Sonntag, 01. April 2012, 12:50 Uhr

Die Gummiwand-Partei

Der eine tobt mit Schaum vorm Mund, er könne den „Schnickschnack“ nicht mehr hören, der andere sieht keine Inhalte und wirft ihnen vor, „eine Antwort, wie man verantwortungsvolle Politik macht, haben sie nicht“. Die Piraten lassen etablierte Politiker wie Kurt Beck ausrasten und Jürgen Trittin verzweifeln.

Diese Vorwürfe, so richtig und berechtigt sie sind, laufen ins Leere. Denn gerade die Inhalts- und Ahnungslosigkeit ist die Stärke der Piratenpartei. „Mut zur Lücke“ nennen sie das. Wer nichts weiß und auch nicht viel  wissen will, schon gar nicht Belehrungen von den anderen, ist kaum angreifbar.

Und die Wähler der Piraten lieben geradezu diese Ahnungslosigkeit. Sie gilt ihnen als bester Beweis, dass ihre neue Partei wirklich ganz anders ist als CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne und Linkspartei. Den Piraten kann keiner den berühmten Vorwurf von Fritz J. Raddatz machen: „Sie weichen ins Konkrete aus“.

Die Piraten sind mit den klassischen Methoden politischer Auseinandersetzung nicht greifbar und nicht angreifbar. Ihr Standardsatz („Dazu haben wir noch keine Position“) lässt alles wie an einer Gummiwand abprallen. Im Gegenteil: je heftiger die etablierten Politiker auf die Piraten einschlagen, umso populärer werden sie. Wer zeigt, dass ihm die Piraten weh tun, bestätigt das Hauptmotiv, sie zu wählen – nämlich, den etablierten Parteien eins auszuwischen, ihnen die rote Karte zu zeigen.

Die Piraten nehmen allen Parteien Stimmen weg, besonders den Parteien des linken Spektrums. Und sie aktivieren Nichtwähler, was auf jeden Fall ein Verdienst ist, Menschen, die mit dem Wählen schon abgeschlossen hatten. Und sie werden sie weiter wählen, unabhängig davon, wieviele Piraten sich noch in Talkshows zu ihrer Ahnungslosigkeit bekennen. Den Boden für eine Partei der sympathischen Ahnungslosigkeit haben die etablierten Parteien seit Jahren bereitet.

Die etablierten Parteien müssen sich darauf einstellen, dass der Erfolg der Piraten bis zum Einzug in den Bundestag anhält. Und SPD und Grüne müssen einsehen, dass deshalb Rot-Grün ein gestriger Traum bleiben wird. Da können sie noch so viel hyperventilieren oder Schaum vorm Mund tragen. Am ruhigsten können CDU und CSU bleiben, was sie auch tun. Ihnen arbeiten die Erfolge der Piraten in die Hände. Sie sind Teil ihrer Wahlstrategie.

Erst dann, wenn die Piraten im Bundestag sitzen, gibt es eine Chance auf ihre Entzauberung. Länderbühnen sind dafür zu klein, die Themen überregional uninteressant. Erst dann, wenn die Piraten auf der großen Bühne nationaler Politik agieren und abstimmen müssen, wird ihre politische Ahnungslosigkeit, ihre Kulturfeindlichkeit, ihre eigene mangelnde Transparenz, ihre Arroganz zum nationalen Thema. Bis dahin aber treibt jeder Kurt Beck, jeder Jürgen Trittin ihnen neue Wähler zu.

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157 Kommentare

1) Maren P., Freitag, 06. April 2012, 10:36 Uhr

So langsam wird klar, was die Piraten unter „Freiheit“ verstehen. Die Freiheit des Andersdenkenden kann es jedenfalls nicht sein! Dieser totalitäre Ansatz ist UNWÄHLBAR!
http://www.derwesten.de/​panorama/​piraten-wollen-wegen-tanzverbot​-am-karfreitag-vors-verfassung​sgericht-id6532922.html

2) H.F., Freitag, 06. April 2012, 10:36 Uhr

@141) Michael A. Nueckel

#Welcher Schöpfer soll sehenden Auges in seine Enteignung hineinlaufen? Das nenne ich Sozialismus, doch hat das Modell nicht funktioniert – allmählich frage ich mich, welche Mogelpackung die Piraten darstellen.

Nochmals meine moderate, vermittelnde Frage: Ab wann frei?#

Sie haben recht. Allerdings bin ich kein Pirat, kann also nur meine eigene Meinung darstellen. Selbstverständlich ist eine Schöpfung NICHT wertlos, Sie hat einen idellen Wert. Bei meinen Bemerkungen ging es lediglich um die kommerzielle Verwertbarkeit. Und da legte ich dar, was nichts kostet, ist nichts wert.

