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Gauck und der Shitstorm

Sechs Tage schon dauert der Shitstorm im Internet gegen Joachim Gauck und seine Urheber müssen verzweifelt sein. Denn nichts ist bisher an dem designierten Bundespräsidenten hängen geblieben, der Sturm prallt an seiner Integrität ab. Seine moralische Autorität ist ungebrochen.

Und was wurde nicht alles versucht: ihn zum Sarrazin-Freund, zum Holocaust-Relativierer, zum Gegner der deutsch-polnischen Aussöhnung, zum Feind der Anti-Hartz IV-Demonstrationen,  und – das war der Höhepunkt – zum IM der verbrecherischen Stasi zu machen. Das bespitzelte Stasi-Opfer „Larve“ als „IM Larve“ zu bezeichnen, das konnte nur fanatischen Ideologen oder Dummköpfen passieren.

Gaucks Lebenslauf wurde verfälscht, seine Zitate aus dem Kontext gerissen. Es war keine Sternstunde des Internets, sondern eine dunkle Episode. Aber es gab auch Lichtblicke: gegen den Shitstorm standen im Internet Männer auf wie Patrick Breitenbach oder Sascha Lobo. Und das nicht anonym. Und sorgfältig recherchierende Journalisten der „alten Medien“, die damit ihre unveränderte Notwendigkeit unter Beweis stellten. 

Der Fall Gauck war wieder einmal ein Lehrstück: Das Internet ist nicht nur ein Medium der Freiheit, der Kommunikation und der Aufklärung, sondern auch der Diffamierung, Verfälschung und Denunziation.

Es gibt kaum ein intransparenteres Medium als das angebliche Medium der Transparenz. Denn ein Großteil der Fälscher und Verdreher schoss aus dem Schutz der Anonymität. Wer steckt dahinter, welche Absichten verfolgt er, wo steht er? Diese Fragen müssen beantwortet werden können, um eine Meinungsäußerung ernsthaft würdigen zu können.

Anonymität im Internet ist (ich kann das auch einigen meiner Kommentatoren nicht ersparen) prinzipiell eine Charakterschwäche. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und ausgenommen sind natürlich arabische Freiheitskämpfer und andere Blogger in autoritären Staaten.

Wie aber kann in einem freiheitlichen System sich ein Mensch anmaßen, den Charakter anderer Menschen zu beurteilen, wenn er selbst zu charakterschwach ist, sich dazu zu bekennen? Bei Sachbeiträgen sehe ich das zwar auch kritisch, aber etwas milder.

Offenbar glauben viele, das jahrhundertlang erkämpfte Recht auf Meinungsfreiheit sei ein Recht auf Anonymität. Was für ein Irrtum: Hier stehe ich und kann nicht anders, sagte(angeblich) schon Martin Luther.

Anonymität ist keine Frage der Gesinnung (dahinter verstecken sich Rechte wie Linke), sondern eine Frage der Haltung. Die Schwarmfeigheit ist die kleine häßliche Schwester der Schwarmintelligenz.

Wenn in „alten Medien“ darüber berichtet wurde, war häufig die Rede vom „Aufstand der Netzgemeinde“. Ein großer Irrtum. Denn erstens gibt es keine Netzgemeinde. Ich zum Beispiel will ihr genauso wenig angehören wie einer religiösen oder politischen Gemeinde. Und zweitens gibt es im Internet immer wieder ehrbare Versuche, sich solchen Shit-Stürmen aufklärerisch entgegenzustellen.

Wenn aber ein Großteil der Internet-User auf der Anonoymität beharrt, dann be- und erhält das Internet als Forum der freien Meinungsäußerung einen zweifelhaften Ruf.

P.S. Damit kein Missverständnis aufkommt: Auch Gauck darf und muss kritisiert werden können. Ich finde zum Beispiel seine Qualifizierung Thilo Sarrazins als „mutig“ verunglückt (trotz aller sonstigen Distanz und Differenziertheit Gaucks), denn Sarrazin ist überprüfbar Verfasser eines rassistischen Menschenbildes. Aber die Vorwürfe müssen stimmen, belegbar sein und nicht aus dem Zusammenhang gerissen. Und mit offenem Visier vorgetragen.