Freitag, 13. Juni 2014, 13:24 Uhr

Wulff und Würde

Es hätte für Christian Wulff eine schöne Woche werden können. Zum Wochenende verkündete die Staatsanwaltschaft Hannover ihren Verzicht auf eine Revision gegen den Freispruch des Ex-Präsidenten wegen Vorteilsannahme. Damit wurde Christian Wullf endgültig vom Makel der Korruption befreit und juristisch rehabilitiert. Anschließend hätte er in Ruhe sein zweites Leben aufbauen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…  Denn Wulff musste unbedingt noch seine Abrechnung mit den Medien unters Volk bringen („Ganz oben – ganz unten“). Ausgerechnet er, die willfährige Marionette der Medieninszenierungen seines „siamesischen Zwillings“ Olaf Glaesecker, wollte nicht darauf verzichten, sich als Medienopfer darzustellen und als Opfer einer konservativen Verschwörung von BILD und FAZ.

Wenn einer partout keine Schuld bei sich sieht, dann hilft nur noch eine Verschwörungstheorie. Angeblich deshalb, weil er den Islam auch zu Deutschland zählte. Schlichter geht’s nicht. Aber anders kann sich Wulff seinen Sturz offenbar nicht erklären. Realitätsverweigerung und selektive Wahrnehmung nennt man das.

Wulff hat mit dem Buch seine verdiente Ruhe selbst gestört und damit seine Affäre und seinen Sturz erneut der öffentlichen Betrachtung freigegeben. Und er muss sich auch gefallen lassen, dass seine Sätze auf der Pressekonferenz zur Buchvorstellung kritisch untersucht werden.

Der Ex-Präsident sagte: „Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre auch heute der Richtige in dem Amt“. Damit hat er erneut bewiesen, dass er nichts aus seinem Sturz gelernt hat.

Unabhängig von den staatsanwaltlichen Ermittlungen war Wulff als Präsident nicht mehr tragbar gewesen. Zu tief hatte er sich in merkwürdige Freundeskreise verstrickt, zu viele Vergünstigungen angenommen, seinen Hauskredit verschleiert, dem niedersächsischen Landtag nicht die Wahrheit gesagt und diese nach den Medienenthüllungen nur scheibchenweise zugegeben.

Das reicht für den Rücktritt eines Präsidenten. Es hätte des Staatsanwaltes nicht mehr bedurft.

In der selben Woche, in der Wulff seinen Fall erneut zur Diskussion stellte, erklärte das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil, die Autorität und Würde des Präsidentenamtes komme darin zum Ausdruck, „dass es auf vor allem geistig-moralische Wirkung angelegt ist“. Mehr ist zum Fall Wulff nicht mehr zu sagen. Jetzt sollte er Ruhe geben – und gewährt bekommen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

59 Kommentare

1) StefanP, Freitag, 20. Juni 2014, 14:30 Uhr

@49) Erwin Gabriel

Nun, dass Christian Wulff nicht frei von Fehlern ist, sagt er selbst, da werde ich ihm nicht widersprechen.

Es geht nicht um Fehler und auch einem Bundespräsidenten gesteht man Fehler zu. Wulff, Sie können es auch gerne so fassen, hat nach eigener Einschätzung eine ganze Menge Fehler gemacht. Eben eine Handvoll zuviel für sein Amt. Deswegen musste er gehen. Übrigens trage ich lieber dunkelblaue Anzüge. 😉

Innerhalb kurzer Zeit sind zwei Bewohner von Schloss Bellevue vorzeitig ausgezogen. Für ein so langweiliges Amt wie das des Bundespräsidenten viel zu viele. Das hat das Amt beschädigt. Was erwartet man (die Verfassung) von einem Bundespräsidenten? Er soll beliebt sein, sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraushalten, nachdenkliche Reden halten und im Ausland keine Peinlichkeiten erzeugen. Und: er sollte so lange bleiben, wie er gewählt ist. In diesem Sinne füllt Gauck das Amt perfekt aus. Dass sich mancher an seinem Steckenpferd Freiheit stört, sollte man da hinnehmen. Es hat sowieso nichts zu sagen, denn er kann keine politischen Entscheidungen treffen.

Wieso sind die Medien die Bösen? Zu einer Presseclub-Sendung ließ sich von der federführenden ARD-Redaktion kein Kollege finden, der bereit war, für eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit und einen späteren Rentenbezug einzutreten. Dummerweise sehen die meisten Arbeitnehmer in einem frühen Ruhestand ein Lebensziel. Sie lassen sich davon schon gar nicht von Medien beeinflussen. Bei der Berichterstattung über Personen verhält es sich ganz ähnlich: Die Leute lesen und sehen lieber Homestorys, Berichte über persönliche Streitereien und Beziehungskrisen als politische Strategien und wirtschaftliche Zusammenhänge. Das Persönliche ist immer auch politisch.

