Freitag, 24. Mai 2013, 12:03 Uhr

Die etwas andere Korruption

Auch in der Beziehung zwischen Politikern und Journalisten gibt es Formen der Korruption, allerdings keine, die mit Geld zu tun haben. Und keine, die strafrechtlich relevant sind.

Da läuft es anders: der Politiker lässt Nähe zu und gibt vertrauliche Informationen oder stellt sich als Galionsfigur für Projekte einer Zeitung oder eines Verlages zur Verfügung. Die Zeitung schenkt ihm im Gegenzug positive Berichterstattung, verleiht ihm Bedeutung, Wichtigkeit.

Normalerweise bleiben solche Geschäftsbeziehungen geheim, öffentlich zu beobachten sind nur die Folgen. Manchmal aber zerreißt eine unüberlegte Aktion ein solches Beziehungsgeflecht – in diesem Fall das peinliche Foto von BILD-Chef Kai Diekmann und FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Es zeigt eine überschwängliche Umarmung, ein Politiker und ein Journalist wie zwei Liebende, die sich nach langer Trennung endlich wiederfanden.

Auch in diesem Fall gilt: ein Foto sagt mehr als tausend Worte. Und prompt beschäftigt sich eine kritische Öffentlichkeit mit der Geschichte dahinter. BILD preist seit Wochen den Vier-Prozent-Parteivorsitzenden als „Mr. Cool“ oder „Minister Cool“, Rösler wiederum macht den Werbekasper und Türöffner für Springers Versuche, die Start-Up-Szene enger an den Verlag zu binden.

Eine Win-Win-Situation, könnte man meinen. Das Foto macht aber eine Lose-Lose-Situation daraus. Zwei Männer, die sich in kritischer professioneller Distanz gegenüberstehen müssten, fallen sich in die Arme. Mit dem Foto fällt beider professionelle Glaubwürdigkeit.

Das Foto wird beide noch lange verfolgen und immer wieder einholen. Beim nächsten BILD-Jubelbericht über Rösler oder beim nächsten Auftritt Röslers beim oder zugunsten des Springer-Verlages. So wie Karl Theodor zu Guttenberg von seinem anmaßenden Times-Square-Foto eingeholt wurde. Auch er hatte BILD als Karrierebeschleuniger benutzt – und BILD hatte ihn benutzt. Das Ende ist bekannt.

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20 Kommentare

1) Heinrich, Freitag, 24. Mai 2013, 12:20 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

wo bitteschön hatte Kai Diekmann denn vor diesem Foto eine „professionelle Glaubwürdigkeit“, die er nun verlieren kann?
Mindestens seit der Gründung des BILD-Blogs ist diese dahin.

2) karel, Freitag, 24. Mai 2013, 12:20 Uhr

Kritische professionelle Distanz?

Für die SPD kein Problem,
dank DDVG, ÖR, WAZ und viele viele Andere.

Man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln sieht man nicht.

3) Don Corleone, Freitag, 24. Mai 2013, 15:28 Uhr

2) karel, Freitag, 24. Mai 2013, 12:20 Uhr

Danke für Ihr Zitat aus der „Dreigroschenoper“. Der knorrige alte Bertolt B. wusste gar nicht, wie prophetisch sein Text war, auch nach 85 Jahren noch. Oder wusste er es doch? Denn prägnanter und gültiger lassen sich die politischen, medialen, charakterlichen und moralischen Zustände unserer Gesellschaft, damals wie heute, nicht beschreiben.

4) Guido Hartmann, Freitag, 24. Mai 2013, 17:06 Uhr

Leider wird es niemanden interessieren.

1) Heinrich hat ganz recht, wenn er darauf hinweist, dass Glaubwürdigkeit für die Bild noch nie ein relevantes Thema gewesen ist. Trotzdem wird der Bild „geglaubt“.
Man sieht nicht nur hier sondern überall, dass das Publikum, bzw. „der Leser“ keinen Bedarf an Informationen hat, sondern an Meinungen. Das zieht sich durch sämtliche politischen Lager. Rösler ist mit Diekmann befreundet? Das wird werde Bild-Leser noch FDP-Anhänger sonderlich stören. Und wer nicht anders kann, als zuzugeben, dass es ein Makel ist, weist auf die Schlechtigkeit anderer hin, die es auch nicht besser machen. Denn wenn wir alle gleich schlecht sind, so gibt es keine Schlechtigkeit mehr und wir müssen uns nicht damit auseinandersetzen.

