sind unzufrieden. Sie wollen strahlen wie eine 100-Watt-Birne, obwohl Sie doch nur ein relativ kleines Licht sind. Soll das schon alles gewesen sein, was Ihnen das Leben zu bieten hat? Sie fühlen sich immer noch zurückgesetzt, ihre Chefin (bezeichnenderweise „Mutti“ genannt) nimmt sie nicht so richtig ernst, traut Ihnen aber nicht über den Weg. Sie weiß: Unzufriedene sind auf Dauer gefährlich. Auch harmlose Schafe können zum „Wilden Schaf“ werden. 

Aber Sie sagen in gespielter Bescheidenheit, Sie seien kein „Alphatier“, obwohl Sie genau das gerne wären und sich heimlich sogar dafür halten.

Wenn Sie andere treffen (nehmen wir einmal an, Journalisten), dann reden Sie sich den Frust von der Seele, lästern über und hetzen gegen jedermann (vornehmlich Parteifreunde) und mokieren sich (natürlich ganz vertraulich) über Kollegen, die getrennt von ihrer Frau leben, aber sich öffentlich mit ihrer Freundin zeigen.

Sie schieben Frust. Deshalb reden Sie auch immer häufiger öffentlich von Moral, verfolgen gnadenlos jeden, der in eine Affäre verstrickt ist, und verlangen von allen Kollegen, sich nicht einmal den Anschein der Korrumpierbarkeit (genannt Vorteilsnahme) zu geben.

Plötzlich aber wächst die Zahl ihrer bis dahin raren Freunde. Denn Sie sind ja endlich Ministerpräsident, davon gibt es nur 16 in Deutschland. Die Freunde ihres großen Angstgegners, der Sie jahrelang zum Verlierer gestempelt hat, sind plötzlich auch Ihre Freunde, laden Sie in ihre Sterne-Restaurants ein, umschmeicheln Sie. Reiche, mächtige Männer, Rock- und Filmstars suchen plötzlich Ihre Nähe, wischen sich nicht mehr die Hände an der Hose oder am Kleid ab.

Neue Freunde tauchen auf, ein alter Freund bietet seine finanzielle Hilfe an. Und plötzlich finden Sie wie Hans im Glück den Goldklumpen. Nicht nur einen, sondern viele. Plötzlich können Sie ein Haus kaufen, obwohl Sie kein Geld haben, den Kredit jemals zurückzuzahlen, denn Ihre Bonität ist immer noch CC. Das politische Amt könnte ja schon in wenigen Jahren wieder futsch sein.

Der eine Freund zahlt das Haus und stellt seine Traumwohnung für die Zweithochzeit zur Verfügung, der andere seine italienische Villa für die Hochzeitsreise. Der nächste seine Villa auf Mallorca, der alte Freund sein Haus in Florida.

Der eine Freund von der Fluggesellschaft besorgt das Uprade, der zweite lädt zum Filmball, der dritte zum Oktoberfest. Der eine gibt einem Autor, der ein unverkäufliches Buch über Sie schreibt, 10.000 Euro und zahlt 20.000 Euro für eine Anzeige für einem Freak-Film ausgerechnet in Ihrem biederen Parteiblättchen. Und Modefirmen stellen Ihrer schönen Frau die Abendkleider.

Und schon kommt das nächste Buch, das Sie „Besser die Wahrheit“ nennen. weil Sie zeigen wollen, dass Sie besser, anständiger sind als die anderen. Weil das aber auch keiner kaufen will, nimmt ein Freund 2.500 Exemplare ab (der, der Sie auch bei den Großen der Industrie einführt), die Partei kauft 5.000 und ein anderer Freund bezahlt die 20.000 Euro für die Buch-Werbung, lässt sich aber eine Rechnung über „Beratungsleistungen“ ausstellen.

