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Donnerstag, 12. April 2012, 13:27 Uhr

Der Umfragehammer

Piraten 13 Prozent! Piraten vor den Grünen! FDP wieder bei fünf Prozent! Mit dem ganz großen Vorschlaghammer hämmerte Manfred Güllner von Forsa diese Woche wieder seine Umfrageergebnisse in die Zeitungsseiten.

Kein Meinungsforscher macht so viele Schlagzeilen wie der Mann von Forsa. Seine Ergebnisse sind für Journalisten immer ein Geschenk, weil sie aufregender, spektakulärer sind als die Umfragen anderer Institute, weil sie fast immer Sensationen verheißen.

Bei Forsa schneiden Parteien fast immer schlechter oder besser ab als bei anderen Instituten. Sie fallen und steigen aber wieder genauso schnell. Gumnmiband-Umfragen sind das. Aufmerksamkeit ist in dieser hart umkämpften Branche Geld wert.

Kaum einer fragt noch, ob die Ergebnisse auch stimmen. Das gilt übrigens auch für die anderen Institute. Eine umfragekritische Berichterstattung findet in deutschen Zeitungen und TV-Sendern nicht oder höchst selten statt. Wahrscheinlich auch deshalb, weil viele Komplizen (Auftraggeber) statt Kontrolleure der Institute sind: “Stern”/RTL und Forsa, ZDF und Forschgungsgruppe Wahlen, ARD und Infratest-Dimap, “Bild am Sonntag” und Emnid, FAZ und Allensbach. Man stellt doch nicht die eigenen Ergebnisse, die schönen Agenturmeldungen infrage.

Obwohl bekannt ist, dass Telefonumfragen (alle machen sie außer Allensbach) immer fragwürdiger werden. Immer mehr Angerufene verweigern sich, immer mehr Menschen telefonieren fast nur noch mit dem Handy, immer mehr Menschen sagen einfach irgendetwas, um den lästigen Anrufer loszuwerden.

Häufig haben die Institute Schwierigkeiten, ihr Panel von mindestens 1000 angeblich repräsentativ Befragten zu erreichen. Und die Angerufenen lassen sich dabei auch von gerade angesagten politischen Moderscheinungen und der Lust an der Provokation leiten.

Die Repräsentativität wird von Jahr zu Jahr fraglicher.

Das ist aber nur der eine kritische Punkt. Der andere: Umfragen haben eine Schwankungsbreite, die in der Berichterstattung so gut wie nie auftaucht. Die FDP könnte bei Forsa auch bei 2,5 Prozent oder Grünen nach wie vor vor den Piraten liegen. Umfragen sind unscharfe Momentaufnahmen, wie sie eine Zeitung als Foto nie drucken würde.

Und der kritischste Punkt: die nackten Ergebnisse werden bearbeitet, bis sie zum Ergebnis der Sonntagsfrage werden. Vergleiche mit früherem Wahlverhalten, langfristige Erfahrungen und Trends werden einbezogen. Jedes Institut streut sein eigenes Zauberpülverchen darüber, bis aus den Basisdaten (bei seriösen Instituten als Stimmung dargestellt und veröffentlicht) die Ergebnisse der Sonntagsfrage werden.

So kommt es dann auch, dass die Institute den Riesenvorsprung der CDU im Saarland vor der SPD nicht erkannten, dass sie das Ergebnis der Piraten in Berlin unterschätzten oder Gerhard Schröders Aufholjagd 2005 nur unzureichend vorhersagten.

Reduziert man die Umfragen der letzten Zeit auf den Kern, dann heißt das Ergebnis: die Piraten haben zurzeit großen Zulauf, die FDP könnte sich berappeln, die SPD kämpft mit oder unter der 30 Prozent-Marke, die Grünen haben ihren Hype hinter sich, die Linkspartei schwächelt und die CDU unter Merkel konsolidiert sich. Das ist ganz interessant, aber nicht schlagzeilenträchtig.

Aber sie machen Politik. Zumindest bei den Leichtgläubigen. Und wenn Zeitungen und Sender die Ergebnisse von Sonntagsfragen wie Wahrheiten verbreiten und kommentieren, dann werden Stimmungen beeinflusst, dann kann der sogenannte Bandwagon-Effekt eintreten: Wähler wollen auf den Zug noch aufspringen, bei den Siegern sein oder sagen sich, die sind ja doch nicht verloren. Und dieser Effekt ist der gefährliche Aspekt der Umfragegläubigkeit.

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57 Kommentare

1) Boomel, Donnerstag, 12. April 2012, 13:58 Uhr

Würde diese Kritik an den altbekannten fragwürdigen Umfragen hier stehen wenn die Piraten keine 13% erhalten hätten?

Ich denke nicht! qed

Grüßle

2) m.spreng, Donnerstag, 12. April 2012, 14:04 Uhr

@ 1) Boomel

Doch. Ich vertrete diese Argumentation seit Jahren.

3) StefanM, Donnerstag, 12. April 2012, 14:08 Uhr

ich auch :)

4) Bastian Himberger, Donnerstag, 12. April 2012, 14:21 Uhr

Diese dauernden Umfragen sind überflüssig. Der Bürger entscheidet durch Wahlen. Und das ist auch gut so. Leider brauchen viele Journalisten diese Umfragen, damit sie ihre Schwafeleien veröffentlichen können. Zu dem, was http://was-gesagt-werden-muss.de gehören diese Zeilenschindereien bzw. Sendezeitverschwendungen gewiss nicht.

5) Lukas, Donnerstag, 12. April 2012, 14:40 Uhr

Naja. Bei allen Problemen, die es mit Umfragen (und wissenschaftlichen Methoden im Allgemeinen) geben mag, so sind das doch die besten Methoden, die es gibt, um solche Sachen zu erforschen.

Was mir an der Kritik im Detail nicht gefällt:

1) “Obwohl bekannt ist, dass Telefonumfragen (alle machen sie außer Allensbach) immer fragwürdiger werden” … CATI-Umfragen sind nicht fragwürdiger als Random-Walk (oder andere) Verfahren. Und gerade Allensbach als Positivbeispiel herauszuheben (die haben genau genommen *keine* repräsentativen Stichproben wegen ziemlich bizarr begründeter Quoten- statt Zufallsauswahl) ist ein bisschen kritisch.

2) “Immer mehr Angerufene verweigern sich” – stimmt, aber es gibt einige Hinweise darauf, dass die Effekte beherrschbar sind

3) “immer mehr Menschen telefonieren fast nur noch mit dem Handy” – richtig, kann aber durch Gewichtung rausgerechnet werden, genau wie auch die geringere Auswahlwahrscheinlichkeit von Personen in großen Haushalten (mit nur einer Telefonnummer) seit Jahrzehnten rausgerechnet werden kann.