Also ist die Frage, ob die Leute bereit sind für geistiges Eigentum zu zahlen. Generell natürlich, dass einige (zu wenige) dafür bereit ist, reicht nicht. Generell sehe ich diese Bereitschaft nicht und deshalb ist meine Schlussfolgerung: Geistiges Eigentum hat zwar einen ideellen Wert, aber eine kommerzielle Schutzbedürftigkeit sehe ich nicht. Ausnahme: Patente.

3) Thomas Hillebrand, Freitag, 06. April 2012, 13:11 Uhr

@ Michael A. Nueckel

In Ihrer Funktion als Kassenwart des „Sprengsatz“ darf ich doch sehr bitten, dass Sie Gleichbehandlung allenthalben walten lassen mögen! Sie hatten ja aus der „Sprengsatz“-Satzung den entsprechenden Paragraphen völlig korrekt zitiert:

„3 Beiträge hintereinander kosten 5 € in die “Kaffeekasse”.“

Demgemäß sollten Sie selbstverständlich auch von @ StefanP. 103) – 105) denselben Betrag einfordern. Gerade als Kassenwart müssten Sie strengste Maßstäbe ansetzen! 🙂

Vielen Dank und Frohe Ostern

4) Erwin Gabriel, Freitag, 06. April 2012, 16:14 Uhr

135) der Herr Karl, Donnerstag, 05. April 2012, 12:04 Uhr

Es läuft dochg darauf hinaus: Wenn jeder jedem alles wegnehmen kann, wird keiner mehr etwas schaffen, aus Angst, dass es ihm genommen wird. Er wird aber im Gegenzug versuchen, anderen etwas wegzunehmen. Wenn das Wegnehmen verboten / nicht zulässig ist, muss er selbst etwas schaffen, um auf einen grünen Zweig zu kommen. Letzteres bringt alle weiter bis auf die, die nichts schaffen können oder wollen (gilt allgemein, nicht nur für Wort, Bild oder Ton)

Ansonsten ist die Art, diese ganze Urheberrechtsdiskussion zu führen, etwas weltfremd bzw. einseitig. Jeder, der den anderen ausnehmen kann, tut das, so gut es ihm möglich ist. Denn die Diskussion geht nicht nur um Künstler, Musiker, Maler, Autoren, Regisseure auf der einen und Verbraucher auf der anderen Seite. Dazwischen stecken die Vermarkter, und auch die beuten aus („idealerweise“ beide Seiten).

Die Zeiten, wo ein Problem nur zwei Seiten hatte, sind schon lange vorbei.

5) Günter Springer, Samstag, 07. April 2012, 09:07 Uhr

Die Piratenpartei hat in ihrem Programm vieles aufgenommen, was die sogenannten Volksparteien vor den Wahlen versprechen und danach sofort wieder vergessen. Der Erfolg der PP beruht meiner Meinung einmal aus einem Protest gegen die Regierenden und am unerschütterlichen Glauben daran, das es noch Ehrlichkeit geben könnte.
Im höchsten Maß ist aber bedenklich, oder auch nicht, daß die zur Zeit an den Machthebeln hängenden Verantwortlichen aus Dummheit, Überheblichkeit und Arroganz es nicht sehen wollen, daß sich das Wahlvolk immer mehr von ihnen abwendet.
Mit Verlaub, um ein Wort von Volker Pispers zu gebrauchen: Das Volk ist nicht politikverdrossen nein es ist Politikerverdrossen! Kann man es noch treffender sagen? Ich glaube nicht.

6) M.M., Samstag, 07. April 2012, 11:35 Uhr

@144)
Ich war gestern bei der kroatischen katholischen Karfreitagsprozession in Frankfurt am Main. Sie lief dieses Jahr ohne Störer(„sog. Tänzer“) ab. Etwa 700 Gläubige beteiligten sich in einem Rundkurs vom Römerberg ueber die Zeil bis zum Mainufer und zum Batholomäus-Dom. Es nehmen dort auch Katholiken aus anderen Nationen teil.

http://www.kathnews.de/piraten-tanz-demo-in-frankfurt-verboten

Zitat:“Das Frankfurter Ordnungsamt hat die Demonstration der Piraten-Partei, die an Karfreitag stattfinden sollte, verboten. Bei der Protestveranstaltung sollte laute Musik gespielt werden, „die zum Tanzen einlade“, so die Piraten. Der Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bezeichnete das Vorhaben der Piraten-Partei als „respektlos“.“

7) Hanns Binder, Samstag, 07. April 2012, 15:46 Uhr

Ich bin vielleicht nicht mehr jung genug und von den Überzeugungen her -was soll der Staat? Was soll der Bürger? lupenreiner Liberaler. Wer sich einen solchen Namen gibt, kann und will vielleicht nicht eine Partei sein. Es sind „Räuber“ – Stimmenräuber. Sympathisch ist mir, dass sie aus diesem viel zu groß gewordenen Topf der Nichtwähler auch Stimmen fischen. Bei den prognostizierten Zahlen – sofern es Wahlergebnisse werden – werden plötzlich Hunderte überwiegend junger Leute erstmals in ihrem Leben ein berechenbares festes Einkommen und eine 60-Stunden-Woche (mindestens) kennenlernen. Vorurteil?