Und der Freund mit Freak-Film lässt Sie in Nobelhotels upgraden, finanziert ihre Sylt-Urlaube. Er gibt Ihnen zu Zeiten, als Sie noch zwischen zwei Frauen pendelten, ein unauffälliges Zweithandy auf den Namen seiner Firma. Natürlich haben Sie das immer sofort bezahlt (spätestens beim Auschecken), denn, obwohl Sie ein armer Schlucker sind, tragen Sie für solche Fälle  immer bündelweise Bargeld mit sich herum.

Jetzt sind Sie endlich einer, einer, der oben angekommen ist. Reiche Freunde, Glamour, Macht. Partys ohne Ende, schließlich ist auch Deutschlands Party-König Ihr Freund. Kann das Leben schön sein. Und „Mutti“ macht sich langsam so große Sorgen, dass sie Sie in ein richtiges Schloss befördert, wo man zwar keine Macht hat, aber noch mehr Freunde und die Aussicht auf lebenslang 200.000 Euro im Jahr. Endlich ist auch ihre soziale Frage gelöst. Sie sind jetzt Triple-A, nicht nur für die Banken.

Aber dann kommen die bösen Neider, jagdtrunkene Journalisten, die Ihnen alles wieder wegnehmen wollen. Die Ihnen vorwerfen, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Die keinen Respekt vor wahrer Freundschaft haben, die Ihnen Korruption unterstellen, weil Sie einen Freund mit auf offizielle Reisen nahmen, einem anderen die Mitreise anboten.

Und die Neider verfolgen ihre Freunde, weil Sie den einen Freund (der mit der Villa auf Mallorca) bei der erkauften Honorar-Professur gepriesen haben, und weil ein anderer Freund Sie dafür lobt, dass Ihr armes Land ihm eine Bürgschaft für eine Briefkastenfirma angeboten hat, die nie einen Film produzierte. Und für den Party-König sollen Sie Geld bei Ihren reichen Freunden eingeworben haben.

Und plötzlich bricht Ihr ganzes schönes Leben zusammen. Sie stehen vor dem Abgrund, den Sie lange hinter sich glaubten. Sie verheddern sich in Widersprüche, täuschen und tricksen, erzählen Sachen, die den gesunden Menschenverstand beleidigen. Das alte Ego pocht wieder an: der Verlierer mit den Minderwertigkeitskomplexen. Keiner glaubt Ihnen mehr, keiner liebt Sie, die Freunde werden wieder rarer, viele wenden sich ganz ab. Die Angst wird Ihr täglicher Begleiter.

Der Goldklumpen war nur Talmi. Ein trauriges Märchen. Ich glaube nicht, dass Sie es erleben wollen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

165 Kommentare

1) Philip, Mittwoch, 15. Februar 2012, 23:52 Uhr

Ein schöner Text, Herr Spreng. Ich lese immer sehr gerne Ihren Blog. Aber irgendwie tut mir Herr Wulff auch leid nach der Lektüre. Vielleicht war er ja auch einfach sehr naiv und hat gedacht, dass es sich tatsächlich um echte Freundschaften gehandelt hat. Vielleicht hat Herr Wulff ja nie Freundschaften kennengelernt, bei denen es keine Interessen gab und keinen Handel ? Freundschaften nämlich, die ohne Berechnung waren und lediglich ihm als Person jenseits aller Ämter gegolten haben? Dann wäre es auch eine Geschichte der Einsamkeit, die uns Herr Wulff mit seinem Leben erzählt.

2) Thor, Mittwoch, 15. Februar 2012, 23:54 Uhr

@Pharetra.
Nö.
Blogbeitrag.
Eher schwer. Das alles ist eher zum Weinen.
Vielleicht, dass Herr Spreng es versteht, aus den einzelnen Fäden der Causa Wulff einen Strick zu drehen.
Da möchte ich nicht spekulieren, das weiß nur der Autor.
Dass er gut schreiben kann und dass er nicht dem von manchem erhofften Mechanismus folgt, nach der x-ten Gefälligkeit den Leser lieber in Ruhe lassen zu wollen, sondern ihn eben mal auf neue Weise mit den Fakten, Interpretationen und Schlussfolgerungen konfrontiert.