4) “Panel von mindestens 1000 angeblich repräsentativ Befragten” “Die Repräsentativität wird von Jahr zu Jahr fraglicher.” – Die Repräsentativität ist so gut, wie wissenschaftlich eben möglich ist (und heute deutlich besser als zu ihren Anfangszeiten – siehe z.B. http://www.scribd.com/doc/259298/Why-the-1936-Literary-Digest-Poll-Failed); ZIEMLICH viel wird auch korrekt gemessen.

5) “Und die Angerufenen lassen sich dabei auch von gerade angesagten politischen Moderscheinungen und der Lust an der Provokation leiten” – Ja, aber das ist nicht neu, und das hervorzuheben und Trends zu erklären (z.B. die “midterm weakness” von Amtsinhabern) ist Aufgabe von Journalisten.

6) “Der andere: Umfragen haben eine Schwankungsbreite, die in der Berichterstattung so gut wie nie auftaucht.” – Stimmt. Wirklich ein Problem.

7) “Umfragen sind unscharfe Momentaufnahmen, wie sie eine Zeitung als Foto nie drucken würde.” – Was soll das überhaupt heißen?? Wollen Sie größere Samples mit geringerer Schwankungsbreite? Oder soll die Berichterstattung über Neuigkeiten ganz eingestellt werden, weil sich ja alles irgendwann wieder verändert? Oder weil auch Wissenschaftler keine 100%ige ewige Wahrheit erkennen können?

8) “Und der kritischste Punkt: die nackten Ergebnisse werden bearbeitet, bis sie zum Ergebnis der Sonntagsfrage werden.” – Vmtl auch ein gerechtfertigter Kritikpunkt.

9) “dass sie das Ergebnis der Piraten in Berlin unterschätzten oder Gerhard Schröders Aufholjagd 2005 nur unzureichend vorhersagten” – Die Institute mit *echten* *repräsentativen* TELEFONISCHEN Zufallsstichproben hatten diese Aufholjagd jedenfalls vor Allensbach erkannt!

10) “der sogenannte Bandwagon-Effekt eintreten: Wähler wollen auf den Zug noch aufspringen, bei den Siegern sein oder sagen sich, die sind ja doch nicht verloren. Und dieser Effekt ist der gefährliche Aspekt der Umfragegläubigkeit.” – Naja. Der Effekt existiert, aber wenn die Wähler eben so sind, dann seh ich kein Problem damit. Kein Wähler ist perfekt rational, es gibt immer *irgendwas*, wovon er von außen beeinflusst wird.

So, pardon für die Länge des Kommentars!

6) Major Tom, Donnerstag, 12. April 2012, 14:55 Uhr

Danke.
Man kann nicht genug wettern gegen unsere kurzfrisitge Umfragedemokratie.

7) Olaf Tietze, Donnerstag, 12. April 2012, 15:03 Uhr

Ich möchte Herrn Spreng zu Gute halten, dass er hier auf den Zusatz “die Piraten, die das geistige Eigentum abschaffen möchten” verzichtet hat. Im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen.

Er hat auch völlig Recht mit dem was er sagt. Ich weiß nur nicht was ich daraus machen soll, außer Zeitungen kritischer zu lesen. Denn egal worum es geht, Sensationen – oder Nachrichten die sich eignen dazu erhoben zu werden – sind das tägliche Geschäft von Presse und Politik.

Ich finde das bei solchen Erhebungen jedenfalls nicht besser oder schlechter, als bei anderen Themen. Es hat schließlich auch nichts viel mit der Realität zu tun, wenn ein Innenminister die polizeiliche Kriminalstatistik interpretiert, Kultusminister über Schulpolitik philosophieren oder Nachrichtensprecher einen Tsunami beschwören…

8) IANAL, Donnerstag, 12. April 2012, 15:08 Uhr

Danke, das musste einmal gesagt werden. Um noch einen anderen Aspekt hineinzuwerfen: die Meinungsforschungsfirmen geben sich ja gerne als wissenschaftliche Einrichtungen. Nun gibt es zwar Regalkilometer an Literatur zur Frage, wie man Wissenschaft eigentlich definieren sollte, aber es besteht weitgehende Einigkeit über eine zwingende Voraussetzung von Wissenschaftlichkeit: Transparenz.

Wissenschaft kann nur funktionieren, wenn nicht nur die Ergebnisse, sondern auch der Weg dahin offengelegt wird und für jeden, der die nötigen Fachkenntnisse hat, nachprüfbar ist.

Genau das ist aber bei der Arbeit der Meinungsforscher nicht der Fall. Sie benutzen zwar vermutlich Methoden, die auch die Wissenschaft verwendet, aber solange kein Außenstehender nachprüfen kann, wie ihre Ergebnisse zustande kommen, ist das keine Wissenschaft.

9) Superlupo, Donnerstag, 12. April 2012, 15:17 Uhr

Zur Gefahr der Umfrage-Ungläubigkeit:
Könnte man nicht auch annehmen, dass es genügend, gleich viel “Leichtgläubige” gibt, die aus den Statistiken den umgekehrten Schluss ziehen, als den hier geschilderten? Also meinetwegen sagen, boah, soviel Piraten, da stimm ich dann (Gott behüte!) doch taktisch lieber wieder für die FDP, weilwegen Koalition usw – permutierbar in allen möglichen Konstellationen.
Wer meint mit solchen Erhebungen die Wählerschaft in eine bestimmte Richtung lenken zu können, muss entweder eine Zeitung voll bringen, und/oder verdient sein Geld damit, oder ist Spin-Doctor der Hintermänner der Auftraggeber.

10) Thomas Hillebrand, Donnerstag, 12. April 2012, 15:20 Uhr

Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, lieber Herr Spreng, dass Sie Ihren geneigten Lesern nach der letzten Hardcore-Polemik eine Erholung und Durchschnaufphase gönnen mit einem Thema, das kaum so hitzig kontrovers diskutiert werden wird wie das vergangene. Und Sie einer vergleichsweise seltenen, überbordenden Sachlichkeit frönen. Ich deute das so, dass Sie Ihre Kommentatoren einfach lieb haben und so für deren psychosomatisches Wohlergehen sorgen möchten à la “Tiiief eintamen…und jetzt…tiiief ausatmen!” Trotzdem freue ich mich schon auf das nächste tiefe Einatmen, also Ihre nächste Polemik!

