Montag, 24. Juni 2013, 15:27 Uhr

Die CDU und ihr Familienmodell

Mit einem Wahlprogramm ist es wie mit frischem Obst oder Gemüse – es verdirbt sehr schnell. Das Wahlprogramm der CDU/CSU hat – wie alle anderen –  eine Haltbarkeitsdauer bis zum 22. September.

Danach gilt nur noch das Regierungsprogramm der Koalition, die dann gebildet wird. Und je nach dem, wer der Koalitionspartner wird, enthält dieses nur noch wenig von dem, was im Wahlprogramm steht.

Bei einer erneuten Koalition mit der FDP würde sich mit Mietpreisbremse, gesetzlicher Frauenquote, Mindestlohn und Kindergelderhöhung nichts tun. Bei einer großen Koalition würde sich herausstellen, dass heute die Schnittmengen der CDU/CSU mit der SPD größer sind als mit der FDP und den Grünen.

Dann würde die CDU sogar einen gesetzlichen Mindestlohn und einen leicht höheren Spitzensteuersatz schlucken und die SPD auf eine Rücknahme des Betreuungsgeldes verzichten.

Aber vieles aus beiden Wahlprogrammen würde dem Verfallsdatum zum Opfer fallen. Deshalb sind Wahlprogramme tatsächlich nicht besonders ernst zu nehmen. Sie sind mehr eine Selbstvergewisserung der Parteien, wo sie heute stehen und was sie für wünschenwert halten, als ein Versprechen oder eine Handlungsanweisung für die Regierung.

Eines ist aber am CDU/CSU-Wahlprogramm interessant: das Familien- und Frauenbild, das dahinter steht. Die beiden Parteien haben nach wie vor die Alleinverdiener-Ehe im Fokus und nicht die Berufstätigkeit der Frauen.

Kindergelderhöhung und höherer Kinderfreibetrag würden genau das Geld verschlingen, das für einen flächendeckenden Ausbau von möglichst kostenlosen Kitas dringend gebraucht würde. Und sie würden an der Geburtenrate genauso wenig ändern wie alle bisherigen familienpolitischen Maßnahmen. Schon gar nicht das systemwidrige und sinnlose Betreuungsgeld.

Das Beispiel skandinavischer Länder und das Tagesmütter-Modell in Frankreich haben beweisen, dass die Geburtenrate in einem Land nur dann steigt, wenn Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Wenn sie wissen, dass sie sich Kinder erlauben können, ohne auf Beruf und Karriere zu verzichten. Wenn ihre Kinder in Krippen, Kindergärten und Kitas betreut werden. Oder wie in Frankreich bei Tagesmüttern.

Alles andere ist nur die Subventionierung eines konservativen Familienmodells.

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59 Kommentare

1) CitizenK, Montag, 24. Juni 2013, 16:20 Uhr

Beeindruckend ist der Zynismus, mit dem das sogenannte Programm präsentiert wird. Jeder anderen Partei würde es um die Ohren gehauen. Von der CDU.

Dass es nicht kommen wird, ist jedem klar. Sagt auch der Mann von der CDU-Mittelstandsvereinigung. Das Feigenblatt des “Finanzierungsvorbehalts” braucht man da gar nicht.

Clevere Masche: Die FDP kann sich profilieren. Damit reicht es wieder für Schwarz-Gelb und Merkel kann, leider, leider…. der Koalitionspartner – Sie verstehen?

Dass eine solche Partei bei vierzig Prozent liegt, sagt einiges aus über den sogenannten Souverän, den Wähler.

2) Frank Reichelt, Montag, 24. Juni 2013, 16:29 Uhr

Also zunächst mal:

Es gibt kein Verfallsdatum! Besonders ältere Leute glauben immer noch, dass Waren nach Ablauf des MINDESThaltbarkeitsdatums verdorben sind, was natürlich Unsinn ist!

Inhaltlich:

Natürlich ist so ein Wahlprogramm ein Wunschkonzert und steht unter dem Finanzierungsvorbehalt. Allerdings ist es für den neugierigen Wähler auch ein guter Hinweis, was eine Partei bei einer, zugegeben unwahrscheinlichen absoluten Mehrheit, so alles anstellen würde.

Herr Spreng hat Recht, das trotz (gerichtlich erzwungener) Gleichstellung der Homoehe immer noch durchschimmernde Familienbild der fünfziger Jahre ist wirklich aus der Zeit gefallen.

Ich glaube, das Betreuungsgeld wird bei einer großen Koalition fallen, der Mindestlohn kommt sowieso.

Fazit:

Wenn man schon die Regierungsbeteiligung von CDU/CSU nicht verhindern kann, so muss man ihr wenigstens einen starken Koalitionspartner an die Seite stellen, um den größten Familienpolitischen Unsinn des Programms zu verhindern und das kann nach Lage der Dinge nur eine SPD ohne Steinbrück sein. Nach der Berufung des Ex-BILD-Mannes Rolf Kleine zu seinem Sprecher hat er es sich nämlich nun auch mit mir endgültig verdorben! Ich hatte mir von seiner Kanzlerkandidatur wirklich viel versprochen, bis jetzt hat er rein gar nichts geliefert, sehr enttäuschend!

3) Carsten Otto, Montag, 24. Juni 2013, 16:55 Uhr

Dieses Wahlprogramm hat den Namen nicht verdient und es ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist!

Forderungen, die schon vor vier Jahren Wahlkampfprogramm der Union waren finden sich dort ebenso wieder, wie haltlose billige polemische und utopistische Forderungen. Der Wähler wird verscheißert und für dumm verkauft. Das ärgert mich am meisten daran.

http://www.roter-beisser.com

4) IANAL, Montag, 24. Juni 2013, 17:54 Uhr

@ Frank Reichelt: Bei Lebensmitteln gibt es in der Tat kein Verfallsdatum. Bei Medikamenten dagegen sehr wohl.

5) Erika, Montag, 24. Juni 2013, 18:08 Uhr

Es wird interessant, wie die Frauen sich entscheiden. Angela Merkel wurde ja gerade von vielen feiministischen Frauen unterstützt hauptsächlich aus dem Grund weil sie eine Frau war. Nach 8 Jahren haben die Frauen jetzt die Möglichkeit zu entscheiden, ob es Ihnen genügt, dass eine Frau an der Spitze steht oder ob die Frauen auch tatsächlich Veränderung wollen.

@ )2) Frank Reichelt, Montag, 24. Juni 2013, 16:29 Uhr

Bei diesem Fazit haben Sie aber ein Problem.

Wählen Sie die SPD nicht, weil Steinbrück Sie enttäuscht hat oder wählen Sie die SPD, weil die Union einen starken Koaltionspartner braucht, aber dann wählen Sie auch Steinbrück oder wählen Sie die Union, weil Steinbrück Rolf Kleine zum Pressesprecher gemacht hat, aber dann wählen Sie ja auch deren familienpolitischen Entscheidungen oder wählen Sie gar nicht oder eine Partei, Sie die gar nicht an der Macht haben wollen? —— Sie sind nicht zu beneiden!

Nix für ungut

Erika

6) Erika, Montag, 24. Juni 2013, 19:01 Uhr

Laut zeit-online:

“Das Gesetz zum Bildungssparen kommt nicht mehr. Das Gesetz sollte dafür sorgen, dass Eltern, die das Betreuungsgeld bekommen, dies mit einer kleinen Zusatzprämie versüßt für die Ausbildung ihrer Kinder hätten anlegen können. Den Passus hatte die FDP in das CSU-Projekt hineinverhandelt. Dass er jetzt wieder rausfällt, hat machtpragmatische Gründe: Der Bundesrat hätte zustimmen müssen, und weil der Rot-Rot-Grün dominiert ist, hätte er das kaum getan.”

Ein Aspekt, der viel zu wenig zur Sprache kommt. Wenn Frau Merkel im Herbst wieder zur Kanzlerin gewählt werden sollte, hat sie im Bundesrat eine Mehrheit gegen sich,

Schwarz gelb, hat zur Zeit gerade noch 15 Stimmen, davon kommen 5 aus Hessen, wo ebenfalls im Herbst gewählt wird und zumindest derzeit ist mit einer Wiederwahl eher nicht zu rechnen.

Schwarz rot hat derzeit 18 Stimmen.

Schwarz grün, was ich bei entsprechenden Mehrheiten erwarte, hat zusammen keinerlei Stimmen im Bundesrat.

Die Möglichkeiten von Frau Merkel in ihrer 3. Amtszeit wären somit immer stark begrenzt, was keine gute Ausgangsposition für die schwierige Zeit ist, die da vor uns liegt. Die “Eurorettung” wurde bis März 2014 in eine Kommission verschoben und die wenigen Möglichkeiten für Lösungen wurden durch Populismus “Kein Cent für Griechenland” – “Keine Eurobonds, solange ich lebe” zusätzlich erschwert.

Wenn ich es mir recht überlege, eigentlich ist Frau Merkel diese 3. Amtszeit von Herzen zu gönnen, wenn die Presse sie nicht entzaubert die Zeit wird es sicher tun.

7) Peter Christian Nowak, Montag, 24. Juni 2013, 20:25 Uhr

“Politik ist die Kunst, den Menschen Illusionen als Wahrheit zu verkaufen”. (Günther Lachmann, Journalist des DTJ.)

Stimmt! Was sich hinter den Kulissen verbirgt, verschweigt man einfach. Merkel und Schäuble sind nicht so doof, als dass sie nicht wüssten, dass die Euro-Krise bis heute 1000 Milliarden inklusive Bürgschaften gekostet hat. Sie wissen auch, wahrscheinlich ist das Geld mittelfristig weg! Die Mittelmeer-Staaten sind am Ende!

Jetzt dem Steuerzahler zu sagen, was an Ungemütlichem auf ihn zukommen wird, wäre politischer Selbstmord! Die Mehreinnahmen, die für 2017 mit 23 Milliarden veranschlagt werden, sind so was wie im Buch “Positives Denken” beschrieben wird: Nichts wert, weil rein hypothetisch! Und dass für Deutschland bald der Zahltag kommt, wissen Schäuble und Merkel auch!