3) EStz, Donnerstag, 16. Februar 2012, 05:50 Uhr

@ 120) Frankilein66, Mittwoch, 15. Februar 2012, 10:42 Uhr

>> Wolfgang Kubicki!

Da schließe ich mich an. Obwohl ich finde, dass jemand wie er nicht nur repräsentieren sollte. Der hat mehr drauf…

4) schreibtischhengst, Donnerstag, 16. Februar 2012, 07:37 Uhr

Klasse Märchen – viele träumen in diesem Land ihr persönliches Märchen – daher passiert so wenig! Aber wehe, die Realität schlägt zu!!!

5) Michael A. Nueckel, Donnerstag, 16. Februar 2012, 08:50 Uhr

@ Doktor Hong, 139)

„Denn eine ganz weiße Weste wird niemand haben.“

Auch wenn vieles & alles gesagt, der Satz regt noch einmal zum Nachdenken an: Wulff ist kein Einzelfall? Ist das übertragbar (nicht 1:1) auf – um einige Beispiele zu nennen-: Stoiber, Steinbrück, Gabriel, Wowereit, Müller, Rüttgers, Koch, Carstensen, van Beust, Beck, Seehofer, und, und, und? Und warum können wir uns das bei Angela Merkel nicht vorstellen? Ist das nur ein Ergebnis Ihrer „Image“pflege? Oder anders formuliert: Korruption mit all´ ihren Facetten und Graunzonen ist tief in dieser Gesellschaft verwurzelt? Und wird es solange geben, wie der Mensch schwach werden kann? Mitunter müssten wir das also institutionell zukünftig anders angehen: siehe USA, Anhörungen vor Ernennung? …oder belassen wir es, so wie es ist, und leben mit diesem Mißstand ebenso, wie es Strafgesetze gibt, derweil jeden Tag Kapitalverbrechen geschehen, gleichwohl wir uns ein gewisses Grundvertrauen in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft erhalten müssen. Kurzum: Wir stürzen uns nur auf diejenigen, die sich erwischen lassen, und prügeln auf diese stellvertretend für alle Nichterwischten mitein?

6) cd, Donnerstag, 16. Februar 2012, 10:09 Uhr

Homo homini lupus!

Grossartiges, aber leider sehr reales „Märchen“!

Denk ich an Deutschland`s Politiker in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.

cd

7) StefanP, Donnerstag, 16. Februar 2012, 10:34 Uhr

@141) Wertkonservativliberaler

Mein Kritikpunkt ist, dass es in Bezug auf Bundespräsident Wulff einen Anfangsverdacht gibt, der gegen jeden anderen Amtsträger schon längst zu einem Ermittlungsverfahren geführt hätte.

Dem steht die Immunität des Bundespräsidenten entgegen. Die Immunität von Abgeordneten und Repräsentanten des Staates ist aus guten historischen Gründen geschaffen worden. Man wollte vermeiden, dass über den Rechtsweg mißliebige, aber gewählte Volksvertreter aus dem Verkehr gezogen werden können. Es sei denn, der Politiker hat tatsächlich gegen geltendes Recht verstoßen.

Das ist hier aber gar nicht bewiesen. Und das kann es auch nicht, solange die Staatsanwaltschaft nicht Einsicht in interne Unterlagen und Konten nehmen kann. Ein Dilemma, fürwahr. Sie argumentieren leider genau so, wie es nicht sein sollte. Der Bundespräsident ist ordnungsgemäß gewählt, nach juristischem Stand hat er derzeit als unschuldig zu gelten. Daher kann er nur nach dem verfassungsrechtlichem Weg nach Artikel 61 GG seines Amtes enthoben werden. Eine solche Klage ist nicht in Sicht.