Zum Thema selbst: In meinem persönlichen – politisch sehr interessierten – Umfeld gewinne ich den Eindruck, dass dort, wie auch bei mir selbst, diese Meinungsumfragen kaum eine Rolle spielen. Auch dann nicht, wenn wie bei Forsa, auf Spektakulär frisiert wird. In “diesen Kreisen” schaut man darüber hinaus aus gutem Grund selten bis gar nicht Nachrichtensendungen des ZDF.

Ich kann mich gut erinnern, dass man früher, zu Lebzeiten noch von Frau Noelle-Neumann und dem früheren Güllner eigentlich schon selbst die Vorhersage über die Interpretation der Ergebnisse der Institute machen konnte und eine parteipolitische (damals war das ja noch einfacher) Einfärbung wesentlich deutlicher wurde als heute. Und es gab auch ein paar richtige Kracher, also satte Verschätzungen, die Sie ja aufzählen, die sicher auch nicht gerade zum Ruhm dieser Umfragen beigetragen haben. Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass diese Umfragen für Otto Normalverbraucher ziemlich egal sind und bin mir deshalb gar nicht sicher, ob es diese “Umfragegläubigkeit” überhaupt gibt. Und wenn ja, ob sie gleichzeitig auch zu diesem Bandwagon-Effekt führen würden. Doch das ist sicher auch gründlich untersucht und Sie wissen das bestimmt besser als ich. Aber so wie immer irgendetwas hängen bleibt, so bleiben im Medienkonsumenten natürlich vor allem die knalligeren Ergebnisse auch irgendwo hängen. Aber, ob das gleich “gefährlich” zu nennen ist?

11) Dongowski, Donnerstag, 12. April 2012, 15:24 Uhr

Danke, dass Sie sich auf Ihrem vielfrequentiertem Blog dieses leidigen Themas annehmen! Während sich in den USA mittlerweile einige Leute mit den Geheimnissen des Pollings befassen und sie an Laien weitergeben, gibt es in Deutschland eigentlich nur die hier: http://www.wahlrecht.de/

12) Simon, Donnerstag, 12. April 2012, 15:31 Uhr

Aufgrund all dieser von Ihnen ja berechtigten Einwände bezüglich Forsa und Co., ist die vertrauenswürdigste Umfrageart meiner Meinung nach wohl inzwischen die Online-Befragung, etwa von YouGov.

13) Bastian Himberger, Donnerstag, 12. April 2012, 15:49 Uhr

Diese dauernden Umfragen sind überflüssig. Der Bürger entscheidet durch Wahlen. Und das ist auch gut so. Leider brauchen viele Journalisten diese Umfragen, damit sie ihre Schwafeleien veröffentlichen können. Zu dem, was gesagt werden muss, gehören diese Zeilenschindereien bzw. Sendezeitverschwendungen gewiss nicht.

14) rainer, Donnerstag, 12. April 2012, 16:03 Uhr

……….wenn heute…wäre….dann würden….lach

15) Doktor Hong, Donnerstag, 12. April 2012, 16:09 Uhr

Mich würden eher die stochastischen Modelle interessieren, die den Umfragen und ihrer Vorhersagekraft zugrunde liegen, als was die jede Woche so faseln.

Was die Umfrage sagt, hat mich noch nie darin beeinflusst, was ich in der Wahlkabine ankreuze.

Viel schlimmer ist für mich, dass die Parteien versuchen, “kundenorientiert” zu sein, um auf dem “Wählermarkt” attraktiv zu sein, anstatt klare politische Alternativen auszuarbeiten, zu kommunizieren und bei den Wahlen zur Abstimmung zu stellen.

Ich weiß auch nicht genau, wie eine Demokratie dauerhaft funktionieren soll, wenn es keine Pluralität der politischen Auffassungen mehr gibt, die von den verschiedenen Parteien vertreten werden.

Was interessieren da irgendwelche Umfragen??

16) Frank Reichelt, Donnerstag, 12. April 2012, 16:28 Uhr

Ich dachte immer bei Umfragen ist es wie mit Statistiken, man glaubt nur denen, die man selber gefälscht hat!

17) AlterPirat, Donnerstag, 12. April 2012, 16:42 Uhr

Dass Meinungsumfragen im Allgemeinen und politische Umfragen im Besonderen fragwürdig sind, ist eine alte Erkenntnis. Auch dass diverse Institute eine spezifische Nähe zu Parteien haben (Allensbach->CDU, Forsa->Schröder-SPD) ist lange ein offenes Geheimnis.

Wie gesagt, alles altbekannt. Spannend finde ich nur, dass diese Kritik erst dann laut wird, wenn “die Falschen” die Nase vorn haben.

Umfragen sind für Politiker, was Straßenlampen für Betrunkene sind: sie dienen nicht zur Erleuchtung, sondern zum Festhalten. Und genau das ist das Problem: mangels eigener Standpunkte hangelt sich der Durchschnittspolitiker an Umfragen entlang.

18) StefanP, Donnerstag, 12. April 2012, 16:54 Uhr

Wieder ein Thema, das der Spiegel zuvor in seinem Heft erörtert hat. Schon seit längerem kämpfen Umfrageinstitute mit der Validität ihrer Daten. Seit Ende der 1990er Jahre gelingt es immer weniger, Wahlergebnisse näherungsweise vorherzusagen. 1998 sah man ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Union und SPD, wo die Sozialdemokraten damals ein Rekordergebnis einfuhren. Ich bekenne an dieser Stelle: anders als sonst änderte ich in der Woche vor der Wahl aufgrund dieser Prognose meine Wahlentscheidung. Ahlensbach übrigens sah bis 3, 4 Wochen vor dem Urnengang Kohl vor der Wiederwahl.

Im Sommer 2005 lag Merkels Union demoskopisch nahe der absoluten Mehrheit, die sie laut Umfragen binnen weniger Wochen verspielte. Die politischen Analysten sind sich einig: daraus entstand für die heutige Kanzlerin ein Trauma, dass sie von der neoliberalen Reformerin zur ersten Sozialdemokratin des Landes werden ließ. Doch angesichts der Wahlergebnisse der Christenparteien seit der Wiedervereinigung sind heftige Zweifel angebracht, ob Prognosen von 48% für das konservative Lager eine realitstische Grundlage haben. Wollten die Deutschen tatsächlich Merkel nicht als Kanzlerin, weil Gerhard Schröder ihnen per Wahlkampf klar machte, welche negativen Konsequenzen eine angeblich neoliberale Reformpolitik habe?

In Berlin wurde Renate Künast bereits als potentielle Regierende Bürgermeisterin gesehen, woran kein Taxifahrer in der Stadt glauben mochte. Angesichts des angeblich positiven Klimas erhöhten die Grünen das Risiko. Das Ergebnis ist bekannt: Die grüne Reala riss die höhergelegte Latte deutlich und ihre Karriere schmierte ab.