Zu Beginn des neuen Jahres wählen die Niedersachsen einen neuen Landtag. Im Herbst davor steht die Bundestagswahl an. Die wollen Angela Merkel und er gewinnen. Schlechte Nachrichten helfen dabei nicht, sie bewirken das Gegenteil. Und deshalb darf es sie nicht geben.Aber eben nicht vor dem Wahltag. Aber dann…

Da kommt so ein Wohlfühlprogramm mit Kuschelkomponente für Leute mit einem traditionellen Familienbild gut an Besonders bei denen, die sich von Natur aus keine Gedanken über unbegreifliche Summen und Krisenmechanismus machen. Für Sie scheint alles Banalität! Die Politik lächelt die Krise einfach weg und legt den Wählern leere Päckchen auf den Geburtstagstisch. Bis zum 22.September scheint die Welt noch in Ordnung. Dann wird’s ernst.

8) Tiedgen, Montag, 24. Juni 2013, 20:47 Uhr

Vielleicht sollte man die (bürgerlichen) Frauenrollen und Familienkonzepte vor dem Jahr 1800 nach regionalen und soziologischen Varianten unterscheiden.

In den Pastorenfamilien blieb die Frau zuhause, betreute ihre (möglichst vielen) Kinder und engagierte sich ehrenamtlich in der Gemeinde. Da bestand keine Chance auf eine eigene Berufstätigkeit.

In den Seefahrtsfamilien der Nordseeküste und Unterläufen der Zuflüsse gab es eine Arbeitsteilung: der Mann war monatelang auf See (z.B. Grönlandfahrt) und die Frau bewirtschaftete eigenständig mit Hilfe ihrer Kinder den Kätnerhof (und hatte vielleicht noch eine Heimarbeit für den Winter?).

In den Bürgerfamilien der großen Hafenstädte waren die Frauen am Familienunternehmen mitbeteiligt (Kontorhaus: Wohnhaus, Büro, Lager, Herberge für Geschäftsfreunde). Da gab es etliche, die auch in der Ehe noch ein Geschäft betrieben oder als Witwe das Handelsunternehmen weiterführten. Allerdings gab es damals noch Dienstpersonal zur Unterstützung.

Vielleicht fällt den Skandinaviern (als Seefahrernationen) deshalb auch ein arbeitsteiliges Modell der Berufstätigkeit relativ leicht.

Und die Fixierung der Frauenrolle auf die Mutter und Hausfrau in Deutschland war ja in der Nachkriegszeit auch ein strategisches Mittel, um die Jobs der berufstätigen Frauen mit arbeitslosen Kriegsveteranen besetzen zu können.
Auch so kann man die Arbeitslosenrate senken. Allerdings fallen dann auch alle Arbeitsplätze weg, die Unternehmerinnen geschaffen haben.

Vielleicht ist es aber auch ein Modell aus den USA. Dort gibt es ja auch einen verstärkten Trend zur Rückkehr zu den evangelikalen Wurzeln: Dort geben auch Frauen ihren Beruf auf und widmen sich der Kindererziehung und dem Gemeinschaftsleben mit Gleichgesinnten, irgendwo in der Provinz, wo es noch ruhig und ungefährlich ist. Dazu kommen dann noch eigene Schulen und Universitäten, damit der eigene Nachwuchs bestmöglich gefördert wird. Und mit den Großstadtproblemen hat man dann nichts mehr zu tun.

Diesen Lebensstil kann man ja wählen, die traditionellen muslimischen Familien leben ebenfalls mit einer strikten Arbeitsteilung. Aber man muß es ja nicht zum alleinigen Familienkonzept erheben.

Und arme Familien können sich angesichts einer finanziellen Zuwendung kaum erlauben, darauf zu verzichten, um dann mit einem Teilzeitjob wenig Geld zu verdienen und davon noch einen Kindergartenplatz bezahlen zu müssen.
Was ist mit den Müttern, wenn sich ihr Ernährer nach ein paar Jahren scheiden läßt und sie dann ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder allein erwirtschaften müssen? Da schlägt doch die neue Rechtssprechung zum Unterhaltsrecht gnadenlos zu. (Die Frauen der 1950er Jahre wurden doch noch dem Schuldprinzip geschieden und erhielten Unterhalt vom geschiedenen Mann.)

Wer denkt sich bei der CDU so etwas aus?

9) rolf hoerr, Montag, 24. Juni 2013, 22:13 Uhr

ja, herr streng,
ich stimme ihnen wie so oft voll zu. es ist ein jammer, wie man sich als politisch interessierter mensch nur noch verarscht vor kommt. ich lebe hier in südspanien/andalusien und verfolge das geschehen sowohl in deutschland, als auch hier in spanien intensiv. besser wäre wohl, alles zu ignorieren….
herzliche grüsse aus der spanischen sonne,
rolf hoerr, andalusien, provinz malaga.

10) karel, Montag, 24. Juni 2013, 22:42 Uhr

Durch das konservative Familienmodell wird die Gesellschaft hoch subventioniert.
Durch den Verzicht auf dieses Modell werden die finanziellen Folgen den heutigen Sozialstaat zerstören.

11) Tiffy, Montag, 24. Juni 2013, 23:19 Uhr

“Es gibt kein Verfallsdatum!”

Doch, es gibt auch Lebensmittel mit Verfallsdatum. Die dürfen dann gar nicht mehr verkauft werden. Bei Fisch kommt das beispielsweise häufiger vor.

12) kleinErna, Dienstag, 25. Juni 2013, 01:09 Uhr

Das Familien- und Frauenbild der Union und das dafür zu verwirklichende Programm würde bei einer Alleinregierung von CDU/CSU nicht nur das notwendige Geld für den Ausbau von Kitas verschlingen, es würde auch die Frauenquote mindern und dadurch, dass mehr Frauen zuhause bleiben, die Steuern senken, anstatt sie durch eine größere Arbeitnehmerschaft zu erhöhen (was ja auch gepredigt wird).

Dass damit noch lange nicht mehr Kinder geboren werden, hat Spreng oben schon richtig erklärt.

Wer jetzt aber ableitet, dass Herr Spreng mit seinen o.g. Einlassungen die FDP fördern und wieder mit in eine Regierung mit der Union hieven möchte, wo man doch weiß, wen oder was er wählt, der liegt natürlich voll daneben (grins).

Ich bleibe dabei, versucht es mit rot-grün (und hört nicht auf das dämliche Unionsgeschwafel, dass es ohne sie nur rot-rot-grün geben wird; das wird nicht passieren, solange Oskar Lafontaine in dieser Partei “die Linke” auch nur noch ein Sterbenswörtchen mitzureden hat), schlechter als die bisherige Koalition können rot-grün gar nicht sein. Sie können’s also nur besser machen und die Chance sollte man ihnen zu unser Aller Vorteil schon geben.

Die Union hatte ihre Zeit und sie hat sie nicht genutzt, sonst hätten sie all das, was sie jetzt im Wahlkampf verspricht, längst umgesetzt, auch mit und gegen die FDP (da kennt und kannte Madame Merkel ja kein pardon). Also, alles Lug und Trug und diesmal so offensichtlich, dass es schon an Frechheit grenzt und von Unverschämten wollen wir uns doch nicht weiter regieren lassen, oder?

13) Erwin Gabriel, Dienstag, 25. Juni 2013, 01:19 Uhr

@ m.spreng

>> Wenn sie wissen, dass sie sich Kinder erlauben können,
>> ohne auf Beruf und Karriere zu verzichten.

Ich habe einen Bruder, ein Jahr jünger als ich, kinderlos. Ich habe zwei kleine Kinder. Wir beide verdienen das Gleiche. Er zahlt spürbar höhere Steuern, ich habe spürbar mehr Kosten. Wenn ich das miteinander verrechne, habe ich gegenüber meinem Bruder einen Nachteil von etwa 80.000 Euro pro Kind. Diese Summe kann mein Bruder versaufen, im Urlaub verjubeln etc. Wenn wir beide in Rente gehen, zahlen meine Kinder nicht nur für meine Rente, sondern seine Rente mit.

Warum soll ich unter solchen Bedingungen Kinder großziehen?

14) Frank Reichelt, Dienstag, 25. Juni 2013, 08:30 Uhr

@ IANAL
@ Tiffy

Ih wußte, das Kommentare dieser Art kommen würden, da ist das Netz unerbittlich!

Ich befolge jedoch den guten Rat, den ein Chefredakteur mal seinen Journalisten gegeben haben soll: Recherchieren sie sich eine Geschichte (Pointe) nicht kaputt!

@ Erika, 5

Also CDU zu wählen, nur weil Steinbrück einen mir nicht sympathischen Sprecher hat, wäre dann doch zuviel der Bestrafung, das denn nun doch nicht!

Ich verlasse mich darauf, dass Steinbrück wenigstens seine Ankündigung wahr macht und als Juniorpartner der CDU nicht als Minister zur Verfügung steht. Soviel Rückgrat traue ich ihm dann doch noch zu. Ob und wen ich wähle, entscheide ich wie so viele Wähler erst kurz vor dem Urnengang, ich möchte dann doch erst die Entwicklung der heißen Wahlkampfphase im September abwarten.

15) StefanP, Dienstag, 25. Juni 2013, 09:59 Uhr

Eines ist aber am CDU/CSU-Wahlprogramm interessant: das Familien- und Frauenbild, das dahinter steht. Die beiden Parteien haben nach wie vor die Alleinverdiener-Ehe im Fokus und nicht die Berufstätigkeit der Frauen.

Was für ein Stuss! Der Punkt ist doch, dass die Politik der Union alle fördert: die Alleinverdiener-Ehe, das Doppelverdiener-Pärchen, die Alleinerziehende, die Patchwork-Familie. Dagegen positionieren sich die Grünen ganz klar, ihr Ideal ist das Paar, das möglichst gleich verdient, klinisch steril Kinder zeugt und diese schnell in staatliche Obhut gibt. Von Ehe und Familie, soweit klassisch, halten sie nicht viel. Es sei denn es sind kinderreiche Hartz-IV-Empfänger. Ist das modern?!? Ist es modern, dass der Staat ein Lebensmodell vorschreibt und alle, die nicht danach leben wollen, dafür bezahlen lässt? Mit Liberalität hat das jedenfalls nichts zu tun.

Das Beispiel skandinavischer Länder und das Tagesmütter-Modell in Frankreich haben bewiesen, dass die Geburtenrate in einem Land nur dann steigt, wenn Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Wenn sie wissen, dass sie sich Kinder erlauben können, ohne auf Beruf und Karriere zu verzichten.