Am Ende wird das Foto dem Rösler nützen, weil er im Gespräch bleibt.

5) wschira, Freitag, 24. Mai 2013, 17:16 Uhr

2) karel, 3) Don Corleone
Der reinste Kindergarten. „Warum hast du das Pausenbrötchen von Peter genommen? Aber die Renate hat auch eins von Emil genommen.“ Gehts noch? Was hat dieses entlarvende Photo mit der SPD zu tun? (Im Übrigen dürfte die Zahl der CDU- und FDP-nahen Publikationen erheblich grösser sein als die der SPD-nahen).
Darüberhinaus dürfte das Brecht-Zitat eher auf die Hoeness‘ dieser Republik passen, denn Brecht sprach bei diesen Worten von Verbrechern, und Karel bleibt es in seinem pathologischen Hass auf alles Linke vorbehalten hier eine Verbindung herzustellen.

6) senta rieger, Freitag, 24. Mai 2013, 18:58 Uhr

Ich frage mich schon seit Jahren, warum Politiker so grottendumm sind, Beispiele gäbe es ja genug, an denen man lernen könnte.
Dass Rösler nichts kann, beweist er jeden Tag, dass er aber genauso dumm ist, wie viele seiner Vorgänger, ist schon erschreckend.

7) senta rieger, Freitag, 24. Mai 2013, 19:00 Uhr

@karel
Das Zitat hilft nicht, man müsste wissen, dass Brecht sich dem DDR-Regime in unverantwortlicherweise angedient hat, insofern ist die Interpretatio des Zitats obsolet.

8) Alex, Freitag, 24. Mai 2013, 23:40 Uhr

@ wschira
„(Im Übrigen dürfte die Zahl der CDU- und FDP-nahen Publikationen erheblich grösser sein als die der SPD-nahen).“
Häh?
http://blog.ronniegrob.com/2011/02/07/die-politisch-ach-so-neutralen-journalisten/
Zugegeben, etwas alte Daten, aber es wird klar, warum ich widerspreche.

Derweil finanziert das ZDF die 150 Jahr Feier der SPD.
http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/05/24/zdf-finanziert-mit-gebuehren-geldern-partei-veranstaltung-der-spd/

Und bis jetzt (!) ist Hoeness nur Opfer und verdächtig, weil die im Gesetz zugestandene Geheimhaltung nicht gewahrt wurde. Verbrecher ist er erst nach einer rechtskräftigen Verurteilung.

Schon doof, wenn das eigene Rechtsempfinden nicht der allgemein gültigen Rechtssprechung entspricht.

Aber Karels Anmerkung impliziert die Frage, ob Parteien an öffentlichen Medien beteiligt sein dürfen. Und wenn, ob sie es kennzeichnen müssten. Das betrifft alle Parteien. Eigentlich dürfte es, m. A. nach, keine Verbindungen zwischen Medien, Parteien und NGOs geben. Nur so wäre ein Ansatz von Neutralität m. E. gegeben.

9) karel, Samstag, 25. Mai 2013, 00:41 Uhr

5) wschira
Im Sozialimus küßten sich sogar die politisch mächtigen Männer.
Dieses Bild Rösler/Diekmann müßte Ihnen doch Freude bereiten….

Im Ernst:
Der Hausherr schrieb:
„Zwei Männer, die sich in kritischer professioneller Distanz gegenüberstehen müssten,
fallen sich in die Arme.“
Und da frage ich Sie: warum das Professionelle denn nur hier?
Glauben Sie etwa an eine kritisch professionelle Distanz von Medien,
die sich im Besitz und, sagen wir mal, in kritikwürdiger Nähe zu einer Partei befinden?
Das ist weitaus ernster als der Vergleich mit Klein Peter und Klein Renate und ihrem Emil.
Selbst das Grundgesetz sieht vor,
daß Parteien der Willensbildung des Volkes zu „dienen“ hat, aber nicht,
daß das Volk die politischen Willensbildung durch Parteien „verdient“ hat.