Drei Beispiele, wie Umfragen Wahlverhalten beeinflussen und politische Weichen stellen können. Zuviel Macht für eine Wissenschaft, die inzwischen hinter Kaffeesatzleserei hinterherhinkt? Für die Branche jedenfalls sind die empirischen Daten ein Desaster. Geld verdienen die Unternehmen vor allem mit Erhebungen für die Marktforschung, doch die politische Demoskopie ist die Visitenkarte. Eine Visitenkarte, nicht schon lange nicht mehr das Beste Bild abgibt.

P.S.: Leider machen Sie, Herr Spreng, seit langem einen Bogen um wirtschaftspolitische Themen. Die politische Analyse dagegen hat, nicht nur wegen der Affäre Wulff, nicht sonderlich viel Tiefgang. Mag sein, dass Wirtschaftspolitik nicht zu Ihrer Kernkompetenz im engeren Sinne zählt. Ab und zu ein Häppchen wäre allerdings nett. ;-)

19) daso, Donnerstag, 12. April 2012, 17:02 Uhr

Es ist wie fast alles heute nur noch eine Show und der Versuch Einschaltquoten bzw. Absatz zu erzielen oder, noch schlimmer, Meinung zu machen und zu steuern.

Beispiel:

Umfrage Meldung: FDP nur noch 2%!!!
Reaktion: Ach nö, dass die ganz rausfliegen wollte ich aber auch nicht, das nächste mal doch wieder.

Oder

Umfrage Meldung: Die Piraten über 20%!!!
Reaktion: Ach nö, ein Denkzettel sollte das sein, aber nicht das die gleich was zu sagen haben, das nächste mal nicht mehr

Ich halte zu häufige Umfragen und die Art wie sie aufbereitet werden für gefährlich.

20) Günter Springer, Donnerstag, 12. April 2012, 17:09 Uhr

Umfragen ein Jahrmarkt der Manipulationen…
Lächerlich, das man damit hausieren gehen muß.

21) Thorsten Schäfer, Donnerstag, 12. April 2012, 17:36 Uhr

Also ich weiß jetzt auch nicht, was an den schrägen Umfragen so besonders sein soll. Seit ich denken kann, liegen die “Institute” hier ab und an mal gewaltig daneben. Es ist naiv zu glauben, dass sich von 1000 oder 2000 Befragten ( + dem erwähnten “Zauberpülverchen”) in allen Fällen ein repräsentatives Bild ergeben lässt. Auch 1998 (ältere Zahlen habe ich nicht gefunden) wurde das Ergebnis bei einigen Umfragen – wenige Tage vor der Wahl – nicht sonderlich gut getroffen. Dass die Institute damit “Politik machen” ist lediglich eine Konsequenz (ob beabsichtigt oder nicht kann ich nicht einschätzen). Man müsste Umfragen schon verbieten, wenn man das verhindern möchte. Und das kanns ja auch nicht sein.

PS: Wenn die Umfragen ordentlich daneben liegen hats doch auch einen netten Nebeneffekt. Denn die Überraschung am Wahlabend ist umso gewaltiger ;-)

22) Dieter Carstensen, Donnerstag, 12. April 2012, 18:16 Uhr

Lieber Michael Spreng,

wie groß muss die Politiverdrossenheit mit den “etablierten” Parteien im Lande sein, wenn die sog. “Piraten”, von denen niemand weiss, was sie wirklich wollen, solch einen Zulauf erhalten?

Stellen wir demnächst “Besen” oder “Karnevalsjecken” zur Wahl auf?

Ich bin mir sicher, die würden vor lauter Frust der “Wutbürge”r auch gewählt.

M.f.G.

23) Alexis, Donnerstag, 12. April 2012, 18:32 Uhr

Helmut Kohl regierte 16 Jahre. Die Umfragen waren meist gegen ihn, d.h. sie sagten sein jeweiliges Ende voraus. DER SPIEGEL machte mehrere Titel mit Kohls baldigem Ende. Kohl sagte einmal, “Gewinnt Ihr Eure Umfragen, ich gewinne die Wahlen.” Fünf mal hat er gezeigt, wer hier bestimmt: Güllner und Co oder die Wähler. Ählich der Hype um Stuttgart 21. Meine Prognose: die Piraten bekommen deutlich unter zehn, die FDP kommt in NRW rein. SWH kann ich nicht beurteilen.

24) Frank Reichelt, Donnerstag, 12. April 2012, 18:55 Uhr

@ 18) StefanP.

“P.S.: Leider machen Sie, Herr Spreng, seit langem einen Bogen um wirtschaftspolitische Themen. Die politische Analyse dagegen hat, nicht nur wegen der Affäre Wulff, nicht sonderlich viel Tiefgang. Mag sein, dass Wirtschaftspolitik nicht zu Ihrer Kernkompetenz im engeren Sinne zählt. Ab und zu ein Häppchen wäre allerdings nett.”

Ja, das hätten sie gerne, damit sie ihm dann in IHRER Kernkompetenz nachweisen können wie wenig Ahnung Herr Spreng doch von Wirtschaft hat. Sehr schlau von ihm, ihnen nicht auf den Leim zu gehen!

Ansonsten: Die Herde hat ihren Schäfer wieder, obs noch was nutzt?

25) H.F., Donnerstag, 12. April 2012, 19:12 Uhr

Piraten bei 13%. So ein Quatsch. Hier werden Erwartungen zu hoch gesteckt. Protestparteien sehen bei Umfragen sowieso viel besser aus, als anschließend bei Wahlen. Und dann wird von Absturz gefaselt. Erst hochjubeln, dann von Absturz faseln.

Der reale Wert für die Piraten liegt irgendwo zwischen 4 und 8 Prozent bundesweit. Soweit die repräsentative Umfrage der Schätzung durch meine Person.

26) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 12. April 2012, 19:15 Uhr

@ 5)Lukas

Wenn der Wähler sich durch Umfragen manipulieren lässt, sollte er doch lieber von der Urne wegbleiben.
Mit mangelnder Perfektion hat das jedenfalls nichts zu tun, sondern eher mit mangelndem Intellekt.

27) Papfl, Donnerstag, 12. April 2012, 22:53 Uhr

Ganz unabhängig davon, von welchem Meinungsforschungsinstitut die jeweiligen Umfrage-Ergebnisse stammen, scheinen die Statistiker bei so geringen Prozentwerten, wie sie beispielsweise die FDP zurzeit hat, in der Tat an methodische Grenzen zu stoßen (vgl. Özlem Topcu: »Die unsichtbare FDP – Schlechte Umfragewerte machen den Demoskopen Probleme«. Die Zeit, 13, 2012).

