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Freitag, 23. März 2012, 12:09 Uhr

Der freudige Lückenschließer

Joachim Gauck hat seine Agenda erweitert. Soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Teilhabe, mehr Europa, Kampf gegen den Rechtsextremismus. Das war zu erwarten. Nur notorische Gauck-Gegner hatten nicht damit gerechnet.

Die Schlüsselwörter im Reichstag waren Freude (Freude an der Demokratie, Freude an der Freiheit, auch Freude über den neuen Präsidenten) und Selbstvertrauen. Beides empfindet und hat Gauck und das erwartet er auch von der Bürgern. Denn es sei möglich, “nicht den Ängsten zu folgen, sondern den Mut zu wählen”.

Verbunden mit dem Bekenntnis zur Integrationspolitik seines Vorgängers, dem Lob für die 68er-Generation und der Absage an die Rechtsextremisten (“Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich”) ergibt sich daraus ein Themenspektrum, das fünf Jahre tragen kann. Gauck hat vielleicht nicht seine größte, aber eine sehr gute Rede gehalten.

Sein schönster Satz: “Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des Demokratiewunders”. Das ist pure Freude. Ein Satz, den glaubhaft nur einer sagen kann, der nicht aus dem etablierten Politikbetrieb kommt, und der noch weiß, dass demokratische Freiheit nicht selbstverständlich ist.

Ein schöner Freitag. Auch für die Parteien. Für sie ist der neue Präsident ein Geschenk. Gauck ist nach Wulff kein Lückenbüßer, sondern er kann zum Lückenschließer werden. Er kann auf dem Weg, den er skizziert, die Lücke zwischen Bevölkerung und etablierter Politik verkleinern, eine Brücke bauen, auf der viele Menschen wieder den Weg zur Politik finden, ihr wieder Vertrauen schenken. Dazu gehört aber auch, dass die Parteien auf diese Brücke gehen.

Wenn Gauck dies gelingt, dann wird er ein großer Präsident. Es wäre uns eine Freude.

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46 Kommentare

1) Michael A. Nueckel, Freitag, 23. März 2012, 12:17 Uhr

“Dazu gehört aber auch, dass die Parteien auf diese Brücke gehen.”

Uneingeschränkt zutreffend – und hierzu sind wohl weitere Impulse oder gar mehr von Gauck nötig, worauf ich mit Interesse bereits heute warte.

2) C.Mayer, Freitag, 23. März 2012, 12:21 Uhr

Vielleicht hat der neue Bundespräsident Nachhilfe in Sachen Gerechtigkeit und Integration genommen. Nur mit seiner von ihm so propagierten “Freiheit” droht eine immer tiefere gesellschaftliche Spaltung. Auf der einen Seite die freiheitsverliebten Kapitalbesitzer, die immer mehr machen was sie wollen (zügellose Finanzmärkte) und auf der anderen Seite prekäre Arbeitsverhältnisse, immer mehr Teilzeitstellen, 1-Euro-Jobs, Tafeln und Kinder ohne Bildungschancen. Gaucks frühere Sprüche erinnern mich an den Spruch, das jeder das Recht habe (und damit die Freiheit) unabhängig von seinen Vermögensverhältnissen unter einer Brücke zu schlafen. Vielleicht hat er den Unsinn einiger seiner früheren Aüßerungen inzwischen begriffen.

3) Michael Becher, Freitag, 23. März 2012, 12:23 Uhr

Ich denke die “notorischen Gauck-Gegnerschaft” ist genauso blödsinnig wie ihre notorische Gauck-Überhöhung.

“Er kann auf dem Weg, den er skizziert, die Lücke zwischen Bevölkerung und etablierter Politik verkleinern, eine Brücke bauen, auf der viele Menschen wieder den Weg zur Politik finden, ihr wieder Vertrauen schenken”

Wie soll er das machen? Indem er ein paar nette Reden hält? Wohl kaum. Ich schätze viele Ihrer Beiträge. Aber beim Thema Gauck merkt man Ihnen leider genau das an, was sie den “notorischen Gauck-Gegnern” vorwerfen: Einseitigkeit.

4) Frank Reichelt, Freitag, 23. März 2012, 12:37 Uhr

Meine angeborene Skepsis gegenüber dem pastoralen Kanzelton den Herr Gauck leider nur zu gut beherrscht besteht immer noch. Der missionarische Eifer, der mich immer an einen Fernsehprediger aus den USA erinnert, gefällt mir immer noch nicht.

Aber ich muss zugeben, dass ich nach der Wahl Gaucks eine gewisse Erleichterung verspürt habe. Die ganze Angelegenheit Wulff lag wie Mehltau über dieser Republik. Bei aller Kritik an der Art Gaucks, haben wir in ihm ein integren und affärenfreien Bundespräsidenten, der Deutschland nach innen, vor allem aber nach aussen sehr gut repräsentiert.

Außerdem freue ich mich darüber, dass sich Herr Spreng doch noch über etwas freuen kann!

5) Nobbi, Freitag, 23. März 2012, 12:58 Uhr

Gauck selbst ist nicht so sehr das Problem. Er ist halt ein Pfarrer und predigen, das kann er. Wenn man in seinen Reden einfach mal das Wort “Freiheit” in Gedanken durch das Wort “Gott” ersetzt, erhält man eine typische Kirchen-Kanzel-Rede, mit der ein Ortspfarrer am Sonntag seine Schäfchen erbaut.

Das Problem Gaucks sind seine Protegés, die aus den oberen Etagen der Gesellschaft kommen und die wollen, dass jetzt, wo wir Deutsche langsam die Zeche für die Finanzkrise übernehmen müssen, mit Gauck verhindern wollen, dass hierzulande eine Diskussion über ihresgleichen entbrennt.

Man könnte ja alle Probleme der Finanzkrise lösen, indem man die Steuern für diese Kreise erhöht. Um das zu verhindern, brauchen sie jemanden, der den Deutschen den “Stolz auf ihr Land” predigt. Den wer stolz auf sein Land ist, der wird keine Änderung fordern.

Genau so wird Gauck regelmäßig von den “Leitmedien” kommentiert. Der braucht nur einen noch so schlichten Satz zu tun, und schon machen Spiegel, Bild, ARD und das ZDF einen Elefanten daraus.

Gauck spielt da aus Eitelkeit sehr gerne mit. Er wird diese Kreise, denen er sein freudiges Amt zu verdanken hat, niemals kritisieren. Den Vorwurf wird man ihm machen müssen.

6) Uli, Freitag, 23. März 2012, 13:09 Uhr

“Die Lücke zwischen Bevölkerung und etablierter Politik verkleinern, eine Brücke bauen”
Dazu hat Herr Pispers einen sehr passenden Kommentar veröffentlicht:
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/03/20/wdr2-kabarett-pispers.xml

Wir werden sehen inwieweit Herr Gauck etwas an der PolitikERverdrossenheit ändern kann, zu wünschen wäre es uns allen.

