Kommentare
9
Tagcloud
BILD Bild am Sonntag CDU CDU/CSU Christian Wulff CSU Der Spiegel Die Linke FDP Grüne große Koalition Hartz IV Kohl Linkspartei Merkel Philipp Rösler Rüttgers Schäuble Schröder Schwarz-Gelb Seehofer Sigmar Gabriel SPD Steinbrück Steinmeier Steuersenkungen Stoiber Wahlkampf Westerwelle zu Guttenberg
Freitag, 25. Januar 2013, 14:43 Uhr

Sexismus in der Politik

Der Fall Brüderle (“Herrenwitz” im “Stern”) ist sicher kein Skandal, wenn die Angaben der Journalistin aber stimmen, ist er ein wichtiger Erfahrungsbericht aus der Welt des alltäglichen Sexismus. Wie er sich bei Parteitagsabenden, an Hotelbars, im Büro und bei Betriebsfeiern täglich manifestiert.

Meist sind die Männer nur verbal übergriffig, aber da ist auch der Chef, der seine Sekretärin von hinten an den Kopierer presst, der angeblich freundschaftliche Klaps auf den Po, die unerbetene Nackenmassage, wie sie einst auch George W. Bush Angela Merkel verpassen wollte.

Als politischer Berichterstatter habe ich eine Reihe dieser Fälle erlebt. Viele Politiker, die Macht und Wichtigkeit genießen, halten sich – besonders unter Alkoholeinfluss – offenbar für unwiderstehlich. Ein paar Beispiele:

Da war der Minister, der seine Hüfte beim Tanz auf dem Presseball so heftig gegen die Partnerin (die Frau eines Journalisten) presste, dass diese sofort die Tanzfläche verließ.

Oder der Landesvorsitzende, der ebenfalls einen Engtanz versuchte und seine schweißnasse Hand im Rückendekolltee der Tanzpartnerin vergraben wollte.

Oder der mächtige Parteivorsitzende, der eine Journalistin öffentlich als “Hure” beschimpfte, weil er glaubte, sie habe etwas mit dem Chef einer anderen Partei.

Oder der bekannte Politiker, der in der “Paris-Bar” ungeniert seine Hand in das Höschen einer Fraktionsmitarbeiterin steckte.

Oder der Generalsekretär, dessen Sex-Attacken im Karneval gefürchtet waren.

Diese Fälle sind alle einige Zeit her, im Prinzip aber hat sich nicht viel geändert. Eines allerdings: die Reaktion der meisten Frauen und der Öffentlichkeit. Das muss jetzt Rainer Brüderle – zu Recht oder zu Unrecht – erfahren. Mögen auch Übergriffe oder Anzüglichkeiten immer noch nicht tabu sein, die Berichterstattung darüber ist es auch nicht mehr.

Aber es gab auch lustige Fälle: ein mächtiger Politiker nannte beim Parteitagsabend immer wieder aufdringlich und  lautstark seine Zimmernummer – in der Hoffnung, die junge, blonde Journalistin am Tisch verstehe schon, was er meine. Als es dann nach Mitternacht an seiner Zimmertür klopfte, öffnete er erwartungsvoll – und sah zu seiner Enttäuschung einen ihm bekannten männlichen Journalisten. Der hatte geglaubt, der Politiker habe so auffällig seine Zimmernummer genannt, weil er ihm noch ein paar politische Geheimnisse anvertrauen wollte.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

9 Kommentare

1) Peter, Freitag, 25. Januar 2013, 16:27 Uhr

Berlusconi gibt Massagen nur an anderen Stellen. Für den Nacken hat G.W. Expertise. Ansonsten empfinde ich Ihre Darstellung fast als relativierend. Mich ekelt schon die Vorstellung an, dass ein angetrunkener Brüderle mir zu nahe kommt.

2) Gregor Keuschnig, Freitag, 25. Januar 2013, 18:27 Uhr

Ich bin jetzt nicht derjenige, der diese Diskussion besonders aufregend findet. Aber: Wenn schon permanent Andeutungen gemacht werden (auch von der ehemaligen “Spiegel”-Journalistin, dann halte ich es für überfällig auch die Namen zu nennen: Ansonsten versinkt man selber in Heuchelei. Also: Wer war wer?

