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Dienstag, 25. März 2014, 17:34 Uhr

Das ZDF und die Schnecke

Sind die Mainzelmännchen künftig allen Angriffen schutzlos ausgesetzt, weil sich ZDF-Fernsehratsmitglied Markus Söder nicht mehr für sie einsetzen kann? Können künftig gefährlich unabhängige Journalisten wie einst Nikolaus Brender weiter ihr Unwesen treiben, weil sie kein CDU-Mann mehr feuern kann?

Ganz so furchtbar wird es für die Parteien nicht kommen. Dafür spricht, dass alle Parteien das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur “Staatsferne” des ZDF begrüßt haben.

Auch nach dem Urteil, das verlangt, den Anteil der staatsnahen Gremienmitglieder (Verwaltungsrat und Fernsehrat) von 44 Prozent auf ein Drittel zu reduzieren, werden die Parteien Mittel und Wege finden, Einfluss auf das ZDF und sein Personal auszuüben. Um ihn zu stoppen, ist das Urteil nicht radikal genug.

Jahrelang waren die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten die Beute der Parteien, obwohl sie nach dem Grundgesetz nur an der Willensbildung des Volkes mitwirken. Wie selbstverständlich setzten sie nach einem Rechts-Links-Strickmuster ihre Sympathisanten an die verantwortlichen Positionen, die dann, wie Ex-Chefredakteur Brender es formulierte, als IMs den Parteien alle Interna zutrugen.

Daran hat sich bis heute wenig geändert, wenn auch Männer wie Thomas Bellut oder Peter Frey für die journalistische Unabhängigkeit des ZDF kämpfen. Aber auch sie müssen mit den Parteien leben, Kompromisse mit der Politik eingehen.

Das wird sich so lange nicht ändern, so lange die Vertreter von Parteien und Regierungen nicht völlig aus den Gremien verschwunden sind. Und bis die geheimbündlerischen Freundeskreise nicht zerschlagen sind.

Das sieht auch Richter Andreas Paulus in seinem Minderheitenvotum so. Er verlangt eine “weitgehende Freiheit der Aufsichtgremien von Vertretern des Staates”. Die Drittel-Quote sei für die Gewährleistung der Vielfalt nicht ausreichend. Die ZDF-Kontrollgremien hätten auch künftig keine Chance, sich von staatlichem Einfluss zu emanzipieren. Schade, dass ihm die Mehrheit seiner Kollegen nicht gefolgt ist.

Das Urteil des Verfassungsagerichtes ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber nur ein halbherziger. Der Fortschritt ist eine Schnecke – auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunkwesen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

27 Kommentare

1) wschira, Dienstag, 25. März 2014, 20:32 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

Sie haben zweifellos recht mit Ihrer Einschätzung des Parteieneinflusses auf das ZDF. Aber gleichzeitig frage ich Sie: Wer soll dafür in die Gremien einziehen? Vertreter der Wirtschaft? Gewerkschaften? Religionsgemeinschaften? Alles nur schwer vorstellbar.

2) karel, Dienstag, 25. März 2014, 20:38 Uhr

Beim “Rotfunk” ARD braucht es keine “Kämpfe”.
Da ist alles schon “einvernehmlich” geregelt.

Was dem ZDF offensichtlich noch fehlt.
Wohl nicht mehr lange.

3) Ekkehard von Weiher, Dienstag, 25. März 2014, 20:44 Uhr

“SIE KÖNNEN
DAS ALLES SENDEN.”
Horst Seehofer im ZDF 2012.
Solange Politiker Inhalte bestimmen,
verkümmern auch zukünftig “staatsferne”
Kontrollgremien zum demokratischen Feigenblatt.