Da heißt es u. a.: »Die Interviewer der Institute Forsa, Infratest dimap oder Emnid haben derzeit so wenige FDP-Wähler am Telefon, dass sie deren Meinung zu bestimmten Fragen nicht abbilden können – sie liegen unter der ‘Nachweisbarkeitsgrenze’«. Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner spricht in besagtem Artikel von »Zahlenartefakten«, die nicht mehr interpretierbar seien. Das liege am statistisch bedingten Fehlerintervall: Bei der üblichen Stichprobe von 1000 Befragten gingen die Demoskopen von einer Fehlerquote von einem bis drei Prozent aus. Ist die Gruppe der Befragten kleiner als 30, ließen sich die Antworten nicht mehr seriös hochrechnen.

Ich schätze mal, dass das auch mit ein Grund dafür ist, kleine Parteien für gewöhnlich unter “Andere” zusammenzufassen. Dort wäre die FDP mit ihren 1,2 Prozent im Saarland unter “normalen” Umständen ja auch auch verbucht worden.

28) uniquolol, Donnerstag, 12. April 2012, 23:48 Uhr

Wer sich mit der Piratenpartei näher beschäftigen will, kann dies jetzt am Beispiel von Julia Schramm – einer der aussichtsreichen Kandidatin für den Bundesvorstand der Piraten – tun. Sie gab dem durchaus empfehlenswerten und eigenwilligen Podcast(*) von Michael Seemann und Max Winde (“Wir müssen reden”) ein mehr als dreistündiges Interview. Dieses ist hervorragend geeignet, um sich ein eigenes Bild vom Argumentations- bzw. Kommunikationsstil der Piraten zu machen.

Sicherlich ist dieses Gespräch mit einer “Einzelpiratin” nicht repräsentativ für die Gesamtpartei, aber die Ahnungs- und Inhaltslosigkeit sowie das reflexhafte Wegducken vor konkreten politischen Forderungen scheinen doch symptomatisch zu sein. Bemerkenswert ist auch der überaus gewöhnungsbedürftige Jargon…

Aber hören Sie selbst…

(*)http://wir.muessenreden.de/2012/04/11/wmr39-datenausflusse-der-urheber/

29) Don Camillo, Freitag, 13. April 2012, 02:32 Uhr

Früher, als ich auf meine Tageszeitung angewiesen war, wurde ich nur von oben, von den Agenten der Macht, manipuliert. Heute, wird auch von unten, von den Bemächtigten, manipuliert. Warum sollte ich bei Umfragen sagen, was ich denke? Das macht den Unterschied! …. da könnten Manchen noch die Augen übergehen…

30) Horst Klohocker, Freitag, 13. April 2012, 10:18 Uhr

Die regelmäßigen Umfragen sind die eine Seite – die Wahl ist dann meist ganz anders. Oder besser gesagt, sagen Umfragen nur bedingt das aus, was der Bürger denkt.

Zwei Dinge sind mir allerdings aufgefallen. Die FDP liegt wieder bei 5% – aber nur bei FORSA! Hier denke ich ist der Wunsch der Vater des (Wunsch-)Ergebnisses. Aber dass die PIRATEN nun schon 13 % erreichen sollen, zeigt mir: „Der Bürger hat die Schnauze voll von der neoliberalen Verarsche aller Anderen.“ Für mich wählt nämlich PIRATEN jemand, der die Anderen nicht wählt und im Prinzip ist das auch gut so.

31) Marvin, Freitag, 13. April 2012, 10:21 Uhr

Dann offenbar wird versucht die Piratenpartei hochzubringen, mit Hilfe von fragwürdigen Umfrgen und Merkel und der Union wird damit die Macht gesichert – mit allen Konsequenzen.
Wer nicht hinterfragt, z. B. mit Hilfe von Blogs wie diesem, der wird offenbar von A bis Z verarscht, themenübergreifend, branchenübergreifend.

32) Maren P., Freitag, 13. April 2012, 11:42 Uhr

@ Nr. 28 uniquolol
Drei(!) Stunden Interview mit einer Piratin? OMG Das erinnert mich an die Fernsehauftritte des Maximo Líder Kubas und anderer totalitärer “Führer”.
Ein Slogan dazu in Anlehnung an den eines schwedischen Möbelhauses: Hast Du heute schon gelebt – oder lauscht Du noch den Piraten? ;-)

33) m.spreng, Freitag, 13. April 2012, 11:48 Uhr

@ 18) StefanP.

Drei Monate war der Stefan krank, jetzt ätzt er wieder, Gott sei dank. Endlich, die alte Überheblichkeit ist wieder da. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.

34) StefanP, Freitag, 13. April 2012, 12:10 Uhr

33) m.spreng

Lieber Herr Spreng, so persönlich? Außerdem, 1 Monat Australien Outback reicht, mehr brauche ich wahrlich nicht. ;-)

Ick meinte ja nur, es wäre schön, sich über etwas mehr als Parteipolitik auszutauschen. Als Politikberater und Journalist können Sie das ja, daran kann es nicht liegen.

P.S.: Krank ist etwas für Schwächlinge. ;-)

35) Dieter Carstensen, Freitag, 13. April 2012, 12:45 Uhr

@31 Marvin

Da kann ich Ihnen nur beipflichten, sehe ich auch so, manche konservative Kreise, welche die Medienmacht im Staate Absurdistan, ehehemalige BRD, haben, versuchen die “Piraten” zu Merkels Gunsten hochzujubeln.

Anders kann ich mir den Medienhype um diese nichts aussagende “Partei” auch nicht erklären.

36) Frank Reichelt, Freitag, 13. April 2012, 13:27 Uhr

@ StefanP.

Warum machen wir es nicht so:

Sie geben Herrn Spreng alle paar Wochen drei Themen vor, aus denen er sich dann eines für einen Artikel aussuchen darf! Nicht verwendete Themen können selbstverständlich beim nächsten mal wieder vorgeschlagen werden, allerdings insgesamt nur drei mal, dann bitte nicht wiederwählen.

Falls ihnen das noch zu viel Freiheit für Herrn Spreng bedeutet, dürfen sie natürlich auch ein Thema vorgeben, das er dann bearbeiten muss!

Würde das ihren Ansprüchen genügen?

37) kleinErna, Freitag, 13. April 2012, 13:38 Uhr

Lieber Sprengmeister, wieder mal Alles richtig gesagt, ohne Einschränkung und gültig für jede Art von Umfrage und entsprechende Ergebnisse.