Dass das Staatsoberhaupt einen Sonderstatus in juristischer Hinsicht genießt, macht auch §375 Abs. 2 ZPO deutlich, nach dem der Bundespräsident nicht als Zeuge vor Gericht aufzutreten braucht. Als Demokrat, so muss man abschließend sagen, kann es nicht Aufgabe der Justiz sein, die Aufgabe der Politik zu erledigen. Genau das verlangen Sie. Ein Antrag auf Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten wird nach den politischen Gepflogenheiten zum Rücktritt des selbigen führen – unabhängig, ob ihm tatsächlich ein Gesetzesbruch nachgewiesen werden kann oder nicht. Das gilt dagegen nicht für einen normalen Beamten.

8) Mark, Donnerstag, 16. Februar 2012, 10:37 Uhr

@ 142) Pressen, Mittwoch, 15. Februar 2012, 22:36 Uhr

Es ist ein Wunder, dass es Herrn Sprengs Qualitätskontrolle passiert hat. Soll DAS etwa lustig sein?

9) Ein Fan, Donnerstag, 16. Februar 2012, 12:32 Uhr

Lieder habe ich aus Zeitgründen nur bis ca. Nr. 100 alle Kommentare lesen können, Aber auch ich möchte Herrn Spreng bestärken, weiter auf seiner Linie zu bleiben, Es wird ihm schon bewusst sein, dass er langsam auch in die Kritik gerät,nicht mit der „Jagd“ auf Herrn Wulff aufzuhören. Aber genau dafür schätze ich ihn sehr: wenn er an eine Sache glaubt, wenn er seine Werte verletzt sieht, bleibt er konsequent und nimmt evt. persönliche Nachteile in Kauf. So hat er konsequnent erst das Wahlkampfmanagement für Herrn Stoiber übernommen, als dieser ihm versprach, nicht auf Kosten von Ausländern und Minderheiten Stimmen holen zu wollen. Auch als Journalist hat er in diesem Sinne immer wieder Rückgrat bewiesen.

Ich teile die Sichtweise von Kids Top (Kommentar 100) zu den Werten, die leider immer weniger eine Rolle spielen gerade an vielen entscheidenden Stellen in unserer Gesellschaft. Nicht nur die Bürger, die immer verführbarer werden in dieser Geiz-ist-Geil-Konsumwelt müssen umdenken. Die Eliten müssen da vorangehen, und diese müssen wiederum von einem integren moralisch vorbildhaften Bundespräsidenten angetrieben werden. Bis es ihnen zu den Ohren raushängt. Aber dafür muss er eben selber integres Vorbild sein, was nicht heißt dass er nicht auch einmal einen gravierenden Fehler gemacht haben darf. Also Herr Spreng, lassen Sie sich nicht beirren.

@ Wertkonservativliberaler:

NIcht austreten aus der CDU, auch wenn ihr Frust verständlich ist. Beitrag reduzieren vielleicht, Aber nicht austreten. Das hilft nicht. Drin bleiben und wo Sie können, beteiligen und nerven. Es gibt viele, die so denken wie Sie in der CDU.

10) Michael A. Nueckel, Donnerstag, 16. Februar 2012, 14:10 Uhr

@ Ein Fan, 151)

„Ich teile die Sichtweise von Kids Top (Kommentar 100) zu den Werten, die leider immer weniger eine Rolle spielen gerade an vielen entscheidenden Stellen in unserer Gesellschaft.“

Und die Gnade der späteren Geburt hat keine Werte? Was sagen Sie denjenigen, die nach Ihnen, also 1990, 1995, 2000 geboren sind. Was werden die Ihnen in 20, 30 oder gar 40 Jahren sagen wollen? So wie meine Großmutter mir 1980: „Das hat es zu unserer Zeit nicht gegeben“.

Sie haben recht, doch es hilft uns nicht weiter.

