Sonntag, 08. April 2012, 13:36 Uhr

Tabubrech der dummen alten Männer

War das wieder eine Woche. Voller Hyperventilation. Über einen, von dem man zu Recht lange nichts gehört und gelesen hatte: Günter Grass. Über einen (politisch) dummen alten Mann, der mit einem anderen (politisch) dummen alten Mann endlich gleichziehen und ihn übertrumpfen wollte.

Grass kann zufrieden sein. Er hat es geschafft: er hat die „Auschwitz-Keule“ von Martin Walser eindeutig getoppt. Er kann immer noch mehr Menschen aufregen als Walser.

Grass hat das Rennen der dummen alten Männer um den Pokal des unterschwelligen Antisemitismus gewonnen. Auf den letzten Metern der Zielgeraden. Oder, wie er schreibt, „mit letzter Tinte“. Hätte sein Tintenfass nicht so ausgetrocknet sein können wie sein lyrisches Talent?

Darauf kann er wahrlich stolz sein: auch mit 84 kann er die Feuilletons und den öffentlichen Diskurs noch in den Turbo-Modus treiben. Antisemitismus geht immer. Es ist ja auch einfach: man muss nur die Opfer zu Tätern erklären und ein paar unselige Analogien zwischen Juden und Nazis herstellen. Und das Ganze zum Tabubruch erklären.

Es war aber nur Tabubrech. Grass, und da wird es wirklich „ekelhaft“ (Reich-Ranicki), behauptet, er sei gezwungen, sein Schweigen zu brechen, weil im Nazi-Deutschland zu lange geschwiegen wurde. Er, dessen Schweigen über seine eigene SS-Vergangenheit im neuen, freien Deutschland noch 60 Jahre anhielt.

Es ist wirklich so, wie Marieluise Beck von den Grünen den berühmten Satz des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex zitierte: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“. Auch ein Grass verzeiht nicht. Wenn überhaupt, nur sich selbst. In Gedichtform. Versuchte Selbstentlastung auf Kosten der Juden.

Fehlt nur noch „Man wird doch mal sagen dürfen“. So wie bei seinem etwas jüngeren Bruder im Geiste, Thilo Sarrazin (bei ihm muss man nur Juden durch Muslime ersetzen). Bei dem einen wollen die Juden 80 Millionen Iraner mit einem atomaren Erstschlag „auslöschen“, bei dem anderen die Muslime die Deutschen durch ungebremste Kinderproduktion.

Beide haben Fans, auf die sie stolz sein können. Die Rechtsradikalen, die Dumpfköpfe von der NPD. Aber Grass, der Weltliterat toppt natürlich auch hier Sarrazin und Walser. Seine Fangemeinde reicht bis in den Iran, bis zu den Staatsverbrechern (Grass nennt ihren Führer fast liebevoll „Maulheld“), die das Werk der Nazis vollenden wollen.

Israel hat jetzt ein Einreiseverbot gegen Grass verhängt. Ein bisschen viel der Ehre. Dass aber  Grass das noch erleben durfte: Nobelpreis und Einreiseverbot – das hat noch keiner geschafft.

Gott schütze uns vor dummen alten Männern!

P.S. Leider gibt es noch eine Parallele am Rande: So, wie „Der Spiegel“ Sarrazins Tiraden unkommentiert abdruckte, so verfuhr auch die von mir geschätzte „Süddeutsche Zeitung“ mit dem sogenannten Gedicht von Grass. Journalistische Feigheit vor dem Feind – oder vor dem Freund? Oder Abdruckbedingung für die Exklusivität, für den Coup?

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154 Kommentare

1) H.F., Samstag, 14. April 2012, 20:23 Uhr

@ StefanP

#Eins wird aus Ihren Zeilen deutlich: Sie waren noch nie Verhandlungsführer.#

Das ist in der Tat richtig. Ich habe – im vermutlichen Gegensatz zu Ihnen – noch nie eine internationale Delegation geleitet.