4) Peter Christian Nowak, Dienstag, 25. März 2014, 21:21 Uhr

Seit Nikolaus Brender und seinem Rauswurf aus der ZDF-Chefredaktion stellt sich die Frage, warum es so lange gedauert hat, bis der Rechtsstaat reagiert. Ist es nicht so, dass seit dem Gründungsintendanten, Prof.Dr. Karl Holzamer, das ZDF ziemlich fest in Händen der Politik war und bis heute ist – selbst nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes?
Und dass die CDU/CSU, aber auch andere Parteien, ihren Einfluss über Jahre hinaus im Sender geltend machten? Insbesondere in den ersten Jahren der Sendetätigkeit des ZDF war der Sender als Haussender der CDU verschrien.
Warum müssen überhaupt Politik und Staat so großen Einfluss haben? Immerhin soll der Journalismus – auch der öffentlich-rechtliche – den Staat kontrollieren. Dafür bezahlen wir als Zuschauer. Und die Redakteure sollten so frei wie nur möglich arbeiten dürfen.
Deshalb ist es ein sinnvoller Vorschlag, den ZDF-Staatsvertrag mit dem Ziel zu überarbeiten, den Politikeinfluss so weit zurückzudrängen, bis der unangenehme Geruch des Verdachtes eines Verkündungs- und Meinungsmanipulationssenders zu sein, endgültig verschwunden ist.

5) Erika, Dienstag, 25. März 2014, 21:38 Uhr

Der derzeitige Pressesprecher von Angela Merkel war Moderator bei heute und heutejournal

Der frühere Pressesprecher von Angela Merkel ist unmittelbar nach diesem Amt Intendant des BR geworden.

Das sagt doch alles!

6) Bernhard Paul, Dienstag, 25. März 2014, 23:01 Uhr

Nun, Herr Spreng, so pessimistisch sehe ich das nicht, dass dieses Urteil nur ein halbherziger Schritt in die richtige Richtung sei, nämlich, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vom Einfluss der Parteien zu säubern.

Ich halte diese Grundsatzentscheidung für einen gehörigen Warnschuss an die Politik. Die politischen Vertreter vollständig aus den Gremien zu verbannen, würde auf der andereren Seite womöglich den Verfassungsgrundsätzen nicht standhalten, die besagen, dass in den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten alle gesellschaftlich relevanten und bestimmenden Schichten vertreten sein sollen.

Seit dem sogenannten Adenauer-Urteil der Sechzigerjahre sind die Parteien hier durchaus sensibilisiert. Das schließt natürlich nicht aus, dass immer wieder einmal ein Rambo wie Roland Koch es versucht, sich einen willfährigen Staatsfunk heranzüchten zu wollen.

7) Peter Christian Nowak, Mittwoch, 26. März 2014, 13:47 Uhr

Also Karel, bei Ihnen habe ich so manchmal den Eindruck, dass Sie Schwierigkeiten haben, die Dinge objektiv zu beurteilen. Alles, was nicht dem neoliberalen Wirtschaftsverständnis der veröffentlichten Meinungsmache entspricht gleich”rot”? Was verstehen Sie eigentlich unter “Rotfunk”? Erzählen Sie mal: zum Beispiel so ein Programmformat wie “die story” (WDR). Ist das “Rotfunk”? Solche Sendungen (und ein paar andere Formate) sind ein selten gewordenes HIgh-Light im ansonsten im Gleichschritt marschierenden Gleichfunks. Merken Sie eigentlich nicht, dass Sie sich herrlich instrumentalisieren lassen und letztlich Opfer der neoliberalen Strippenzieher sind? Glauben sie wirklich, dass es in der Ukraine-Krise um die verkündigten Segnungen der EU und USA geht, Demokratie und Selbstbestimmungsrecht der Völker? Ei waaas…denken Sie mal scharf nach…

8) Johannes Lamp, Mittwoch, 26. März 2014, 18:08 Uhr

Lieber Spreng,
beim ZDF ist und war der Einfluss der Politik immer spürbar – aber wenn ich im Bayerischen Rundfunk früher Stoibers, jetzt Seehofers Zäpfchen, Siegmund Gottlieb, sehe und höre, kommt mir das Erstkommunionsfrühstück hoch. Da haben Sie doch Ihre eigenen Erfahrungen gemacht….