11) Wertkonservativliberaler, Donnerstag, 16. Februar 2012, 14:44 Uhr

Hier der Link zu dem sehr interessanten Fachartikel von Prof. v. Arnim über die Frage der Vorteilsannahme durch Wulff in der NVwZ-Extra, Heft 3/2012 v. 15.02.2012, S. 1 – 9:

http://www.dhv-speyer.de/vonarnim/Aktuelles/2012/NVwZ-Extra_2012_03%5B1%5D.pdf

Weitere Artikel von v. Arnim zum Thema unter II. (Zeitungen und Magazine) und III (Fachveröffentlichungen).:

http://www.dhv-speyer.de/vonarnim/Aktuelles.htm

@ 151 Ein Fan: ich habe meinen Austritt schon am Dienstagabend erklärt.

12) Wertkonservativliberaler, Donnerstag, 16. Februar 2012, 14:51 Uhr

Nachtrag:

Und der zitierte Fachartikel von Prof. v. Arnim behandelt nur die Frage des Darlehens von Geerkens, nicht die relativ neue Causa Filmfondsmanager Groenewold:

http://www.dhv-speyer.de/vonarnim/Aktuelles/2012/NVwZ-Extra_2012_03%5B1%5D.pdf

13) Wertkonservativliberaler, Donnerstag, 16. Februar 2012, 14:55 Uhr

@ 149 – StefanP:

Es geht mir nicht um die Amtsenthebung.

Es geht mir um die Aufhebung der Immunität Wulffs, damit ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts nach § 331 StGB (in Zusammenhang mit Causa Geerken; Causa Groenewold) eingeleitet werden kann.

Das eine (Amtsenthebung) hat doch mit dem anderen (Aufhebung der Immunität; Ermittlungsverfahren) gar nichts zu tun.

14) Doktor Hong, Donnerstag, 16. Februar 2012, 17:59 Uhr

@ 147) Michael A. Nueckel

Ich kann nur schwer beurteilen, wie tief die Korruption in Deutschland verankert ist oder nicht. Höchstwahrscheinlich ist es in anderen Ländern noch viel schlimmer, zumindest unterstelle ich das z.B. bei Italien oder China.

Niemand mag Wettbewerb, wenn er sich selbst im Wettbewerb behaupten muss. Wettbewerb ist nur für Konsumenten gut, nicht für Anbieter. Wenn also ein Anbieter Wettbewerb unterlaufen kann, sei es durch Lobbyismus, oder aber durch Korruption, dann wird er es tun, sofern er nicht von moralischen Skrupeln geplagt ist.

Korruption entsteht auch dann, wenn ein System der Willkürherrschaft herrscht, das einzelnen Bürokraten zuviel Macht einräumt.

Ich weiß nicht, ob Anhörungen wie in den USA einen wirksamen Effekt haben. In den USA herrscht ein System, das Kritiker „Crony Capitalism“ nennen, also „Kapitalismus der Kumpel“ – früher haben wir in Deutschland „Günstlingswirtschaft“ gesagt. Mit großem Erfolg beeinflussen Lobbyisten die Gesetzgebung, und wir sehen das Ergebnis. Ich möchte das nicht für uns.

Ich habe explizit „Unbestechlichkeit“ gefordert, denn nichts ist zerstörerischer für das Funktionieren eines sozialen Systems als Korruption.

Ich denke, der deutsche Medienbürger erwartet viel zu viel. Ehrlichkeit, Anstand, gut rüberkommen soll er, unabhängig, ein toller Familienvater, eine Supermutti, was weiß ich. Aber ob sich Ulla Schmidt ihr Dienstauto im Urlaub klauen lässt oder nicht, das interessiert mich nicht. Aber ob Daniel Bahr im Beirat der Ergo-Versicherung saß und Politik für seine Freunde aus den Versicherungen, statt für die Versicherten macht oder nicht – das geht mich sehr wohl etwas an!

Wann werden andere „Untugenden“ relevant? Ob ein Politiker seine Frau betrügt, ist mir ehrlich gesagt gleichgültig. Ich würde das für mich selber nicht akzeptieren, aber seine Ehe geht mich nichts an. Wenn er aber dadurch erpressbar wird und daher nicht mehr unbestechlich bleibt, dann ist das ein Problem.