7) der Herr Karl, Freitag, 23. März 2012, 13:11 Uhr

Wenn mir von meinen Kritikern wochenlang vorgehalten würde, ich sei monothematisch, würde ich auch eine breitgefächerte Rede halten – “die beste Rede die er je im Bundestag gehört habe” (Sigi Pop).
Schöne Reden halten kann doch jeder. Und dieses “Ängste vermindern unseren Mut wie unser Selbstvertrauen manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können” erinnern mich dann doch ein wenig an Roosevelts “Das Einzige, vor dem wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst.”
Joachim Gauck ist wie Sinclair Lewis’ rhetorisch begabte Elmer Gantry; der Pfarrer der sooo schön vor der Liebe Gottes predigen konnte, dass die Frauen schwach und deren Augen ganz feucht wurden…

8) Mark, Freitag, 23. März 2012, 13:12 Uhr

> Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des Demokratiewunders

Oh, ja, wenngleich ich das “Demokratiewunder” gänzlich anders sehe als the Gauckmaster himself. Ich nämlich wundere mich, wo eigentlich die Demokratie abgeblieben ist in unserem Lande? Wo sind die Alternativen hin, die es für eine funktionierende Demokratie braucht? Wo sind die kritischen (Massen-) Medien hin, die -als letzter Wachposten- die Politik übewachen sollten und uns Bürger alarmieren sollten, wenn Dinge aus dem Ruder laufen?

Wohin ich blicke, ich sehe bis auf wenige Ausnahmen nur den großen Fluß des Mainstreams. Bloß nicht anecken, es könnte ja der Karriere schaden. Bloß nicht aufmucken, sonst droht der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Ich sehe nur eine große Blockpartei bestehend aus roten, schwarzen und grünen Flügeln, die -wie in einer “DDR Reloaded”- mit großer Selbstverständlichkeit alles absegnet, was die Regierung vorschlägt. Hier und da wird mal ein Schau-Kampf vorgetragen, aber alles ohne echte Emotion und -schlimmer noch!- ohne echte politische Ziele. Schaurig.

Dass Herr Gauck “mehr Europa” will, das soll uns wohl schon mal auf die alternativlosen nächsten Rettungspakete für Griechenland und den Euro vorbereiten. Nun wird man Gauck immer erpressen können durch den Hinweis auf diese Rede. “Aber Du wolltest doch ‘mehr Europa’!” Aber im Grunde seines Herzens will Gauck ja auch die Umverteilung von unten nach oben. Er hat begriffen, dass die Mächtigen eben an der Macht sind. Wusste er immer, damals schon, und er hat es nie vergessen. Nur heute sind es halt die “Finanzmärkte”: die Banken, die Versicherungen, die Superreichen.

Gauck? Not my president.

9) Maren P., Freitag, 23. März 2012, 13:16 Uhr

Was für ein schöner Frei(heits)tag, Herr Spreng? Aus Ihrer Sicht mag das so sein. Mir ist heute aufgefallen, dass Joachim Gauck ein begabter Schauspieler ist, der die Rolle seines Lebens gefunden zu haben glaubt. In der Funktionsweise wie eine Musikbox: Man wirft sein Vertrauen als Währung ein, drückt ein Knöpfchen und dann kriegt jede/r, wirklich jede/r, was er/sie hören wollte.

Dazu singen innerhalb von fünf Tagen im Bundestag (gefühlt) alle ständig die Nationalhymne und selbst zum profanen Amtsantritt in Schloss Bellevue muss ein militärisches Zeremoniell her. Und das ganze Tamtam ständig live und in Farbe. Ob die alten Wasserwerker, die noch weitgehend auf vordergründigen, nationalistischen Zierrat verzichten konnten, wirklich die schlechteren Demokraten waren? Fragen Sie doch mal Schmidt, Bahr oder Genscher …

Ich hätte lieber einen Bundespräsidenten als einen Bundespastor gehabt. Weniger paternalistisches Pathos. Jemanden, der nicht ständig von seiner eigenen Bedeutung überwältigt und gerührt ist. Das ist mir peinlich und deshalb wahre ich Distanz.

10) Thomas Hillebrand, Freitag, 23. März 2012, 13:59 Uhr

Natürlich war zu erwarten, dass sich Gauck die Kritik an ihm, wenn nicht unbedingt gleich zu Herzen, dann doch zumindest in seine erste Rede nimmt. Alles andere war völlig undenkbar. Es bleibt abzuwarten, ob sie auch sein Herz erreichen wird. Trotzdem erkenne auch ich diese Rede selbstverständlich als einen Schritt in ein breiteres Wahrnehmungsspektrum an sie und macht mich offener, Herrn Gauck in Zukunft zuzuhören.

Doch wie @ 3) Michael Becher völlig zu Recht analysiert:

“…beim Thema Gauck merkt man Ihnen leider genau das an, was sie den “notorischen Gauck-Gegnern” vorwerfen: Einseitigkeit.”

Es gibt einfach bei Ihnen so ein paar Themen, die wohl ganz nah an dem siedeln, was Sie in Ihrem intellektuellen, aber auch emotionalen Fundament ausmacht und bei denen Sie dann offenbar eine Art Mutation erfahren, irgend so etwas “Dr. Jekyll-und-Mr. Hyde”-mäßiges – natürlich auf rein sprachlicher Ebene und in umgekehrter Reihenfolge. Da verändert sich dann sogar Ihr gewohnter Duktus, Ihr Vokabular wird einseitiger, von stellenweise fast lyrischer Qualität, es kommt eine sonst bei Ihnen eigentlich völlig fehlende Naivität zum Tragen, eine große Bewunderungsfähigkeit umweht Ihre Sätze und Ihre Botschaft steht noch splitternackter, ja, zuweilen sogar Empathie erregend da, als eh von Ihnen gewohnt.

Aber das ist gut so! Auch das ist eines Ihrer Markenzeichen und mir würde es bestimmt schmerzlich fehlen, gäbe es nicht auch diese Artikel von Ihnen!

11) Christian Hornberg, Freitag, 23. März 2012, 16:23 Uhr

OK, seine Themenwahl hat angenehm überrascht und manche Kritik widerlegt. Seine (Selbst-)Inszenierung ist…nunja…Geschmackssache. Sie lieben ihn offensichtlich:-) Everything else remains to be seen.

12) Der Duderich, Freitag, 23. März 2012, 16:28 Uhr

“Sein schönster Satz: “Ich empfinde mein Land vor allem als ein Land des Demokratiewunders”. ”

Nein, Herr Spreng; dass ist sein verlogenster Satz! In diesem “Demokratiewunder” wurde das Souverän an KEINER elementaren Entscheidung miteinbezogen (EU-Beitritt, Rettungsschirm, usw.)!