9) wschira, Mittwoch, 26. März 2014, 20:16 Uhr

7) Peter Christian Nowak

“Rotfunk” war eine Spezialität von FJS. Karel ist halt ein bisschen hinter der Zeit zurück :-)

10) karel, Mittwoch, 26. März 2014, 23:10 Uhr

7) Peter Christian Nowak

Werter Her Nowak,
warum antworten Sie eigentlich persönlich, nicht sachlich?
Für mich ein Indiz von Argumentationsschwäche.
Sie wissen genauso gut wie ich,
dass das ZDF von Adenauer einst als Gegengewicht zum “Rotfunk” gewollt war.
Fast alle Programmverantwortlichen der ARD haben ihre Wurzeln in der SPD, waren z.B. Redenschreiber von Willy Brandt, Mitarbeiter von Gerhard Schröder usw. usw.
Die Namen werde ich Ihnen als “Informierter” wohl nicht auflisten müssen.
Und was Nikolaus Brender als ZDF-Mitarbeiter angeht, wurde dieser Mann erst nach monatelangem “Gezerre” als “parteiloser” akzeptiert. Ein Mann, der aus einer Großfiliale des “Rotfunks”, nämlich dem WDR zum ZDF kam, wo ein Kurt Beck an der Verwaltungsspitze nicht nur formal jahrelang”residierte”.
Ich selbst meide schon seit langem das öffentlich-rechtliche Fernsehen wegen der gepflegten “Kunst”, wesentliche Informationen zugunsten von Nichtigkeiten zu vernachlässigen.
Ich pflege andere Quellen.

Bleiben Sie doch einfach sachlich.
Ich wüßte nicht, daß ich mit meinen Beiträgen hier im Forum jemanden persönlich angegriffen hätte. Weil es nicht mein Stil ist.
Wie wäre es, wenn Sie es damit auch mal versuchen………
Viele Ihrer Beiträge sind ja durchaus lesenswert, ohne deshalb gleicher Meinung zu sein.
Ergänzend für Sie:
meine politische Einstellung ist nicht Partei-orientiert, eher Ergebnis-orientiert.
Für mich zählt, was geleistet wurde, weniger, was alles versprochen wird.

Gruß
karel

11) Freddy Schlimm, Donnerstag, 27. März 2014, 00:05 Uhr

Ich bin dafür, dass zunächst das ZDF aufgelöst wird.

12) Herr Karl, Donnerstag, 27. März 2014, 10:56 Uhr

Gemäss Albrecht Müller von den NachDenkSeiten sind viele Journalisten von ARD, ZDF und Deutschlandfunk in den USA einer Gehirnwäsche unterzogen worden…!
Gestern veröffentlichte er einen Artikel, in welchem er sogar von einer “zentralen Steuerung” der Parolen sprach:
“Ich glaube hier nicht mehr an Zufälle. Ich vermute, dass die Parolen und die oft sonderbaren und den Fakten widersprechenden Argumente zentral gesteuert werden.” (Albrecht Müller, NDS)
Mich befremden solche Theorien. Die einen sehen einen zu grossen Einfluss durch Politiker auf die Medien, andere einen zu grossen Einfluss von “gleichgeschalteten” Medien-Netzwerken. Eine 100%-ige Objektivität wird es nie geben. Paranoia hilft aber auch nicht weiter.

13) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 27. März 2014, 11:47 Uhr

Lieber Karel, ich weiß aus Erfahrung, welche Ansprüche an einen “ausgewogenen” TV-Beitrag gestellt werden. Zu leicht fließen persönliche Überzeugungen mit ein. Da kann so mancher Fernsehschaffende ein Lied von singen. Daher: Farbenlehre hat im TV nichts zu suchen. Es sei denn in der Postproduktion, wenn die eine oder andere Farbkorrektur vorgenommen wird.
Sie haben in Ihrer Anmerkung genau diese Unterscheidung vorgenommen, wie sie so mancher Politiker im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Mitglied in den Aufsichtsgremien für sich in Anspruch nimmt. Brender wollte sich nicht als Journalist zur Leibeigenschaft von irgendwelchen Leuten machen, die glauben, sich den Rundfunk zum Parteifunk ummünzen zu dürfen. Ein “No-go” für jeden Journalisten, der auf der Journalistenschule was anderes gelernt hat. Dafür hat er die Ungnade von Roland Koch zu spüren bekommen. Der damalige Intedant des ZDF hat hier wie ich meine keine gute Figur gemacht. Adenauers “Vermächtnis”, wie mit unbequemen Journalisten zu verfahren ist?

