Donnerstag, 19. September 2013, 16:55 Uhr

Ja, ich wähle Merkel

Ja, ich werde es tun. Ich werde Angela Merkel am 22. September meine Stimme geben. Nur mit 51 Prozent Überzeugung – wie bei fast allen Wahlen der letzten Jahrzehnte, ausgenommen 1998 (Schröder) und 2002 (Stoiber). Wieder eine Entscheidung mit Bauchschmerzen. Aber, was soll ich machen? Wahlenthaltung ist keine Alternative.

Also Merkel – trotz allem. Trotz ihres Einschläferungswahlkampfes, trotz ihrer Unfähigkeit, einen Zukunftsentwurf zu formulieren. Langweilig, aber berechenbar. Vernunft ohne Glanz. Vertraut.

Lange habe ich mit mir gerungen, denn ich nehme mit meiner Entscheidung in Kauf, dass auch die FDP weiter mitregiert – eine entleerte Partei, die nicht nur mich maßlos enttäuscht hat und die mit ihrer Regierungspraxis und ihrem Spitzenpersonal keinen Tag überzeugen konnte.

Wenn es wieder zu Schwarz-Gelb käme, würde ich mich ärgern, aber was ist die Alternative zu Merkel, die auch ich häufig kritisiert habe? Peer Steinbrück und seine SPD etwa?

Als sich abzeichnete, dass Steinbrück Kanzlerkandidat wird, habe ich mich gefreut. Auf einen Politiker, der soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Vernunft verbindet, auf einen Mann klarer Worte und eines klaren Kurses. Auf einen Wahlkampf, in dem es doch noch eine Alternative zu Merkel geben könnte.

Zu früh gefreut. Heraus kam ein Steinbrück, der weder mit seinem Auftreten noch mit seinem Kurs (welchem eigentlich?) überzeugen konnte.

Ein Mann, der von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolperte, der in den Wahlkampf schlitterte wie ein Amateur.

Ein Mann, der sich so weit nach links verbog, bis er nicht mehr kenntlich war.

Ein Mann, der das Gegenteil von dem sagt, was er früher erklärt hat, der seine Wirtschafts- und Finanzkompetenz an der SPD-Garderobe abgegeben hat.

Ein Mann, der seine Glaubwürdigkeit und Authentizität verloren hat.

Die Grünen etwa, die sich sklavisch im Wahlkampf an diese SPD ketteten?

Die mit dem wertkonservativen und moderaten Erfolgskurs von Winfried Kretschmann nichts mehr zu tun haben, die sich einen Überbietungswettbewerb mit SPD und Linkspartei um Steuererhöhungen liefern?

Die ihre Kernkompetenzen Umwelt, Natur und erneuerbare Energien ihren neuen linken Themen unterordnen?

Deren Spitzenpersonal immer so tut, als sei es im Besitz der höheren Wahrheit? Deren penetrant erhobener Zeigefinger nicht nur mir auf die Nerven geht? Deren Spitzenkandidat sich nicht mehr daran erinnern kann, dass er früher für eine Legalisierung von Sex mit Kindern eingetreten ist oder die Kinderschänder zumindest toleriert hat?

Nein, sie scheiden auch aus. Weitere Parteien tauchten im Ringen mit mir selbst nicht auf. Die FDP aus den genannten Gründen nicht, die AfD nicht, weil ich ihren Anti-Euro-Kurs für gefährlich halte und „Die Linke“ nicht, weil sie mir inhaltlich und personell völlig fremd ist.

Also Merkel. Das kleinste aller Übel. Hoffentlich als Kanzlerin einer großen Koalition.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

108 Kommentare

1) riskro, Sonntag, 22. September 2013, 10:41 Uhr

Herr Spreng, ich empfehle Ihnen den Kommentar 96) von Petre Meier zu lesen und anschliesend Ihren Kommentar vom 28.07.2012:
„Die Überlebensfrage der Demokratie“.

Es ist schon ein starkes Stück, Jemandem vorzuhalten heute das Gegenteil zu sagen, zu dem was er
„vor Jahren“ erklärt hat. St. Meinungsänderung nach Jahren, ist z.Tl. einer sich fortschreitenden Entwicklung angepasst. Wie ist Ihre Meinungsänderung nach nur 2 1/2 Monaten zu werten? Wie haben Sie doch geschrieben:
„Von der regierenden schwarz-gelben Koalition ist in dieser Hinsicht nichts mehr zu erwarten.
Deshalb müssen darüber die Wähler 2013 entscheiden“.