Herrgott, das darf ja wohl nicht wahr sein! Großbritannien, die USA oder Israel haben sogar höhere Geburtenraten ohne ausgebautes Netz an Fremdbetreuung. Der Unterschied: Skandinavier und Franzosen bezahlen den Rundum-Service mit den höchsten Steuerbelastungen in der OECD. Amerikaner und Israelis haben weit mehr Wahlfreiheit.

Offensichtlich ist es nicht angekommen und das Langzeitgedächtnis funktioniert nicht: Deutschland hat seit 3 Generationen eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Sie sank dramatisch, als der Staat Singles und Kinderlose gegenüber Familien deutlich besser stellte und als er es ermöglichte, höhere Renten gerade dann zu erzielen, wenn Bürger die Bedingungen des umlagefinanzierten Rentensystems nicht durch eigenen Nachwuchs unterstützen. Heute ist Deutschland eine extrem kinderfeindliche Gesellschaft, wo Eltern ihre Kinder nicht mehr erziehen können und möchten und die Öffentlichkeit spielende Jungen und Mädchen als Fremdkörper wahrnehmen.

Das ändert man nicht durch Geld und nicht durch staatlichen Fullservice zum Nulltarif. Nebenbei haben Frankreich und Skandinavien auch die höchsten Scheidungsraten, aber auch das kann offensichtlich ein Ideal sein. Und Herrn Spreng wäre eine einwöchige Hospitanz bei einer Kita zu empfehlen, wo Kleinkinder 10-14 Stunden fremdbetreut werden mit wechselnden Bezugspersonen – allein schon, weil keine Erzieherin so lange arbeitet. Wie es sich für ein 2jähriges Kind anfühlt, als letztes abgeholt zu werden, wenn die Eltern wichtige Aktivitäten verpassen, das ist neumodische Kindesmisshandlung.

Aber um Kinder geht es auch Leuten wie Michael Spreng als letztes. Kein Wunder, wie soll man sich als über 60jähriger in die Welt von Kindern einfühlen? Ist das modern?!

16) Sven, Dienstag, 25. Juni 2013, 10:08 Uhr

Die Geburtenrate steigert man aber nicht nur mit mehr Kitaplätzen und Tagesmüttern. Und es geht auch nicht darum, dass Frauen es sich “erlauben” können, Kinder zu bekommen. Es geht auch schlicht darum, dass Paare es sich schlicht nicht leisten können, ein Kind zu bekommen. Und vor allem geht es auch darum, dass die ganze Abreitswelt in Deutschland noch nicht kinderfreundlich ist. In Deutschland wird der Papa, der um 17h geht, um sein Kind noch zu sehen. oder mal auch um 14h, um beim Kita-Sommerfest dabei sein zu können, schräg angeschaut. Und wen er in Elternzeit geht, ist seine Karriere damit oft schon beendet. In Schweden wird man schräg angeschaut, wenn man um 19h immer noch im Büro sitzt, und wird gefragt, ob man denn seine Familie immer so vernachlässige…. Dass der reichen Volkswirtschaft Deutschland seine Kinder (und Alten) nichts wert sind, merkt man auch schon an der Bezahlung von Erzieherinnen, Krankenschwestern und Pflegern. In Finnland bekommen Erzieherinnen ein Gehalt wie ein Lehrer und in Japan das eines Hcohschullehrers. Mit noch mehr Kinder- oder Betreuungsgeld und noch mehr Kitaplätzen (die man gar nicht mit adäquat geschultem Personal besetzen kann) treibt man die Geburtenrate nicht hoch, da muss mehr passieren…. Vielleicht ist es Zeit für eine neue, echte, geistig-moralische Wende….

17) Politikverdruss, Dienstag, 25. Juni 2013, 13:06 Uhr

M. Spreng behauptet: „Die beiden Parteien haben nach wie vor die Alleinverdiener-Ehe im Fokus und nicht die Berufstätigkeit der Frauen.“

Stellt sich doch die Frage, wie sehen das eigentlich die Betroffenen? Hier dazu ein paar Daten:

„72 Prozent der befragten Mütter mit Kindern unter 18 Jahren waren der Meinung, dass sich Familie und Beruf in Deutschland nicht gut vereinbaren lassen.“ http://de.statista.com/statistik/daten/studie/180855/umfrage/meinung-zur-vereinbarkeit-von-familie-und-beruf/
Die Statistik zeigt den Stellenwert von Familie, Freunden, Beruf und Hobbies nach Altersgruppen. Für 58 Prozent der 16- bis 29-Jährigen hat die Familie die größte Wichtigkeit. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/163573/umfrage/stellenwert-von-familie-freunden-beruf-und-hobbies-nach-altersgruppen/

Familie und Beruf lassen sich „nicht gut vereinbaren“, sagen fast drei Viertel der Frauen und für fast zwei Drittel der 16-29-Jährigen ist die Familie im Vergleich zu Freunden, Beruf und Hobbies von „größter Wichtigkeit.“ Wenn die CDU/CSU also eine Politik betreibt, die diese Einstellungen innerhalb der Bevölkerung berücksichtigt, dann ist das doch nur zu begrüßen. Dagegen wäre eine Politik, die den Menschen ein „Familienmodell“ aufzwingen will, das einseitig von wirtschaftlichen Belangen oder von ideologischen Vorstellungen ausgeht, doch eindeutig weniger zu begrüßen. Also, CDUCSU macht weiter so! Und vergesst nicht: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

18) Peter Christian Nowak, Dienstag, 25. Juni 2013, 14:08 Uhr

Vielleicht eine Ergänzung zum Thema “Familienpolitik” ist eine Studie, herausgegeben vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Daraus geht unter anderem hervor, dass es die fehlenden Kita-Plätze alleine nicht sind, die für eine Familienplanung auch wichtig sind. Auch eine gewisse Kinderfeindlichkeit in Deutschland gehört mit zu den Ursachen. Und vor allem die prekären Beschäftigungsverhältnisse, die Zukunft eigentlich nicht planen lassen! Wer Zeit hat und ausreichendes Interesse ist folgende Studie eine sicherlich hilfreiche Ergänzung zu Herrn Sprengs Thema.

Die Studie hat 57 Seiten und sicherlich nur etwas für sehr Interessierte, die sich mit dem Thema intensiv beschäftigen möchten.

http://www.bib-demografie.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Download/Broschueren/keine_lust_auf_kinder_2012.pdf?__blob=publicationFile&v=5

19) wschira, Dienstag, 25. Juni 2013, 15:54 Uhr

@ 8) Tiedgen

—Und die Fixierung der Frauenrolle auf die Mutter und Hausfrau in Deutschland war ja in der Nachkriegszeit auch ein strategisches Mittel, um die Jobs der berufstätigen Frauen mit arbeitslosen Kriegsveteranen besetzen zu können.—

Nun, es gab in der Nachkriegszeit nicht allzu viele lebende Veteranen, die Zeit war ja gerade dadurch geprägt, dass viele Frauen die Plätze der Männer einnehmen mussten (Stichwort: Trümmerfrauen). Die angeführte Fixierung dürfte eher dadurch passiert sein, dass die katholische Kirche unter Adenauer einen überproportional grossen Einfluss auf die Regierung hatte.

@ 13) Erwin Gabriel

—Warum soll ich unter solchen Bedingungen Kinder großziehen?—

Vielleicht, weil Sie sie haben? 🙂

@ 15) StefanP

Gott ja, unser Superanalyst mal wieder.

—Der Unterschied: Skandinavier und Franzosen bezahlen den Rundum-Service mit den höchsten Steuerbelastungen in der OECD. Amerikaner und Israelis haben weit mehr Wahlfreiheit.—

Sie sind in Bezug auf Renten in Frankreich schon einmal durch eklatantes Nichtwissen aufgefallen, nun also bei Steuern. Da ich in Frankreich wohne, kann ich das beurteilen, und da muss ich Ihnen sagen, dass Lohn-und Einkommenssteuern, die ja für die Mehrzahl der Bürger zusammen mit den Verbrauchssteuern einzig interessant sind, in Frankreich geringer als in Deutschland sind.

Z.B. Lohn- und Einkommenssteuern:

http://www.wallstreet-online.de/ratgeber/finanzen-steuern-versicherung/steuern/tipps-und-wissenswertes/steuern-in-frankreich-und-deutschland-im-vergleich

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/recht-steuern/abgabenvergleich-mit-deutschland-steuerkeule-aus-paris-fuer-reiche-und-unternehmen-12052616.html

Sie haben vielleicht ein Schaubild erwischt, auf denen die Steuern auf Unternehmertätigkeit dargestellt sind. Diese sind in der Tat in Frankreich höher als in Deutschland, was ja per se nicht unbedingt schlecht ist. Dafür sind diese Steuern in Skandinavien niedriger. Im Übrigen nagen die Skandinavier nicht am Hungertuch, sondern scheinen, Umfragen zufolge, recht zufrieden zu sein.

Also bevor man irgendwelches neoliberale blabla hinausposaunt, erst mal Tatsachen eruieren.
Im Übrigen ist es interessant, die Aussagen der sogenannten Experten zur Steuerlast zu vergleichen. Es wird einmal, wenn es gerade passt, die unmässige Steuerbelastung in Deutschland beklagt, ein anderes Mal die niedrige Belastung gepriesen, und oft von den gleichen Leuten.

20) wyda, Dienstag, 25. Juni 2013, 17:55 Uhr

M.a.W., wer positive Veränderungen will, MUSS eine andere, als die 4 im Bundestag festgelöteten Parteien wählen.

Alle anderen können ihre Zustimmung auswürfen oder gleich zu Hause bleiben.l

21) Daniel Florian, Dienstag, 25. Juni 2013, 22:31 Uhr

Sie haben völlig Recht: Wahlprogramme halten – notgedrungen, nicht aus Bösartigkeit der Parteien – nur bis zum Wahlabend: ich habe deswegen schon 2009 für gemeinsame Wahlprogramme der Parteien gewünscht: auch die Wunschkoalitionen müssen natürlich nicht Realität werden, aber solche Koalitionswahlprogramme sind allemal ehrlicher als die angeblichen “Regierungsprogramme” von CDU und SPD: http://www.danielflorian.de/2009/08/10/wie-rot-gruen-die-wahl-gewinnen-koennte/

22) Erwin Gabriel, Mittwoch, 26. Juni 2013, 01:10 Uhr

@ 15) StefanP, Dienstag, 25. Juni 2013, 09:59 Uhr

Volle Zustimmung!

