Dienstag, 02. Juli 2013, 17:40 Uhr

Die Türkei und wir

Ein deutsch-türkischer Freund hat sich kürzlich im Gespräch überwältigt gezeigt, wie sehr die Deutschen an den Ereignissen in der Türkei Anteil nehmen. Dass die Proteste gegen die Erdogan-Regierung und deren gewaltsame Unterdrückung in deutschen Medien eine so herausragende Rolle spielen, dass sich deutsche Talkshows damit beschäftigen, dass sich das tägliche Gespräch der Deutschen auch darum dreht.

Das ist tatsächlich großartig, zeigt es doch, dass uns Türken und die Türkei nahe sind – näher als mancher EU-Staat wie Bulgarien oder Rumänien. Die meisten Deutschen haben inzwischen türkische Arbeitskollegen, türkische Freunde und treffen jeden Tag Türken oder Deutsche türkischer Herkunft. Sie sind gute Nachbarn in Deutschland und deshalb ist die ferne Türkei trotz aller kulturellen und religiösen Unterschiede für einen großen Teil der Deutschen inzwischen ein Nachbarland. Und für das Schicksal von Nachbarn interessiert man sich besonders, man leidet mit.

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken ist inzwischen viel enger als die Söders und Dobrindts der Republik meinen. Die türkische Kultur ist inzwischen auch ein Teil Deutschlands.

Dass das geschafft wurde, darauf können Deutsche und Türken stolz sein. Deshalb verfolgen viele Deutsche jeden Fortschritt oder Rückschritt in der demokratisch-rechtsstaatlichen Entwicklung in der Türkei so genau. Nicht, um das Trennende hervorzuheben, sondern das Verbindende.

Dass es gerade für Deutsche noch weitere, gravierende Gründe gibt, an den Ereignissen in der Türkei kritisch Anteil zu nehmen, das zeigen die jüngsten Äußerungen des Erdogan-Vize Besit Atalay. Er macht die „jüdische Diaspora“ für die Proteste mitverantwortlich. Sie sei neidisch auf das wirtschaftliche Wachstum der Türkei. Auch Erdogan selbst spricht nebulös von der „Zins-Lobby“ – auch eine antisemitische Stereotype. Schrecklich vertraut klingt auch Atalays Äußerung, „diejenigen, die den Weg der Groß-Türkei aufhalten wollen, werden keinen Erfolg haben“.

Die Deutschen haben also noch ein wichtigen Grund, sich in der Türkei einzumischen. Dazu verpflichtet unsere Geschichte.

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49 Kommentare

1) Stefan, Montag, 22. Juli 2013, 19:11 Uhr

Die Nachteile werden hier nicht aufgezeigt. Keine Gruppe ist so wenig integriert wie Türken.
Die Religiosität ist dabei ein Haupthindernis, es bilden sich immer mehr Parallelgesellschaften und Gegenden wo Deutsche sich besser fernhalten sollen, wie es von Seiten der Polizei heißt. Die Zeitungen sind voll von entsrechenden Berichten. Dass Deutschland sich in innertürkische Belange einmischen will, ist übertrieben und eine Nummer zu groß für Deutschland und die EU.

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