Montag, 24. Juni 2013, 15:27 Uhr

Die CDU und ihr Familienmodell

Mit einem Wahlprogramm ist es wie mit frischem Obst oder Gemüse – es verdirbt sehr schnell. Das Wahlprogramm der CDU/CSU hat – wie alle anderen –  eine Haltbarkeitsdauer bis zum 22. September.

Danach gilt nur noch das Regierungsprogramm der Koalition, die dann gebildet wird. Und je nach dem, wer der Koalitionspartner wird, enthält dieses nur noch wenig von dem, was im Wahlprogramm steht.

Bei einer erneuten Koalition mit der FDP würde sich mit Mietpreisbremse, gesetzlicher Frauenquote, Mindestlohn und Kindergelderhöhung nichts tun. Bei einer großen Koalition würde sich herausstellen, dass heute die Schnittmengen der CDU/CSU mit der SPD größer sind als mit der FDP und den Grünen.

Dann würde die CDU sogar einen gesetzlichen Mindestlohn und einen leicht höheren Spitzensteuersatz schlucken und die SPD auf eine Rücknahme des Betreuungsgeldes verzichten.

Aber vieles aus beiden Wahlprogrammen würde dem Verfallsdatum zum Opfer fallen. Deshalb sind Wahlprogramme tatsächlich nicht besonders ernst zu nehmen. Sie sind mehr eine Selbstvergewisserung der Parteien, wo sie heute stehen und was sie für wünschenwert halten, als ein Versprechen oder eine Handlungsanweisung für die Regierung.

Eines ist aber am CDU/CSU-Wahlprogramm interessant: das Familien- und Frauenbild, das dahinter steht. Die beiden Parteien haben nach wie vor die Alleinverdiener-Ehe im Fokus und nicht die Berufstätigkeit der Frauen.

Kindergelderhöhung und höherer Kinderfreibetrag würden genau das Geld verschlingen, das für einen flächendeckenden Ausbau von möglichst kostenlosen Kitas dringend gebraucht würde. Und sie würden an der Geburtenrate genauso wenig ändern wie alle bisherigen familienpolitischen Maßnahmen. Schon gar nicht das systemwidrige und sinnlose Betreuungsgeld.

Das Beispiel skandinavischer Länder und das Tagesmütter-Modell in Frankreich haben beweisen, dass die Geburtenrate in einem Land nur dann steigt, wenn Frauen Familie und Beruf vereinbaren können. Wenn sie wissen, dass sie sich Kinder erlauben können, ohne auf Beruf und Karriere zu verzichten. Wenn ihre Kinder in Krippen, Kindergärten und Kitas betreut werden. Oder wie in Frankreich bei Tagesmüttern.

Alles andere ist nur die Subventionierung eines konservativen Familienmodells.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

59 Kommentare

1) Erwin Gabriel, Sonntag, 30. Juni 2013, 10:03 Uhr

@ 44) StefanP, Samstag, 29. Juni 2013, 11:28 Uhr

>> Es geht nicht um Luxus …

Ich habe hier ausgeblendet, nicht weil die anderen von Ihnen genannten Punkte meiner Meinung nach keine Rolle spielen – das tun sie durchaus. Vielleicht habe ich mich mit dem Begriff „Luxus“ auch unklar ausgedrückt, „Wohlstand“ wäre sicherlich treffender gewesen.

Ich kenne viele, die keine Kinder oder nur spät ein Kind bekommen, weil das Leben ohne Kinder durchaus in vielerlei Hinsicht einfacher ist. Übertrieben formuliert: Wenn die Wahl ansteht zwischen Cabrio oder Kind, entscheiden sich viele halt viele nicht für den Nachwuchs, sondern für das Cabrio (oder für den Urlaub mit dem Flieger, oder oder …).

Mein Eindruck ist, dass es vielen wichtiger ist, nicht gestört zu werden bzw., auf neudeutsch, sich individuell zu verwirklichen. Die Fernseh-Werbung, die sich an junge Leute richtet, zeichnet ja in vielen Bereichen das Bild des Singles, der mit viel Geld ungebunden durch die Welt reist und „Spaß“ hat, und auch die zunehmende Anzahl von Singles weist in diese Richtung.

Es gilt nicht für alle, bzw. nicht für alle gleichermaßen. Auch für das untere Ende der finanziellen Nahrungskette spielt dieser Aspekt aus neheliegenden Gründen keine Rolle. Und, wie Sie schrieben, viele Aspekte spielen eine Rolle und addieren sich auf. Der von mir genannte Punkt ist aus meiner Erfahrung aber ein maßgeblicher.

