Sonntag, 29. Dezember 2013, 11:37 Uhr

Die Mär vom Kampagnenjournalismus

Kampagnenjournalismus gehört sicher zu den Wörtern des Jahres. Skandalisierung auch. Im Jahr 2013 haben sich die Politiker ungewöhnlich erbost mit den Medien beschäftigt und die Medien mit sich selbst. Manche bis zur Selbstgeißelung.

Banalitäten würden zu Skandalen aufgebauscht, Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens kampagnenartig fertiggemacht, lauten die Vorwürfe. Als Beispiele fallen in der Debatte immer wieder die Namen Christian Wulff, Uli Hoeneß und Peer Steinbrück.

Ist das wirklich so? Besteht Anlass, sich über den Zustand der Medien ernsthaft Sorgen zu machen. Ein neues, beängstigendes Phänomen etwa?

Betrachten wir die Dinge einmal nüchtern. Angebliche Pressekampagnen gab es schon immer. Franz Josef Strauß stand jahrelang im Visier des „Spiegel“, Graf Lambsdorff beschwerte sich über journalistische „Todesschwadrone“ und Oskar Lafonataine ließ im Saarland gegen die ungeliebten Journalisten die Pressegesetze verschärfen.

Rita Süssmuth musste wegen ihrer Dienstwagenreisen zur Tochter in Schweiz wochenlang Schlagzeilen ertragen und Ulla Schmidt wegen ihrer Urlaubsreise mit dem Dienstwagen nach Spanien. Ein neues Phänomen sind die angeblichen Kampagnen also nicht.

Und in der Regel waren die Vorwürfe so gravierend, dass selbst eine kampagnenartig wirkende Berichterstattung nicht unangemesen erschien. Warum also jetzt? Gehen die Medien zu weit mit ihrer Kritik?

Ein Erklärungsversuch hängt mit der existenziell bedrohten Lage der Printmedien zusammen. Und dem daraus resultierenden verschärften Konkurrenzkampf. Immer weniger Journalisten in immer weniger Vollredaktionen müssen um immer mehr um Aufmerksamkeit kämpfen.

Und die Onlinemedien brauchen alle drei Stunden neue Themen und neue Schlagzeilen, um Clicks zu generieren. Da wird auch schon mal ein Bobby-Car und ein Pinot Grigio unter fünf Euro skandalisiert. Das ist natürlich unzulässig und völlig übertrieben, aber ist das typisch für den angeblich neuen Trend zur Skandalisierung?

Bei allen drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich von den Medien verfolgt fühlen, ist der Kern der Vorwürfe wahr. Christian Wullf hat Stil und Anstand vermissen lassen, Gefälligkeiten angenommen, die ein kluger Politiker nicht annimmt, und – als darüber berichtet wurde – mit Teilwahrheiten und Täuschungsversuchen reagiert und schließlich Journalisten auch noch bedroht.

Ein Bundespräsident, der sich derart verstrickt, steht, schon seiner Vorbildfunktion wegen, in einer solchen Situation zwangsläufig im Zentrum eines Mediensturms.

Natürlich gab es auch Jagdeifer und Übertreibungen, aber im Kern sind die Journalisten ihrer Aufklärungsfunktion nachgekommen. Der Eindruck einer Kampagne konnte nur entstehen, weil Wulff so unglücklich agiert und damit immer neue Recherchen und Berichte provoziert hat. Das staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren gegen einen amtierenden Bundespräsidenten brachte dann das Fass zum Überlaufen und zwang Wulff zum Rücktritt. Das ist aber nicht den Medien anzulasten.

Oder der Fall Hoeneß. Ein Prominenter, für viele ein Vorbild, hinterzog mit den Gewinnen aus fragwürdigem „Spielgeld“ Millionen Euro an Steuern. Ein Mann, der sich – wie Christian Wulff – selbst gerne zum moralischen Zensor aufspielte. Das ist natürlich ein Stoff für lang anhaltende und intensive Berichterstattung.

Dass der Fall bekannt wurde, liegt nicht an unsauberen Methoden von  Journalisten, sondern an den Durchstechereien aus der bayerischen Politik im Jahr der Landtagswahl. Von Kampagnenjournalismus kann auch im Fall Hoeneß keine Rede sein. Und durch seine selbstgerechte Reaktion und sein Beharren auf seinem öffentlichen Status fachte Hoeneß den Mediensturm weiter an.

Schließlich der Fall Steinbrück, der nur ein Fall werden konnte, weil er in der SPD, der selbsternannten „Partei der kleinen Leute“, seinen Anfang nahm. Ein Vortragsmillionär als Kanzlerkandidat – so das brisante Thema. Es wurde zuerst angeheizt durch die politischen Gegner (Dobrindt: „Steinbrück ist ein Produkt der Finanzindustrie“), die eine Chance zur charakterlichen Vernichtung sahen.

