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Wie verlogen darf eine Partei sein?

Eine gewisse Verlogenheit gehört anscheinend unvermeidbar zur Politik. Das Schauspiel, das aber die FDP derzeit aufführt, überschreitet aber die Grenzen zumutbarer Verlogenheit.

Als Christian Lindner offenbar aus Verärgerung über Kurs und Führungsschwäche seines Chefs Philipp Rösler als Generalsekretär zurücktrat, galt er in der FDP als fahnenflüchtiger Verräter. Selten wurde gegen einen Mann in Hintergrundgesprächen so gehetzt wie gegen Lindner.

Sein Nachfolger Patrick Döring, ein Intimus von Rösler, nannte Lindners Rücktritt „brandbeschleunigend“, verhöhnte ihn als „großen Intellektuellen“ und verglich seinen Charakter mit dem eines Versicherungsvertrieblers, dem der Erfolg so zu Kopf gestiegen sei, dass „er sich einen Porsche kauft“.

Jetzt, nur drei Monate später, ist der Verräter und Versicherungsvertriebler der letzte Hoffnungsträger der FDP  für die überraschende Neuwahl in Nordrhein-Westfalen. Rösler über Lindner: „Wir schicken unseren besten Mann“. Den er aber nicht halten konnte. Was wiederum alles über Rösler sagt, dessen Kopf jetzt Lindner retten soll.

Und weil der Ex-Brandbeschleuniger so besonders gut ist, wird er gleich auch noch neuer NRW-Landesvorsitzender. Der noch amtierende Chef, Gesundheitsminister Daniel Bahr, war offenkundig maximal der zweitbeste  Mann.

Bei aller Wertschätzung für Lindner (er gehört zu den wenigen, die zumindest ein paar Ideen für modernen Liberalismus haben), diese Nominierung als NRW-Spitzenkandidat hat den Geruch der Verlogenheit und Wählertäuschung.

Welche FDP sollen die Leute denn wählen? Die von Rösler, der den Gauck-Coup versemmelte, indem er sich bei Markus Lanz wie ein pubertierender Jugendlicher aufführte, der „Mutti“ einen Streich gespielt hat und sich darüber ganz doll freut? Und der bis heute nicht erklären kann, warum die häufige, fetischartige Erwähnung des Wortes Wachstum zur FDP-Renaissance führen soll?

Oder die von Patrick Döring, dem intriganten Lautsprecher? Die etwas klügere von Lindner, zu dessen Ideenvorrat auch die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers gehört? Oder die von Wolfgang Kubicki, der sich im Gegensatz zu allen anderen auch eine Finanztransaktionssteuer vorstellen kann? Oder die von Rainer Brüderle, dem ewigen verhinderten Steuersenker?

Nein, das wird auch nix mit Lindner. Schade, aber bei dieser FDP ist es auch für Talente zu spät.