3) Mphjz, Freitag, 25. Januar 2013, 18:27 Uhr

Also, wenn der Fall Brüderle kein Skandal ist, dann weiß ich nicht. Was noch interessant wäre , ob bei den von Ihnen geschilderten Fällen jemand eingegriffen hat und die Schmutzfinger gestoppt hat?Sexuelle Übergriffe wird es wahrscheinlich immer geben aber man kann auch mal einschreiten, wenn Frauen belästigt werden, besonders wenn es sich um die eigene Ehefrau handelt,wie in bei Ihrem Journalistenkollegen.

4) W.Buck, Freitag, 25. Januar 2013, 19:08 Uhr

Widerspruch.

Diese Beispiele sind relativ alt, weil sich eben doch einiges geändert hat. Heute sollten sich “Profis” auch an der Hotelbar und mit ein paar Gläschen zuviel soweit unter Kontrolle haben, dass so etwas nicht passiert. Schon alleine weil die weiblichen Opfer sich heute vortrefflich zu wehren wissen (zum Glück).

Irgendwie habe ich den Eindruck Herr Brüderle ist in seiner Entwicklung hier in den Siebziger Jahren stehen geblieben

5) klauss, Freitag, 25. Januar 2013, 22:38 Uhr

sehr geehrter herr spreng,
zum einen:
george w bush, nicht berlusconi, hat der verehrten frau bundeskanzlerin – tatsächlich! – eine nackenmassage verpasst.
(nebenbei: ein wahlkampfspruch von bush bei seiner ersten wahl lautete “the ‘w’ stands for women”… “hockey moms” hiess die damals – angeblich – wahlentscheidende zielgruppe im kampf um die wählerstimmen)
zum anderen und trotz der tatsache, dass ich den neusten hype (oder neudeutsch: shistorm) durch das www braust, wie alle anderen hypes nicht mehr hören bzw. lesen kann:
dass die causa brüderle kein skandal ist, da stimme ich ihnen zu. (oder auf talkshow-deutsch: da bin ich bei ihnen…), hat aber leider die junge netzgemeinde wohl vergessen, was wirklich skandalös ist. wie man neuerdings auch mit hunderten leuten befreundet sein kann. o tempes o mores

aber:
ihre anekdotenhafte aufarbeitung bzw. kommentierung halte ich für
a) unpassend, weil die erlittene schamch der dame abwertend. und
b) definitiv nicht mehr zeitgemäß. sorry! und warum lesen sie besser woanders

dazu: alkohol ist nie eine entschuldigung für irgendeine verfehlung, gleich welcher art. er weckt was in dir steckt. nicht mehr und nciht weniger

einigen wir uns in aller güte doch einfach nur darauf, das der schnaps -bzw.weinnasen-rainer weg muss und widmen uns wieder wichtigen sachen.
davos wäre doch einen rant von ihnen wert. oder dass er keinen anstand hat zurückzutreten. oder dass jeden tag hunderttausende menschen verhungern.

o tempes….

(und sorry an peter, den kommentator vor mir. “relativierend” und den berlusconi-bush-fehler hat er ja auch schon bemerkt – hab ich nur zu spät gesehen…)

6) m.spreng, Samstag, 26. Januar 2013, 08:35 Uhr

@ 5) klauss

Mit Bush, das stimmt. Ich habe es geändert. Von Berlusconi stammt die schwere sexistische Beleidgung Merkels, die ich hier aber nicht zitieren kann.

7) Kawan, Dienstag, 29. Januar 2013, 02:39 Uhr

Skandal der keiner ist!

Die Sexismus-Debatte ist in aller Munde und der Aufschrei ist groß. Was für eine Inszenierung.
Wem nützt das? Den Frauen? Wohl kaum, einzig und allein der Stern darf sich über die schöne Publicity freuen.

Ich will durchaus nicht das Thema Sexismus klein reden. Sicher leiden viele darunter, Frauen wie auch Männer. Alljährlich kann man die Übergriffe zum Weiberfastnacht in Köln beobachten. Da vergessen allzu gern Männer wie auch Frauen ihre guten Manieren und stürzen sich auf potenzielle Opfer (als wären sie Freiwild).

Wer kein Opfer sein will, der muss wehrhaft sein. So wäre es doch toll gewesen wenn die gute Frau Himmelreich direkt, an Ort und Stelle reagiert hätte und nicht ein Jahr später dem Brüderle auf dem Zahn fühlt. So hat das Ganze einen billigen Beigeschmack und man könnte auf die Idee kommen, dass es nicht um den Sexismus geht sondern um eine persönliche Abrechnung mit Brüderle.

