Freitag, 06. Juni 2014, 12:32 Uhr

Native Advertising – ein Missbrauch

Die Erlöskrise der Print- und Onlinemedien führt zu Verzweiflungstaten, die an die Selbstabschaffung grenzen. Immer häufiger taucht sogenanntes „Native Advertising“ auf, also Artikel, die wie redaktionelle Texte aussehen und nur ganz klein als „Werbung“ oder „Sponsored Post“ gekennzeichnet sind.

Früher nannte man das Schleichwerbung oder Irreführung, wenn redaktionelle Kompetenz und Glaubwürdigkeit für Werbezwecke missbraucht wurden. Heute wird diese Verwischung von Redaktion und Werbung als Wundermittel gepriesen, um Werbeerlöse zu generieren. Burda hat dafür sogar eine Tochtergesellschaft, die Werbekunden bei diesem Missbrauch berät.

Redaktionell gestaltete Anzeigen hat es auch schon früher gegeben. Ich habe mich immer konsequent dagegen gestellt. In „Bild am Sonntag“ inserierte ein Hersteller von Knoblauchpillen im Umfeld des Medizinteils – mit Anzeigen, die wie redaktioneller Text aussahen. Als sich dies trotz mehrfacher Aufforderungen nicht änderte, griff ich zum letzten Mittel: ich warf kurz vor dem Druck der Zeitung die Anzeige aus dem Blatt.

Weil ich damit meine Kompetenzen überschritten hatte, gab es heftige Auseinndersetzungen mit dem Verlag. Es kam zu einem Spitzengespräch mit Verlag und Knoblauchhersteller – mit dem Ergebnis, das die Anzeige umgestaltet wurde. Ich befürchte, heute würde nicht die Anzeige, sondern der Chefredakteur rausgeworfen.

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4 Kommentare

1) Peter Christian Nowak, Freitag, 06. Juni 2014, 17:27 Uhr

Mr, Rogoffs Knoblauchpillen und die ganze Palette von Nahrungsegänzungsmitteln in einem Layout, um das sich Patienten in Wohn-und Wartezimmern reissen. Sieht die ganze Aufmachung doch so aus, als wären hier die neuesten Gutachten von „medicine Science“ zum Besten für eine immer mehr gesundheitsbewusste Nerds veröffentlicht.

Anti-Aging und Health-Care ist ein Milliardenmarkt. Den zu erobern, darum gehts!

Und bei den Leid geprüften Prints, denen der Hammer der Insolvenz schon Knapp über dem Haarscheitel liegt…die ergreifen dankbar solch Möglichkeit aus der Bredouille zu kommen.

Bei gewissen TV-Programmheften goldene Praxis: nicht nur Omis und Opis fallen darauf rein. Sogar esoterisch ‚angeturnte‘ Zeitgenossen, die sich gern von diesen Fakes angeblich neuester Erknntnisse aus medizinischer Wissenschaft belämmern lassen

2) Bert Grönheim, Samstag, 07. Juni 2014, 06:47 Uhr

Über Artikel, die als Werbung gekennzeichnet sind, kann man hinwegblättern. Besonders ärgerlich finde ich Artikel, die nur noch Lobhudelei sind, jede Distanz zum Objekt des Berichtes vermissen lassen, und den Eindruck erwecken, da wollte eine Redaktion mal mit Gewalt etwas positives in die Welt setzen.. Das alte Thema Neutrallität.

3) Peter Christian Nowak, Samstag, 07. Juni 2014, 12:23 Uhr

…wenn in Wartezimmern die „Contents“ herausgerissen werden, dann hat das “ Native Advertising“ sein Ziel erreicht.

http://www.kircher-burkhardt.com/mobile/news/?post=6552

4) Paulus, Dienstag, 26. August 2014, 14:46 Uhr

Über die Freiheitsgrade die Journalisten in den Printmedien nutzen dürfen, habe ich mir noch nie große Illusionen gemacht. Der „Zeitgeist“ und Redaktionsstatute legen den Korridor fest, in dem sich Themenauswahl, Wertungen und Kommentare zu bewegen haben und wo die Grenzen liegen, die einzuhalten sind.

„Gefälligkeitsberichterstattung“ – gegen Honorar – ist nicht neues. Ebenso wenig wie „Gefälligkeitsgutachten“ die von Wissenschaftlern auf Initiative von Industrie und anderen Pressure-Groups erstellt werden. So ist das – und nicht anders – in einer Gesellschaft, in der das schnelle Geld und ein (angelsächsischer) Freiheitsbegriff regiert, der auf die Maxime hinausläuft: Nimm was du kriegen kannst – du lebst nur einmal.

Gruß
Paulus

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