Das gilt nicht nur für Wahltrends, sondern für jede Art von Umfrage-Ergebnisse. Nicht nachvollziehbar und oftmals ärgerlich finde ich z.B. auch den von IFO herausgegebenen Geschäftsklima-Index.

Es kommt doch letztlich immer auf die Form der Fragestellung an. Wenn es zu Ja-Nein-Enthaltung keine Alternative gibt und die Frage entsprechend formuliert wird, kann ich als Fragesteller jedes Ergebnis manipulieren, sprich vorherbestimmen. Und zumindest die Fragen werden m.E. unter den Instituten auch öfter mal abgeschrieben, die Ergebnisse gleichen sich dann einigermaßen an.

Lassen Sie mich noch, obwohl nicht unmittelbar hierher gehörig, ein Wort zu den PIRATEN los werden.
Solange die Piraten, keine klaren Aussagen zu den gängigen Politikfeldern machen, halte ich sie für nicht wählbar, ja sogar für äußerst gefährlich. Schließlich können sie, wenn einmal gewählt, dann machen und abstimmen wie sie wollen, in jede Richtung, auch extrem rechts oder links. Sie haben ja im Vorfeld ganz offen gesagt, sie hätten dazu noch keine Meinung. Da würde ich dann doch eher dazu raten, gar nicht wählen zu gehen, dann bleiben wenigstens nur die Parteien, die tatsächlich ein Programm vorgelegt haben, gleich ob das dann (im Falle der Regierungsbeteiligung) ganz genauso eingehalten wird, oder nicht (bei z.B. bei notwendigen Koalitions-Zugeständnissen). Aber auch bei Abstimmungen als Opposition müssen sich Parteien an vorhandenen Parteiprogrammen orientieren und messen lassen (leider nicht so bei den Piraten).

38) der Herr Karl, Freitag, 13. April 2012, 14:08 Uhr

@ 34) StefanP

Nach der rassistischen Entgleisung im vorherigen Artikel nun munter weiter mit “krank sein ist was für Schwächlinge”. Oder sollte das etwa lustig sein? Ich wünsche Ihnen weiterhin ein langes und gesundes Leben.

@ 35) Lieber Dieter Carstensen und Mitkommentator

Nach dem vergangenen Hohelied auf die Demokratie nun mit “Medienmacht im Staate Absurdistan, ehemalige BDR…” zum Sesselrevoluzzer mutiert?
Tragisch, wenn einem die eigenen Widersprüche nicht mal mehr bewusst werden. Vielleicht haben Sie sich auch einfach nur im Blog geirrt – zu früh “scharf links” abgebogen…

39) Jack, Freitag, 13. April 2012, 14:23 Uhr

Jedenfalls füllen Umfragen Zeitungsseiten oder Sendeminuten. Selten reicht es zum “Aufreger der Woche”.

Es geht wahrscheinlich auch gar nicht anders, denn natürlich will man zwischen den vier- oder fünfjährigen Wahlterminen wissen, wie es aktuell aussehen könnte. Die Parteien und Politiker ohnehin. Für Journalisten ist es auch dankbar, bedenkt man all die Ansatzpunkte für Spekulationen, Kommentierungen und das übliche “was bedeutet das für…”-Geraune. Der politisch interessierte Bürger nimmt es zur Kenntnis oder auch nicht.

Natürlich können Umfragen auch falsch liegen, sogar in größerem Umfang. Wenn zwei Parteien sehr eng beieinander liegen, ist die genaue Differenzierung auf der Basis von 1000 Befragten für die Hochrechnung schwierig. Wenn neue Phänomene auftauchen (Piraten), ist die Einschätzung der Daten ebenfalls schwierig, weil es noch keine Erfahrungswerte gibt. Stärkere Abweichungen von bisherigen Trends können ebenfalls Fehlprognosen hervorrufen.

Es bleibt dabei: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.
(Zitat Mark Twain, Karl Valentin u.a. zugeschrieben)

40) us, Freitag, 13. April 2012, 15:49 Uhr

@MarenP: Fü mich stellt sich eher die Frage wie man 3h einer Julia Schramm zuhören kann. Die Gute ist ausschliesslich auf Selbstdarstellung aus und sicher nicht repräsentativ für die Piraten.

41) Mark, Freitag, 13. April 2012, 20:14 Uhr

Gutes Thema. Ich halte inzwischen die omnipräsenten Umfragen vor allem für Mechanismen zur Meinungsmache. Die Eliten wollen uns (dem Stimmvieh) die entsprechenden, von ihnen gewünschten Strömungen vorgeben. Welchen Sinn hat das? Nun, die Demotivation derer, die kritisch denken. Wer kritische Gedanken hat, der soll durch das Betrachten der “Umfrage” erkennen, dass er ziemlich allein auf weiter Flur steht. Wenn man nämlich ahnt, dass man alleine kämpfen muss, dann kämpft es sich gleich viel schwerer. Es kommen einem auch Zweifel, ob man wirklich mit seiner Kritik richtig liegt. Daher halte ich viele Umfragen schlicht für manipuliert.

Dann gibt es da noch die Umfragen, die eine gefährliche Bombe darstellen: Online-Umfragen. Warum wohl hat die Tagesschau -die ja sonst zu allen möglichen und unmöglichen Themen Umfragen startet- keine Online-Umfrage zum Thema “Grass” gestartet? Einfach: Weil das Ergebnis zumindest “ungewiß” gewesen wäre. Unvorstellbar hingegen (für die Tagesschau-Macher) wäre wohl ein Ergebnis “85% Zustimmung für Grass” gewesen. Völlig un-trag-bar! Na, und weil das so ist, läßt man es lieber gleich bleiben.

Umfragen? Meinungsmache im Interesse der “Eliten”.

42) Don Corleone, Freitag, 13. April 2012, 21:14 Uhr

Die Piraten, sosehr sie zur Zeit der Presse dabei helfen, kein unbedrucktes Papier verscherbeln zu müssen, werden eine komödiantische Episode bleiben.

Eine in sich zerstrittene, völlig orientierungslose Partei, deren einziges erkennbares Ziel es ist, sich an die Futtertröge des politischen Versorgungsparadieses heranzuschleimen, kann nicht überleben. Klar: Die Protagonisten der etablierten Parteien, besonders die Hinterbänkler, haben nichts anderes im Sinn. Aber sie mussten sich wenigstens in den klüngelnden Hinterzimmern der Provinzvereine hochschwurbeln, was wenigstens für ein bisschen Abhärtung und marginale Befassung mit der Realität sorgt.
Die Piraten (die mit ihrem Parteinamen jeden echten Freibeuter beleidigen) sind nichts als der in Latzhosen und schütteren Pferdeschwänzen menschgewordene Idiotenslogan “Geiz ist geil!”. Und wer in Deutschland — einem rohstoffarmen Land, das seit ~140 Jahren vom Export seiner Ideen, Patente und Innovationen lebt — wer da das Patent-, Markenschutz- und Urheberrecht aushebeln möchte, braucht nicht auf eine fette Politikerpension zu hoffen.