Eher ein Wunder, dass man das Demokratie nennt!

Wenn man diesen Satz schon ablässt, dann hätte man ihn in Bezug zur Merkelschen “Marktkonformen Demokratie” setzen, bzw. abgrenzen müssen.

So ist es nur eine Durchhalteparole, die von der Wahrheit ablenkt und uns ruhigstellen soll.

Für Durchhalteparolen aber brauche ich keinen hoch allimentierten BP!

13) Grimlock, Freitag, 23. März 2012, 17:32 Uhr

Ich wiederum freue mich, dass Herr Spreng sich auch mal freuen kann. Das ihm diese Fähigkeit abgeht und er immer nur kritisiert wurde in Kommentaren zu früheren Artikeln des öfteren kritisiert.

Was ich übrigens nicht ansatzweise nachvollziehen kann ist, dass das Amt der Bundespräsidenten den Menschen auf einmal so wichtig ist, dass diesbezüglich seit Monaten aus allen Kanonen geballert wird. Obwohl ich einen großen Teil meiner Freizeit der Politik widme, habe ich nur am Rande wahrgenommen das von Herrn Wulff während seiner Amtszeit so gut wie nichts zu hören war. Ich erinnere mich auch noch gut daran, dass beim Rücktritt Köhlers von Kommentatoren davon gesprochen wurde das er beim Volk sehr beliebt war. Bis heute habe ich noch niemanden getroffen der sich nach ihm zurückgesehnt hat. Ich möchte nicht so weit gehen das Amt als belanglos zu bezeichnen, aber die Durchschlagskraft der Reden eines Bundespräsidenten wird meiner Meinung nach maßlos überschätzt.

14) Benjamin, Freitag, 23. März 2012, 17:40 Uhr

Ich fand die Rede alles in allem gelungen. Und ich freue mich, dass Gauck gezeigt hat, offen zu sein für neue Themen (nicht alle haben dies so gesehen) und wirklich keiner politischen Richtung zuneigt, sondern die Werte im GG beherzigt und mit Leben füllt. Einziger Wermutstropfen: man hätte es schon 2010 haben können…

15) Horst Schmidt, Freitag, 23. März 2012, 17:45 Uhr

Endlich habe ich es geschafft dieses triefende inhaltliche Nichts, welches sich aus diesem Beitrag auf meinen Boden ergoss, aufzuwischen

michael spreng, dieser Beitrag war und ist ihrer unwürdig. Dabei will ich es belassen, um nicht Grenzen bewußt, aber auch berechtigt, zu überschreiten.

Schade.

16) S1, Freitag, 23. März 2012, 20:21 Uhr

Es sollten nur noch Leute ohne Parteibuch Präsident werden dürfen.

17) FF, Freitag, 23. März 2012, 20:37 Uhr

Der Worte sind genug gewechselt. Dies gälte selbst für den Fall, daß unser neuer Heros etwas sagen sollte, was über “Freiheit statt Sozialismus” hinausgeht.

Denn genau das ist dieser Pfarrer a. D. für mich: ein fleischgewordenes CSU-Wahlplakat aus den tiefen 80ern, das laufen und sprechen gelernt hat und sich einen Krawattenknoten binden kann.

Von seinem ganzen, streckenweise loriothaften Phrasenbrimborium – Freiheit, Verantwortung, -heit, -heit, -heit, -ung, -ung, -ung… – wird am Ende nichts bleiben außer ein Hauch heißer Luft. Wenn überhaupt!

18) Beate, Freitag, 23. März 2012, 21:55 Uhr

Her Augstein hat richtiger Weise darauf hingewiesen, dass das Gesetz den Schwachen vor der Freiheit des Starken beschützt.

Fragen Sie doch Herrn Gauck was er von einem Mindestlohn von 20 Euro pro Stunde hält.

Hält unsere Gesellschaft soviel Demokratie aus, wie die schweizer Gesellschaft.

Die einfach beschliessen, die Lohnschere soll so klein sein wie möglich.

Ohne sich um das Geschwätz von gekauften Ökonomen zu kümmern?

Das war sinnleere Phrasendrescherei von Gauck.

19) Petra, Freitag, 23. März 2012, 22:42 Uhr

Ein Mensch, der in einer Diktatur gelebt hat, bewertet die Demokratie, in der wir leben, anders als jemand, der in ihr aufgewachsen ist. Natürlich sind die Freiheiten unserer Demokratie eine große Errungenschaft, die bewahrt und verteidigt werden muss. Für viele Deutsche war sie nicht Zeit ihres Lebens selbstverständlich.

Wer aber eine Generation nach Gauck im Westen geboren und aufgewachsen ist, erlebt diese Demokratie aus einer anderen Perspektive. Ich sehe weniger das „Demokratiewunder“ als vielmehr das Demokratiedefizit in unserem Land. Auch Angst und fehlender Mut sind dabei weniger mein Problem als vielmehr Sorge, Wut und Ohnmacht. Wir schauen beide auf dasselbe Glas. Für ihn ist es halb voll, für mich halb leer. Beide Sichtweisen sind berechtigt. Aber wir bewerten unterschiedlich, weil wir verschiedene Wahrnehmungsperspektiven haben.

Ich sehe, wie unsere Demokratie zunehmend untergraben und ausgehöhlt wird. Die Entscheidungen der Politik sind von Strippenziehern aus der Wirtschaft beeinflusst, die nur im eigenen Interesse agieren. Je finanzstärker diese Lobbyisten sind, desto stärker sind ihre Macht und ihr Einfluss. Sie verschleiern ihre Einflussnahme durch „Verschwiegenheit“, spenden verdeckt Millionen an die Parteien und führen manipulative Kampagnen, die die Urheber nicht erkennen lassen. Durch die fehlende Offenheit und Transparenz lässt sich das Ausmaß ihrer Macht nur erahnen. Das Parlament ist so nicht mehr ein Hort des Gemeinwohls, sondern ein Hort der verdeckten Korruption.

Die Globalisierung gefährdet die Demokratie, indem sie die Finanzkrise und mit ihr eine zunehmende Ungleichverteilung von Besitz verursacht. Bei dem Versuch die Krise zu bewältigen, bleiben die Verursacher verschont und die Unbeteiligten tragen die Konsequenzen.

Die Staatsgewalt, die vom Volk ausgeht, erschöpft sich in der Möglichkeit zur Wahl von Volksvertretern, von denen manche mehr am eigenen Wohl als an dem des Volkes interessiert sind. Der im Grundgesetz verankerte Anspruch auf Mitbestimmung wird dem Bürger erst dann gewährt, wenn er ihn sich selbst erkämpft.