Und wenn ein Willy Brand auf die Knie fällt, steht er „im Licht“,
Und wenn z.B. die damalige BfA das Schweigen der Medien zum kollossalen Renten-Versagen der Regierung Brandt heftig kritisiert, „das sieht man nicht“.
„phatologischer Hass“…. genügt offenbar, um die Realität meiden.

10) senta rieger, Samstag, 25. Mai 2013, 05:57 Uhr

Jetzt mal was Grundsätzliches: Warum haftet Merkel eigentlich nicht allmählich dafür, was ihr Kabinett alles so verzapft?
Man kann doch- mainstream der Presse- nicht dauernd behaupten, Merkel stehe unverzagt in reinem Licht da und werde den Wahlkampf schon schaukeln.
Sie wird dafür haften müssen, was auch nach Sept. 13 passiert. Dass sie zurücktreten wird, ist ja schonmal durchgesickert- und das ist just d e r Moment, in dem alles in Deutschland kippen wird.

Also, jetzt kann man bei der Wahl noch was machen.

11) manni.baum, Samstag, 25. Mai 2013, 08:45 Uhr

das sagt der Diekmann : bei 8 Millionen Bild-Lesern täglich und jeweils nur ein paar tausend bei taz,Freitag,Sprengsatz etc. ist die „kritische Öffentlichkeit“ quantitativ nicht relevant.

12) Hauschke Nr. 6, Samstag, 25. Mai 2013, 11:01 Uhr

Bei Herrn Rösler bin ich immer wieder froh, dass er nicht las Arzt praktiziert. Da ginge es immerhin um Leben und Tod. Jetzt geht es ja nur um Regierungspolitik… wass für ein Glück für uns.

13) karel, Samstag, 25. Mai 2013, 11:02 Uhr

11) manni baum
Die ARD erreicht 83 Mio Bürger.
Deren Programmdirektion lag stets in bewährten Händen von SPD-Freunden..
Einer der langjährigen Gestalter namens Struve diente schon einem Willy Brandt,
später auch einem Gerhard Schröder. Und lange Jahre der ARD.
Die Verlagsgruppe DDVG erreicht täglich geschätzte 13 Mio Leser.
Ein Bodo Hombach, einst Wahlleiter für Schröder, leitete lange Jahre die WAZ,
ein Michael Naumann als Chefredakteur jetzt das einst konservative Blatt Cicero.

Und beim ZDF ist der oberste Chefposten, der Vorsitz des Verwaltungsrates
über viele Jahre von Kurt Beck besetzt, sicherlich nicht als „Frühstücksdirektor“.

Soviel „Nähe“ zu den Medien ist selbst der CDU/CSU nicht vergönnt.
Von der FDP ganz zu schweigen.

14) Frank Reichelt, Samstag, 25. Mai 2013, 12:10 Uhr

Der mediale Aufschrei über das Rösler-Diekmann-Umarmungs Foto scheint mir eher aus einem schlechten Gewissen und der bekannten Methode „Haltet den Dieb“ zu resultieren!

Gerade in der Bonner- und jetzigen Berliner Blase gab es doch schon immer innige Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern. Mysteriöse Kamingespräche, buhlen um Plätze in der Kanzler- oder Ministermaschine, wo man sich mal ungezwungen näher kommt, Sommerfeste und Pressebälle, Treffen an der Hotelbar zu nachtschlafender Zeit (Stichwort: Laura Himmelreich) usw. usw.
Ich möchte nicht wissen, wieviele Journalisten und Politiker sich Privat duzen, aber vor der Kamera in das scheinbar distanzierte „Sie“ verfallen und so tun, als würden sie sich nur auf der Arbeitsebene kennen.

Weil aber beide Seiten daran interessiert sind, diesen Zustand verborgen zu halten, erfahren wir davon meistens nichts. Umso größer ist nun die heuchlerische Empörung über Kai Diekmann, der das Kartell des Schweigens durch ein verräterisches Bild gebrochen hat.

Ich empfehle die Lektüre des Romans „Das Treibhaus“ von Wolfgang Koeppen, sehr erhellend.