Dass es auch ein großes Medienthema wurde, lag an der unsensiblen Krisenbewältigung Steinbrücks, der noch drei Tage vor seiner Nominierung vor Privatkunden einer höchst umstrittenen schweizer Privatbank sprechen wollte. Damit war der Ton gesetzt, der von den Medien aufgegriffen wurde. Und der sich bei neuen Ungeschicklichkeiten, vom „Peerblog“ bis zum Stinkefinger, potenzierte. Auch deshalb, weil die Kluft zwischen Steinbrück und seinem prononciert linken Wahlkampf zu groß war und Fragen nach der Glaubwürdigkeit aufwarf.

Kampagnenjournalismus? Sicher gab es auch hier Übertreibungen, aber keine Kampagne, schon gar keine orchestrierte. Ein Spitzenpolitiker steht in einem Wahlkampf unter schärferer Beobachtung als gewöhnlich. Steinbrück selbst hat Harry S. Truman zitiert: „Wer die Hitze nicht aushält, sollte nicht in die Küche gehen“.

Fast alles, was als Beleg für das angeblich neuartige Phänomen des Kampagnenjournalismus dienen soll, hält ernsthafter Prüfung nicht stand. Medien müssen sich immer wieder selbst überprüfen, ob ihre Berichterstattung angemessen ist. Das ist in dem einen oder anderen Fall unterblieben, aber kein Beweis dafür, dass „die Medien“ neuerdings Perönlichkeiten des öffentlichen Lebens kampagnenartig grundlos fertigmachen.

Und eine Presse, die ihre Kritik an den Mächtigen übertreibt, ist mir immer noch lieber als eine handzahme.  Besondere Vorsicht ist übrigens  geboten, wenn Politiker „Haltet den Dieb“ rufen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

57 Kommentare

1) Erwin Gabriel, Freitag, 03. Januar 2014, 17:10 Uhr

@ 42) Erika, Donnerstag, 02. Januar 2014, 10:04 Uhr

Eine haben Sie vergessen:

Merkel auf dem BILD-Titel, flachgelegt (=waagrecht),
Schlagzeile: „Die Umfallerin“

etwa so: http://www.nusquam.de/?p=3003

2) Erwin Gabriel, Freitag, 03. Januar 2014, 17:22 Uhr

@ 40) Bernhard Paul, Mittwoch, 01. Januar 2014, 22:01 Uhr

>> Wenn Sie, Herr Spreng, den Begriff Kampagne als eine
>> abgestimmte, geplante, koordinierte, gewissermaßen als
>> eine konzertierte Aktion unterschiedlichster Medien verstehen,
>> dann haben Sie recht mit Ihren Ausführungen.
>> Die gibt es nicht und gab es nie.

Vielleicht haben Sie da formaljuristisch sogar recht. Genauso mag es sein, dass alle Mineralöl-Anbieter ohne Absprache agieren, wenn Sie in scheinbar gleichgeschalteten Wellenbewegungen die Spritpreise an den Tankstellen rauf- oder runter setzen. Vielleicht ist das alles nicht abgesprochen und funktioniert trotzdem, weil man sich gut genug kennt und sich untereinander auch so versteht. Was es jedenfalls nicht ist: Der Kampf um den Kunden nach den Regeln der Marktwirtschaft.

Vielleicht geht es den Medien, wenn sie erstmal ein Opfer ausgemacht haben, auch nur darum, wer die meisten Treffer bzw. den medialen Fangschuss setzt. Auch dafür wäre keine Absprache nötig. Aber auch hier: Das ist schädlich, das ist schändlich, und soweit weg von „Journalismus“, wie es nur sein kann.

3) sinistram, Freitag, 03. Januar 2014, 20:54 Uhr

Es ist doch auch eine Kampagne, wenn die Mainstream-Medien der Kanzlerin alles durchgehen lassen, anstatt ihr endlich mal empfindlich auf den Zahn zu fühlen. Bei Steinbrück haben sie es doch auch getan; jedes seiner Worte wurde auf die Goldwaage gelegt, er musste sogar seine Stasi-Akte herzeigen, während solche Forderungen zur Offenlegung an die Kanzlerin Merkels trotz ihrer dubioser DDR-Vergangenheit nie erhoben werden. Seit mehr als acht Jahren kommt sie in dieser Hinsicht ungeschoren davon: So agieren heute die Medien: Die sogenannte vierte Gewalt im Staate hat sich selbst gleichgeschaltet, weil es die Auftraggeber aus der Wirtschaft so wollen – sekundiert von der Mogelpackung Bertelsmann-Stiftung.

4) Werner Berger, Samstag, 11. Januar 2014, 02:15 Uhr

„Das staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren gegen einen amtierenden Bundespräsidenten brachte dann das Fass zum Überlaufen und zwang Wulff zum Rücktritt. Das ist aber nicht den Medien anzulasten.“

Das staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren hatte eine Falschberichterstattung der BILD-Zeitung zur Grundlage – Artikel „Wer bezahlte Wulffs Sylt-Urlaub?“ vom 08.02.2012, in dem bewusst wahrheitswidrig behauptet wurde, dass Groenewold den Sylt-Urlaub habe „vertuschen“ wollen. Groenewold ist mit Erfolg gerichtlich gegen diesen Artikel vorgegangen, hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, die auch im Hauptsacheverfahren Bestand behielt. Wenn eine Falschberichterstattung der BILD-Zeitung nicht der BILD-Zeitung anzulasten ist, wem denn dann?