Es ist nicht gut bestellt um unsere Demokratie. Verständlich, dass solche demokratischen „Freiheiten“ auf Akzeptanzprobleme bei vielen Bürgern im Osten stoßen.

Was ich deshalb sehr gut finde, ist Gaucks Forderung nach Beteiligung und Engagement von Seiten der Bürger. Und seine Mahnung, dass Freiheit immer mit Verantwortung einher gehen muss, – bei allen Teilhabern eines Gemeinwesens. Auch für Gauck ist das Glas nicht voll. Unsere Demokratie muss nicht nur bewahrt, sondern auch neu gestaltet werden.

Nicht nachvollziehen kann ich die Kritik an seinem „pastoralen“ Auftreten, seinem „Pathos“ und seiner Eitelkeit. Warum ist jetzt jede Rede = eine Predigt? Und selbst wenn´s so wäre, was wäre gegen eine gute Predigt einzuwenden? Ist das Angst vor Bevormundung? – Warum sollen sich Menschen mit einem spirituellen Hintergrund eigentlich immer dafür rechtfertigen? Niemand braucht irgendjemanden zu bekehren, auch nicht zur Ungläubigkeit. Da ist Toleranz ist angebracht, nicht Überheblichkeit.- Pathos ist Leidenschaft und spricht die Emotionen an. Ich habe nichts dagegen und ich habe keine Angst davor. Das hält mein Verstand aus. – Und Eitelkeit ist auch nicht gleich eine narzisstische Störung, sondern eine sehr verzeihliche, liebenswerte Schwäche. Weil sie niemandem weh tut, außer vielleicht manchmal dem, der sie mit sich herum trägt.

20) Dr. Helmut Neck, Samstag, 24. März 2012, 06:34 Uhr

… Und was denkt und macht jetzt Frau Merkel?

Sie verliert jetzt sicher die alleinige Deutungshoheit bei wichtigen Themen, z. B Europa, Bundeswehreinsatz, …

Alle werden fragen: und was meint Gauck

21) Carsten Blöcker, Samstag, 24. März 2012, 09:23 Uhr

Erschreckend, wie viele Blog-Leser jetzt schon wieder rumnörgeln, versuchen, alles ins Negative zu ziehen. Welche Armut. Um so erfreulicher, Herr Spreng, dass Sie sich als sehr kritischer Journalist die Stärke des positiven Denkens erhalten haben.

22) Alexis, Samstag, 24. März 2012, 10:23 Uhr

@) 13) Grimlock, Freitag, 23. März 2012, 17:32 Uhr

“Ich erinnere mich auch noch gut daran, dass beim Rücktritt Köhlers von Kommentatoren davon gesprochen wurde das er beim Volk sehr beliebt war. Bis heute habe ich noch niemanden getroffen der sich nach ihm zurückgesehnt hat.”

Hier ist einer, der Köhler gut fand. Er verstand was von Wirtschaft und redete deren Mächtigen gleichzeitig nicht nach dem Mund “(vgl. “Monster”). Er war für mich nach wie vor das Ideal eines Seiteneinsteigers in dieses Amt. Persönlich hochinteger. Er trat zurück, weil er nicht den Depp der Journaille geben wollte, die ihn – völlig respektlos für dieses Amt – dafür anpöbelten, weil er Dinge sagte, die sachlich völlig o.k. waren.

23) Thomas Hillebrand, Samstag, 24. März 2012, 10:33 Uhr

@ 15) Horst Schmidt

Zitat:

“Endlich habe ich es geschafft dieses triefende inhaltliche Nichts, welches sich aus diesem Beitrag auf meinen Boden ergoss, aufzuwischen”

Zitat Ende

Einer der schönsten Sätze, die ich seit Langem gelesen habe! Köstlich! Wunderbar! Vielen Dank!

Auch wenn ich Sprengs Artikel bei Weitem nicht so schrecklich bewerte wie Sie, sondern – wie ich schon schrieb – diese seine ganz speziellen Texte, in denen er es schafft, alles das auf einmal zu karikieren, was ihn sonst auszeichnet, in denen er Ratio und Kritikfähigkeit temporär einfach ein Nickerchen halten lässt und in denen er zu satten 100% aus dem eigenen Bauch redet, nicht missen möchte.

24) Thomas Hillebrand, Samstag, 24. März 2012, 10:47 Uhr

@ 8) Mark

Könnten Sie zur Abwechslung bitte mal etwas schreiben, dem ich nicht sofort wieder umfänglich zustimmen muss?!? Das ist ja schrecklich auf die Dauer! :-)

My president ist Gauck auch not und wird es wohl auch nimmer werden, aber ein paar Chancen will ich ihm dennoch einräumen. Wobei mir dann eigentlich ziemlich gleichgültig ist, ob Gauck nur Phrasen drischt, um seine Kritiker zu sedieren oder ob er tatsächlich lernfähig ist. Was ich bezweifle. Solange aber die Botschaften stimmen sollten, so what?

Und ich gebe Ihnen,

@ 13) Grimlock,

mit Ihrem Kommentar auch absolut Recht, in dem Sie noch mal sehr nachvollziehbar und mit guten Beispielen die generelle Frage beleuchten, ob wir dieses Amt nicht wirklich maßlos überschätzen.

25) Maren P., Samstag, 24. März 2012, 11:38 Uhr

@ Nr. 19) Petra schrieb: >>[...]Nicht nachvollziehen kann ich die Kritik an seinem „pastoralen“ Auftreten, seinem „Pathos“ und seiner Eitelkeit. Warum ist jetzt jede Rede = eine Predigt? Und selbst wenn´s so wäre, was wäre gegen eine gute Predigt einzuwenden? Ist das Angst vor Bevormundung? – Warum sollen sich Menschen mit einem spirituellen Hintergrund eigentlich immer dafür rechtfertigen?[...]<<

Da will ich doch prompt widersprechen. An der Spitze des Staates erwarte ich eine Persönlichkeit, dessen "Bibel" das Grundgesetz ist. Egal, welcher Profession er vorher nachgegangen ist. Ich erwarte Verfassungspatriotismus – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat hat über Jahrzehnte unserem staatlichen Gemeinwesen gut getan. Die Integration mehrerer Generationen "Gastarbeiter" und Asylsuchender ist in der Bundesrepublik in weiten Teilen ja auch deshalb gelungen, weil wir Neuankömmlinge nach ihren Herkunftsländern, ihrer Kultur, gefragt haben und nicht nach ihrem Glauben. Der ist nämlich mMn Privatsache. Erst seitdem sich Religion und Religiosität ganzer Gruppen lautstark in sämtliche Lebensbereiche aller einmischen zu müssen glaubt, gibt es vermehrt Unfriede, Verunsicherung, Enttäuschung, bis hin zu Gewalt. Da können Gespräche viel glätten, jedoch keine "Predigten".