Die Richtlinien der schwarz-gelben Koalition wurden von der Kanzlerin (CDU) bestimmt.
Sie erwarten nichts von der CDU, aber wählen sie.

Interessant Ihre Kehrtwendung.

Ich bin mir sicher, Sie haben eine plausible Erklärung dafür.

Sie schreiben in dem Beitrag:
Warum sollen die Bürger noch wählen gehen, wenn anschließend Hedgefonds und Banken die Politik diktieren?

Nicht nur Hedgefonds und Banken bestimmen die Politik, Sie haben die Realwirtschaft vergessen.

Wer ist massiv gegen Steuererhöhung für die oberen Einkommensklassen und für einen flächedeckenden Mindestlohn und mit welcher Begründung?

2) Politikverdruss, Sonntag, 22. September 2013, 13:18 Uhr

91) jps-mm, Samstag, 21. September 2013, 12:08 Uhr,

eigentlich verdienen Sie keinen Widerspruch! Ihre Vorwürfe sind so abstrus, dass es sich nicht lohnt, darauf einzugehen. Das Gute aber ist, dass Sie sich mit ihrem „Geschreibsel“ so sehr selbst diskreditieren, dass man Ihre Wortmeldungen zukünftig ignorieren kann. Sie aufzufordern, anderenorts herumzutrollen, so weit würde ich nicht gehen. Denn einen Troll kann jedes Blog „ertragen“.

3) Erwin Gabriel, Sonntag, 22. September 2013, 14:24 Uhr

@ 78) Doktor Hong, Freitag, 20. September 2013, 16:38 Uhr

>> Die Euro-Krise wurde 1993 entschieden, als die Maastrichter
>> Verträge unterzeichnet wurden.

🙂 Wir zwei schon wieder
Das wird wieder eine so Dosenpfand-Diskussion, wo wir unterschiedliche Meinungen vertreten, und egal, wer Recht hat, es läuft aufs gleiche hinaus.

4) Erwin Gabriel, Sonntag, 22. September 2013, 14:56 Uhr

@ 84) karel, Freitag, 20. September 2013, 17:23 Uhr

>> Bei einem noch agierenden Kanzler Schröder hätte es natürlich wieder
>> keinen von den Medien bemerkten Bruch (der “No-Bailout”-Klausel)
>> gegeben, eher “hochgelobte und gepriesene Euro-Bonds” als die
>> “bejubelte” Problemlösung (des geringsten Widerstandes).
>> Oder sind Sie da etwa anderer Meinung……..

Ganz ehrlich – ob es unter Schröder und Müntefering einen derartigen Vertragsbruch gegeben hätte, kann ich nicht beurteilen, da bin ich mir nicht sicher (also auch nicht sicher darüber, ob Gerhard Schröder standgehalten hätte). Für eine SPD des aktuellen Zuschnitts á la Sigmar Gabriel haben Sie allerdings eindeutig Recht (nicht, dass die Wege von Merkel oder Gabriel zu unterschiedlichen Ergebnissen führen). Aber angenommen, es wäre so. Dann wäre es für mich kein überhaupt kein Grund, die CDU zu wählen, weil die SPD an dieser wichtigen Stelle genau so falsch gehandelt hätte.

Ich habe 2005 für Gerhard Schröder gestimmt, es hat leider nicht gereicht. Mit der großen Koaltion war ich unzufrieden, und Schröder stand nicht mehr zur Wahl. Ich wollte klare Verhältnisse, deswegen hat 2009 Angela Merkel meine Stimme bekommen. Das Ergebnis war aus meiner Wahrnehmung die schlechteste Regierung, die ich je erlebt habe (dabei empfand ich die letzte Regierung Schmidt und vor allem die letzten sechs Jahre Kohl schon als recht dürftig).

Da sowohl SPD als auch CDU in dieser wichtigen Sache die aus meiner Sicht falsche Politik vertreten, wird keine der beiden Parteien meine Stimme bekommen. Ich befürchte, die getroffene Entscheidung wird für uns übel enden. Jetzt läuft alles darauf hinaus, dass alle solange zahlen, bis keiner mehr was hat. Der französische Vorstoss, eine europaweite Arbeitslosenversicherung einzuführen, zeigt, wohin der Hase laufen soll.