_______________

@ 19) wschira, Dienstag, 25. Juni 2013, 15:54 Uhr

>> Warum soll ich unter solchen Bedingungen Kinder großziehen?

>> >> Vielleicht, weil Sie sie haben? 🙂

Autsch, der Punkt geht an Sie. Ich hatte es fast verdrängt 🙂

23) StefanP, Mittwoch, 26. Juni 2013, 08:10 Uhr

@19) wschira

Es hätte mich fast enttäuscht, nichts von Ihnen zu hören. Allerdings argumentieren Sie an dem Kern meines Kommentars vorbei. Da ich aber gerne über Steuern rede, bitte!

[Die Unternehmenssteuern] sind in der Tat in Frankreich höher als in Deutschland, was ja per se nicht unbedingt schlecht ist.

Wieso ist das nicht per se schlecht? Unternehmen sind der Reaktorkern wirtschaftlichen Handelns. Dort werden Menschen beschäftigt und mehr oder weniger gut bezahlt, alles in Abhängigkeit von der Profitabilität. Steuern sind Kosten und wenn Steuern hoch sind heißt das, dass Wirtschaften teuer ist. Das kann nicht gut sein.

Da ich in Frankreich wohne, kann ich das beurteilen, und da muss ich Ihnen sagen, dass Lohn-und Einkommenssteuern, die ja für die Mehrzahl der Bürger zusammen mit den Verbrauchssteuern einzig interessant sind, in Frankreich geringer als in Deutschland sind.

Interessant. Erstens haben Sie hoffentlich selbst Ihren Link gelesen. Die Freunde von der F.A.Z. schreiben Deutlich geringer sind die Lastenunterschiede indes bei niedrigen und mittleren Gehältern. Der Vergleich fällt hier sogar zugunsten Frankreichs aus.. Sie machen daraus die Mehrzahl der Bürger, so als würden die meisten Menschen unter der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens leben. Das ist jedoch schon begrifflich nicht zutreffend, vor allem, wenn man auf den Median abstellt.

Nun haben Sie mein Interesse geweckt und ich wollte wissen, wie die Statistikfreunde von der OECD die Tax Wedge für beide Länder berechnen. Here we are:

Single 100% des durchschnittlichen Einkommens, ohne Kinder:
Frankreich 50,22% Belastung direkte Abgaben
Deutschland 49,75%
USA 29,58%
Unterschied zu FR: +151 EUR Steuern bei 30.300 EUR Durchschnittseinkommen p.a. (DE)
Unterschied zu USA: -6.120 EUR

Paar, verheiratet, 1 Verdiener mit 100% des durchschnittlichem Einkommens, 2 Kinder:
Frankreich: 43,12%
Deutschland: 34,17%
USA: 18,35%
Unterschied zu FR: +2.727 EUR
Unterschied zu USA: -4.909 EUR

Paar, verheiratet, 2 Verdiener, 1 mit 100%, der andere mit 33%, 2 Kinder:
Frankreich: 41,04%
Deutschland: 38,96%
USA: 22,95%
Unterschied zu FR: +1.250 EUR
Unterschied zu USA: -6.448 EUR

Paar, verheiratet, 2 Verdiener, 1 mit 100% der andere mit 67%, 2 Kinder:
Frankreich: 45,63%
Deutschland: 42,51%
USA: 24,28%
Unterschied zu FR: +1.570 EUR
Unterschied zu USA: -9.209 EUR

Man sieht, wie teuer unser Sozialmodell jeden einzelnen, jede Familie kommt. Leute wie Michael Spreng oder Sie übersehen das Preisschild, das an dem Rundumsorglos-Paket hängt. Sie sind wie kleine Kinder, die sich freuen, wenn sie angeblich etwas „umsonst“ bekommen. Und wie gesagt, die Familien bezahlen in Frankreich die öffentliche Betreuung mit ihren Steuergeldern selber, wobei Alleinverdiener richtig gemolken werden. Soviel zum “neoliberalen Blabla”. Sagte ich nicht, die Wirklichkeit sei neoliberal?

Trotz dieser klaren Zahlen holt Deutschland mit 9,4% deutlich mehr aus den persönlichen Steuern heraus als Frankreich (7,9% des GDP), obwohl die Steuersätze in unserem Nachbarland höher sind als beim alten germanischen Rivalen. Die Absicht der linken Parteien ergibt folglich keinen Sinn, mit höheren Einkommensteuersätzen noch kräftig draufzusatteln. Wie die Franzosen zeigen, ergibt das manchmal er weniger Steuerertrag. Würden wir wie das darniederliegende Frankreich besteuern, hätten wir weniger unternehmerische Aktivität, mehr Arbeitslose, höhere Belastungen von Familien mit durchschnittlichem Einkommen – und dem Finanzminister würden schon an dieser Stelle rund 40 Milliarden Euro im Steuersäckel fehlen.

24) Uwe, Mittwoch, 26. Juni 2013, 09:28 Uhr

Die ganze Familienpolitik ist doch eh fürn Ar+++.

Das ganze Geschwafel von Frauen, die Famile und Karriere unter einen Hut bringen können müssen sollten würden, was auch immer.

Fakt ist :
es gibt gar nich mehr genug Arbeit für alle, die auch eine Familie ernähren kann.

Fakt ist, das immer mehr Menschen, die arbeiten gehen, über Minjobs und Niedriglohnsektor in die Armut gedrückt werden und sich gar keine Kinder leisten können.

Und solang da nicht was gravierendes passiert, kannste die ganze * Familienpolitik * in die Tonne treten.
Was nützt Frau ein kostenloser KiTaplatz, wenn ihr einziges * Jobangebot *, das der MARKT, nich die Qualifikation, hergibt, Regalauffüller bei Aldi und Co ist… Halbtags oder 450 Eurobasis..

25) karel, Mittwoch, 26. Juni 2013, 10:21 Uhr

Hamsterrad oder Selbstbestimmung.

Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Haltung zum konservativen Familienbild
schon bemerkenswert.

Auch ist bemerkenswert, wie schon die vitalen Interessen der Kleinsten dem
ökonmischem Denken untergeordnet wird.

Zu meiner Lebenserfahrung gehört, wie geradezu elementar die
wichtigste Bezugsperson für die Kleinsten bis zu einem Alter von 3 Jahren ist.
Viele der heute beklagten Störungen im Lebensprofil der Erwachsenen haben
dort ihren Ursprung.

26) Politikverdruss, Mittwoch, 26. Juni 2013, 10:27 Uhr

Apropos „Familienmodell“. Interessant ist ja auch die „Orientierungshilfe“ der EKG zum aktuellen Familienbild. Dass darüber nun auch Streit innerhalb der evangelischen Kirche ausbricht, ist ja mehr als gerechtfertigt. So kritisiert der württembergische Landesbischof Otfried July: „Institutioneller Aspekt der Ehe fast lautlos aufgegeben“. Aber auch die katholische Kirche macht mobil. Der ehemalige Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Günter Brakelmann (Bochum), kritisierte das „ewige Einknicken“ der evangelischen Kirche vor dem Zeitgeist sowie den protestantischen Umgang mit der Bibel: „Wenn uns etwas an den Texten des Neuen Testaments nicht mehr gefällt, wird es so ausgelegt, dass am Ende etwas anderes herauskommt, als im Urtext drin steht.“

Da fragt man sich doch wie wohl die Parteien mit dem „C“ im Namen darauf reagieren werden. Aber vermutlich wird die evangelische Kirche auch jetzt „einknicken“ und ihr „Zeitgeist-Elaborat“ wieder einstampfen.

27) Tiedgen, Mittwoch, 26. Juni 2013, 10:39 Uhr

@ wschira

Vielleicht ist die Angelegenheit der Kriegsveteranen differenzierter zu sehen: Nach dem 1. Weltkrieg fielen die Betroffenen ins Nichts, sodass sich Veteranenorganisationen bildeten. Aus einigen wurden dann später politische Bewegungen.
Deshalb gab es vermutlich das politische Bemühen, heimkehrenden Soldaten eine Versorgung zu verschaffen, z.B. durch eine staatliche Anstellung (Ersatzlehrer, Verwaltungsmitarbeiter u.ä.).

Sie haben recht, dass die Rückkehr von der Ostfront (ohne Gefangenschaft) schon einem Lottogewinn gleichkam. Aber es gab ja jede Menge Ex-Soldaten aus dem Bereich Westeuropa, die eine bessere Überlebenschance hatten. Und die konnten dann, vermutlich dank der richtigen Herkunft (katholisches Milieu?), gleich beruflich wieder durchstarten.

ISolche Prozesse sind schwer einzuschätzen, da mehrere Aspekte ineinandergreifen (wirtschaftliche Bedingungen, sozialer Status, Sozialisation des Herkunftsmileus, Zufälle, politische Interventionen usw.). Ich vermute, dass die Sozialisation des Herkunftsmilieus, also die Weitergabe der Werte und Strategien, eine starke Rolle spielt.

28) Doktor Hong, Mittwoch, 26. Juni 2013, 19:57 Uhr

Nun, es ist sehr glitschiger Untergrund, wenn man anfängt zu differenzieren, wer Kinder kriegt und wer weniger Kinder kriegt.

Offenbar beklagt man ja implizit, dass “die Falschen” hohe Geburtenraten haben und die vermeintlich “Richtigen” zu wenig. Also versucht man mit staatlicher Politik, die “Richtigen” zu animieren, mehr Kinder zu kriegen.

Es tut mir leid, wenn ich das so hart ausdrücke, aber so ist es doch.

Man könnte aber auch einfach die Realität akzeptieren und seine Politik an die Wirklichkeit anpassen. Danach wäre es schlüssig, wirklich alle Schichten in Bildungschancen einzuschließen und die begabten Kinder aus den “falschen” Schichten zu identifizieren und zu fördern.

Das konservative Modell setzt auf Klassenpolitik. Bildungsaufsteiger sollen verhindert und von vorneherein chancenlos gehalten werden, indem man sie von höherer Bildung ausschließt.