Niemand, selbstverständlich auch nicht Joachim Gauck, muss sich für seine Biographie oder seine Profession rechtfertigen. Da lob' ich mir unser Grundgesetz. ;-) Vielleicht haben sich CDUCSUSPDFDPB90/DieGrünen ja tatsächlich einen gütigen und manchmal zürnenden "Vater" gewünscht und gewählt, der ihnen mit seinen Reden das Volk bei Bedarf an die Wahlurnen treibt und es ihnen sonst vom Leibe hält. Ich fürchte, das funktioniert so nicht. Nein, ich bin mir ganz sicher: Wenn Gauck papperlappt, wird weggezappt!

26) Frank Reichelt, Samstag, 24. März 2012, 13:07 Uhr

@ 21) Carsten Blöcker

Einem positiven Beitrag stehen hunderte negative gegenüber, das kann man statistisch gesehen wohl kaum als Stärke des positiven Denkens bezeichnen!

27) Petra, Samstag, 24. März 2012, 14:55 Uhr

25) Hallo Maren,

danke für Ihre Antwort.
Sie weisen ja zu Recht auf die Bedeutung der Trennung von Staat und Kirche hin.
Allerdings glaube ich nicht, das die durch Herrn Gauck gefährdet ist. Oder allgemein durch die Ausübung des Präsidentenamts durch einen Kirchenmenschen.

Die Skepsis in Bezug auf seine Verwurzelung in der Kirche ist ganz schön verbreitet, aber warum eigentlich? Viele Intellektuelle haben ein großes Misstrauen gegenüber der Religion. Ich glaube, dahinter steht die Überzeugung, dass, wer an einen Gott glaubt, nicht ganz „bei Verstand“ sein kann. Vielleicht auch die Befürchtung, man solle bekehrt werden oder die Sorge vor Fundamentalismus und seinen Auswirkungen. Deshalb gehört es in intellektuellen Kreisen zum guten Ton, sich von Religion zu distanzieren. Auch in dieser Frage, der Glaubensfrage, gibt es einen vorgeschriebenen Mainstream. Bestenfalls der Glaube an „irgendeine höhere Macht“ wird noch geduldet. Wer aber „Gott“ sagt, gilt als verdächtig und außerdem nicht ganz bei Trost.

Ein weites Feld. Ich will nur noch zwei Dinge sagen: Gaucks Äußerungen weisen vor allem Bezüge zum GG, zu den Grundrechten auf, nicht etwa zur Bibel. Und: christliche Werte wie die in der Bergpredigt genannten sind ein bedeutender Teil unserer Kultur und die Auseinandersetzung mit ihnen ist/wäre hoch aktuell.

Ich habe mir die Rede inzwischen in Gänze angehört und fand sie außerordentlich gut. Ja, ich war -auch emotional- überwältigt von dieser Fülle an Inhalt und Substanz. Endlich mal jemand, der reden kann, der brennende Themen zur Diskussion stellt und der wichtige Bekenntnisse ausspricht, der zu Teilhabe und Verantwortung aufruft.

Dass manche die „Erweiterung seiner Agenda“ jetzt als Opportunismus oder Schauspielerei deuten, – tja, was soll man dazu noch sagen…?! Dazu sagt man am besten gar nichts mehr. Gegen diese Krankheit gibt es keine Medizin. Da ist Heilung nur von innen möglich.

28) Michael A. Nueckel, Samstag, 24. März 2012, 15:17 Uhr

@ Petra, 19)
Einigen Ihrer zentralen Aussagen, insbesondere am Anfang und Ende, möchte ich zustimmen. Sie bringen es gut auf den Punkt.

@ Maren P., 25) in kritischer Erwiderung auf Petra, 19)
Jetzt mal langsam, der Verfassungspatriotismus wird noch deutlich kommen – das war gestern “nur” seine Antrittsrede. Wir haben eine Baustelle im Lande wieder weniger, und sollten keine neuen Fässer vorzeitig aufmachen, sondern ihm ruhig 100 Tage-Schonzeit gewähren. Ich halte nichts davon, bereits heute eine Prognose, wie: “Wenn Gauck papperlappt, wird weggezappt!” verkünden zu wollen. Die Medien werden sehr genau hinhören, was er sagt, und im Idealfall eine Mittlerrolle übernehmen. Ich freue mich auf die Worte eines Präsidenten, der kein Ex-Parteisoldat ist und kein politisches Mandat zuvor inne hatte und weder Rücksicht nehmen, noch “Freundschaften” auf jeden Preis erhalten muß. Spannender wird z.B. die Frage sein, ob er auch Europa ein Demokratiewunder wird nennen wollen?

@ Thomas Hillebrand, 24)
“… aber ein paar Chancen will ich ihm dennoch einräumen.”
Ach wie gnädig.

@ Grimlock, 13)
“Ich möchte nicht so weit gehen das Amt als belanglos zu bezeichnen, aber die Durchschlagskraft der Reden eines Bundespräsidenten wird meiner Meinung nach maßlos überschätzt.”
v. Weizsäcker und Herzog haben das Gegenteil bewiesen; andererseits müssen wir uns fragen lassen, ob die bisherige Amtsvergabe an verdiente Parteisoldaten im Einzelfall nicht wie das Anlegen einer Bleiweste gewirkt hat. Und durch die Partei gar nicht gewollt hat war. Mit der Personalie Gauck kann es eine Renaissance des Amtes geben. Aber auch wir müssen hierfür offen sein, und nicht bereits heute Pessimismus und vorbeugende Kritik verbreiten.

29) Heiko G., Samstag, 24. März 2012, 15:26 Uhr

Dieses Land ist kein Demokratiewunder. Das hat wieder mal die Wahl Gaucks zum Bundespräsidenten gezeigt. Der Mann wurde im Hinterzimmer ausgekungelt und von den Massenmedien inthronisiert. Das ist bitter, schäbig und traurig.

30) Günter Springer, Samstag, 24. März 2012, 17:35 Uhr

@ 19 Petra
Ihr Beitrag sehr gelungen. Für mich eine würdige Ergänzung zum Artikel von Herrn Spreng.
Was mich an der Vereidigungsveranstaltung unseres neuen BP Herrn Joachim Gauck so gestört, ja mißfallen hat, war die Anwesenheit von Herrn Wullf, noch dazu in erster Reihe.
Das mag üblich sein, macht für mich aber, in Anbetracht des Eklat um Herrn Wullf, einen sehr üblen Beigeschmack. Komisch, das sich darüber hier niemand aufregt. Alles vergessen, alles verziehen, alles Bagatelle???