5) Don Corleone, Sonntag, 22. September 2013, 15:05 Uhr

@ 98) Karl, Sonntag, 22. September 2013, 00:50 Uhr

„Damit habe ich diesen Blog zum letzten Mal gelesen, schwach, sehr schwach.“

Die fortan schmerzlich vermisste argumentative Tiefe (um nicht zu sagen: überbordende intellektuelle Potenz) Ihrer Mitteilung wird diesen Blog in geistige Armut stürzen! Wie können Sie ihn so hartherzig verlassen? 🙂
Bei allen Pavianen Afrikas! Haben Sie denn gar keine Nächstenliebe?

6) Doktor Hong, Montag, 23. September 2013, 15:53 Uhr

@103) Erwin Gabriel

Schon gut, ich habe es etwas überspitzt formuliert. Scheinbar färbt der Stil von StefanP auf mich ab 🙂

Natürlich haben Sie Recht, denn im Maastrichter Vertrag wurden natürlich Kriterien vereinbart, nach denen eigentlich nur Deutschland, Österreich, Luxemburg, Dänemark und die Niederlande den Euro hätten gründen können (und später, um 2000 herum, nicht mal mehr Deutschland!)

Das wäre sogar wahrscheinlich eine sehr sinnvolle Währungsunion gewesen.

Und natürlich haben Sie völlig Recht mit Ihren Hinweisen, dass nach und nach sämtliche Vertragsbestimmungen über Bord geworfen wurden.

Aber es bringt nichts, sich den Mond vom Himmel zu wünschen und über verschüttete Milch zu klagen (wobei man bei der heutigen, EU-subventionierten Überproduktion von Milch vielleicht nicht mehr so sehr über verschüttete Milch klagt wie in den Zeiten, aus denen das Sprichwort stammt. 🙂 )

Vor uns liegen gewaltige Aufgaben. Schuldenreduktion auf ein handhabbares Ausmaß. Management des demographischen Wandels. Überbrückung der sich vertiefenden sozialen Kluft. Bezahlbarkeit der Gesundheits-/Sozialsysteme sicherstellen. Infrastrukturinvestitionen, inklusive Energiewende. Abfederung der Schäden, die durch den Euro verursacht werden.

Aber schön, dass sich die Medien mehr für Rauten und Stinkefinger interessieren, als für diese für unser Leben völlig bedeutungslosen Kleinigkeiten, die ich gerade aufgezählt habe.

7) Erwin Gabriel, Dienstag, 24. September 2013, 10:48 Uhr

@ 106) Doktor Hong, Montag, 23. September 2013, 15:53 Uhr

Hallo Doktor Hong,

speziell Ihrem Schlusssatz kann ich zustimmen (dem Hinweis auf Gemaule über verschüttete Milch natürlich auch). Hilft auch nicht, es „schon immer “ gesagt oder gewußt zu haben. Wiederum ist unter der Betrachtung, dass die einen Entscheidungen schon gelaufen sind und wir von den zukünftigen wiederum nichts wissen, jede Diskussion obsolet.

Die von Ihnen aufgelisteten Probleme sind in der Tat wichtiger. Aber die gleichen Probleme bestanden schon vor vier bzw. acht Jahren, ohne das etwas Nennenswertes zur Lösung geschehen wäre. Ich sehe Aktivitäten, Betriebsamkeit, sogar Hektik, aber von tragfähigen Ergebnissen ist nicht mal ansatzweise etwas zu erkennen. Mein Eindruck ist gelegentlich, dass man sich von Details zur Grundfrage hocharbeitet, anstatt es umgekehrt zu machen.

Wird wieder viel Milch verschüttet werden die nächsten Jahre.

8) Rapunzel, Montag, 14. Oktober 2013, 23:29 Uhr

Verfassungstreue, Rechtstaatlichkeit, Freiheit.
Alles keine Werte die jemals von Berlin aus effektiv gewahrt worden wären.
Was die wirre unberechenbare Konservative Ideologie an Destruktion zu leisten im Stande ist, sehen wir derzeit ja in den USA, Frankreich, Italien (Berlusconi) und in der katholischen Kirche.
Ich kann nicht verstehen, wie Mütter und Väter an solcher Ideologie festhalten können?

Wie ist Ihre Meinung?

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