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Ein Land, zwei Maßstäbe

Nehmen wir einmal an, der Fall Christian Wulff wäre gelaufen wie der Fall des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß. Dann hätte Angela Merkel nach der Einleitung des staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens gegen den Bundespräsidenten vor dem Bundestag eine bewegende Rede gehalten: „Ich bin sein Freund, und Freundschaft zeigt sich gerade, wie man bei Problemen zusammensteht“.

Die Abgeordneten hätten stehend minutenlang applaudiert und immer wieder im Chor gerufen: „Christian Wulff, du bist der beste Mann“. Der Bundespräsident hätte gerührt unter Tränen angekündigt, im Amt zu bleiben: „Ich werde dem Staat dienen, bis ich nicht mehr atmen kann. Ich könnte euch heute alle umarmen“.

Eine völlig absurde Vorstellung, wird jeder Leser sagen. Beim FC Bayern aber, dessen Aufsichtsratschef und Präsident Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe angeklagt ist, ist es genau so gelaufen. Der Steuertäter wird gefeiert, nicht gefeuert.

Christian Wulff dagegen musste zurücktreten. Bei ihm geht es um 750 Euro angeblicher Vorteilsannahme, nicht um Millionen.

Aber so verschieden sind die Maßstäbe, die in Deutschland angelegt werden. Das heißt nicht, dass Christian Wulff zu Unrecht vor Gericht steht und sein Rücktritt falsch war. Er hatte sich politisch und moralisch selbst diskreditiert. Es zeigt aber, wie verkommen die Maßstäbe beim FC Bayern sind. In jeder anderen Aktiengesellschaft hätte der Aufsichtsratschef schon längst zurücktreten müssen.

Aber im Fußball gelten offenbar andere Gesetze als in der Politik. Das ist zwar gut für die Politik, aber schlecht für den Fußball.

Dieser Text erschien heute im Rahmen meiner wöchentlichen Kolumne im „Berliner Kurier“.