Journalisten sind mitunter auch verführbar. Auch davon können Journalisten hier und da ein Lied von singen. Es stehen immer Claqueure mit ein Einfluss und politischer Macht im Hintergrund bereit, die diese Verführbarkeit für ihre Partikularinteressen ausnutzen möchten. Dem zu widerstehen ist manchmal nicht einfach.
Ich empfehle Ihnen daher mal den Artikel vom Journalisten und Kommunikationswissenschaftler Uwe Krueger, “Die Nähe zur Macht”
http://www.message-online.com/wp-content/uploads/Artikel_Krueger_Die_Naehe_zur_Macht_Message_1_2013.pdf

14) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 13:52 Uhr

Auch das Verfassungsgerichtsurteil wird nichts an der Tatsache ändern, dass die öffentlich-rechtlcihen Fernsehsender politischen Magazinen weiterhin nur einen marginalen Anteil der Sendezeit einräumen und wir weiter mit Volksmusik, Schlager,Wetten daß?, Krimis, Quizshows, Uta Danella und diesem ganzen Entertainmentschrott zugemüllt werden.Man kann sich wirklich nur noch die Spartenkanäle wie Phönix und 3 Sat (Kulturzeit, Scrobel) ansehen.Zudem müsste man auch die gesamten alten Journalisten allesamt entlassen, da sie noch von dem Proporzsystem sozialisiert sind und selbst solche von Spreng gelobten Leute wie Brender nichts als bisshemmungsgesteuerte Mainstreamredaktuere sind.Vor einer Kulturrevolution steht das deutsche Staatsfernsehen auch nach dem BVG-Urteil nicht.Zudem sorgen wohl auch die Parteien dafür, dass überhaupt mnoch von Politik berichtet wird.Ohne sie könnte es auch zu einer gewissen weiteren Entpolitisierung der ÖR kommen.

15) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 14:33 Uhr

Qualitätsjournalismus gibt es kaum noch und der “investigative Journalist”ist meistens zum “Geiz-ist-Geil” und Stiftung-Warentest-mässigen Verbraucherschützer mutiert.Was die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender als Qualitätsjournalismus propagieren, ist abgestandener, ausgewogener kalter Kaafee, kaum mit landeskundlichen/politischen Analyse, grösseren Zusammenhängen. Die letzte gute Doku, die ich sah ist Jahre her und war Peter Scholl-Latours “Russland im Zangngriff von NATO, Islam und China”–hier wurde einmal die russische Perspektive beschrieben und diese Sendung hätte ein Vorbild für all jene sogenannten Qualitätsjournalisten sein können, die jetzt so überrascht von den Ereiignissen um die Ukraine tun.
Daher noch einmal eine kleine Laudatio auf den letzten Qualitätsjournalisten Scholl Latour, der in den öffentlich-rechtlichen keinen Sendeplatz mehr erhielt ausser in Talkshows:

Peter Scholl-Latour–der letzte deutsche Gaullist
von Ralf Ostner

Kaum eine Talkshow kommt ohne den altersweisen und inoffiziellen elder statesman der deutschen Republik Peter Scholl-Latour aus. Auf der Beliebtheitsskala der deutschen Bevölkerung dürfte er locker an Altbundeskanzler Helmut Schmidt heranreichen. Aufgrund seiner realpolitischen Hintergrundsfärbung und seiner immer pronouncierten Kommentare möchte man nicht auf ihn verzichten. Dieser im Elsass geborene Deutsche mit frankophilen Anwandlungen und ausgeprägter De-Gaulle-und Katholizismus- Bewunderung ist auch der aussterbenden Sorte der deutschen Gaullisten zuzuordnen. Ein Gesamtbild seiner politischen Weltanschauung vorzunehmen, bedeutet die Puzzlesteine seiner Äusserungen und Bücher zusammenzusetzen. Klar ist seine Abgrenzung zur deutschen Linken: Die 68er, die er als Korrespondent in Mai-Paris 1968 kennenlernte, waren für ihn ein Haufen unerzogener und verblendeter Bürgersöhne/töchter mit idiotischem, wirkichkeitsfremden Idealismus. Auf der Rechten vertritt er aber am ehesten noch ein Weltbild, dass Peter Gauweiler, Franz Josef Strauss und Alfred Dregger am nächsten kommt und sich von der Mehrzahl der Atlantiker in CDU/CSU und FDP merklich unterscheidet. So forderte Scholl-Latour eigene deutsche und zumindestens europäische Atomwaffen, um sich von den USA zu emanzipieren. Dies war schon immer auch das Ziel der deutschen Gaullisten, zu denen eben auch FJ Strauss und Dregger zählten und die in der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages in den 60er Jahren durch Deutschland auch ein „neues Versailles“ erblickten. Wie diese deutschen Gaullisten glaubte Scholl-Latour niemals an die Mär, dass Atomwaffen überholte Relikte vergangener Grossmachtkonkurrenz seien, sondern wie die Force de Frappe De Gaulles immer Verhandlungsgewicht, Souveränität und Machtpotential einer Nation im Innersten ausmachen.So forderte Scholl-Latour zuletzt 2007 im CICERO offen deutsche Atomwaffen

http://www.cicero.de/weltb%C3%BChne/deutschland-muss-atomar-aufr%C3%BCsten/37957#top