Viel Spass dabei.

8) Jörg Rowohlt, Samstag, 07. April 2012, 17:47 Uhr

Christopher Lauer wird hier – soweit ich sehe – durchwegs abgelehnt. Deswegen eine Gegenstimme von mir: Ich halte ihn für einen der talentiertesten Piraten, von dem wir noch einiges hören werden, wenn die Piratenpartei es schafft ihre hinlänglich beschriebenen Defizite zu füllen.

Aber Rauchen ist sicher ungesund.

9) Dr. Dr. Joachim Seeger, Sonntag, 08. April 2012, 16:14 Uhr

CDU/CSU kann von den Piraten profitieren!

Eigentlich gibt es eine „linke Mehrheit“ in Deutschland: SPD, Linkspartei, Grüne und Piraten. Diese Parteien sind untereinander so zerstritten, dass letztlich die CDU/CSU davon profitieren kann. Die Piraten demonstrieren mangelnde Kompetenz in vielen Bereichen und sind für die „übrigen Linksparteien“ nicht koalitionsfähig. Die CDU/CSU kann sich zukünftig ihren Koalitionspartner aussuchen: SPD oder Grüne!

10) Zbig, Montag, 09. April 2012, 17:14 Uhr

Das war kein Sprengsatz, sondern eine müde Nassverpuffung

11) Pirat MW2, Dienstag, 10. April 2012, 18:09 Uhr

Wenn man ihren Beitrag im Zusammenhang mit den anderen Piraten-Beiträgen liest, ergibt sich das Bild eines analytisch geschulten Medienprofis (für das auch ihre Biographie spricht), der allerdings weder ausreichend informiert noch up-todate zu sein scheint, da die Vorhersagen der Septemberblogeinträge nicht wirklich der Realität entsprachen und das Programm schon weiterentwickelter ist, als sie es darzustellen versuchen. Also, wird die Hürde halt höher gehängt: „Jetzt scheiter sie sicher bei der BTW2013“,etc. – „Kulturfeindlich“ ist wohl ihr Dankeschön an die Lobby, woher sie die „Arroganz“ und die Verweigerung sich neues Wissen anzueignen, weiß niemand und ist billige Polemik, aber dazu ist es ja ein Blog, oder? 😉 http://600piecesof8.wordpress.com/2012/03/29/geheimnis-des-erfolges/

12) Fassmann, Mittwoch, 11. April 2012, 00:42 Uhr

Die Blockparteien sind längst entzaubert, da können Piraten auch nichts verschlimmern, also was soll der Aufstand? Bisher haben die Piraten weder ihre Wähler, Mitglieder noch sonstwen verraten, das ist doch schon was und für die horrenden Schulden zeichnen sie auch nicht verantwortlich, so what?

13) Art Vanderley, Donnerstag, 12. April 2012, 13:27 Uhr

Über ihren einseitigen Transparenz – Gedanken hinaus versuchen die Piraten , die linksliberale Lücke zu füllen , ein Feld , das die FDP geräumt hat und die Grünen nicht ausreichend ausfüllen.

Gelingt ihnen das , haben sie eine Chance auf dauerhafte Etablierung, allerdings unter Verlust eines Teils der jetzigen Wähler , die die Partei in der Tat gegen die Etablierten wählen.
Nicht jeder dieser Wähler sympathisiert mit linksliberalen Positionen , trotzdem bleibt der Partei nichts übrig , als irgendwann klarere Konturen zu entwickeln , so sympathisch das momentane „Drauflos-Machen“ auch sein mag.

Die Piraten müssen schon aufpassen , daß sie sich nicht zu sicher sind , in ihrem Herkunftsland Schweden sind sie im Moment zurückgefallen auf das Niveau einer Partei , die unter „Sonstige“ firmiert.

14) Thomas Hillebrand, Donnerstag, 12. April 2012, 19:36 Uhr

Falls Sie, lieber Herr Spreng, dieses wirklich schöne Selbstgespräch aus dem Standard.at von Robert Misik über die Piraten noch nicht kennen sollten:

http://derstandard.at/1333528708789/Videocast-von-Robert-Misik—Folge-228-Wer-braucht-die-Piratenpartei

Ich denke, es/er kommt Ihrer Meinung doch recht nahe…

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