15) Satzzeichenfehler, Samstag, 25. Mai 2013, 19:13 Uhr

@ Karel wg. 2)

Meinen Kindern erkläre ich immer und immer wieder, dass man keinen Scheiß mit dem Verweis auf von anderen gemachten Scheiß rechtfertigen kann, weil man damit bestenfalls belegen kann, dass beides Sch…. ist und man so, logisch gedacht, zwingend einräumt, dass das zuerst reklamierte Verhalten eben genau das ist……
In Zukunft werde ich Ihre Kommentare als Beleg dafür heranziehen.

Danke dafür.

16) karel, Sonntag, 26. Mai 2013, 13:09 Uhr

@Satzzeichenfehler

Es wäre auch gut, den Kindern die Welt der Ironie,
auch die heute üblichen „Zweideutigkeiten“ zu erklären,
zu lehren, zwischen den Zeilen zu lesen, nicht alles zu glauben.
Auch Bilder gehören dazu.

Wir haben nicht nur heute eine „Scheiß“-Welt, in der es üblich ist,
daß die „Lügen 3x die Erde umkreist“ haben,
bevor die Wahrheit mal sichtbar wird, sichtbar werden darf.
Und diese Welt lebt von der ihr innewohnenden Logik.

Weiterhin:

Mir ist schon lange, lange aufgefallen,
daß hierzulande die Medien-, die Kultur-, die Politik-, insbesondere die Bildungs-Landschaften
von einer Schar Intellektuellen geführt und geprägt wird, die nur linksintellektuell sein kann.

Logisch…..
Denn Rechtsintellektuelle, ja, gibt´s die überhaupt?

.

17) muschkin11, Dienstag, 28. Mai 2013, 09:08 Uhr

Das Problem, welches ich hier sehe, ist nicht der offensichtliche Vorwurf der Korruption, viel mehr die schizophrene Situation, in welcher sich sämtliche Leute der deutschen Regierung sofort befinden, wenn ihnen auch nur der kleinste Fehltritt geschieht. Ich meine was soll das bitte? Ist das nur zwieträchtige Missachtung, oder ist das systematische Hetze, dass ein Politiker den ich als „annehmbar“ graduieren würde, sofort nach dem Vorwurf des vermeindlichen Betrugsversuchs beim Schreiben einer Doktorarbeit von allen Seiten bedrängt und zerstückelt wird. Der ehemalige Bundespräsident ist ebenfalls ein gutes Beispiel. BILD pusht ihn als er ihr nutzt…BILD pullt ihn zurück als er nicht mehr als „Diamant“ gilt.

– Massenmedien…Volksverdummung auf höchstem „NIVEAU“ :))

18) Peter Christian Nowak, Dienstag, 28. Mai 2013, 11:40 Uhr

@16) karel,

…linksintellektuell, rechtsintellektuell, mittelinksintellektuell…usw.
darauf kommt es doch gar nicht an!

Wichtig ist die richtigen Entscheidungen in der Politik zu machen. Nun kann man sich trefflich streiten, was die richtige Politik ist, nicht wahr?
Nur darum geht´s… und nicht um irgendwelche Verortungen nach der Gesäßgeographie

19) D. Lux, Mittwoch, 29. Mai 2013, 16:16 Uhr

Das Bild sagte mehr als tausend Worte, keine Frage.

Erstaunlich für mich jedoch, dass es Diskussionen auslöst.

Als Österreicher kann ich erzählen, wir sind anderes gewohnt.

Die öffentliche Liaison von Politikern mit bspw. der Krone, oder großer Umarmung zwischen einem Talkgast Teilnehmer und der Puls4-Moderatorin kurz vor Beginn und nach des „Runden Tisches“, aber auch schon im „Qualitätssegment“ gesehen.

Schön, wenn solche Fotos zu Diskussionen und Reflexion führen.

lg Dominik Lux
http://www.luxundpartner.at

20) Tobi, Samstag, 01. Juni 2013, 01:40 Uhr

Unangemessene Nähe zwischen Politikern und Journalisten hat es sicher schon immer gegeben, aber man muss sich schon mal fragen, wie dämlich (oder verzweifelt) der Rösler ist, das so offen zu zeigen. Frage mich auch, wie er sich durch nähe zur journalistischen Gosse beim Apotheker- und Anwaltsklientel der FDP im eine Wiederwahl bewerben will…

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