31) Jörg Rowohlt, Samstag, 24. März 2012, 17:36 Uhr

Ich muß mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass Blog-Kommentatoren ja glücklichweise nur eine kleine nicht-repräsentative Minderheit darstellen, um nicht in die Tischkante zu beißen.
Was für eine Art Bundespräsident wird denn gewünscht? Irgendeine links-alternativ autonome Pappnase, die “kapitalismuskritische” Phrasen von sich gibt?

Spannend finde ich an Gauck, dass er gerade keiner der Parteien nach dem Munde reden wird. SPD und Grüne sowie CDU/CSU werden womöglich noch sehr unglücklich sein mit dem jetzt so bejubelten Präsidenten. Vielleicht wird Gauck eines Tages das letzte Sprachrrohr der verblichenen FDP sein, vielleicht wird er auch im besten Sinne der konservativste Präsident, den wir je hatten.

Fänd ich gut.

32) Minassian, Sonntag, 25. März 2012, 07:22 Uhr

Typisch deutsch : Hosianna – Kreuziget ihn ! Für jeden Politiker gelten die ersten 100 Tage, um ein fundierteres Urteil abzugeben. In j e d e r Lebenslage wird hier zu Lande aber erst mal zu Felde geführt, warum etwas n i c h t geht. Da wünschte ich doch eher etwas mehr Optimismus. Leute, wartet doch erst mal ab – der Mann wurde vor wenigen Stunden gerade mal vereidigt !

33) Frank Reichelt, Sonntag, 25. März 2012, 09:45 Uhr

@ 27) Petra

Als sogenannter “Linksintellektueller” fühle ich mich durch ihren Beitrag persönlich angesprochen und erlaube mir daher eine Antwort.

Sehen sie, wenn ich eine Predigt hören möchte, gehe ich Sonntags in die Kirche oder schaue mir einen Fernsehgottesdienst an.

Beides tue ich nicht!

Von meinem Staatsoberhaupt erwarte ich einen anderen Duktus und inhaltliche Ausrichtung. Ich bin kein “wilder Indio” aus dem hinteren Südamerika, dem man die Vorzüge des christlichen Glaubens näherbringen muss und ihn im besten Fall dazu bekehren soll, diese Zeiten sind schon ein paar Jahrhunderte vorbei.
Das gleiche gilt aber auch für die Begriffe Freiheit und Demokratie. Ich hatte nie das “Privileg” in einer Diktatur zu leben wie Herr Gauck. Ich sage Privileg, weil er das immer wie eine Monstranz vor sich herträgt und als Rechtfertigung für seinen missionarischen Eifer nimmt. Ich weiß aber trotzdem, was es bedeutet in einer freiheitlichen Demokratie zu leben, ich kenne die deutsche Geschichte ganz gut, wir haben unsere Lektion endlich gelernt!

Für mich ist der Bundespräsident der oberste Notar Deutschlands!

Er soll Gesetze unterschreiben oder auch nicht, das diplomatische Korps am Jahresanfang empfangen, das silberne Lorbeerblatt und das Bundesverdienstkreuz an verdiente Bürger verteilen, die Fußballnationalmannschaft nach dem Gewinn der Europameisterschaft im Sommer ehren, Staatsgäste empfangen und auf Auslandsreisen gehen! Am 3. Oktober kann er eien Ruckrede halten, wenn nötig!

Meinetwegen soll er singen oder wandern gehen, aber mir nicht mit Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie und Freiheit auf die Nerven gehen!

34) Maren P., Sonntag, 25. März 2012, 10:22 Uhr

@ Nr. 27 Petra @ all

Petra, Ihre Antwort hat meine Sorge eher verstärkt denn ausgeräumt. Nicht direkt bezogen auf Joachim Gauck als Bundespräsident, sondern mehr auf die Kirche als Institution. Dort beobachte ich als einfaches Gemeindeglied seit einigen Jahren, dass mit schwindenden Mitgliederzahlen und entsprechend bedrohlicher Finanzentwicklung versucht wird, durch Übernahme von Ämtern und Aufgaben in staatlichen Institutionen, die damit ebenfalls verbundene schwindende Bedeutung in der Gesellschaft, der Verlust von Einfluss, zu kompensieren. Ich nenne das die neue Missionierung nach innen, eine moderne Christianisierung. Protagonisten dafür sind Altbischof Huber und Katrin Göring-Eckardt als Präses der EKD-Synode. Was für ein schöner Sonntag für den Protestantismus! ;-)

Ganz gewiss werde ich nun nicht jede semantische Pirouette Joachim Gaucks sezieren, sehe diese Wendung jedoch mit großer Sorg. Die Gründe dafür habe ich oben in Nr. 25 aufgeführt.
@ Nr. 30 Günter Springer
Doch, die Wulffs in der ersten Reihe sind mir sofort aufgefallen. Als ich dann dazu die warmen Worte des Bundestagspräsidenten und des Bundesratspräsidenten hörte, habe ich mich wirklich gefragt, weshalb die Wulffs nach Hause geschickt wurden? Was will uns die politische Klasse damit sagen? Ganz in christlichem Sinne: “Wir sind alle kleine Sünderlein”? Genau DAS will ich in einem säkularen Staat vermeiden, Regeln des demokratischen Rechtsstaates mit christlicher Liebe und geschwisterlicher Fürsorge zuzukleistern und letztlich auszuhöhlen. Womit wir wieder bei Obigem wären …

35) Michael A. Nueckel, Sonntag, 25. März 2012, 12:41 Uhr

@ Frank Reichelt, 33)
Ihre Argumentation überzeugt nicht, wenn Sie Gauck mit seinem Verhalten v o r der Amtsübernahme (O-Ton: “weil er das immer wie eine Monstranz vor sich herträgt und als Rechtfertigung für seinen missionarischen Eifer nimmt”) nahezu hellseherisch auf die Zeit danach übertragen. Auch ist Ihre Kritik viel zu durchsichtig, wenn sie einerseits die Aufgaben mit ihrer Darstellung mit gerade diesen Beispielen sehr polemisch herabsetzen (wie auch die Notarfunktion nur eine Teilfunktion ist) und zum anderen nach “nur” einer Rede als BPräs. diese Fundamentalkritik anbringen. Daher bin ich mir nicht sicher, ob Sie sich nur -wie Sie schreiben- als “Linksintellektueller .. persönlich angesprochen … fühlen” oder ein vielmehr tiefergehendes Problem offenbaren (O-Ton: “… mit Nachhilfeunterricht in Sachen Demokratie und Freiheit auf die Nerven gehen!”). Gerade selbsternannte Linksintelektuelle erlebe ich selten als Prototypen maßvoller Toleranz. Jedenfalls ist Ihre Kritik nach nur der Antrittsrede nicht angebracht, sondern eher Ausdruck großer Voreingenommenheit inkl. Besserwisserei. Mitunter legt Gauck seine Predigten ebenso beiseite, wie ein Ex-Parteisoldat sein Parteibuch. Auch Gauck hat die Chance und Freiheit, sich im Amte zu emanzipieren. Oder haben Sie schon heute Angst, das er sein Amt zu gut wird machen können? Warten wir doch einmal ab, Ihre Art der Kritik können Sie frühstens in 6 Monaten ernstlich versuchen – ich bin mir sicher, M. Spreng wird ihnen durch einen weiteren aktuellen Blog hierzu die Gelegenheit gewähren.

