Sonntag, 27. Januar 2013, 12:37 Uhr

Der Schrecken der Wahlforscher

Er ist der Schrecken der politischen Meinungsforschung, weil sie ihn vor einer Wahl nicht zu fassen bekommen: der Last-Minute-Wähler. Er entscheidet sich erst  in den letzten Tagen oder Stunden vor einer Wahl, manchmal sogar erst, wenn er den Wahlzettel in die Hand gedrückt bekommt. Er entscheidet taktisch, situativ oder nach Lust und Laune.

Der Last-Minute-Wähler ist nicht zu fassen. Erst bei der Nachwahlbefragung vor den Wahllokalen, die sonntags um 18 Uhr als Prognose veröffentlicht wird, gibt er sich zu erkennen.

Deshalb ist jetzt wieder Häme angesagt über die unfähigen Meinungsforscher, die bei der Niedersachsenwahl mal wieder voll daneben gelegen haben. Wenn man es genauer untersucht, dann stimmt das nur, was die FDP betrifft und bei ihr auch nur, was die Höhe ihres Ergebnisses betraf.

Denn zwei Tage vor der Wahl ermittelten die beiden großen Institute, die für die ARD und ZDF arbeiten, in ihren unveröffentlichten Umfragen für die FDP zwischen sechs und acht Prozent. Und sie sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Rot-Grün und Schwarz-Gelb voraus.

Wer am Wahltag dann die Nase mit ein paar tausend vorne haben wird, das kann auch der beste Wahlforscher nicht vorhersagen.

Das Problem also war die FDP. Da sie aber kaum noch Stammwähler hat, ist sie auch die unfassbarste Größe bei den Umfragen. Ihre Wähler kommen nur noch wie Flugsand oder verwehen wie dieser. Und, wenn die Nachwahlbefragungen stimmen, dann haben sich  25 Prozent aller Wähler erst am Samstag oder Sonntag entschieden, wem sie ihre Stimme geben.

Das heißt in der Konsequenz: die Wahlforscher müssten künftig ihre Vorhersagen mit noch mehr Warnhinweisen als bisher versehen, die allerdings von den Medien so gut wie nie veröffentlicht werden. Heute schon ist jede Prozentzahl mit dem Hinweis zu begleiten: es könnten auch 2,5 Prozent mehr oder weniger sein. Bei kleinen Parteien 1,5 Prozent. Künftig müsste es korrekterweise zusätzlich heißen: und wir wissen nicht, wie sich ein  relevanter Teil der Wähler noch in letzter Minute entscheiden wird.

Diese Schwankungsbreite öffnet Tür und Tor für Manipulationen. So können Meinungsforscher, die auf publizistische Show-Effekte aus sind, Nachrichten produzieren, indem sie – nach eigenem Gusto – die Schwankungen einseitig ausreizen und Parteien oder Kandidaten fallen und aufsteigen lassen.

Wählerbefragungen sind noch mehr als bisher reine Aussagen zu den Großtrends, Details erst nach der Wahl. Wenn es jetzt wieder Umfragen zur FDP in Höhe von nur vier Prozent gibt, heißt das in Wirklichkeit: ohne die taktischen Wähler, die vielleicht noch (in Niedersachsen ermuntert durch die CDU) hinzukommen. Das kann für die Bundestagswahl auch bedeuten, dass keine hinzukommen oder nur ein oder zwei Prozent, wenn die CDU eine klare Zweitstimmenkampagne in eigener Sache führt.

Die Meinungsforschung, auch die einigermaßen seriöse,  ist endgültig an ihre Grenzen gestoßen. Und das ist auch gut so. Es macht den Kopf frei für eigene, weniger von Vorhersagen beeinflusste Entscheidungen.

Völlig unseriös sind übrigens Umfragen, die bei gerade mal tausend Befragten noch angebliche Detail-Meinungen der FDP-Wähler veröffentlichen – bei einer Zahl von 40 Antworten, die für die FDP votierten.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

49 Kommentare

1) Rolf Kepper, Samstag, 21. September 2013, 11:32 Uhr

Die Berliner Zeitung DER TAGESPIEGEL hat gestern eine aktuelle Übersicht aller Umfragen und Wahlprognosen gebracht. http://www.tagesspiegel.de/politik/umfragen-wahlwetten-prognosen-kann-die-demoskopie-wahlen-entscheiden/8819130.html – Man fragt sich schon wie bei gleicher Fragestellung so unterschiedliche Ergebnisse zustande kommen. Interessant sind auch die Wahlprognosen vom Spiegel und wahlwette.net, die da aufgeführt werden. Im Gegensatz zu der üblichen Sonntagsfrage „Was würden Sie wählen“ wird hier nach der Erwartung der Anderen gefragt. Es wird hier also nicht nach der Wahlabsicht gefragt sondern um eine Prognose gebetten wie man einschätzt dass die Anderen wählen. Angeblich führt eine sogenannte Schwarmintelligenz dann zu brauchbaren Ergebnisses. Wird man ja morgen abend sehen ob das hinhaut. http://www.wahlwette.net

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


granny - the social agency from Berlin