Donnerstag, 12. April 2012, 13:27 Uhr

Der Umfragehammer

Piraten 13 Prozent! Piraten vor den Grünen! FDP wieder bei fünf Prozent! Mit dem ganz großen Vorschlaghammer hämmerte Manfred Güllner von Forsa diese Woche wieder seine Umfrageergebnisse in die Zeitungsseiten.

Kein Meinungsforscher macht so viele Schlagzeilen wie der Mann von Forsa. Seine Ergebnisse sind für Journalisten immer ein Geschenk, weil sie aufregender, spektakulärer sind als die Umfragen anderer Institute, weil sie fast immer Sensationen verheißen.

Bei Forsa schneiden Parteien fast immer schlechter oder besser ab als bei anderen Instituten. Sie fallen und steigen aber wieder genauso schnell. Gumnmiband-Umfragen sind das. Aufmerksamkeit ist in dieser hart umkämpften Branche Geld wert.

Kaum einer fragt noch, ob die Ergebnisse auch stimmen. Das gilt übrigens auch für die anderen Institute. Eine umfragekritische Berichterstattung findet in deutschen Zeitungen und TV-Sendern nicht oder höchst selten statt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele Komplizen (Auftraggeber) statt Kontrolleure der Institute sind: „Stern“/RTL und Forsa, ZDF und Forschgungsgruppe Wahlen, ARD und Infratest-Dimap, „Bild am Sonntag“ und Emnid, FAZ und Allensbach. Man stellt doch nicht die eigenen Ergebnisse, die schönen Agenturmeldungen infrage.

Obwohl bekannt ist, dass Telefonumfragen (alle machen sie außer Allensbach) immer fragwürdiger werden. Immer mehr Angerufene verweigern sich, immer mehr Menschen telefonieren fast nur noch mit dem Handy, immer mehr Menschen sagen einfach irgendetwas, um den lästigen Anrufer loszuwerden.

Häufig haben die Institute Schwierigkeiten, ihr Panel von mindestens 1000 angeblich repräsentativ Befragten zu erreichen. Und die Angerufenen lassen sich dabei auch von gerade angesagten politischen Moderscheinungen und der Lust an der Provokation leiten.

Die Repräsentativität wird von Jahr zu Jahr fraglicher.

Das ist aber nur der eine kritische Punkt. Der andere: Umfragen haben eine Schwankungsbreite, die in der Berichterstattung so gut wie nie auftaucht. Die FDP könnte bei Forsa auch bei 2,5 Prozent oder Grünen nach wie vor vor den Piraten liegen. Umfragen sind unscharfe Momentaufnahmen, wie sie eine Zeitung als Foto nie drucken würde.

Und der kritischste Punkt: die nackten Ergebnisse werden bearbeitet, bis sie zum Ergebnis der Sonntagsfrage werden. Vergleiche mit früherem Wahlverhalten, langfristige Erfahrungen und Trends werden einbezogen. Jedes Institut streut sein eigenes Zauberpülverchen darüber, bis aus den Basisdaten (bei seriösen Instituten als Stimmung dargestellt und veröffentlicht) die Ergebnisse der Sonntagsfrage werden.

So kommt es dann auch, dass die Institute den Riesenvorsprung der CDU im Saarland vor der SPD nicht erkannten, dass sie das Ergebnis der Piraten in Berlin unterschätzten oder Gerhard Schröders Aufholjagd 2005 nur unzureichend vorhersagten.

Reduziert man die Umfragen der letzten Zeit auf den Kern, dann heißt das Ergebnis: die Piraten haben zurzeit großen Zulauf, die FDP könnte sich berappeln, die SPD kämpft mit oder unter der 30 Prozent-Marke, die Grünen haben ihren Hype hinter sich, die Linkspartei schwächelt und die CDU unter Merkel konsolidiert sich. Das ist ganz interessant, aber nicht schlagzeilenträchtig.