Indem man aber gleichzeitig der Mittelschicht die finanzielle Luft abschnürt, die die Verantwortung, dem eigenen Nachwuchs möglichst viele Chancen zu bieten, allzu deutlich spürt – indem man also dieser Schicht die Perspektiven nimmt, indem jungen Ingenieuren und Informatikern nur Zeitverträge geboten werden, indem diesen Menschen die Löhne gedrückt werden sollen, indem man die Bildungselite aus den Euro-Krisen-Ländern ins Land holt, zerstört man diesen Leuten die Anreize, eine Familie zu gründen.

Es kann allerdings kaum überraschen, dass unserer politischen Schicht, die in ein Paralleluniversum abgeglitten ist, solche einfachen Zusammenhänge entgehen.

Befördert werden solche Fehlwahrnehmungen durch einen verflachten Journalismus, die eine Ulla von der Laien zur Super-Mommy hochstilisieren. Jemanden, der seine Facharztausbildung abbricht, reich heiratet und auf diesem Polster viele Kinder hat, durch gute Beziehungen politische Karriere macht, kann ich kaum als Leistungselite wahrnehmen. Das schaffen sehr viele andere Frauen auch – und arbeiten dabei.

Und was die hohen Geburtenraten der Amerikaner angeht – es gibt Statistiken, die diese Raten nach ethnischer Herkunft aufschlüsseln. Und da sieht es bei den “Caucasians” aus der Mittelschicht genauso mau aus wie bei uns in Europa. Das sage ich explizit wertfrei, auch wenn man seit Sarrazin und seinem Erfolg genau weiß, dass den Deutschen genau die selben Ängste plagen wie den weißen Amerikaner aus der Mittelschicht. Der Hass der Tea-Party auf Obama ist Ausdruck genau dieser Angst.

29) karel, Mittwoch, 26. Juni 2013, 22:36 Uhr

Die Wirtschaft trägt offensichtlich schon der zukünftigen politischen Entwicklung hierzulande
Rechnung:
Die Investitionen nehmen in Deutschland dramatisch ab.
Die deutschen Investitionen im Ausland dramatisch zu.

Klar ist auch für unsere “Experten” : daran ist mal wieder die CDU mit Fr. Merkel schuld.

30) Sven, Mittwoch, 26. Juni 2013, 22:49 Uhr

“Das Beispiel skandinavischer Länder und das Tagesmütter-Modell in Frankreich haben beweisen, dass die Geburtenrate in einem Land nur dann steigt, wenn Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Wenn sie wissen, dass sie sich Kinder erlauben können, ohne auf Beruf und Karriere zu verzichten. Wenn ihre Kinder in Krippen, Kindergärten und Kitas betreut werden. Oder wie in Frankreich bei Tagesmüttern.”
2x NEIN! Entweder man hat eine Art Gottvertrauen in die Zukunft, dann steigt die Geburtenrate wie in den USA. Für Europa gilt wohl eher: Die Karriere ist bis zu einem gewissen Punkt planbar. Aber die Politik kann nicht einer Flexibilität bei der Wohnortwahl, einer Befristung von Arbeitsverträgen (Stichwort: Generatio Praktikum) sowie einer Lohnzurückhaltung das Wort reden UND GLEICHZEITIG auf ein fröhliches Kinderkriegen setzen. Es geht nicht um das Märchen von Kindergeld und Kindergärten, es geht um einen Planungshorizont in der Größenordnung 10-20 Jahren. Und bevor einer mit Sozialismus und Planwirtschaft kommt: Riesterrenten-Versicherer erzählen einen was von Renditen in 60 Jahren (Abschluß: 20 Jahre, Tod mit 80!!!).

31) JG, Donnerstag, 27. Juni 2013, 07:22 Uhr

@ 12) Erwin Gabriel

Weil ein Kind zu haben nicht mit Geld aufzuwiegen ist!

Pardon, aber ich finde es schon bemerkenswert, wie mir einerseits von gewissen Kreisen dauernd erzählt wird, sich zu vermehren sei das höchste Glück des Lebens, letztlich das einzige, was diesem einen Sinn gibt. Aber sobald es ums Geld geht, wird gern von denselben Leuten herumgejammert, wieviel Geld Kinder verschlingen würden und daß man für das enorme Opfer, welches man mit ihrer Aufzucht erbringe, nicht ausreichend von der Gemeinschaft entschädigt werde.

Da sollte man sich doch bitte mal entscheiden. Ansonsten sage ich: Jeden Cent, den ich womöglich mehr haben sollte als jemand, der Kinder großzieht, benötige ich dringend, um mein völlig sinnloses, da kinderfreies Leben ein wenig zu verschönern. Und: Wenn Kinder zu haben, so ein immsenses Vergnügen ist, weshalb soll ich dann eigentlich den Spaß anderer Leute mitfinanzieren? – Nein, ich habe nichts dagegen, wenn die Deutschen aussterben, und von mir aus kann fehlender Nachwuchs auch durch verstärkte Zuwanderung ausgeglichen werden.

Kurzum: Kinderlose finanzieren mit ihren Steuern und Sozialabgaben ja auch Schulen und Spielplätze mit, vom Nachwuchs – hoffentlich – genutzte Büchereien, staatliche Freizeitangebote, die Krankenversicherung der Heranwachsenden usw. Zu recht. Das nennt man Solidargemeinschaft. Und es ist eine der vielen dämlichen Ideen des Neoliberalismus, jeden Menschen bis ins letzte Detail nach seinem Verhalten finanziell belohnen oder bestrafen zu wollen (wobei das Bestrafen natürlich wichtiger ist als das Belohnen, weil es ja vor allem darum geht, irgendeinen Grund zu finden, Leistungen zu verweigern, indem man feststellt, daß der Betreffende an seiner Lage selbst schuld ist).

Last but not least: Wohl die wichtigste Familienförderung wären sichere Jobs, von denen man ordentlich leben kann. Wer dauerverfügbare Arbeitskräfte will, die mit Zeitverträgen oder als Leiharbeiter schon sich selbst kaum über Wasser halten können und außerdem jeden Job annehmen sollen, am besten überall in der Republik (immer schön “flexibel” sein), sollte bezüglich mieser Geburtenraten doch bitte einfach mal die Klappe halten.

32) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 27. Juni 2013, 12:30 Uhr

@31) JG,

^^Last but not least: Wohl die wichtigste Familienförderung wären sichere Jobs, von denen man ordentlich leben kann.^^

Stimmt auffallend, weil sonst Kinder wirklich und unweigerlich zu einem Armutsrisiko führen.151 familienpolitische Leistungen können dieses Risiko nicht auffangen. Daher müssten sie eigentlich allesamt auf Effizienz auf den Prüfstand. Warum Spitzenverdiener in den Genuss von Kindergeld kommen ist in Zeiten wie dieser nicht mehr zeitgemäß. Übrigens: Alleinerziehende und Elternpaare, die von AlgII leben müssen bekommen kein Kindergeld! Das wird zwar öfters in diversen Veröffentlichungen hinausposaunt – stimmt aber trotzdem nicht.

33) Gregor Keuschnig, Donnerstag, 27. Juni 2013, 14:46 Uhr

@6/Erika
Tatsächlich gibt es kein Schwarz-Grünes Bündnis in den Ländern. Aber bei Schwarz-Grün im Bund müssten die Rot-Grünen Länder auf die Grünen Rücksicht nehmen und sich ggf. sogar enthalten. Dann würde die Situation schon ganz anders aussehen.

Wohl gemerkt: ich glaube nicht, dass es zu Schwarz-Grün im Bund kommen wird. Womöglich wird Merkel strategisch eher an Schwarz-Rot denken und irgendwie hoffen, dass es mit der FDP nicht reicht bzw. das diese nicht in den Bundestag kommt (letzteres ist unwahrscheinlich).

34) Alex, Donnerstag, 27. Juni 2013, 15:35 Uhr

Ich stimme dem Kommentar von StefanP zu! Sehr gut aufbereitet.

Im FOCUS war ein Artikel, warum wir in Deutschland eine derart hundsmiserable Geburtenrate haben; siehe http://www.focus.de/politik/deutschland/kisslers-konter/kisslers-konter-die-wahren-gruende-fuer-den-deutschen-geburtenrueckgang_aid_888316.html

Die eigentlichen grundlegenden Gründe für den Geburtenrückgang in Deutschland werden weder von CDU- noch von der SPD-Politik erfasst, wahrgenommen oder gar in handlungsfähige Konzepte umgesetzt. Alle Volksparteien bewegen sich im Schneckentempo und nur von Milimeter zu Milimeter. Ich gehe davon aus, dass dies auch die Bürger so wahrnehmen und so bewerten. Der bekannte Politikverdruß spricht ja Bände.

Und wenn wir so weitermachen, dann sind wir unversehens der “schwache Riese” in Europa, so wie es im englischen Telegraph zu lesen ist: http://www.telegraph.co.uk/finance/comment/ambroseevans_pritchard/10131074/Germanys-ascendancy-over-Europe-will-prove-short-lived.html

Ich stimme diesem Artikel nicht in allen Punkten zu, wohlaber in seinem Tenor.

StefanP: Haben Sie denn Ideen, wie wir die Geburtenrate wieder nach oben bewegen können?

35) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 27. Juni 2013, 16:00 Uhr

@24) Uwe,

Es geht nur darum, die Leute “vollbeschäftigt” zu halten, zu welchem Lohn auch immer. Niedriglöhner fallen ebenso aus der Statistik heraus wie Akademiker und Facharbeiter in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nur darum geht es der Politik! Bella Figura auf dem Arbeitsmarkt!

Für die Betroffenen aber liegt “Familienplanung” in weiter Ferne.

36) Doktor Hong, Donnerstag, 27. Juni 2013, 19:36 Uhr

@34) Alex

Ich bin im Zweifel, ob es Aufgabe eines liberalen Staates ist, die private Lebensplanung eines Menschen oder eines Paares zu bestimmen.

37) Franz, Donnerstag, 27. Juni 2013, 20:05 Uhr

Das Zugangserschwerungsgesetz ist sogar ein heftigeres Beispiel. Ein kurz vor der Wahl beschlossenes Gesetz wird kurz nach der Wahl gekippt wird. Das Zensursula-Gesetz ein “All-TIme-High” der Politiker-Wahl-Luegen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_von_der_Leyen#Vertrag_zur_Filterung_von_Kinderpornographie

38) StefanP, Freitag, 28. Juni 2013, 00:05 Uhr

@34) Alex

Haben Sie denn Ideen, wie wir die Geburtenrate wieder nach oben bewegen können?