2) Doktor Hong, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:11 Uhr

@46) StefanP

Ja, ich sehe es als angemessen an, dass der Staat eine Untergrenze für Einkommen vorgibt. Wie daraus „sehr enge Grenzen“ werden, kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Darüberhinaus braucht man Wertepräferenzen nicht weiter zu begründen.

Sie können übrigens in China oder an der deutschen Geschichte 1933-45 studieren, wie aktive Bevölkerungspolitik aussieht, wo man durch staatliche Eingriffe die Bevölkerungszahl bestimmter Gruppen stark reduzieren, anderer Gruppen aber vergrößern wollte. Das mögen Sie völlig in Ordnung finden, ich tue es nicht.

Nachdem wir den Austausch von Unterstellungen und Polemik hinter uns gebracht haben, können wir dann ja ernsthaft diskutieren.

Viele Ihrer Betrachtungen sind durchaus nachvollziehbar und wahrscheinlich zutreffend. Selbst als ich selber noch ein Kind war, sprach man davon, dass Deutschland kinderfeindlich sei. Da ich aber im Elternhaus viel Wärme erfahren habe, ist mir die Kinderfeindlichkeit wohl nicht besonders nahe gegangen.

Zu leugnen, dass ökonomische Umstände die Geburtenraten beeinflussen, finde ich ehrlich gesagt absurd. Geburtenkontrolle kam nicht erst mit der Erfindung der Pille auf, sondern wurde zu allen Zeiten praktiziert, wenn auch mit brachialeren Methoden (Stichwort: „Engelmacher“). Sicher spielten da auch soziale Gründe eine Rolle, da uneheliche Kinder und ihre Mütter sozial geächtet und ausgestoßen waren. (Wünschen Sie sich diese Zeiten zurück?)

Selbst ein vernünftiger Mensch wie Erwin Gabriel führt ökonomische Belastungen ins Feld, und Costa Rica ist nur ein Beispiel von vielen.

Ich kenne Paare, die keine Kinder haben und auch keine wollen, und andere, die eine sehr neumodische Form von Patchwork-Familie mit mehreren verwobenen genetischen Strängen darstellen. Sie wollen also, dass die Staatsmacht ein konformes Verhalten erzwingt, das irgend jemand (vielleicht Sie?) für alle vorgibt.

Herr Gabriel hat ausgeführt, dass es betriebswirtschaftlich wesentlich sinnvoller ist, keine Kinder aufzuziehen. Das müsste gerade Ihnen doch komplett einleuchten!

(Für den unbeteiligten Leser: Ich spiele hier lediglich den advocatus diaboli.)

3) Politikverdruss, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:56 Uhr

@Sigmund 48),

was haben Sie plötzlich gegen die Liberalen? Die Grünen seien „die neue liberale Partei Deutschlands, im besten Sinne des Wortes“, sagte Gabriel. „Deswegen ist das, was wir anstreben, im Grunde eine Neuauflage der sozialliberalen Koalition. Nur dass der liberale Teil die Grünen sind.“ http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/bundestagswahl/id_62780722/spd-chef-sigmar-gabriel-gruene-sind-die-neuen-liberalen-.html

Wenn das stimmt, was Gabriel da behauptet, dann müssten die Grünen doch auch etwas mit den Nobelpreisträgern Hayek und Friedman anfangen können! Nur, das aktuelle Steuerkonzept der Grünen scheint von liberalen Einflüssen noch sehr wenig beeinflusst. Stattdessen scheint man etwas zu sehr mit Gysi &Co. gekungelt zu haben.

Nun, das kennzeichnet ja gerade den Rot-Grünen Wahlkampf: Nichts passt zusammen! Aber vielleicht ist das ja gerade ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver. Man wiegt den in Umfragen zulegenden politischen Gegner in Sicherheit und erscheint dann plötzlich als unüberwindliches Rot-Rot-Grünes „Polit-Monster“ auf der politischen Bühne in Berlin. Wäre doch möglich, oder?

4) Sigmund, Sonntag, 30. Juni 2013, 15:23 Uhr

@ Politikverdruss
um es kurz zu machen:
Liberal bedeutet im liberalen Sinne nicht nur liberal.
Für manche bedeutet liberal vor allem neoliberal.

5) Erwin Gabriel, Montag, 01. Juli 2013, 09:54 Uhr

50) Doktor Hong, Sonntag, 30. Juni 2013, 11:11 Uhr

>> Herr Gabriel hat ausgeführt, dass es betriebswirtschaftlich
>> wesentlich sinnvoller ist, keine Kinder aufzuziehen. Das müsste
>> gerade Ihnen doch komplett einleuchten!

