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Sexismus in der Politik

Der Fall Brüderle („Herrenwitz“ im „Stern“) ist sicher kein Skandal, wenn die Angaben der Journalistin aber stimmen, ist er ein wichtiger Erfahrungsbericht aus der Welt des alltäglichen Sexismus. Wie er sich bei Parteitagsabenden, an Hotelbars, im Büro und bei Betriebsfeiern täglich manifestiert.

Meist sind die Männer nur verbal übergriffig, aber da ist auch der Chef, der seine Sekretärin von hinten an den Kopierer presst, der angeblich freundschaftliche Klaps auf den Po, die unerbetene Nackenmassage, wie sie einst auch George W. Bush Angela Merkel verpassen wollte.

Als politischer Berichterstatter habe ich eine Reihe dieser Fälle erlebt. Viele Politiker, die Macht und Wichtigkeit genießen, halten sich – besonders unter Alkoholeinfluss – offenbar für unwiderstehlich. Ein paar Beispiele:

Da war der Minister, der seine Hüfte beim Tanz auf dem Presseball so heftig gegen die Partnerin (die Frau eines Journalisten) presste, dass diese sofort die Tanzfläche verließ.

Oder der Landesvorsitzende, der ebenfalls einen Engtanz versuchte und seine schweißnasse Hand im Rückendekolltee der Tanzpartnerin vergraben wollte.

Oder der mächtige Parteivorsitzende, der eine Journalistin öffentlich als „Hure“ beschimpfte, weil er glaubte, sie habe etwas mit dem Chef einer anderen Partei.

Oder der bekannte Politiker, der in der „Paris-Bar“ ungeniert seine Hand in das Höschen einer Fraktionsmitarbeiterin steckte.

Oder der Generalsekretär, dessen Sex-Attacken im Karneval gefürchtet waren.

Diese Fälle sind alle einige Zeit her, im Prinzip aber hat sich nicht viel geändert. Eines allerdings: die Reaktion der meisten Frauen und der Öffentlichkeit. Das muss jetzt Rainer Brüderle – zu Recht oder zu Unrecht – erfahren. Mögen auch Übergriffe oder Anzüglichkeiten immer noch nicht tabu sein, die Berichterstattung darüber ist es auch nicht mehr.

Aber es gab auch lustige Fälle: ein mächtiger Politiker nannte beim Parteitagsabend immer wieder aufdringlich und  lautstark seine Zimmernummer – in der Hoffnung, die junge, blonde Journalistin am Tisch verstehe schon, was er meine. Als es dann nach Mitternacht an seiner Zimmertür klopfte, öffnete er erwartungsvoll – und sah zu seiner Enttäuschung einen ihm bekannten männlichen Journalisten. Der hatte geglaubt, der Politiker habe so auffällig seine Zimmernummer genannt, weil er ihm noch ein paar politische Geheimnisse anvertrauen wollte.