Gegen Korruption helfen zwei Dinge: Transparenz, und unerbittliches Durchgreifen bei erwiesener Korruption.

Wenn eine Gesellschaft Korruption duldet, zerstört sie damit den Leistungsgedanken und dadurch die Leistungsfähigkeit der ganzen Gesellschaft.

15) StefanP, Donnerstag, 16. Februar 2012, 19:26 Uhr

@155) Wertkonservativliberaler

Wenn die Staatsanwaltschaft die Aufhebung der Immunität beantragt, bleibt Wulff nur der Rücktritt. Bei einem Beamten ist das anders: er wird für die Dauer der Ermittlungen freigestellt und kehrt, so sich der Verdacht nicht erhärtet, an seinen Arbeitsplatz zurück. Beim Bundespräsidenten ist das nicht möglich.

Sie wollen den Rücktritt des Bundespräsidenten und schützen die angebliche Gleichbehandlung vor. Doch hier geht es nicht um Gleiches. Ein weiterer, wesentlicher Rechtsgrundsatz ist nämlich die Unschuldsvermutung. Dies schließt auch ein, dass einem Beschuldigten kein Nachteil aus Ermittlungen erwachsen darf, wenn diese sich am Ende nicht manifestieren. Beim Beamten kann man das trotz Ermittlungsverfahren gewährleisten, der Staat muss es sogar. Beim Staatsoberhaupt ist das anders.

Ich befürworte genauso wie Sie den Rücktritt des Bundespräsidenten. Doch angesichts der bisherigen Vorwürfe ist es eher eine politische denn juristische Frage. Das kann sich natürlich im weiteren Verlauf ändern. Aber es ist richtig, dass die Staatsanwaltschaft Hannover äußerst vorsichtig und sensibel vorgeht. Ich wäre nicht unglücklich, wenn ermittelt würde, doch dann muss am Ende eine Verurteilung stehen. Sonst hätte der Rechtsstaat ein Legitimationsproblem.

16) jan, Donnerstag, 16. Februar 2012, 19:46 Uhr

aufhebung von wulffs immunität beantragt!
http://www.tagesschau.de/inland/wulff924.html

17) Wertkonservativliberaler, Donnerstag, 16. Februar 2012, 19:47 Uhr

Ich bin happy!!!

Lebe ich tatsächlich in einem Rechtsstaat? Super!

http://www.faz.net/aktuell/politik/eilmeldung-staatsanwaltschaft-beantragt-aufhebung-von-wulffs-immunitaet-11652422.html

18) StefanP, Donnerstag, 16. Februar 2012, 20:28 Uhr

So wird man von der Realität eingeholt:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,815740,00.html

Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragt die Aufhebung der Immunität von Christian Wulff.

19) Michael A. Nueckel, Freitag, 17. Februar 2012, 03:41 Uhr

@ Doktor Hong, 156)

.. leider muß ich mein indirektes Lob von gestern wieder ein kassieren. Sie haben meine hervorhebende Bezugnahme auf Ihre Feststellung für einen undifferenzierten Redeschwall genutzt -hier nur das Nötigste: Korruption ist nicht auf Bürokraten beschränkt, siehe nur Siemens und, und, und. Was haben Anhörung vor Ernennung in den USA mit „Crony Capitalism”, “Günstlingswirtschaft”, „Lobbyisten“ zu tun? Korruption entsteht bei Willkürrherrschaft? Gegenfrage: In D haben wir keine Willkürherrschaft, also auch keine Korruption? Kurzum: Das sind undifferenzierte Statements. Und: Die Untugend des Fremdgehens gibt es so auch nicht mehr, da ist auch etwas ganz gehörig im Wandel, wir nennen und praktizieren das heute als polyamore Beziehungen, sprich -um eines Ihrer Wörter zu benutzen- ganz transparent, einige verstehen das gar als neue Ehrlichkeit ;-)))

20) Doktor Hong, Freitag, 17. Februar 2012, 22:39 Uhr

@ 161) Michael A. Nueckel

Ich bin auf Ihr Lob nicht angewiesen.

