Mittwoch, 30. Januar 2013, 11:02 Uhr

Danke, Grimme-Institut!

Kack die Wand an, da kriegst du Karneval im Kopf: das altehrwürdige Grimme-Institut hat endlich Anschluss an das Fernsehen von heute bekommen. Eine überfällige Korrektur. Das Grimme-Institut verharrt nicht länger in den antiquierten Qualitätsmaßstäben des vergangenen Jahrhunderts, sondern stellt sich mutig an die Spitze des Zeitgeistes.

Was den Feuilletons recht ist, ist dem Grimme-Institut billig: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ ist das Qualitätsfernsehen von heute. 8,64 Millionen Zuschauer können nicht irren. Danke für die  Nominierung des Dschungel-Camps für den Grimme-Preis. Das ist der Respekt vor dem Zuschauer, den wir so lange vermisst haben.

Menschenversuche im Fernsehen – diesen Trend hatte das Institut lange verschlafen. Wie konnte das nur passieren ? Es gibt doch nichts Anregenderes und Erhabeneres für den Kulturschaffenden von heute als eine Sendung, in der elf Vertreter des Showprekariats aufeinander gehetzt und mit Ekelprüfungen gequält werden. Warum wurde so lange nicht erkannt, wie preiswürdig eine Show ist, in der Menschen ihre Würde gegen eine große Hand voll Euro an RTL verkaufen?

Aber warum auf halbem Wege stehen bleiben? Was ist mit den „Geissens“ für die beste Dokumentation, was ist mit all den wunderbaren Formaten wie „Bauer sucht Frau“, „Frauentausch“ oder „Schwiegertochter gesucht“? Und wie konnte es passieren, dass „Berlin – Tag & Nacht“ nicht auf Eurer Liste auftaucht? Noch ist vieles nicht ausgezeichnet. Warum habt Ihr Euch halbherzig nur für ein Format entschieden? Das wäre doch eine neue Kategorie wert.

Lasst Euch ja nicht auf Eurem Weg irre machen von zurückgebliebenen Kritikastern, die immer gedacht hatten, Marl sei das letzte gallische Dorf des deutschen Fernsehens. Ihr seid endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Preisträger der vergangenen Jahre werden es Euch danken.

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55 Kommentare

1) Matthias, Freitag, 01. Februar 2013, 01:13 Uhr

Hat denn schon mal einer der (künstlich) Empörten daran gedacht, dass hinter der Nomminierung des Grimme Institues eine gewisses Kakül steckt? Die Sendung ist doch ’nur‘ nominiert. Aber schon die Nomminierung reicht aus, um den Grimmepreis mit einem Schlag wieder in aller Munde zu bekommen. Eine bessere PR-Strategie kann es doch gar nicht geben.
Und die Strategie geht auf, denn sogar all die Intellektuellen Medienprofis beteiligen sich daran und schreien es bis ins letzte Eck des Internets, dass es mal wieder Medienpreise aus Marl gibt.

2) Martin, Freitag, 01. Februar 2013, 20:04 Uhr

Herr Spreng,

ich hätte die Ironie beinahe nocht erkannt 😉
Aber ehrlich: Das Dschungelcamp ist tatsächlich die beste Unterhaltungsshow, die es zur Zeit im deutschen TV gibt. Es ist sehr unterhaltsam, und eben nicht entwürdigend wie manch andere Reality Formate, da die Situationen im Dschungelcamp immer wieder ironisch und augenzwinkernd gebrochen werden, es ist eine Sendung, die sich selbst nicht ernst nimmt, und das tut sehr gut.
Ich habe nie das Gefühl, das dort jemandem seine Würde verletzt wird.
Früher fanden es ja auch einige unmöglich, wenn in einem Spielfilm geküsst wurde, oder jemand mal kurz nackt zu sehen war…das galt damals auch als enwürdigend, und die Darstellerinnen wurden beschimpft…

3) Wolf-Dieter, Samstag, 02. Februar 2013, 10:59 Uhr

Habe Ihre Polemik genossen. Deswegen brauche ich ihr aber nicht zuzustimmen.

Das Dschungelcamp trägt keine Schuld am Untergang des Abendlands. Entweder besteht die Gefahr nicht, oder es ist sowieso zu spät.