Aber sie machen Politik. Zumindest bei den Leichtgläubigen. Und wenn Zeitungen und Sender die Ergebnisse von Sonntagsfragen wie Wahrheiten verbreiten und kommentieren, dann werden Stimmungen beeinflusst, dann kann der sogenannte Bandwagon-Effekt eintreten: Wähler wollen auf den Zug noch aufspringen, bei den Siegern sein oder sagen sich, die sind ja doch nicht verloren. Und dieser Effekt ist der gefährliche Aspekt der Umfragegläubigkeit.

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57 Kommentare

1) Michael A. Nueckel, Samstag, 14. April 2012, 15:26 Uhr

Danke für den aufhellenden, kritischen Beitrag – bislang habe ich das Thema wenig beachtet. Umfragen interessieren mich zwar, doch bestand eine Grundskepsis zu Auftraggeber und (unbekanntem) Thema/Ausrichtung der Untersuchung sowie der im Einzelfall praktizierten (statistischen) Methode. Ein Wetterbericht hat mich mehr meistens überzeugt. Ich erkenne einige strukturelle Gefahren, ihr Beitrag bestätigt und verstärkt meine Vorsicht. In dieser medial extrem aufgeladenen Welt frage ich mich soeben, ob es analog zum Insiderverbot (im Wertpapierhandel) auch ein Verbot für Parteien geben sollte, keine Umfragen in Auftrag geben zu dürfen? Und sei es nur 3-6 Monate vor der betreffenden Wahl. Wie sieht es zudem mit versteckter Parteienfinanzierung durch Beauftragung einer für eine bestimmte Partei begünstigenden Umfrage durch einen Mäzen aus? Es muß ja nicht immer Herr M. aus H. sein.

2) Asyoulikeit, Samstag, 14. April 2012, 22:43 Uhr

@45 Th. Hillebrand: ebenfalls OT kleine Korrektur, „der Exaktheit wegen“: Das Castro-Regime ist eigentlich sultanistisch-post-totalitär. Autoräre Regime haben in der Regel keine starke Ideologie. Auch die Massenmobilisierung und der vergleichsweise geringe Pluralismus sprechen gegen eine Zuordnung als „autoritäres Regime“. mfG 😉

3) romeias47, Sonntag, 15. April 2012, 09:40 Uhr

Für das Ergebnis bei den Grünen würde ich allerdings die fehlende Nachwuchsrekrutierung für die Führungsspitze verantwortlich machen und weniger die Piraten. Ich bin nicht gerne Freizeit-Polit-Nero, aber heute 30jährige sind mit Künast, Roth und Trittin erwachsen geworden wie eine frühere Generation mit BK-Kohl . Man kennt sämtliche rhetorischen Mätzchen und argumentatorischen Strategien, im vorhinein, wenn sie in einem bstimmten Kontext auftreten. Außerdem hat grüne Politik leicht einen Kindergartentouch (nichts gegen Kindergärten, aber Wähler sind erwachsen).

Es müsste möglich sein, Karrieren für engagierte PolitikerInnen so zu gestalten, dass mediale Pausen eingebaut werden, ohne dass es zum Knick kommt. Soe wird’s leider „Grün-Kohl“.

4) Thomas Hillebrand, Sonntag, 15. April 2012, 11:31 Uhr

@ 50) Asyoulikeit

Wer lesen kann, ist auch im Sprengsatz klar im Vorteil: Meine Äußerung bezog sich auf den diktatorisch-autoritären Staatsmann Fidel Castro. Charismatische Volkstribune, ob uns das passt oder nicht, Castro oder Chávez, gelten nach Max Weber per definitionem als autoritär. Der Exaktheit wegen.

Übrigens ist Juan José Linz als Professor zahlreicher US-amerikanischer Universitäten, auf den Sie sich ja wohl letztlich mit dem gestelzten Terminus „sultanistisch-post-totalitär“ beziehen nicht zwingend ein Freund der kubanischen Revolution. Was freilich völlig legitim ist. – Sind eigentlich die Brandt-„Enkel“ nicht auch irgendwie eine sultanistische Brut? –

Wie auch immer: Kaum ein Land eignet sich so hervorragend zum politisch-weltanschaulichen Lagergezeter wie Kuba. Gäbe es Kuba nicht, müsste es erfunden werden!