Was haben Anhörung vor Ernennung in den USA mit “Crony Capitalism”, “Günstlingswirtschaft”, “Lobbyisten” zu tun?

Keine Ahnung, Sie haben das in Ihrem Kommentar ins Spiel gebracht?

Korruption mit all´ ihren Facetten und Graunzonen ist tief in dieser Gesellschaft verwurzelt? Und wird es solange geben, wie der Mensch schwach werden kann? Mitunter müssten wir das also institutionell zukünftig anders angehen: siehe USA, Anhörungen vor Ernennung?

Und: Die Untugend des Fremdgehens gibt es so auch nicht mehr, da ist auch etwas ganz gehörig im Wandel, wir nennen und praktizieren das heute als polyamore Beziehungen, sprich -um eines Ihrer Wörter zu benutzen- ganz transparent, einige verstehen das gar als neue Ehrlichkeit 😉 ))

Ja, und? Heißt das, dass alle Paare jetzt polygame Beziehungen haben? Ist das Ihre Vorstellung von einer „differenzierten“ Aussage?

Korruption entsteht bei Willkürrherrschaft? Gegenfrage: In D haben wir keine Willkürherrschaft, also auch keine Korruption?

Das meinen Sie nicht ernst, oder?

21) Hanns Binder, Samstag, 18. Februar 2012, 12:32 Uhr

Herr Spreng, man kann nicht immer in Topform sein. Was sie hier zusammen getragen haben ist das Geschreibsel der letzten 2 Monate. Da verlasse ich mich lieber auf die Aussagen von Wulff’s echten Freunden, wie z.B. Rossmann bei Günther Jauch. Ansonsten haben jetzt Staatsanwälte das Wort. Sie
sind die Herren des Verfahrens. Es besteht ein Anfangsverdacht, sicher zurecht. Aber es gilt die
Unschuldsvermutung, auch bei einem ehemaligen Bundespräsiudenten. Mal sehen, was das Jahr 2012
in der Causa Wulff noch bringt? Anklage, ja oder nein?, Verurteilung, ja oder nein? Falls nein: Entschuldigungen der Medien? Sicher nein, wem nützt das schon?! Was man der Familie Wulff aufrichtig wünscht ist die Hoffnung, dass von den echten Freunden, welche übrig bleiben.
Sorry, jetzt erst die Kommentare nachgelesen und realisiert, dass ich mich zu ihrem „alten Kommentar“ äußere. Aber eine interessante Erfahrung: wie kurzlebig ist doch das bloggen, schade um die Zeit!

22) Publikateur, Samstag, 18. Februar 2012, 17:01 Uhr

Was Christian Wulff nicht versteht, ist, dass ein Schuldiger sich nicht selber “entschuldigen” kann, sondern die Betroffenen um Entschuldigung bitten muss.
Siehe auch: http://publikateur.wordpress.com/

23) Dieter Klemke, Freitag, 07. Dezember 2012, 15:47 Uhr

9.Dezember ist Welt-Anti-Korruptions-Tag der UN

Obwohl deutsche Politiker in den vergangenen Wochen immer wieder laut darüber geredet haben, dass Transparenz ein hohes Gut in der Politik sei, gehört Deutschland nicht zu den 140 Staaten, die sich der UN-Konvention unterworfen haben. Und das nur, weil die Regelungen zum Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung in Deutschland nicht den internationalen Vorgaben entsprechen. Die diesbezügliche Blockade-Haltung der schwarz-gelben Koalition verhindert bislang die erforderlichen Änderungen und damit die Ratifizierung der Konvention.

Am weltweiten Anti-Korruptions-Tag steht Deutschland damit auf einer Stufe mit Myanmar, Sudan, Saudi-Arabien, Nordkorea und Syrien. Herzlichen Glückwunsch Frau Merkel und Herr Rösler!

Mehr dazu auf http://www.diebuergerlobby.de mitmachen-einmischen-verändern

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


granny - the social agency from Berlin