Scholl-Latour träumt von einem starken, nuklear und militärisch gerüstetem Europa und speziell als Elsässer würde er das Ganze gerne unter einer deutsch-französischen Achse sehen—er selbst sieht sich als die Personifizierung dieses Anspruches. Durch und durch militaristisch ist auch sein Weltbild: Zum Vietcong und den Islam fühlt er sich geistig hingezogen, da hier noch reine Lehren, Kampfgeist, Opferbereitschaft herrsche, die den verweichlichten westlichen Menschen inzwischen abginge. Sein Vergleich des Vietcong mit einem katholischen Kreuzritterverein war eine Danksagung an diesen verbliebenen Kampfgeist einer kleinen Nation, die es mit einem technologisch verweichlichten Riesen wie den USA aufgenommen hatte und dennoch gewann. Scholl-Latour ist auch stolz darauf, dass er Khomeini selbst getroffen hat und im Flugzeug die Verfassung der Islamischen Republik Iran heimlich transportierte. Auch an Khomeini gefiel ihm diese tiefe Spiritualität, die dem säkularisierten Europa abginge und die Kampfansage an die USA.Diesen Kampfgeist wünscht sich Scholl-Latour auch heute noch immer für Europa. Seine Ablehnung des Irakkrieges 2003 und des Afghanistankrieges darf man nicht mit Pazifismus verwechseln. An diesen Kriegen stört ihn das für ihn unrealistische Kriegsziel der islamischen Kultur Demokratie bringen zu wollen und dass diese Kriege seiner Ansicht nach nicht gewinnbar sind und einen schlechteren Zustand herbeiführen. Umgekehrt ist Scholl-Latour nun aber einer der eifrigsten Verfechter des Lybieneinsatzes, zumal auch die Europäer hier eine dominantere Rolle spielen und es sich um einen Konflikt vor der eigenen Haustür handelt–anders als Afghanistan. Linksliberale Orientalisten rümpfen die Nase über Scholl-Latours recht grobschnittmässige religiöse und ethnische Einteilungen (er pauschalisiert und zitiert gerne solch arabische Sprichwörter wie: Die Tunesier sind Frauen, die Algerier Männer und die Marrokaner die Krieger), die für einige an der Grenze am Rassismus angesiedelt sind. Scholl-Latour hat allerdings wirklich die Neigung Völker als Schicksalsgemeinschaften —von ihrer vermeintlich allmächtigen Geschichte und Kultur determiniert– zu betrachten. Dementsprechend übersah der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) Scholl-Latour–wie aber auch das Gros der deutschen Orientalisten und Politikwissenschaftler–das Kommen der demokratischen Revolutionen in Arabien. Sie passen nicht so in sein kulturalistisches Weltbild. Zudem beäugt Scholl-Latour als bekennender Konservativer Neuerungen erst einmal skeptisch, vor allem wenn es sich um mögliche Demokratisierungen islamischer, afrikanischer oder asiatischer Staaten handelt.Folgerichtig kommt Scholl-Latour bezüglich des Islam oft zu eigenwilligen Einschätzungen: So empfahl er Milli Görus aus dem Verfassungsschutzbericht zu streichen und der deutschen Regierung offizielle Kontakte zu der fundamentalistischen Organisation aufzunehmen. Auch der neo-osmanische Kurs der türkischen AKP-Regierung fand sein Gefallen. Dies wie auch andere Stellungsnahmen zum Islam, Iran und ablehnender Haltung zum Irakkrieg hätten ihm in den USA locker den Ruf eines deutschen Neo-Dhjiaddsiten der Marke Max Oppenheim, der eine Allianz zwischen einem atomargerüstetem Europa mit islamischen und konfuzianisch- asiatischen Staaten will, einbringen können—aber so wurde dies seltsamerweise niemals wahrgenommen und selbst bei Daniel Pipes, Henrik M. Broder (Schmock der Woche), der Achse des Guten und anderen Neocons bleibt Scholl-Latour unter der Wahrnehmungschwelle des antiislamistischen Frühwarnradarschirms. An Scholl-Latour hat sich Henryk M. Broder, der sonst alles leidenschaftlich kritisiert, bisher noch nicht gewagt. Möglicherweise imponiert aber Henrik M. Broder auch der Kampfeswillen des Alteuropäers Scholl-Latour für das christliche Abendland, den er in seinen Büchern wie “Hurrah, wir kapitulieren” bei seinen sonstigen europäischen Gutmenschen vermisst. Die Frauenbewegung ging über Peter Scholl-Latour hinweg, als hätte sie nie stattgefunden. Alice Schwarzer zählt ihn auch zur “Old School” von Männern, die ihre Siegesfeiern als Weltbeweger- und kommentatoren in Werner Höfers “Internationalem Frühschoppen” abzelebrierten–meist ohne Frauen. Angesprochen in einer Frauenrunde, die die sexuellen Übergriffe von Dominique Strauss-Kahn ins Visier nahmen, meinte er auf die Äusserung, wonach der französische Präsidentschaftsanwärter eine Bedienstete des Hotels zum Oralsex gewzungen habe: “Das kann ja nicht sein, sie hätte ja reinbeissen können”. Angesichts der aufkommenden Empörung unter den Frauen, versuchte Scholl-Latour das vermeintlich Geschehene nochmals zu relativieren, indem er darauf hinwies, dass im Sudan und andernorts täglich ja Tausende von Frauen vergewaltigt würden und man diesen Fall nicht so hochspielen solle. Nachdem ihn der vereinte Frauenprotest daran erinnerte, dass Europa und die USA kein Kriegsgebiet sind, schwieg er erstmals. Peter Scholl-Latours letzte Bücher wurden auch als Filme verdreht, die nie unter 2 Stunden Länge sind. Ein Scholl-Latour will sich episch ausbreiten und duldet filmisch keine zeitlichen Beschränkungen–nur mit Ausnahme von Talkshows. In seiner Kombination zwischen Karl-May-Abenteuertum, politischer Analyse und Landeskunde verbleibt er als aussterbende Spezies der wirklich guten Journalisten. Scholl-Latour abstrahierte immer konkrete Erfahrungen und konkretisiert umgekehrt immer theoretisches Wissen an Hand von praktischer Erfahrung.Diese Dialektik zwischen induktivem und deduktiven Verfahren, die Lebendigkeit seiner Berichte und das Vermögen, sich in die Interessenslagen anderer Staaten hineinzuversetzen, zeichnet ihn aus. Sein Bericht „Russland—im Zangengriff zwischen NATO, Islam und China“ war eine hervorragende Reportage, die auch schon klar vor einer NATO-Osterweiterung warnte und den Georgienkrieg kommen sah, da Russland sich wehren würde. Sein letztes Buch über den Niedergang des weissen Mannes klingt hingegen wie ein Abgesang auf die westliche Zivilisation und möglicherweise ist es die Vorahnung, dass mit sich selber ein scharfkantiges Exemplar eben dieser Spezies ausstirbt. Der Tod Peter Scholl-Latours würde wohl auch das Ende des Qualitätsjournalismus mit einleiten. Das Absterben des letzen deutschen Gaullisten und hochwertiger Landesberichte und politischer Analysen scheint Hand in Hand zu gehen. Zu hoffen, dass jemand von gleicher Qualität die Lücke schliesst.

16) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 19:21 Uhr

Was mich als katholischen Atheisten auch erzürnt: Die Parteien werden zwar beschnitten, nicht aber die krichlichen Vertreter in den Öffentlich-Rechtlichen.In Talkshows findet man kaum Atheisten,Agnostiker, Vertreter der grössten Konfession–der Konfessionslosen-,immer nur zu irgendwelche Religionswissenschaftler, Theologen, bekennende Christen, musizierende Jesuiten, Pfarrer Braun,Himmlische Familien, irgendwelche Nonnen mit dem Wepper, Gottersdienste am Sonntag,den bekenneden Evangelikalen Peter Hahne (Schluss mit lustig-Das Ende der Spaßgesellschaft) und dann noch das Wort zum Sonntag. Warum gibt es eigentlich kein atheistisches Wort zum Sonntag oder mal ein religionskritisches?

17) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 19:31 Uhr

Dazu geht das Verfassungsgerichtsurteil in die falsche Richtung: Es ist nicht zu kritisieren, dass zuviel Politik in den ÖR kommt, dass die Parteien an sich zuviel zu Worte und Einfluss nehmen kommen. Stattdessen sollte man eher mehr Senderecht für Minderheitenpositionen und Gegenpositionen kleinerer Parteien , NGOs und politischen Gruppen mehr Gewicht geben.Ansonsten wird das Urteil die weitere Entpolitisierung beschleunigen.Dann sind diese so entpolitisert wie die Privaten.

18) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 19:35 Uhr

Beim Wahlrecht für die Europawahlen ist das Bundesverfassungsgericht ja den Weg gegangen auch kleinere Parteien aufzuwerten und ihnen mehr Gehör zu verschaffen durch die Senkung auf 3%, im Falle der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstaklten geht sie aber nicht den Weg–da heisst es nur: Weniger Parteieneinfluss!

19) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 20:02 Uhr

Oft schwärmen mir von den Privaten und ÖR angewiderte Menschen von ARTE vor: Richtig ist, dass ARTE der deutsch-französischen Verständigung dient, aber mit stark französischem Akzent. Aber auch ARTE ist schon sehr zeitgeistmässig geworden und zudem habe ich immer den Eindruck, dass Cohn-Behndit und seine Gang der 69er Apo-Opas das Programm bestimmt.Wie auf anderen Kanälen die alten Stalingradnostalgie für die Älteren endlos läuft. so hier 68, Flowerpower-Hippienostalgie,etc. Dazu noch Reisemagazine für Wellnesstouristen mit schönen Landschaften, Folklore und Kochküche mit Bio-Sarah Wiener–Landeskunde zumeist kulturell und Kultur dann zumeist kulinarisch und musikalisch. Auch hier die weitgehende Entpolitisierung. Übner die aktuelle Faschismusgefahr der Front National in Franklreich, die ganz Europa in den Abgrundriessen kann, wenn Le Pen ein Bündnis mit Putin eingehtüberhaupt nichts. Die einzige rträgliche Sendung “Mit offenen Karten”–Geoploitik im Kurzformat.Aber einen Elsässer ala Scholl-Latour würde dieser französisch-deutsche Sender nie bruingen, da er eben political correct und Multikulti sein will.Genauso wenig ist hier eine Kulturrevolution wie bei den Öffentlich-Rechtlichen durch das Bundesverfassungsurteil zu erwarten.
Man müsste da schon auch die Kulturschickeria der Cohn-Behnditfans mitstürzen.