36) Meyer, Sonntag, 25. März 2012, 16:36 Uhr

Mehr Europa, also mehr Geld für die Politiker in Brüssel und deren Wall-Street, so wie bisher? Toll ;)

37) Frank K., Sonntag, 25. März 2012, 17:13 Uhr

Treffende Worte…
wie es so mancher Kommentator schrieb konnte ich leider nicht vernehmen. Allerdings eine sehr pastorale monotone Aneinanderreihung von „es jedem Recht machenden“ Plattitüden. Was sollte mich denn dabei vom Hocker reißen. Nennen Sie mir einen Gedanken, der nicht auch schon in all den öffentl. Diskussionen oder in den Foren von Bürgern wie Du und Ich viel dezidierter formuliert worden sind. Leider schwelgen sowohl Bild, Spiegel, Stern , ARD, ZDF u.a. nach jedem noch so schlichten Satz in höchsten Tönen, als wäre dieser thematisches Neuland.

Dass die Politikerklasse diese Rede wohlwollend beurteilt und gefeiert hat, ist kein Wunder. Kann sie doch gewiss sein, dass ihr von diesem BP keine “auf ihr Kasten-Verhalten und gelebte Distanz gegenüber den Bürgern ” gerichtete Ruckrede drohen wird. Eher Seelsorgerische Predigten von der erhöhten Kanzel und verschwurbelte Allgemeinplätze. Gauck spielt da aus Freude über die Erlangung dieses Amtes ( „Ich, Ich.. bin endlich BP“ oder „Hallo H. Taxifahrer sie sprechen jetzt mit dem zukünftigen BP“!! ) und großer Eitelkeit gerne mit. Und wird deshalb auch jegliche Kritik an seinen Förderern unterlassen.

Und das wäre mir zu wenig!! Leider erwarte ich, nach all dem, was ich bisher und speziell bei seiner Antrittsrede gehört, gelesen und gesehen habe keine Steigerung. Woher sollte das fundierte Wissen um die wirklichen gesellschaftlichen Dinge des Lebens, um die globalen Anforderungen und Zusammenhänge auch kommen.

Da helfen dann auch keine langjährig ihn persönlich begleitende Parteiberater der SPD/ Grünen ( hat es dies bei früheren Kandidaten eigentlich auch gegeben? ) , die er, wie aktuell in der freien Wirtschaft laufend praktiziert, sofort, und sicher zu Lasten anderer, auf lukrative Schlüsselpositionen gehievt hat.

Nein, bei jemanden, wie unserem BP, der laufend sichtbar von seiner eigenen Bedeutung überwältigt wird, ob gespielt oder tatsächlich, da habe ich so meine Zweifel
.
Und ironisch ergänzend will ich doch nicht vermuten, dass, wie die Szene nach seiner Rede aufzeigte, wo er seiner Lebensgefährtin ( Nebenehefrau !! ) völlig überwältigt und großer Erhabenheit die Hand schüttelte, diese ihn ab sofort mit Herr Bundespräsident anreden muss. Wie schrieb der Spiegel: „ diese Szene war sehr eigenartig!!“ Wie wahr.

38) sinistram, Montag, 26. März 2012, 00:11 Uhr

Ich habe die letzte Hälfte von Gaucks Rede am Freitagmorgen im Autoradio angehört, und mir kam sofort der Gedanke, dass die neoliberale Politik, wie sie in Deutschland seit nunmehr zwei Jahrzehnten am Volk vorbei exekutiert wird, ja all die vorgeblich schönen Dinge und Zustände, die der Bundespräsident da propagiert und postuliert, nachgerade verhindert. Weil sie die Gesellschaft immer mehr spaltet und weil sie die unverzichtbare Solidarität auf dem Altar des Wettbewerbs (jeder gegen jeden) und des angeblich alle Probleme lösenden immerwährenden Wachstums opfert.

Deutschland ist laut Gauck ein Demokratie-Wunderland. Dabei hat die Demokratie schon unter Basta-Schröder erheblich gelitten, was Kanzlerin Merkel selbstredend nicht daran hindert, immer noch mehr “alternativlose” Entscheidungen am Parlament vorbeizumogeln. Ein Mit-Forist hat es auf den Punkt gebracht: Das eigentliche Wunder sei, dass das gegenwärtige politische System in Deutschland immer noch als Demokratie durchgeht…

Dass sich Politiker und Volk immer weiter voneinander entfernen, was Gauck in seiner Antrittsrede durchaus thematisiert, liegt am allerwenigsten am Volk. Es liegt daran, dass die Politik den Wählerwillen schon lange nicht mehr ernst nimmt und stattdessen immer selbstherrlicher agiert – stets zu Gunsten einer ohnehin schon privilegierten Minderheit.

Schade (aber erwartbar), dass es der von der “Elite” gewählte Gauck nicht schafft, diese klare Schuldzuweisung einmal auszusprechen. Dabei wäre das zumindest mal ein Anfang gewesen.

39) nurmalso, Montag, 26. März 2012, 10:37 Uhr

Der jetzige Hype um den Bundespastor ist genauso albern wie sein vorheriges Bashing. Er sollte sich in den 100 obligatorischen Tagen beweisen dürfen, wobei mir da schleierhaft ist, was die Leute eigentlich von ihm erwarten. Wir haben doch nun seit x-Amtsvorgängern festgestellt, dass seine einzige Macht jenseits der warmen Worte liegt. Ob der nun sein Freiheitsthema um x,y oder z erweitert hat, berührt doch die Politik nicht die Bohne.
Ich würde wahrscheinlich auch schmunzeln, wenn ein Präsident seiner Kanzlerin bzw. der Regierung mal die Leviten liest – aber wie immer: der Präsident mischt sich nicht ins Tagesgeschäft ein. Ja, zum Teufel, warum eigentlich nicht?