Nein, habe ich nicht, denn dann wäre ich nobelpreisverdächtig. Es ist gerade ein typisch deutsches Denken, man bräuchte nur an ein paar Stellschrauben zu drehen und schon ließen sich jahrzehntelange Fehlentwicklungen korrigieren. Auch die Franzosen haben Jahrzehnte benötigt, um ihre Geburtenrate auf ein bestandserhaltendes Niveau hochzupushen.

Fakt ist, wir sind ein extrem kinderfeindliches Land und das lässt sich nicht dadurch verändern, dass ein paar Politiker jetzt sagen, Kinder zu haben sei ganz toll. Da kommen Etatisten wie Ursula von der Leyen, die Linken im Allgemeinen und die unvermeidliche Manuela Schwesig daher und labern etwas von Ausbau der Kinderbetreuung. Dabei fällt kein einziges Mal das Wort „Qualität“ oder gar „Vernetzung der Betreuungsangebote“. Tatsächlich sind 80 bis 90 Prozent der Einrichtungen nicht in der Lage, eine frühkindliche Betreuung nach den Standards der Forschung anzubieten. Stattdessen kommen Dorfbürgermeister daher und richten heute eine Kleinkindkrippe für 1-3jährige ein, weil es dafür von den übergeordneten Ebenen Fördergelder gibt. Selbstredend, dass die Krippe wie die übrigen Einrichtungen nur vormittags von 8 bis 12 offen steht, weil der Bürgermeister keine Mittel in seinem Etat findet, um die Öffnungszeiten auf 18 Uhr auszudehnen.

Wer Kinder will, bekommt ein Kind. Punkt. Daneben sind alle Argumente Unsinn. Ob dann noch weitere kommen, das hängt durchaus von den Umständen ab, wovon jedoch die Betreuungsmöglichkeiten nur ein Aspekt unter vielen ist.

Jedenfalls haben wir in all unserer Gesetzgebung seit den 60er Jahren gezeigt, wie wenig wir den Nachwuchs der Gesellschaft achten. Beginnend mit der Rentenreform unter Konrad Adenauer über die sukzessive steuerliche Diskriminierung von Familien im Steuerrecht und Herabwürdigung auf (Sozialleistungs-) Transferempfänger, die Novellierungen des Scheidungsrechtes insbesondere unter Rot-Grün und der Großen Koalition, der permanenten Missachtung höchstrichterlicher Rechtsprechung von Seiten aller Bundesregierungen („Nichtanwendungserlasse“), die „Liberalisierung“ des Abtreibungsrechtes bis hin zur Debatte über ein Adoptionsrecht für Schwule und Lesben.

Jeder dieser Diskussionen wird unter dem Blickwinkel von Rechten und Freiheiten erwachsener, alleinstehender Bürger geführt und nicht unter dem Aspekt von Familien, Kindern und unter Betrachtung des sonst so beliebten „Solidaritätsgedankens“. Keiner dieser Punkte ist allein ursächlich und man kann durchaus Kinderreichtum mit einem „liberalen“ Abtreibungsrecht verbinden. Politik kann aber nicht alles so einseitig behandeln, wie wir das als Gesellschaft jahrzehntelang getan haben.

Heute sind Kinder entweder Prestige-Objekte, die eine Beziehung vervollkommnen oder sogar glorifizieren sollen. Oder sie sind Einnahmequelle, um Transfers abzuschöpfen. Nur eins sind sie zu selten: Normalität. Beide Gruppen – und auch das, was dazwischen liegt – erziehen ihre Kinder häufig schlecht und vermitteln damit erst recht keine positiven Bilder. Der einzige Unterschied: die wohlhabenden, gut gebildeten Schichten vermitteln ihrem Nachwuchs immerhin noch Bildung. Dagegen leben die untersten Schichten ihren Kindern nur eine äußerst negative Einstellung zum Pflichten und Aufgaben vor.

Vielleicht sollten wir nachdenken, ob Leute ohne Kinder in der Rentenversicherung nicht maximal eine staatliche Alterssicherung auf Sozialhilfeniveau erhalten. Schließlich sparen sie sich die enorme Investitionen in Kinder, dann bedürfen sie auch nicht der sozialen Sicherung, die auf Gegenseitigkeit basiert. Kinder, die nicht geboren werden – also auch solche, die abgetrieben werden – bekommen später selbst keine Kinder. Müssen hierzulande wirklich jährlich 100.000 Babys aus sozialer Notwendigkeit abgetrieben werden? Wer will einem das erzählen? Wir sollten wieder wegkommen vom Prämiensystem und Familien als das besteuern was sie sind: eine Einheit.

Wir brauchen ein Verständnis, dass Kinder eine Notwendigkeit und nicht die Krönung des eigenen Lebens ist. Wir müssen erkennen, dass Work-Life-Balance nicht mehr Freizeitgestaltung bedeutet, sondern neben dem Beruf die Übernahme von familiären und gesellschaftlichen Pflichten. Das geht nicht über Nacht und nicht innerhalb einer Legislaturperiode. Und vielleicht ist es überhaupt zu spät dazu.

39) wschira, Freitag, 28. Juni 2013, 02:51 Uhr

@23) StefanP

Gestatten Sie, dass ich die Zahlen überprüfe und meinen Steuererklärungen gegenüberstelle 🙂
Schliesslich vertun Sie sich ja schon mal zwischen Brutto und Netto, wie geschehen bei unserer Diskussion über Arbeitslosengeld und Renten in beiden Ländern.
Ich muss allerdings schon jetzt sagen, dass ich in beiden Ländern Steuern gezahlt habe, einmal sogar bei Beschäftigung im gleichen Unternehmen. Nach einem Umzug nach Frankreich bekam ich den Status eines Grenzgängers und bezahlte in Frankreich Steuern. Die Abgaben in Frankreich lagen wesentlich unter denen in Deutschland. Dazu kommen dann noch so Dinge wie Arzneimittelkosten und allgemein Gesundheitskosten, die in Frankreich niedriger sind.
Aber ganz davon abgesehen, was ich grandios finde: Da versucht ein in der Wolle gefärbter Marktradikaler mir nachzuweisen, dass das Mantra der Neolibs, die Abgabenlast in Deutschland sei viel zu hoch im Vergleich zu anderen Ländern, Unsinn ist und es gerade umgekehrt ist. Köstlich! Dass ich das noch erleben kann!

40) Erwin Gabriel, Freitag, 28. Juni 2013, 19:56 Uhr

@ Stefan P

Ich stimme in fast allem zu. Meiner subjektiven, persönliche Einschätzung nach handelt es sich um Art Luxusproblem. Je besser der Verdienst, umso schwerer fällt der Verzicht auf Karriere, desto geringer die neigung, sein leben durch kinder zu belasten. Wenn, dann kommen sie spät und einzeln, sind die Eltern fast zu alt und haben oft die neigung, sich Ruhe zu erkaufen. Was das finanziell untere Ende der Gesellschaft angeht, so sehe ich durchaus viele, die kämpfen (wollen), die aber nicht wissen, wie, wofür oder wogegen. Bei einigen anderen ist es wohl egal, was und wie passiert oder nicht passiert.

Und ja, Deutschland ist ein sehr kinderfeindliches Land.

41) Peter Christian Nowak, Freitag, 28. Juni 2013, 21:38 Uhr

39) wschira,

Die Abgabenlast verteilt sich auf die Arbeitseinkommen ungleich stärker als auf Kapitalerträge.. Und da besonders trifft es die unteren wie mittleren Einkommen, Dagegen werden Einkünfte aus Kapitalerträgen wesentlich geringer besteuert.(Zinsabschlagssteuer 25%) Der Faktor Arbeit wird in einer vergleichenden OECD-Studie mit 51% besteuert. Hinzu kommt, dass der Spitzensteuersatz (besonders für singles Steuerkl.I) ziemlich früh einsetzt, was die Ungerechtigkeit im Steuerrecht noch befördert.
Fazit: Einkommen aus Kapitalerträgen müssten belastet, Einkommen aus Arbeit entlastet werden. Eine uralte Forderung von Finanzmathematikern, die aber nie umgesetzt werden wird.

http://www.sueddeutsche.de/geld/steuer-und-abgabenlast-deutschland-schroepft-die-geringverdiener-1.944704

http://www.jarass.com/home/index.php/DE/component/content/article/197-publikationen-weiterfuehrende-beitraege/steuern/buecher/1199-loehne-entlasten-vermoegen-belasten

42) karel, Samstag, 29. Juni 2013, 08:43 Uhr

Deutschland wurde ein techikfeindliches Land.
Deuschland wurde ein kinderfeindliches Land.

Deutschland ist heute ein zukunftsfeindliches Land.

Warum?
Wer es wagt, die Gründe mit der vorherrschenden Idiologie
zu begründen, bekommt argumentaiv schon keine Chance mehr.

Noch sind es die Unternehmer im Mittelstand und in den Technik-Konzernen,
die mit beiden Füßen in der Realität stehen, sich behaupten und für Wohlstand sorgen.
Noch.

43) StefanP, Samstag, 29. Juni 2013, 11:00 Uhr

@39) wschira

Das Problem ist doch, dass wir oft die eigentliche Abgabenlast übersehen. Warum z.B. haben wir in Deutschland einen Solidaritätszuschlag und eine “Reichensteuer”, obwohl beides schlichtweg zur Gattung der Einkommensteuer gehört? Ist das Zufall, historisch gewachsen oder dient es einfach der Verschleierung? Wohl Letzteres, nicht umsonst sprechen Linke so gerne von einem angeblichen Spitzensteuersatz von 42%, obwohl dieser doch bei 47% liegt, also 5%-Punkte höher. Oder Leute wie der Kollege Peter Christian Nowak, der unter fortgesetzter Steueramnesie leidet, wenn er behauptet, dass Kapitaleinkünfte mit 25% pauschal besteuert würden. Erstens übersieht er, dass den Unternehmensanteilseignern schon vorab der Gewinn besteuert wurde und zweitens, dass auch auf die Gewinnausschüttung Soli (und Kirchensteuer) fällig ist. Am Ende addiert sich die Belastung eines Steuersachverhalts auf knapp 50% statt der behaupteten 25%.