Sie können sich auch an die eigene Nase fassen:

http://www.sprengsatz.de/?m=201112

„Erst nach der Anfrage der Grünen über Verbindungen zu Unternehmern wandelte er den Kredit des Ehepaares Geerkens in einen Kredit der BW-Bank um. Und diesen, bekam er offenbar nur deshalb, weil sein Unternehmerfreund Egon Geerkens den Kontakt zur BW-Bank herstellte.“

Die Unwandlung des Privatkredites von Frau Geerkens – nicht „des Ehepaares Geerkens“ – in den ersten BW-Bankkredit wurde bereits im Dezember 2009 in die Wege geleitet. Das dazu erforderliche Prozedere – Wertgutachten, Einschätzung des Vermögenssituation des Kreditnehmers, Bestellung der Grundbuchsicherung – läss sich nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Der Vertragsabschluss lag nur deswegen zeitlich nach der Grünen-Anfrage von Anfang 2010.

Dass es sich um einen „Spezialkredit, der nur für Unternehmen zur Zwischenfinanzierung üblich ist“ – wie Sie, Herr Spreng, schrieben – gehandelt habe, ist nachweislich falsch. Schon die WELT hatte im Mai 2009 über die Möglichkeit eines Geldmarktkredites auch für Privatpersonen berichtet:

http://www.welt.de/welt_print/article3682806/Mit-Euribor-Darlehen-guenstig-zum-eigenen-Heim.html

Wie ein Vorredner bereits schrieb:
Als Journalist fehlt Ihnen die Distanz, um OBJEKTIV über die Medien zu urteilen.

Tut mir ja Leid, Herr Spreng, aber so ziemlich alle Ihre Äußerungen zur Causa Wulff befördern meine Skepsis Ihnen gegenüber.

5) Rapunzel, Montag, 13. Januar 2014, 09:08 Uhr

Eine weitere kürzlich dargebotene Pressekampagne wollte uns ausgerechnet Angela „Wortbruch“ Merkel als „schwäbische Hausfrau“ verkaufen.
Schauen Sie sich die Rentenpläne des Merkel-Regimes an und lassen Sie sich diese glatte Lüge von der Schwäbin Merkel durch den Kopf gegen.
Fällt Ihnen etwas auf ?
Wieder mal handelt es sich um glatte Propaganda.
Zukünftige Generationen müssen das meiste ausbaden, dass Merkel und ihre Freunde versaubeutelt haben. Passt das etwa zu Bild von der „schwäbischen Hausfrau“?
Die schleichende Enteignung der Bundesbürger durch die Europolitik Schäubles und Merkels mal ganz außen vor gelassen. Hier spurt die gleichgeschaltete deutsche Presse und bereitet Merkel eine Kampagne nach der anderen. So wie auch auf diesen Seiten des Herrn Spreng.

6) Rapunzel, Freitag, 17. Januar 2014, 14:23 Uhr

2013 haben höhere Preise die Lohnsteigerungen aufgefressen. Leistung lohnt demnach hierzulande nicht mehr. Wir haben „weniger Netto vom Brutto“.
Diejenigen die „mehr Freiheit wagen“ wollten haben dafür gesorgt das wir heute angesichts von Totalüberwachung, Gefahrengebieten und Vorratsdatenspeicherung weniger Freiheit denn je (seit Gründung der BRD) haben.

Alle diese gebrochenen Wahl versprechen leugnet Angela „Wortbruch“ Merkels Berliner Propagandaapparat beharrlich.

Nein, Kampagnenjournalismus gibt es bestimmt nicht. Interessant das dessen Existenz ausgerechnet von einem wie Herrn M. Spreng geleugnet wird. Oder eben typisch.

Es hat sich selten ein Extremist als ebensolcher selbst bezeichnet.

7) m3ll, Mittwoch, 22. Januar 2014, 09:08 Uhr

Wohlwollend betrachtet mag es wohl sein, dass es sich bei den von Ihnen angeführten Beispielen nach strenger Auslegung nicht um Kampagnen, sondern nur um teilweise aus den Rudern gelaufenen, kritischen Journalismus handelt.

Wenn man nun aber mal einen Schritt zurückgeht, um den Blätterwald, und nicht die einzelnen Bäume zu betrachten, wird man feststellen, was auch hier im Thread schon angedeutet wurde: Die größte Kampagne ist die der „Alternativlosigkeit“ des ungezügelten Kapitalismus und der Allmacht des Marktes.

„Kritischer“ Journalismus findet fast ausschliesslich in diesem engen Rahmen statt, da werden Personalien diskutiert und aufgeblasen, als ob es wirklich einen Unterschied machen würde und es wird im Elfenbeinturm darüber diskutiert, wie die gerechte Verteilung der Krümel wohl auszusehen habe.

Die Presse ist in weiten Teilen zu Entertainment geworden, ohne wirklichen Erkenntnisgewinn. Sie ist im Prinzip nur noch die PR der Alternativlosigkeit, in unterschiedlichen Grautönen.

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