20) Ralf Ostner, Donnerstag, 27. März 2014, 20:30 Uhr

Noch zu politischer Berichterstattung:

Ein Freund schrieb:

” Nichtsdestotrotz werden Scholl-Latour
und seine Ansichten langsam Anachronismen!”

Ich schrieb:

Der gute Mann ist jetzt 90 geworden und hat sichtbar Probleme sich in Talshows noch länger zu halten und zu artikulieren.Ich rede jetzt weniger von seinen Ansichten, sondern von seinem journalistischen Genre: Und das war Landeskunde, politische Anaylse, Blick auf längere historische Zeiträume und grössere geopolitische Zusammnehänge, zumal auch mit Karl-May-Entertainment.Genau dieses Format vermisse ich heute bei allen sogenannten Qualitäts- und ivestigativen Journalisten. Die nehmen eher skandalöse Einzelfälle, exotische Ausnahmefälle, aber haben eben nicht mehr den Gesamtüberblick, den sie vermitteln wollen.Dirk Sager setzt sich in einen Zug, redet kurz mit dem Schaffner, ein paar willkürlichen Fahrgästen, dem Stationsvortseher, dann eine gebisslose Babuschka in einem runtergekommenen Dorf in Sibirien, ein paar Landschaftsbilder–und daraus soll man dann mehr über Russland erfahren.Ähnlich hat es Bednarz gemacht, der ja als Monitorchef als politisch so progressiv gilt.Filmischer Müll halt–ohne grossen Informationswert. Sag mir mal eine andere Doku, die es so weitsichtig mit Scholl Latours “Russland im Zangengriff von NATO, Islam und China” aufnehmen könnte.Welche Fernsehdoku- oder reprotage hast du denn zuletzt gesehn, die an diesen Level auch nur annährend rankam?

21) Rainer N., Freitag, 28. März 2014, 13:31 Uhr

Und den Kleber sofort entlassen. Hetzer kann man nicht als Nachrichtensprecher einsetzen.

22) Hannes Mittermeyer, Freitag, 28. März 2014, 15:26 Uhr

Mit der Staatsferne ist es spätestens dann wieder (temporär) vorbei, wenn die Intendantenstelle neu besetzt werden muss. Ich habe dies vor einigen Jahren in Bayern erlebt, als die CSU Seehofers Staatskanzleichef Schneider als BR Intendanten durchgedrückt hat. Machste nix dran!

23) Pat Hall, Freitag, 28. März 2014, 16:41 Uhr

NUN, wer den Sachverhat des P.C. Nowak nicht nicht verstehen kann sollte sein politisches Gedankengut eimal sortieren

24) Peter Christian Nowak, Sonntag, 30. März 2014, 20:29 Uhr

21) Rainer N.,

…und im Falle eines Falles kebt der Kleber wirklich alles…

25) Erika, Montag, 31. März 2014, 09:01 Uhr

@22) Hannes Mittermeyer, Freitag, 28. März 2014, 15:26 Uhr

Siegfried Schneider ist Präsident des BLM

http://www.blm.de/de/pub/aktuelles/pressemitteilungen.cfm?eventPress=press.DisplayDetail&pressrelease_ID=1599

Ulrich Wilhelm ist Intendat des BR, und wie geschrieben bis dahin war er Pressesprecher von Angela Merkel und Chef des Bundespresseamtes. Davor hatte er vielfältige Aufgaben in der Staatskanzlei unter Edmund Stoiber.

26) StefanP, Montag, 31. März 2014, 12:21 Uhr

Wir wollen einen Staatsfunk ohne staatliche Aufsicht. Toller Slapstick!

27) Rainer N., Montag, 31. März 2014, 15:03 Uhr

Wer eine unabhängige Presse in anderen Ländern fordert, z.B. Russland, sollte sich erst einmal an die “eigene Pressenase” fassen.

Wie die Gleichschaltung funktioniert, SPON, SZ, Zeit u. s. w, zeigen es deutlich.

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