Samstag, 26. Oktober 2013, 17:07 Uhr

Journalismus statt Inka und Johannes B.

ARD und ZDF bekommen jährlich vom Zwangsgebührenzahler 7,5 Milliarden Euro. Unglaublich viel Geld, das sie in erster Linie deshalb erhalten, weil sie einen öffentlichen Auftrag erfüllen, nämlich die Informationen zu lieferen, die eine Demokratie für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs braucht. Natürlich dürfen sie auch unterhalten, aber deswegen sind sie nicht privilegiert.

In dieser Woche kamen jetzt zwei Ereignisse zusammen, die zeigen, wie weit sich die öffentlich-rechtlichen Sender von dieser Aufgabe entfernt haben:

ARD-Programmdirektor Volker Herres lehnte einen „Brennpunkt“ nach der Tagesschau zur unglaublichen Verschärfung des NSA-Abhörskandalsl ab, weil sich dadurch der Start der Unterhaltungsendung „Die deutschen Meister“ um 15 Minuten verzögert hätte. Eine Sendung, die zudem nur 9,8 Prozent der Zuschauer interessierte. Die offizielle Begründung, es hätte nicht genug neues Material für eine Sondersendung gegeben, ist vorgeschoben oder eine Bankrotterklärung.

Zwei Tage später rügte Bundestagspräsident Norbert Lammert den Qualitätsverlust im deutschen Fernsehen. Es gehe nur noch „um Quote, Quote und nochmals Quote“. Und er sagte deshalb konsequenterweise, wenn ARD und ZDF immer weniger ihrem eigentlichen Auftrag der seriösen Information nachkämen, stelle sich zunehmend die Frage, inwieweit das System der staatlichen Rundfunkgebühren noch gerechtfertigt sei.

Recht hat er. Denn die Zwangsgebühren gibt es nicht für die gefühlt hundertste Unterhaltungsshow, nicht für Inka Bause als (gescheiterte) Nachmittagstalkerin und nicht für die Rückkehr von Johannes B. Kerner zum ZDF für 101. sinnlose Show.

ARD und ZDF merken gar nicht, dass sie an dem Ast sägen, auf dem sie komfortabel sitzen. Dabei wächst ihre Verantwortung täglich angesicht der Krise der Printmedien.

Wenn immer mehr Zeitungen Newsroom-Einheitsbrei servieren, wenn die Meinungsvielfalt dramatisch schwindet, wenn immer mehr Redaktionen zusammengelegt und Journalisten entlassen werden, so dass kaum noch Zeit zur Recherche bleibt, dann wird der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender umso wichtiger.

ARD und ZDF müssen diese Lücke füllen – mit journalistisch herausragenden Produkten, mit aufregenden Magazinen, aufwändig recherchierten Storys, mit vielen zusätzlichen Sendeplätzen für investigativen Journalismus. Und auch für „Brennpunkte“ nicht nur zu Naturkatastrophen.

ZDF-Anchorman Klaus Kleber, der von Lammert für seine Arbeit geehrt wurde, hat dies richtig formuliert. Medien sollten nicht nur fragen, was die Leute sehen wollen, sondern auch, „was sie sehen sollten“. Das ist die Verantwortung des Journalismus, die immer mehr verloren geht.

Das Geld muss raus aus Verwaltung, rein in die Redaktionen. Und dafür müssen Sendeplätze von Shows und Tralala geräumt werden. Das können die Privaten ohnehin besser.

Wenn dies nicht passiert, dann wird das Zwangsgebührensystem mit Recht immer mehr infrage gestellt. Der einzige Sinn der Zwangsgebühren ist doch, dass ARD und ZDF gerade nicht auf die Quote schielen müssen.

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