Trotzdem. Da erklärt es Ihnen ein Forist im Detail und Sie wollen es immer noch nicht verstehen. Haben Sie die folgenden Stellen überlesen? Kann grad nicht sagen, von wem die sind.

#Jede erfolgreiche Verhandlung setzt eine realistische Einschätzung der eigenen Position, Möglichkeiten, als auch Kenntnis des Marktes und der rechtlicher Rahmenbedingungen sowie sonstiger Restriktionen voraus. #

Schlecht, wenn man selbst in der schwächeren Verhandlungsposition ist. Je schwächer, desto Pech.

#Ein guter Verhandler hat immer mindestens einen Plan B in der Tasche, den er ohne den Partner verwirklichen kann. Damit lassen sich Druckpositionen aufbauen, um das Beste für sich selber herauszuholen.#

Wer nichts hat, um Druck zu machen, der muss nehmen, was er kriegen kann. Egal, wie wenig das ist. Wer das nicht tut, ist selbst schuld, wenn die Verhandlungen platzen. Dann wird er außerdem noch verhönt. Selbst schuld! Das ist die bittere Wahrheit.

#Die Annahme, Israel würde einen unbegrenzten Nachzug von Palästinensern akzeptieren, war schon damals bestenfalls abenteuerlich zu nennen. Eine Forderung, die ich unter keinen Umständen materialisieren kann, taugt bestenfalls als taktischer Winkelzug, um an anderer Stelle eine nachgiebige Verhandlungsposition zu erreichen.#

Wenn die eigene Position stark ist, dann kann man sich aussuchen, an welcher Forderung man es scheitern lässt.

#Gemessen an der Situation 2000 / 2001 lebt Israel, und das ist eine bittere Wahrheit, heute besser. #

Israel hätte sich auf gar nichts einlassen müssen, Beweis: sie haben sich auf nichts eingelassen und heute gehts ihnen besser.

Fragen Sie diesen Foristen, der kann es Ihnen erklären!

2) H.F., Samstag, 14. April 2012, 20:33 Uhr

@149) Marco

#Den Preis für die Unfähigkeit und den Unwillen diesen Konflikt durch fraglos enorm schmerzhafte Zugeständnisse in eine andere Richtung zu lenken, wird irgendwann auch das israelische Volk zahlen müssen. Das mag noch einige Generationen dauern, aber so wird es kommen. #

Ich glaub, den zahlen sie bereits seit etlichen Jahren, wenn nicht schon mehr als ein Jahrzehnt. Unter jedem Grashalm wird nachgeguckt, ob da nicht die Existenz des ganzen Staats bedroht ist. Das Volk lebt in existenzieller Angst. Dadurch erzeugt es Angst, die eigene Angst wird dadurch noch fundierter und aus dieser Spirale gibt es keinen Ausweg.

Die Lösung wäre angstfrei leben. Aber die Angst verhindert das Entstehen von Angstfreiheit.

3) Marco, Montag, 16. April 2012, 14:40 Uhr

@ H.F.

Wohl wahr, deswegen schrieb ich ja auch, dass gesellschaftl. Militarisierung u.v.a. Aspekte belegen, dass sie den Preis schon zahlen. Das traurige ist ja, dass ich die Angst der Israelis auf individueller Ebene durchaus verstehen kann. Umso schlimmer mit anzusehen, wie Politik und Medien damit umgehen.

Grüße, M.

4) Kollegah, Dienstag, 01. Mai 2012, 16:19 Uhr

Spreng: Sarrazin behaupte angeblich, Muslime wollen Deutschland durch ungebremste Kinderproduktion abschaffen??

Ärgerlicher als dumme alte Männer sind nur Männer, die sich zu Dingen äußern, von denen sie erkennbar nichts wissen.
Peinlicher geht’s wirklich nimmer.

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