Überhaupt gefällt mir die Opferrolle einiger Frauen nicht. Deutschland ist nicht Arabien, hier kann jede Frau wehrhaft sein, doch eine Frauenbewegung ist nicht in Sicht. Beispielsweise werden durchschnittlich Frauen immer noch schlechter bezahlt als Männer, warum organisieren die Damen keinen Generalstreik? Warum verharren einige immer wieder gerne in der Opferrolle?
Es wird immer wieder gern von Gleichberechtigung gesprochen, aber tatsächlich in Anspruch wird sie selten genommen. Wehrhafte Frauen brauchen weder Frauenquote noch eine Debatte über Sexismus, man wehrt sich einfach!

8) Kawan, Dienstag, 29. Januar 2013, 02:45 Uhr

Zum Thema passt auch dieser Artikel:

http://zettelsraum.blogspot.de/2013/01/laura-himmelreich-ein-opfer-ja-aber.html

9) Lisa, Donnerstag, 31. Januar 2013, 23:08 Uhr

Die Tatsache, dass Frau Himmelreich ihren Artikel erst ein Jahr später veröffentlicht hat, hat sicher einen bitteren Beigeschmack, dennoch finde ich, sollte das Thema Sexismus nicht klein geredet werden.
Brüderles Verhalten ist, sofern die Berichterstattung von Frau Himmelreich der Wahrheit entspricht, keine Lappalie, dies grenzt schon ziemlich stark an Sexueller Belästigung. Und einige “Vorfälle”, die im Artikel erwähnt werden, sind genau das.
Auch ich bin der Meinung, dass Frauen sich gegen solche Aktionen direkt und deutlich zur Wehr setzen sollten und müssen. Muss aber auch aufgrund eigener Erfahrung eingestehen, dass dies nicht immer so einfach ist. Sei es, dass man sich überrumpelt fühlt und gar nicht weiß, wie einem geschieht, so dass man im ersten Moment gar nicht weiß, wie man darauf reagieren soll. Auch wollen Frauen nicht als Spielverderber oder überempfindlich darstehen und wenn dann auch noch ein Abhängigkeitsverhältnis besteht, z.B., in Form eines Angestelltenverhältnisses, dann spielen da auch noch viele andere Bedenken eine Rolle. Warum manche Frauen sich nicht wehren, kann viele komplexe Gründe haben. Die sind verständlich, leider auch sehr unnötig. Ich für meinen Teil habe gelernt, mir diesbezüglich keine Gedanken mehr zu machen und mich dagegen zur Wehr zu setzen, musste aber auch erst mit der zeit diese (womöglich ansozialisierten?) Hemmschwellen zu überwinden. Natürlich sollten mehr Frauen für ihre Rechte einstehen, und ich kann nur jeder empfehlen laut gegen Benachteiligung oder Belästigung anzukämpfen. Doch warum sollte eine Debatte über Sexismus da unnötig sein. Nutzlos wäre sie, wenn es bei dieser Debatte bliebe und letzten Endes einfach so wieder im Boden versickert, ohne das man mehr draus macht.
Und zuletzt: Sexismus geht ALLE was an. Wenn man von Frauenrechten und Gleichberechtigung spricht, spricht man von Menschen, ich sehe nicht ein, warum Frauen das allein austragen sollten. Auch Männer sind von Sexismus betroffen. In welche Richtung soll sich unsere Gesellschaft denn bitte entwickeln, wenn wir uns nur noch für das einsetzen, wovon ausschlieslich wir einen Vorteil haben? Genauso gut könnte man dann ja sagen: “Wieso sollte ich etwas gegen Rechtsextremismus unternehmen. Ich bin Deutscher, mich betrifft das doch nicht.” Oder: “Ich hab doch einen guten Job. Was interessieren mich die lohngedumpten Minijobber, die hart arbeiten und trotzdem kaum genug Geld zum leben haben.” Oh, jetzt fällts mir auch auf: Die “Geht-mich-doch-nichts-an-und-interessiert-mich-auch-nicht-Einstellung ist ja schon längst in sämtlichen Gesellschaftsschichten bei vielen Mitbürgern fest verankert. :-)
Also bitte!

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


apparent media - iPhone Apps aus Berlin