5) Ich, Sonntag, 15. April 2012, 18:02 Uhr

Leider stimmen ein paar Sachen so nicht: Der Vorsprung der CDU vor der SPD im Saarland z.B. ist den Umfrageinstituten durchaus bekannt, aber da die letzte VERÖFFENTLICHTE Umfrage meist 1-2 Wochen vor der Wahl erhoben wird, ändert sich das Ergebnis sicherlich bis zum Wahltermin noch mal. Da die Institute jedoch auch noch Umfragen machen die nicht mehr veröffentlicht werden, ist es etwas unfair zu sagen die Institute hätten das nicht gewusst – sie haben es bloss nicht veröffentlicht. Desweiteren ist das größte Problem nicht die Umfrage oder die Ergebnisse an sich, sondern die Art wie darüber berichtet wird. In (fast?) keiner Zeitung steht etwas zu den immer angegebenen Fehlertoleranzen. Wenn ein Institut also SPD und CDU bei 35% sieht, beim tatsächlichen Wahlergebnis aber z.B. 5 %punkte zwischen den beiden Parteien liegen, haben sich nicht die Institute geirrt, sondern die Leute welche die Ergebnisse falsch gelesen haben bzw. die Journalisten, die wesentliche Dinge nicht nennen wenn Sie über die Umfrage berichten.

6) Doktor Hong, Montag, 16. April 2012, 11:15 Uhr

@ 16) Frank Reichelt

Man muss eine Statistik noch nicht einmal fälschen, um irrezuführen. Es reicht, wenn Sie Kategorien „umdefinieren“ und dann die Statistik völlig korrekt ausführen.

Schöne Tricks ergeben sich auch, wenn Sie Balkengrafiken umskalieren. Anstatt sie (wie mathematisch üblich) bei null beginnen zu lassen, beginnen Sie kurz unterhalb der kleinsten Größe. So kann man optisch einen „riesigen Anstieg“ der Kriminalität, Geldwäsche, etc. pp. suggerieren.

Auch ein beliebter Trick ist es, Median und Mittelwert synonym zu gebrauchen, obwohl diese beiden Größen absolut nicht dasselbe sind. Beispiel: In einer Kneipe mit 10 Personen liegt das Medianeinkommen bei 1000 Euro. Die beiden Personen, die am nächsten am Medianeinkommen sind, verdienen 1100 bzw. 900 Euro. Jetzt kommt Bill Gates in die Kneipe (oder Ackermann, oder der IKEA-Chef oder so). Wie groß ist jetzt das Medianeinkommen? Sind jetzt alle im Durchschnitt Millionäre in der Kneipe? (Das Medianeinkommen steigt auf 1100 Euro).

Blähen Sie Zahlen auf, indem Sie Schnittmengen ignorieren. Und von diesen Tricksereien gibt es unzählige mehr, und alles ganz ohne Fälschung in dem Sinne, dass man Zahlen frisiert.

7) Frank Reichelt, Montag, 16. April 2012, 12:01 Uhr

@ 54) Doktor Hong

Völlig richtig!

Oftmals fängt die Manipulation ja auch schon mit einer geschickten Fragestellung an. Damit kann man die Umfrage auf das gewünschte Ergebnis hinlenken.

8) Eduard, Montag, 16. April 2012, 16:08 Uhr

Ich sehe jetzt nicht so den großen Unterschied zu den oft – und auch von M. Spreng zuweilen – gebrauchten Begriffen „Die Menschen in Deutschland…“, „Die Bürger…“, „Allgemein wird behauptet, daß…“

9) Doktor Hong, Dienstag, 17. April 2012, 16:51 Uhr

@ 55) Frank Reichelt

Richtig, auch das ist ein beliebter Trick!

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