Nun ja, ich habe einen Bruder, der das gleiche verdient wie ich, verheiratet und kinderlos ist. Die höhere Steuerlast meines Bruders wird durch die Kosten für meine Kinder, die sich ja nicht nur auf Kleidung und Nahrung beschränken, weit aufgewogen: Deutlich mehr Bedarf an Wohnraum, ein zweiter (wenn auch kleiner) Wagen für Einkäufe und Arztbesuche, Frau arbeitet sehr hart im Haushalt, anstatt mit einem vergleichsweise leichten Bürojob das Familieneinkommen dank durchgängiger Karriere durchaus kräftig aufzustocken. Wenn wir in Urlaub fahren, fahren wir zu viert oder zu fünft, und uns bleibt nur die teure Ferienzeit, bleiben Ostsee, Harz und mal der Gardasee. Mein Bruder bereist außerhalb der Saison die weite Welt, Florida, China, Korea, Vietnam, Ägypten, und zu seinen größeren Problemen zählen Dinge wie, dass das bestellte Ersatzteil für seinen Oldtimer noch nicht da ist. Natürlich, da beide arbeiten, haben beide Anspruch auf eine richtige Rente, während bei uns nur meine Alterseinkünfte eine Rolle spielen. Die Beiträge für beides werden von meinen Kindern finanziert, nicht von seinen.

Hätte ich in jungen, lebensunerfahrenen Jahren vor der Entscheidung gestanden, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, wäre ich meine Bruder gefolgt. Ich hatte das Glück, das meine Frau sich anders entschied. Da sie mir wichtig war, bin ich ihr gefolgt, und bin nun vierfacher Vater. Ich würde mit meinem Bruder nicht tauschen wollen. Aber da er das, was ihm entgangen ist, nie kennen lernte, versteht er meine Einstellung nicht.

6) Politikverdruss, Montag, 01. Juli 2013, 14:06 Uhr

@Sigmund 52),

manche kommen in ihrer Engstirnigkeit nicht ohne „Kampfbegriffe“ aus. Früher war’s der Klassenfeind, heute ist es der Neoliberale.

7) StefanP, Montag, 01. Juli 2013, 15:52 Uhr

@50) Doktor Hong

Ja, ich sehe es als angemessen an, dass der Staat eine Untergrenze für Einkommen vorgibt. Wie daraus “sehr enge Grenzen” werden, kann ich an dieser Stelle nicht nachvollziehen.

Das ist okay, nur nennen Sie das bitte nicht „liberal“, da bekommt jeder echte Liberale Hautausschlag. Die Definition von Schutzrechten ist kein liberales Denken. Liberale sehen ein prinzipielles Ungleichgewicht von Macht nur zwischen Bürger und Staat. Vor dem Machmissbrauch Einzelner lassen sich die Bürger am besten durch die Verhinderung von Machtkonzentration (Kartellgesetze) und der Gewährleistung von freiem Zugang zu Informationen und Märkten begegnen. Das ist die klassisch-liberale Ansicht.

Sie scheinen eine Weile im Ausland gewesen zu sein. Seit längerem läuft hier eine Debatte, wie sich hohe Einkommen begrenzen lassen. Auch das ist ein gravierender Eingriff in die Vertragsfreiheit der Bürger und alles andere als liberal.

Ich habe an keiner Stelle einer aktiven Bevölkerungspolitik das Wort geredet. Man muss aber den Spieß umdrehen. Bis zur „Reformpolitik“ in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten die Menschen ein biologisches und ein ökonomisches Motiv, Kinder zu bekommen. Die sozialistische Politik („Vergemeinschaftung von Risiken, Einkommen und Ausgaben) hat den Dualismus zerstört und ins Gegenteil verkehrt. Und auch für die unteren 20 Prozent der Gesellschaft sind Kinder nur wegen der von der Obrigkeit gewährten Transferzahlungen ökonomisch sinnvoll. Heute bekommen die Menschen nur aus reiner Kinderliebe Nachwuchs. Die wirtschaftlichen Vorteile gehen an die Allgemeinheit.

Ihnen muss doch zu denken geben, dass der originäre Kinderwunsch junger Menschen, die nicht in die Erwachsenenwelt eingetreten sind, deutlich über die Generationen gesunken ist. Das zeigt, dass unser Staat und unsere Gesellschaft natürlichste Instinkte zerstört haben. Und dem wollen die Staatsgläubigen nun mit noch mehr Staat begegnen. In ihrem absurden, ja, degenerierten Denken meinen sie tatsächlich, das Einkommen der Bürger gehöre dem Staat und sei „gerecht“ zuzuteilen. In dieses Denken passt die Abschaffung der Kinderfreibeträge wie des Ehegattensplittings. Diesem Fanatismus bieten lediglich noch die Unionsparteien, die FDP und das Bundesverfassungsgericht Einhalt.