Denn es wird keiner mehr da sein, der sie bezahlen kann. (Als wären Industriespionage und Produktpiraterie nicht eh schon übel genug. Und die “Energiewende”, die zusehends Hunderttausende Arbeitsplätze ausradiert, kaltblütig, weil viele Unternehmen zur Emigration gezwungen werden. Und die Rettung der sogenannten Gemeinschaftswährung, die noch unsere Urenkel enteignen wird.)

Zu allen diesen Themen schweigen die Piraten lautstark, weil ihnen die Wahrheit zu mühsam ist. Die anderen Politiker lügen unisono, weil sie zumindest ahnen, welche unsäglichen Bürden sie uns schamlos aufsatteln — allerdings wohlgemut, jedem persönlichen Risiko enthoben.

So können sie gemeinsam mit den Piraten in die Kameras grinsen. Selten sieht man Not und Elend so brüderlich und schwesterlich vereint.

43) analogkäse, Samstag, 14. April 2012, 00:58 Uhr

Ja, das ist eindeutig so: die Umfrageergebnisse beeinflussen das Wahlverhalten vieler. Besonders wenn die jeweilige Partei bei der 5% -Grenze liegt kann das mächtig beeinflussen. Auch ein Hype kann verstärkt werden ( voriges Jahr die Grünen, dieses Jahr die Piraten) .

44) Dieter Carstensen, Samstag, 14. April 2012, 03:05 Uhr

@38 “der Herr Karl”

Haben Sie hier bei unserem geschätzten Michael Sprang nun die Rolle des Meckeropas aus der Muppet Show übernommen? So weit ich es verfolgen konnte, haben Sie, neben mir, in den letzten Tagen auch mindestens zwei andere Mitkommentatoren in diesem Blog unsachlich angegriffen, aber selber wenig aufhellendes zur Diskussion beigetragen.

So Menschen wie Sie bezeichnet man in der Sprache des Web 2.0 als “Internettrolle”.

Scheinbar haben Sie viel Langeweile in der Schweiz, wo sie ja leben, grösser als ihre Langeweile scheint mir nur noch Ihre Unkenntnis der Politik in Deutschland zu sein.

Insofern würden Sie sicher gut in die Partei der sogenannten “Piraten” passen, die haben von Politik auch keine Ahnung, würden Sie aber sicher herzlich willkommen heissen, nach dem Motto:

“Gleich und gleich gesellt sich gern”

45) Thomas Hillebrand, Samstag, 14. April 2012, 08:25 Uhr

OT on: Irgendjemand meinte, Herrn Castro mit “anderen totalitären Führern”, die mit langen Reden einzuschläfern wussten (bis 12 Stunden), gleichsetzen zu müssen. Das stimmt selbstverständlich in zweierlei Richtung nicht: Zum einen hielt Castro die mit Abstand längsten Nicht-Filibuster-Reden aller Regierungschefs dieses Globus überhaupt (gleich welcher Couleur), aber die noch längeren politischen Filibuster-Reden waren Reden (bis über 24 Stunden) innerhalb demokratischer Kontexte. Zum anderen gehört Fidel Castro zur Gattung “autoritärer” politischer Führer und nicht “totalitärer”. Ein kleiner Unterschied, der Exaktheit wegen. Um das festzustellen, muss man übrigens keine Liebesbriefe nach Havanna schicken. OT off

46) Minassian, Samstag, 14. April 2012, 12:32 Uhr

Die Parteienlandschaft bewegt sich… FDP raus, DIE LINKE im Sturzflug, Piraten rein, evt. kommen die Freien Wähler dazu !?
Endlich hört die Verkrustung auf. Vorbei mit den bisherigen Koalitionskungeleien. Die etablierten Parteien und die alten Sesselkleber werden sich sehr anstrengen müssen, Häme reicht da nicht mehr.

47) Maren P., Samstag, 14. April 2012, 13:45 Uhr

@ Nr. 45 Thomas Hillenbrand
Wenn ich schreibe, “das erinnert mich”, dann ist das mein persönliches Bild, meine Meinung, meine Bewertung! Trotzdem danke dafür, dass Sie mich an Ihrer Bewertung teilhaben lassen. ;-)

48) Thomas Hillebrand, Samstag, 14. April 2012, 15:20 Uhr

@ 41) Mark

Wenn Sie die gesamte inflationäre Umfragenpalette meinen, dann gebe ich Ihnen klar Recht. Die in Sprengs Artikel thematisierte “Sonntagsfrage” jedoch dürfte nur ziemlich begrenzt stark lenkende Manipulationsmöglichkeiten anbieten. So sich ja auch jede Partei, selbstverständlich auch Die Linke, sofern positiv, auf diese Umfragen beruft und, sofern negativ, von Umfragen generell nichts hält.

Was die Online-Umfragen anbetrifft, ist es so, wie Sie feststellen. Da gibt es ja auch einige hübsche Beispiele, wie innerhalb von Minuten Umfrageergebnisse in ihr Gegenteil korrigiert wurden. Und was den Kasus Grass betrifft, ist Ihrer Beobachtung wohl nichts hinzuzufügen! Ich konnte das aber selbst aus gesundheitlichen Gründen (Vomitus) leider nicht verfolgen, da mir mein Arzt das Lesen auch von Online-Nachrichten in jenen Tagen strikt verboten hatte.

49) Michael A. Nueckel, Samstag, 14. April 2012, 15:26 Uhr

Danke für den aufhellenden, kritischen Beitrag – bislang habe ich das Thema wenig beachtet. Umfragen interessieren mich zwar, doch bestand eine Grundskepsis zu Auftraggeber und (unbekanntem) Thema/Ausrichtung der Untersuchung sowie der im Einzelfall praktizierten (statistischen) Methode. Ein Wetterbericht hat mich mehr meistens überzeugt. Ich erkenne einige strukturelle Gefahren, ihr Beitrag bestätigt und verstärkt meine Vorsicht. In dieser medial extrem aufgeladenen Welt frage ich mich soeben, ob es analog zum Insiderverbot (im Wertpapierhandel) auch ein Verbot für Parteien geben sollte, keine Umfragen in Auftrag geben zu dürfen? Und sei es nur 3-6 Monate vor der betreffenden Wahl. Wie sieht es zudem mit versteckter Parteienfinanzierung durch Beauftragung einer für eine bestimmte Partei begünstigenden Umfrage durch einen Mäzen aus? Es muß ja nicht immer Herr M. aus H. sein.