40) marcpool, Montag, 26. März 2012, 13:48 Uhr

#28 Michael A. Nueckel, # 27 Petra , @ M. Spreng
Wie wohltuend, das in dieser Republik auch noch Menschen leben, die zuerst mal etwas Positives
sehen und die auch eine gewisse Freude zum Ausdruck bringen . – Ich finde Herr Gauck hat genau dies zunächst verdient – und urteilt doch erst mal nach 100 Tagen oder nach einem Jahr.
Aber in dieser ” elektronischen Welt ” wird sehr gerne erst mal abgesondert . Ich spreche mich nicht frei- weil es Themen gibt die einem die Hutschnur fliegen lassen. Aber in diesem Fall finde ich die Lebenskritik – Relgionszughörigkeit etc . wirklich daneben .
Jeder kann ja seine Einstellung zum Glauben oder Atheismus pflegen wie er möchte , das ist ja auch Freiheit und Demokratie ! Bisher hat Herr Gauck als Bundespräsident in meinen Augen nichts falsch gemacht ! Er hat eine gute und inhaltlich nachdenkenwerte erste Rede gehalten . Und das bringt schon wieder alle auf die ” Stühle ” ??? Was wollt ihr denn eigentlich ?

41) Erwin Gabriel, Montag, 26. März 2012, 17:24 Uhr

“Nur notorische Gauck-Gegner hatten nicht damit gerechnet.”

Lieber Herr Spreng,

Sie haben sich leider angewöhnt, Leute bzw. Meinungen in vorbeschriftete Schubladen zu packen, und beurteilen anschließend das Etikett (Wulff, Gauck, FDP, Online-Anonymiker etc). Vorschnell gefällte Urteile werden nicht dadurch wahr, dass man sie laufend wiederholt.

Viele Ihrer Kommentatoren sind offenkundig in der Lage, die verständliche, naiv-kindliche Freude eines Herrn Gauck über die Freiheit deutlich differenzierter mit der teilweise recht bitteren Realität abzugleichen, als Ihnen das gelingt. Sie sollten gelegentlich mal einen Schritt zurück treten und auf das schauen, was sie da fabrizieren.

Dass Sie mich bitte nicht falsch verstehen und gleich wieder in eine Ihrer Schubladen stopfen: Ich kritisiere Sie, nicht Herrn Gauck – dem sei die Freude über das “Wunder Freiheit” von Herzen gegönnt.

42) Politikverdruss, Montag, 26. März 2012, 20:04 Uhr

Ein Spitzenpolitiker der SPD erklärte, Gaucks Rede sei die beste gewesen, die er im Bundestag gehört habe. Dem ist zu widersprechen. Dazu war die Rede zu sehr danach ausgerichtet, es jedem Recht zu machen.

Die beste Rede im Bundestag: Das war eindeutig die von Papst Benedikt im September 2011. Seine Mahnung an die Politik, sich an das Recht zu halten, war wegweisend!

43) Peter Christian Nowak, Dienstag, 27. März 2012, 14:47 Uhr

Schön zu lesen, daß viele Teilnehmer hier im Blog ihre gesunde Kritikfähigkeit bewahrt haben. Gleichwohl sind alle Meinungen akzeptabel und auch nachvollziehbar.
Für mich persönlich gilt: Ich warte ab. Ich warte auf den Moment, wenn der Bundespräsident zu sehr heiklen, strittigen wie tiefgreifenden Entscheidungen aus der Regierung Position beziehen muß. Dieser Tag wird kommen. Und dann wird man sehen.

44) Peter Christian Nowak, Dienstag, 27. März 2012, 15:36 Uhr

@27)Petra

^^Wer aber „Gott“ sagt, gilt als verdächtig und außerdem nicht ganz bei Trost.^^

Möglich ware aber auch der Umkehrschluß: Wer “Gott” nicht sagen kann, aus welchem Grund auch immer, findet keinen Trost.
Aber ich gebe zu: der rigoristische Anspruch des Alleinseligmachenden – nicht nur in christlichen Religionen – hat mehr Unglück als glückliche Umstände verursacht. Es fehlt oft die kritische Vernunft, und weniger das Pathos. Wenn das “Reich Gottes” eine Art “unsichtbare Kirche”, in der Ethik und Moral die grundlegende Haltung ist, dann ist die sichtbare Kirche nicht die Kirche Gottes. Allenfalls eine suchende Institution. So meine Überzeugung.
Dem gegenüber ist Christus, der Mann aus Nazareth, die vollkommene Idee Gottes, ein Entwurf einer sittlich-vollkommenen Menschheit, die aus sich selbst heraus gar nicht vollkommen sein kann.

45) Thomas Hillebrand, Dienstag, 27. März 2012, 23:24 Uhr

Nur eine kleine Note:

Ich erinnere mich gut, vor ein paar Wochen in einem der bekannteren Politik-Blogs (ich weiß wirklich nicht mehr, welches es genau war) gelesen zu haben, wie der Autor der Ansicht war, dass eine halbwegs unkomplizierte Reise von Joachim Gauck als Bundespräsident nach Polen eigentlich so gut wie ausgeschlossen sei, ja, eigentlich auf ein Desaster hinauslaufen müsse. Ich war ähnlicher Auffassung. Hintergrund für diese gruselige Antizipation war folgende Bemerkung von Joachim Gauck zur Oder-Neiße-Grenze: “Unbeliebt machten sich die Kommunisten auch, als sie Stalins Territorialforderungen nachgaben, die Westverschiebung Polens und damit den Verlust der deutschen Ostgebiete guthießen…Einheimischen wie Vertriebenen galt der Verlust der Heimat als grobes Unrecht, das die Kommunisten noch zementierten, als sie 1950 die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten.“ (Erschienen in seinem Nachwort des “Schwarzbuch des Kommunismus”, 1998.) Ok, der Satz ist wie so manches von Gauck (mit aufgesetzter linker Feindbildbrille) einfach, pardòn, bescheuert!

Quatsch aber ist auch das Schreckensbild, das jener Autor gemalt hatte. Ich jedenfalls sah gestern und heute einen Polen-Besuch von Joachim Gauck, der wohl an Harmonie kaum zu überbieten war. Was natürlich vor allem auch mit Gaucks Vita und seinem Lebensthema zu tun hat. Und was mit Polen zu tun hat, die das Kleingedruckte großzügig überlesen. Wie auch immer, ich hatte ein Vorurteil und ich räume sozusagen öffentlich ein, dass ich mich getäuscht habe. So werde ich es auch bei jedem weiteren Vorurteil halten, sobald es Joachim Gauck widerlegen sollte. So viel Zeit muss dann schon auch sein.

46) va, Samstag, 31. März 2012, 12:44 Uhr

es ist schön an eine demokratische republik, an freiheit, selbstbestimmung, gerechtigkeit u.a.m
glauben zu können. Die tatsache ist, dass wir das alles hatten! wer hat es uns beschnitten?
unsere sog. volksvertreter und die jeweiligen “ERSTEN BÜRGER” haben diese gesetze kommen-
tarlos unterschriebeanches hat das bvg wieder gerichtet jedoch nicht alles.

bürgermeinung ist nicht parteienmeinung, das wird herr gauck noch zu spüren bekommen

frau merkel lässt grüssen.

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