In Frankreich gibt es eine Wohnsitzsteuer, die ebenfalls die Belastung des Einkommens erhöht. Und ich will Sie keineswegs von einer angeblich niedrigen Steuerbelastung in Deutschland überzeugen, dafür habe ich nämlich zusätzlich den Vergleich USA gezogen. Und zwischen den Amerikanern und uns liegen der Atlantik und Welten.

Bleiben wir seriös: ich kann sehr wohl brutto und netto auseinander halten. So wie Sie wissen, dass die Menschen nicht vorrangig Arzneimittel, sondern Lebensmittel konsumieren. Und die sind in Deutschland besonders günstig. 😉

44) StefanP, Samstag, 29. Juni 2013, 11:28 Uhr

@40) Erwin Gabriel

Es geht nicht um Luxus, schließlich wollen die Menschen auch in anderen Ländern Karriere machen. In meiner Generation kamen die jungen Leute mit 26-27 Jahren von der Uni. Später habe ich Kollegen aus beispielsweise Frankreich kennengelernt, die waren mit 22, 23 Jahren fertig gewesen. Um sich eine Karriere aufzubauen, benötigt man durchschnittlich 9 Jahre, danach fällt es nicht ins Gewicht, wenn man 1-3 Jahre Sabbatical hält. Französinnen bekommen später ihre Kinder, ihnen verbleibt dennoch mehr Zeit für Karriere und Familie. Wir demonstrieren dagegen immer noch gegen G8 und Bologna.

Das sind immer nur einzelne Punkte, aber sie addieren sich auf. Ganz im Gegesatz zum Denken von Leuten wie Michael Spreng, die absolut monokausal argumentieren. Ein Problem – eine Lösung. Erschreckend erscheint mir, wie sehr der Kinderwunsch bei Abiturientinnen und Studentinnen zurückgegangen ist. Dabei haben diese wirklich noch keine ernsthafte Gelegenheit, über die Vereinbarkeit von Karriere und Familie nachzudenken oder sich um Betreuungsmöglichkeiten zu sorgen. Diese negative Entwicklung betrifft übrigens auch mein unmittelbares familiäres Umfeld.

45) Politikverdruss, Samstag, 29. Juni 2013, 11:31 Uhr

@StephanP., Freitag 28.Juni 2013 00:05 Uhr,

Zustimmung!

Äußerst treffende Beschreibung eines wenig kinder-und familienfreundlichen Umfeldes in Deutschland. Allen voran die Evangelische Kirche! Im Hinblick auf die sonntäglichen Gottesdienste der evangelischen Kirche fragt man bei CICERO: „Wäre es nicht ehrlicher, sonntags das Parteiprogramm von „Bündnis 90/Die Grünen“ zu verlesen, die Kollekte der 15-Prozent-Partei zu spenden und statt der Kirchen- eine Lebensberatungssteuer einzuziehen?“ http://www.cicero.de/salon/orientierungshilfe-fuer-familien-schwafelkirche-selbstaufloesung/54868

46) StefanP, Samstag, 29. Juni 2013, 11:43 Uhr

@36) Doktor Hong

Nun, Sie sehen es als angemessen an, dass der Staat Einkommen und Arbeitsverhältnisse in sehr engen Grenzen vorschreibt, statt darauf zu Vertrauen, dass Menschen das weitgehend selbst regeln können. Warum an anderer Stelle die Zurückhaltung?

47) Peter Christian Nowak, Samstag, 29. Juni 2013, 13:23 Uhr

39)wschira

Noch ein Nachtrag: Ein Vorschlag, wie er aus den Nachdenkseiten zur gerechten Besteuerung kommt. Dieser Vorschlag ist meiner Meinung nach bedenkenswert.

:Für ein Stufenmodell empfehlen sich daher folgende Abstufungen:
Stufe 0: Grundfreibetrag – Einkommen bis 8.354 Euro – Steuersatz 0%
Stufe 1: Eingangssteuersatz – bis zur Hälfte des Durchschnittseinkommens – Einkommen von 8.354 bis 13.800 Euro – Steuersatz 10%
Stufe 2: ermäßigter Steuersatz – von 13.801 Euro bis 27.600 Euro – Steuersatz 20%
Stufe 3: erhöhter Steuersatz – Vom Durchschnittseinkommen bis zum Doppelten des Durchschnittseinkommens – von 27.601 bis 55.200 Euro – Steuersatz 40%
Stufe 4: gehobener Steuersatz – für Einkommen oberhalb des Doppelten des Durchschnittseinkommens – von 52.201 Euro bis 1.000.000 – Euro Steuersatz 55%
Stufe 5: Reichensteuer – für Einkommen ab 1.000.001 Euro – Steuersatz 75%

Dieses Einkommensteuermodell passt nicht nur auf jeden Bierdeckel, sondern ist auch sozial ausgewogen. Sogar der viel zitierte Facharbeiter bei VW würde bei diesem Modell weniger Steuern abführen müssen als heutzutage und vor allem Bezieher von Niedriglöhnen profitieren durch die stark ermäßigten Steuersätze bei den ersten beiden Stufen.(Quelle: nachdenkseiten.de)

48) Sigmund, Samstag, 29. Juni 2013, 19:40 Uhr

@ Politikverdruss

Kissler sähe es wohl lieber, wenn man das Wahlprogramm der FDP vorliest und zum Katechismus hinzufügt sowie Hayed und Friedman zum 13. und 14. Apostel macht.

49) Erwin Gabriel, Sonntag, 30. Juni 2013, 10:03 Uhr

@ 44) StefanP, Samstag, 29. Juni 2013, 11:28 Uhr

>> Es geht nicht um Luxus …

Ich habe hier ausgeblendet, nicht weil die anderen von Ihnen genannten Punkte meiner Meinung nach keine Rolle spielen – das tun sie durchaus. Vielleicht habe ich mich mit dem Begriff “Luxus” auch unklar ausgedrückt, “Wohlstand” wäre sicherlich treffender gewesen.

Ich kenne viele, die keine Kinder oder nur spät ein Kind bekommen, weil das Leben ohne Kinder durchaus in vielerlei Hinsicht einfacher ist. Übertrieben formuliert: Wenn die Wahl ansteht zwischen Cabrio oder Kind, entscheiden sich viele halt viele nicht für den Nachwuchs, sondern für das Cabrio (oder für den Urlaub mit dem Flieger, oder oder …).

Mein Eindruck ist, dass es vielen wichtiger ist, nicht gestört zu werden bzw., auf neudeutsch, sich individuell zu verwirklichen. Die Fernseh-Werbung, die sich an junge Leute richtet, zeichnet ja in vielen Bereichen das Bild des Singles, der mit viel Geld ungebunden durch die Welt reist und “Spaß” hat, und auch die zunehmende Anzahl von Singles weist in diese Richtung.

Es gilt nicht für alle, bzw. nicht für alle gleichermaßen. Auch für das untere Ende der finanziellen Nahrungskette spielt dieser Aspekt aus neheliegenden Gründen keine Rolle. Und, wie Sie schrieben, viele Aspekte spielen eine Rolle und addieren sich auf. Der von mir genannte Punkt ist aus meiner Erfahrung aber ein maßgeblicher.

50) Doktor Hong, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:11 Uhr

@46) StefanP

Ja, ich sehe es als angemessen an, dass der Staat eine Untergrenze für Einkommen vorgibt. Wie daraus “sehr enge Grenzen” werden, kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Darüberhinaus braucht man Wertepräferenzen nicht weiter zu begründen.

Sie können übrigens in China oder an der deutschen Geschichte 1933-45 studieren, wie aktive Bevölkerungspolitik aussieht, wo man durch staatliche Eingriffe die Bevölkerungszahl bestimmter Gruppen stark reduzieren, anderer Gruppen aber vergrößern wollte. Das mögen Sie völlig in Ordnung finden, ich tue es nicht.

Nachdem wir den Austausch von Unterstellungen und Polemik hinter uns gebracht haben, können wir dann ja ernsthaft diskutieren.

Viele Ihrer Betrachtungen sind durchaus nachvollziehbar und wahrscheinlich zutreffend. Selbst als ich selber noch ein Kind war, sprach man davon, dass Deutschland kinderfeindlich sei. Da ich aber im Elternhaus viel Wärme erfahren habe, ist mir die Kinderfeindlichkeit wohl nicht besonders nahe gegangen.

Zu leugnen, dass ökonomische Umstände die Geburtenraten beeinflussen, finde ich ehrlich gesagt absurd. Geburtenkontrolle kam nicht erst mit der Erfindung der Pille auf, sondern wurde zu allen Zeiten praktiziert, wenn auch mit brachialeren Methoden (Stichwort: “Engelmacher”). Sicher spielten da auch soziale Gründe eine Rolle, da uneheliche Kinder und ihre Mütter sozial geächtet und ausgestoßen waren. (Wünschen Sie sich diese Zeiten zurück?)

Selbst ein vernünftiger Mensch wie Erwin Gabriel führt ökonomische Belastungen ins Feld, und Costa Rica ist nur ein Beispiel von vielen.

Ich kenne Paare, die keine Kinder haben und auch keine wollen, und andere, die eine sehr neumodische Form von Patchwork-Familie mit mehreren verwobenen genetischen Strängen darstellen. Sie wollen also, dass die Staatsmacht ein konformes Verhalten erzwingt, das irgend jemand (vielleicht Sie?) für alle vorgibt.

Herr Gabriel hat ausgeführt, dass es betriebswirtschaftlich wesentlich sinnvoller ist, keine Kinder aufzuziehen. Das müsste gerade Ihnen doch komplett einleuchten!

(Für den unbeteiligten Leser: Ich spiele hier lediglich den advocatus diaboli.)

51) Politikverdruss, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:56 Uhr

@Sigmund 48),

was haben Sie plötzlich gegen die Liberalen? Die Grünen seien “die neue liberale Partei Deutschlands, im besten Sinne des Wortes”, sagte Gabriel. “Deswegen ist das, was wir anstreben, im Grunde eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition. Nur dass der liberale Teil die Grünen sind.” http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/bundestagswahl/id_62780722/spd-chef-sigmar-gabriel-gruene-sind-die-neuen-liberalen-.html

Wenn das stimmt, was Gabriel da behauptet, dann müssten die Grünen doch auch etwas mit den Nobelpreisträgern Hayek und Friedman anfangen können! Nur, das aktuelle Steuerkonzept der Grünen scheint von liberalen Einflüssen noch sehr wenig beeinflusst. Stattdessen scheint man etwas zu sehr mit Gysi &Co. gekungelt zu haben.