Die DDR betonte das ökonomische Argument, weshalb die Menschen zur Erlangung der Vorteile eben ein Kind bekamen. Was für ein perverses staatliches Denken! Das biologische Argument wurde ignoriert, die Kinder waren schnellstmöglich in staatliche Obhut zu übergeben, der im Zweifel auch über die Verfügung der Sache Kind entschied. Zu diesen Verhältnissen wollen Deutschlands linke Parteien offensichtlich zurück.

Man muss vielleicht nicht zur Ächtung von Alleinerziehenden zurück, wir sollten diese aber gesellschaftlich weit kritischer sehen als bisher. Vor allem ist ein Opferdenken völlig unangemessen. Wenn im Osten Deutschlands die Zahl der Alleinerziehenden doppelt so hoch ist wie im Westen, dann zeigt sich, dass „alleinerziehend zu sein“ sehr viel mit gesellschaftlichen Einstellungen zu tun hat. Die Probleme dieses persönlichen Egoismus werden dann bei der Allgemeinheit abgeladen, denn 90 Prozent aller Alleinerziehenden wandern direkt in die soziale Bedürftigkeit. Dieser Trend muss gestoppt werden und das geht nur über einen Bewusstseinswandel und die neue Definition von Werten (die teilweise durchaus die alten sein können).

8) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 16:27 Uhr

@ 53) Erwin Gabriel, Montag, 01. Juli 2013, 09:54 Uhr:

Wohltuendes Posting, für das ich Ihnen herzlich danke! Kinder sind halt viel, viel mehr als nur ein Kostenfaktor. Und eine Politik, die Familien mit Kindern ausschließlich über den Geldbeutel betrachtet, handelt so einfältig, dass sich das Wörtchen „primitiv“ aufdrängt. (Ganz zu schweigen von dem bizarren Streben, den Müttern praktisch schon im Kreißsaal ihre Babys zu entreißen, um diese politisch korrekt und staatsgläubig indoktrinieren zu können; wie weiland im Arbeiter- und Bauernparadies. — Doch das ist eine andere Geschichte, wenn auch nicht weniger betrüblich.)

Wenn ich mir vorstelle, wie trist und farblos unser Leben ohne Kinder wäre, bricht bei mir der Angstschweiß aus, auch meiner Frau. Es ist nicht immer einfach, aber stets interessant mit Teenies, denen ihre Eltern schon zu Vorschulzeiten Lust und Neugier auf ein freies, selbstbestimmtes Leben nahegebracht haben: ohne Uhr, ohne Zwang oder Druck, ohne Zeigefinger, anfangs nur spielerisch — aber immer mit beiderseitigem Vergnügen. Seit Jahren sag‘ ich: „Ich hab‘ von meinen Kindern mehr gelernt als sie von mir je lernen könnten.“

Übrigens habe ich einen ähnlichen Bruder wie Sie. Der ist (wie auch seine Frau, Nr. 3) so griesgrämig, egozentrisch, verbissen und laaaangweilig, dass unsere ganze Famile seinen weit entfernten Wohnort mehr schätzt als er selbst.
Zugetane Grüße unter Kollegen, von Vater zu Vater! Aber Sie führen mit einem Punkt Vorsprung; ich hab‘ nur drei Blagen. Aber wer weiß? Vielleicht hole ich noch auf. 🙂

9) Sigmund, Montag, 01. Juli 2013, 16:50 Uhr

@ Politikverdruss
Na, das passt doch auf sie am allerbesten:
„rotgrünes Monste“, „linker Zeitgeist“ usw.

10) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 18:19 Uhr

@ 55) StefanP, Montag, 01. Juli 2013, 15:52 Uhr

Unsere Postings wurden gleichzeitig freigeschaltet. Nun schaut’s so aus, als hätte ich Ihre Argumente nachgebetet. Dem ist keineswegs so — obwohl wir erfreulicherweise ziemlich gleiche Gedanken teilen und haben. Herzliche Grüße!

11) Erwin Gabriel, Dienstag, 02. Juli 2013, 14:44 Uhr

@ 56) Don Corleone, Montag, 01. Juli 2013, 16:27 Uhr

🙂

Wenn wir unseren Frauen den Teil zugestehen, der ihnen gebührt, führe ich bestenfalls um ein paar Hundertstel.

E.G.
theorie- und modellbefreiter Praktiker

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