Dass ich selbst die Sendung nicht sehe, liegt schlicht daran, dass sie mir zu langweilig ist. Sonja Zietlow und Dirk Bach selig liefer(te)n saubere Kommentare, aber die Stars sind mir Wurscht, und Handung gibts sowieso keine. Ich bevorzuge Krimis (mit Action, ohne Liebesszenen) sowie Forschung und Technik.

Und generell entscheide ich selber, wann ich das Abendland untergehen lasse.

4) Peter Christian Nowak, Samstag, 02. Februar 2013, 21:28 Uhr

@48) Matthias,

Ihre Theorie setzt voraus, dass das Grimme-Institut ebenso wie Sie kalkulativ denkt. Denkt es aber nicht. Es „denkt“ gar nicht, schon gar nicht kalkuliert, sondern passt sich dem an, was wir neumodisch „main-stream“ nennen. Das Grimme-Institut kultiviert sozusagen das, was die Mittelmäßigkeit der Konsumenten hergibt. Mehr nicht. Und das ist das eigentliche Armutszeugnis, was sich das Grimme-Institut mit der „nur“ Nominierung ausgestellt hat.

5) Doktor Hong, Sonntag, 03. Februar 2013, 18:29 Uhr

Naja, immerhin habe ich dadurch erfahren, dass es einen Grimme-Preis gibt.

Ist doch auch was.

Wer den Untergang des Abendlandes befürchtet: An diese Menschen kann ich nur die Bemerkung richten, dass sie vielleicht eher ihrer Romantisierung der Vergangenheit zum Opfer fallen.

Einst mag Deutschland ja das „Land der Dichter und Denker“ gewesen sein – 99.9% waren aber trotzdem Bauern und konnten mit Goethe, Schiller und dergleichen nichts anfangen, so sie denn überhaupt lesen konnten.

Kultur wird immer nur von einigen wenigen geschaffen und getragen, und auch nur von wenigen konsumiert. Der Rest von uns will unterhalten werden, und das ist dann doch etwas anderes.

Ich persönlich verstehe unter gelungener Unterhaltung auch etwas anderes als Dschungel-Camp, aber das ist eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Man sollte immer daran denken, dass „Schadenfreude“ auf Englisch „schadenfreude“ heißt. Hierzulande ist man glücklich, wenn es den anderen dreckig geht, und das sollte man als Wesenzug unseres Nationalcharakters auch offensiv nach außen tragen – zumal der Krieg doch schon solange zurück liegt. Da kann man auch mal einer Schadenfreuden-Voyeurismus-Sendung einen Kulturpreis verleihen.

6) Doktor Hong, Sonntag, 03. Februar 2013, 18:31 Uhr

Hmm, den letzten Absatz hatte ich mit Sarkasmus-Tags versehen. Scheint WordPress entfernt zu haben.

7) nurmalso, Mittwoch, 06. Februar 2013, 12:47 Uhr

OMG

Das Abendland geht unter und die Kulturpessimisten hyperventilieren um die Wette (wobei … eigenartig – es guckt ja keiner von den Bildungsbürgern).

Ich gebe zu, ein treuer Fan der ersten Staffel zu sein und nach diesem Geständnis zum Lerchenberg zu pilgern und Buße zu tun.

8) C.P.Boenigk, Donnerstag, 07. März 2013, 07:46 Uhr

So, nun ist das passiert,was in unserem Lande eigentlich immer passiert : nach der Aufregung haben sich die Gemüter beruhigt, sprich, die Gesellschaft hat sich an den Unsinn ( in diesem Fall die Nominierung des ,Dschungelcamp‘ für den Grimmepreis ) gewöhnt und ihn geschluckt. Jetzt wollen wir eine Weile warten, bis wir der nächsten Unsinn oder Müll erleben, dann geht das Spielchen von vorne los. Das Auditorium frisst eigentlich alles was man ihm vorsetzt -, solange der Brocken nicht zu groß ist. Aber in kleinen Scheibchen verabreicht. so, wie wir es seit Jahrzehnten erleben, schlucken wir alles. Und in der Summation bis heute ein ganz schöner Haufen Mist zusammengekommen, bis zum ,Dschungelcamp‘ – Niveau. Keine Sorge, die nächste Sauerei wartet schon.

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