Nun, das kennzeichnet ja gerade den Rot-Grünen Wahlkampf: Nichts passt zusammen! Aber vielleicht ist das ja gerade ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver. Man wiegt den in Umfragen zulegenden politischen Gegner in Sicherheit und erscheint dann plötzlich als unüberwindliches Rot-Rot-Grünes „Polit-Monster“ auf der politischen Bühne in Berlin. Wäre doch möglich, oder?

52) Sigmund, Sonntag, 30. Juni 2013, 15:23 Uhr

@ Politikverdruss
um es kurz zu machen:
Liberal bedeutet im liberalen Sinne nicht nur liberal.
Für manche bedeutet liberal vor allem neoliberal.

53) Erwin Gabriel, Montag, 01. Juli 2013, 09:54 Uhr

50) Doktor Hong, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:11 Uhr

>> Herr Gabriel hat ausgeführt, dass es betriebswirtschaftlich
>> wesentlich sinnvoller ist, keine Kinder aufzuziehen. Das müsste
>> gerade Ihnen doch komplett einleuchten!

Nun ja, ich habe einen Bruder, der das gleiche verdient wie ich, verheiratet und kinderlos ist. Die höhere Steuerlast meines Bruders wird durch die Kosten für meine Kinder, die sich ja nicht nur auf Kleidung und Nahrung beschränken, weit aufgewogen: Deutlich mehr Bedarf an Wohnraum, ein zweiter (wenn auch kleiner) Wagen für Einkäufe und Arztbesuche, Frau arbeitet sehr hart im Haushalt, anstatt mit einem vergleichsweise leichten Bürojob das Familieneinkommen dank durchgängiger Karriere durchaus kräftig aufzustocken. Wenn wir in Urlaub fahren, fahren wir zu viert oder zu fünft, und uns bleibt nur die teure Ferienzeit, bleiben Ostsee, Harz und mal der Gardasee. Mein Bruder bereist außerhalb der Saison die weite Welt, Florida, China, Korea, Vietnam, Ägypten, und zu seinen größeren Problemen zählen Dinge wie, dass das bestellte Ersatzteil für seinen Oldtimer noch nicht da ist. Natürlich, da beide arbeiten, haben beide Anspruch auf eine richtige Rente, während bei uns nur meine Alterseinkünfte eine Rolle spielen. Die Beiträge für beides werden von meinen Kindern finanziert, nicht von seinen.

Hätte ich in jungen, lebensunerfahrenen Jahren vor der Entscheidung gestanden, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, wäre ich meine Bruder gefolgt. Ich hatte das Glück, das meine Frau sich anders entschied. Da sie mir wichtig war, bin ich ihr gefolgt, und bin nun vierfacher Vater. Ich würde mit meinem Bruder nicht tauschen wollen. Aber da er das, was ihm entgangen ist, nie kennen lernte, versteht er meine Einstellung nicht.

54) Politikverdruss, Montag, 01. Juli 2013, 14:06 Uhr

@Sigmund 52),

manche kommen in ihrer Engstirnigkeit nicht ohne „Kampfbegriffe“ aus. Früher war’s der Klassenfeind, heute ist es der Neoliberale.

55) StefanP, Montag, 01. Juli 2013, 15:52 Uhr

@50) Doktor Hong

Ja, ich sehe es als angemessen an, dass der Staat eine Untergrenze für Einkommen vorgibt. Wie daraus “sehr enge Grenzen” werden, kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Das ist okay, nur nennen Sie das bitte nicht “liberal”, da bekommt jeder echte Liberale Hautausschlag. Die Definition von Schutzrechten ist kein liberales Denken. Liberale sehen ein prinzipielles Ungleichgewicht von Macht nur zwischen Bürger und Staat. Vor dem Machmissbrauch Einzelner lassen sich die Bürger am besten durch die Verhinderung von Machtkonzentration (Kartellgesetze) und der Gewährleistung von freiem Zugang zu Informationen und Märkten begegnen. Das ist die klassisch-liberale Ansicht.

Sie scheinen eine Weile im Ausland gewesen zu sein. Seit längerem läuft hier eine Debatte, wie sich hohe Einkommen begrenzen lassen. Auch das ist ein gravierender Eingriff in die Vertragsfreiheit der Bürger und alles andere als liberal.

Ich habe an keiner Stelle einer aktiven Bevölkerungspolitik das Wort geredet. Man muss aber den Spieß umdrehen. Bis zur “Reformpolitik” in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten die Menschen ein biologisches und ein ökonomisches Motiv, Kinder zu bekommen. Die sozialistische Politik (“Vergemeinschaftung von Risiken, Einkommen und Ausgaben) hat den Dualismus zerstört und ins Gegenteil verkehrt. Und auch für die unteren 20 Prozent der Gesellschaft sind Kinder nur wegen der von der Obrigkeit gewährten Transferzahlungen ökonomisch sinnvoll. Heute bekommen die Menschen nur aus reiner Kinderliebe Nachwuchs. Die wirtschaftlichen Vorteile gehen an die Allgemeinheit.

Ihnen muss doch zu denken geben, dass der originäre Kinderwunsch junger Menschen, die nicht in die Erwachsenenwelt eingetreten sind, deutlich über die Generationen gesunken ist. Das zeigt, dass unser Staat und unsere Gesellschaft natürlichste Instinkte zerstört haben. Und dem wollen die Staatsgläubigen nun mit noch mehr Staat begegnen. In ihrem absurden, ja, degenerierten Denken meinen sie tatsächlich, das Einkommen der Bürger gehöre dem Staat und sei “gerecht” zuzuteilen. In dieses Denken passt die Abschaffung der Kinderfreibeträge wie des Ehegattensplittings. Diesem Fanatismus bieten lediglich noch die Unionsparteien, die FDP und das Bundesverfassungsgericht Einhalt.

Die DDR betonte das ökonomische Argument, weshalb die Menschen zur Erlangung der Vorteile eben ein Kind bekamen. Was für ein perverses staatliches Denken! Das biologische Argument wurde ignoriert, die Kinder waren schnellstmöglich in staatliche Obhut zu übergeben, der im Zweifel auch über die Verfügung der Sache Kind entschied. Zu diesen Verhältnissen wollen Deutschlands linke Parteien offensichtlich zurück.

Man muss vielleicht nicht zur Ächtung von Alleinerziehenden zurück, wir sollten diese aber gesellschaftlich weit kritischer sehen als bisher. Vor allem ist ein Opferdenken völlig unangemessen. Wenn im Osten Deutschlands die Zahl der Alleinerziehenden doppelt so hoch ist wie im Westen, dann zeigt sich, dass “alleinerziehend zu sein” sehr viel mit gesellschaftlichen Einstellungen zu tun hat. Die Probleme dieses persönlichen Egoismus werden dann bei der Allgemeinheit abgeladen, denn 90 Prozent aller Alleinerziehenden wandern direkt in die soziale Bedürftigkeit. Dieser Trend muss gestoppt werden und das geht nur über einen Bewusstseinswandel und die neue Definition von Werten (die teilweise durchaus die alten sein können).

56) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 16:27 Uhr

@ 53) Erwin Gabriel, Montag, 01. Juli 2013, 09:54 Uhr:

Wohltuendes Posting, für das ich Ihnen herzlich danke! Kinder sind halt viel, viel mehr als nur ein Kostenfaktor. Und eine Politik, die Familien mit Kindern ausschließlich über den Geldbeutel betrachtet, handelt so einfältig, dass sich das Wörtchen “primitiv” aufdrängt. (Ganz zu schweigen von dem bizarren Streben, den Müttern praktisch schon im Kreißsaal ihre Babys zu entreißen, um diese politisch korrekt und staatsgläubig indoktrinieren zu können; wie weiland im Arbeiter- und Bauernparadies. — Doch das ist eine andere Geschichte, wenn auch nicht weniger betrüblich.)

Wenn ich mir vorstelle, wie trist und farblos unser Leben ohne Kinder wäre, bricht bei mir der Angstschweiß aus, auch meiner Frau. Es ist nicht immer einfach, aber stets interessant mit Teenies, denen ihre Eltern schon zu Vorschulzeiten Lust und Neugier auf ein freies, selbstbestimmtes Leben nahegebracht haben: ohne Uhr, ohne Zwang oder Druck, ohne Zeigefinger, anfangs nur spielerisch — aber immer mit beiderseitigem Vergnügen. Seit Jahren sag’ ich: “Ich hab’ von meinen Kindern mehr gelernt als sie von mir je lernen könnten.”

Übrigens habe ich einen ähnlichen Bruder wie Sie. Der ist (wie auch seine Frau, Nr. 3) so griesgrämig, egozentrisch, verbissen und laaaangweilig, dass unsere ganze Famile seinen weit entfernten Wohnort mehr schätzt als er selbst.
Zugetane Grüße unter Kollegen, von Vater zu Vater! Aber Sie führen mit einem Punkt Vorsprung; ich hab’ nur drei Blagen. Aber wer weiß? Vielleicht hole ich noch auf. 🙂

57) Sigmund, Montag, 01. Juli 2013, 16:50 Uhr

@ Politikverdruss
Na, das passt doch auf sie am allerbesten:
“rotgrünes Monste”, “linker Zeitgeist” usw.

58) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 18:19 Uhr

@ 55) StefanP, Montag, 01. Juli 2013, 15:52 Uhr

Unsere Postings wurden gleichzeitig freigeschaltet. Nun schaut’s so aus, als hätte ich Ihre Argumente nachgebetet. Dem ist keineswegs so — obwohl wir erfreulicherweise ziemlich gleiche Gedanken teilen und haben. Herzliche Grüße!

59) Erwin Gabriel, Dienstag, 02. Juli 2013, 14:44 Uhr

@ 56) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 16:27 Uhr

🙂

Wenn wir unseren Frauen den Teil zugestehen, der ihnen gebührt, führe ich bestenfalls um ein paar Hundertstel.

E.G.
theorie- und modellbefreiter Praktiker

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