50) Asyoulikeit, Samstag, 14. April 2012, 22:43 Uhr

@45 Th. Hillebrand: ebenfalls OT kleine Korrektur, “der Exaktheit wegen”: Das Castro-Regime ist eigentlich sultanistisch-post-totalitär. Autoräre Regime haben in der Regel keine starke Ideologie. Auch die Massenmobilisierung und der vergleichsweise geringe Pluralismus sprechen gegen eine Zuordnung als “autoritäres Regime”. mfG ;)

51) romeias47, Sonntag, 15. April 2012, 09:40 Uhr

Für das Ergebnis bei den Grünen würde ich allerdings die fehlende Nachwuchsrekrutierung für die Führungsspitze verantwortlich machen und weniger die Piraten. Ich bin nicht gerne Freizeit-Polit-Nero, aber heute 30jährige sind mit Künast, Roth und Trittin erwachsen geworden wie eine frühere Generation mit BK-Kohl . Man kennt sämtliche rhetorischen Mätzchen und argumentatorischen Strategien, im vorhinein, wenn sie in einem bstimmten Kontext auftreten. Außerdem hat grüne Politik leicht einen Kindergartentouch (nichts gegen Kindergärten, aber Wähler sind erwachsen).

Es müsste möglich sein, Karrieren für engagierte PolitikerInnen so zu gestalten, dass mediale Pausen eingebaut werden, ohne dass es zum Knick kommt. Soe wird’s leider “Grün-Kohl”.

52) Thomas Hillebrand, Sonntag, 15. April 2012, 11:31 Uhr

@ 50) Asyoulikeit

Wer lesen kann, ist auch im Sprengsatz klar im Vorteil: Meine Äußerung bezog sich auf den diktatorisch-autoritären Staatsmann Fidel Castro. Charismatische Volkstribune, ob uns das passt oder nicht, Castro oder Chávez, gelten nach Max Weber per definitionem als autoritär. Der Exaktheit wegen.

Übrigens ist Juan José Linz als Professor zahlreicher US-amerikanischer Universitäten, auf den Sie sich ja wohl letztlich mit dem gestelzten Terminus “sultanistisch-post-totalitär” beziehen nicht zwingend ein Freund der kubanischen Revolution. Was freilich völlig legitim ist. – Sind eigentlich die Brandt-”Enkel” nicht auch irgendwie eine sultanistische Brut? -

Wie auch immer: Kaum ein Land eignet sich so hervorragend zum politisch-weltanschaulichen Lagergezeter wie Kuba. Gäbe es Kuba nicht, müsste es erfunden werden!

53) Ich, Sonntag, 15. April 2012, 18:02 Uhr

Leider stimmen ein paar Sachen so nicht: Der Vorsprung der CDU vor der SPD im Saarland z.B. ist den Umfrageinstituten durchaus bekannt, aber da die letzte VERÖFFENTLICHTE Umfrage meist 1-2 Wochen vor der Wahl erhoben wird, ändert sich das Ergebnis sicherlich bis zum Wahltermin noch mal. Da die Institute jedoch auch noch Umfragen machen die nicht mehr veröffentlicht werden, ist es etwas unfair zu sagen die Institute hätten das nicht gewusst – sie haben es bloss nicht veröffentlicht. Desweiteren ist das größte Problem nicht die Umfrage oder die Ergebnisse an sich, sondern die Art wie darüber berichtet wird. In (fast?) keiner Zeitung steht etwas zu den immer angegebenen Fehlertoleranzen. Wenn ein Institut also SPD und CDU bei 35% sieht, beim tatsächlichen Wahlergebnis aber z.B. 5 %punkte zwischen den beiden Parteien liegen, haben sich nicht die Institute geirrt, sondern die Leute welche die Ergebnisse falsch gelesen haben bzw. die Journalisten, die wesentliche Dinge nicht nennen wenn Sie über die Umfrage berichten.

54) Doktor Hong, Montag, 16. April 2012, 11:15 Uhr

@ 16) Frank Reichelt

Man muss eine Statistik noch nicht einmal fälschen, um irrezuführen. Es reicht, wenn Sie Kategorien “umdefinieren” und dann die Statistik völlig korrekt ausführen.

Schöne Tricks ergeben sich auch, wenn Sie Balkengrafiken umskalieren. Anstatt sie (wie mathematisch üblich) bei null beginnen zu lassen, beginnen Sie kurz unterhalb der kleinsten Größe. So kann man optisch einen “riesigen Anstieg” der Kriminalität, Geldwäsche, etc. pp. suggerieren.

Auch ein beliebter Trick ist es, Median und Mittelwert synonym zu gebrauchen, obwohl diese beiden Größen absolut nicht dasselbe sind. Beispiel: In einer Kneipe mit 10 Personen liegt das Medianeinkommen bei 1000 Euro. Die beiden Personen, die am nächsten am Medianeinkommen sind, verdienen 1100 bzw. 900 Euro. Jetzt kommt Bill Gates in die Kneipe (oder Ackermann, oder der IKEA-Chef oder so). Wie groß ist jetzt das Medianeinkommen? Sind jetzt alle im Durchschnitt Millionäre in der Kneipe? (Das Medianeinkommen steigt auf 1100 Euro).

Blähen Sie Zahlen auf, indem Sie Schnittmengen ignorieren. Und von diesen Tricksereien gibt es unzählige mehr, und alles ganz ohne Fälschung in dem Sinne, dass man Zahlen frisiert.

55) Frank Reichelt, Montag, 16. April 2012, 12:01 Uhr

@ 54) Doktor Hong

Völlig richtig!

Oftmals fängt die Manipulation ja auch schon mit einer geschickten Fragestellung an. Damit kann man die Umfrage auf das gewünschte Ergebnis hinlenken.

56) Eduard, Montag, 16. April 2012, 16:08 Uhr

Ich sehe jetzt nicht so den großen Unterschied zu den oft – und auch von M. Spreng zuweilen – gebrauchten Begriffen “Die Menschen in Deutschland…”, “Die Bürger…”, “Allgemein wird behauptet, daß…”

57) Doktor Hong, Dienstag, 17. April 2012, 16:51 Uhr

@ 55) Frank Reichelt

Richtig, auch das ist ein beliebter Trick!

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