In Umfragen sagen wir, das geht so nicht, nur um dann den Fernseher einzuschalten, wenn Kübel von Schmutz ausgeschüttet werden. Der Unterschied: im Presseclub wird eine die Mehrheit zersetzende Meinung nicht einer bestimmten Zeitung zugeordnet und diese abgestraft. Wer sich jedoch weigert, den Voyeurismus zu bedienen, braucht sich über sinkende Auflagen nicht zu beklagen. Wer ist der Schuldige? Der Journalist oder der Medienkonsument?

Ich verstehe auch nicht die Aufregung über die NSA-Affäre, gerade von jungen Menschen. Wie selbstverständlich posten sie das Privateste und Intimste auf Netzwerkseiten in die Welt, teilen auf WhatsApp das Albernste einer Community mit und verwenden als Passwörter einfachste Stichworte. Wenn das aber jemand aus professionellen Gründen liest, ist das ganz schlimm. Das ist wie früher beim Abiturball: die Noch-Mitschülerin verbringt den gesamten Abend mit Ihnen und dem heißesten Dekolleté des Erdballs. Sie hätten es auch nicht verstanden, wenn Sie nach zahlreichen Tänzen und viel Sekt nachts um 2 Uhr einen Fingerklaps erhalten hätten, wenn sich Ihre Hand irgendwohin verirrt hätte. 🙂

2) kleinErna, Freitag, 20. Juni 2014, 16:08 Uhr

Einige Schreiber hier übersehen völlig, worum es sowohl bei Wulff, wie bei Spreng in dieser Sache hier geht, nämlich nicht um irgendwelche Paragraphen, auch nicht um ehemalige, oder aktuelle Bundespräsidenten und auch nicht um BILD, SZ oder SPIEGEL, es geht um Christian Wulff. Ganz alleine um ihn und sein Verhalten als MP seinem Landtag gegenüber und sein weiteres Verhalten als BP der Presse und der Öffentlichkeit gegenüber. Und hier hat er erhebliche Mängel gezeigt, die ihn als Bundespräsidenten mehr als disqualifiziert haben.
Jetzt im Nachhinein zu behaupten, seine Äußerungen zum Islam wären die Ursache für den Shitstorm, den er ausgelöst hat, sind ein weiteres Indiz dafür, dass er mit dieser totalen Fehleinschätzung, die auf Verfolgungswahn bei ihm schließen läßt, nicht befähigt war, ist und wäre, eine Republik wie die Unsere nach innen wie nach aussen zu repräsentieren. Was wäre da ggf. noch alles auf uns zugekommen, im Laufe einer langen Amtszeit (Heinrich Lübke und seine Aussetzer lassen grüßen)?
Ich war und bin sicher auch weiterhin skeptisch, was diverse Einschätzungen des Herrn Spreng zu politischen Vorgängen betrifft, im vorliegenden Fall gebe ich ihm aber in vollem Umfang recht und hätte ich an seiner statt den Blog geschrieben, wäre er etwas länger, dafür aber noch wesentlich vernichtender geworden, was die Amtsführung, vor Allem aber den Charakter des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff betrifft!
Nun darf weiter gelästert werden, auch über meinen vorstehenden Beitrag. Schönes Wochenende allerseits.

3) Erwin Gabriel, Samstag, 21. Juni 2014, 17:40 Uhr

@ 52) kleinErna, Freitag, 20. Juni 2014, 16:08 Uhr

Haben Sie sich mal Gedanken darüber gemacht, warum Sie sich in die Lage versetzt sehen, den Charakter eines Menschen derart zu verurteilen, ohne ihn persönlich zu kennen?

4) Erwin Gabriel, Samstag, 21. Juni 2014, 17:54 Uhr

@ 52) kleinErna, Freitag, 20. Juni 2014, 16:08 Uhr

Nachtrag:

>> Was wäre da ggf. noch alles auf uns zugekommen,
>> im Laufe einer langen Amtszeit (Heinrich Lübke und
>> seine Aussetzer lassen grüßen)?

Die ach so peinlichen Zitate Heinrich Lübkes (z.B. „Equal goes it loose“ oder die Begrüßung „.. liebe Neger …“ ) waren von Spiegel-Mitarbeitern frei erfunden worden. Diese als Nachrichten weitergetragenen Diffamierungen haben den Ruf von Lübke stärker beschädigt und geprägt als die kleinen Unsicherheiten, die sich aufgrund von Zerebralsklerose und beginnender Demenz in seine späteren, meist frei vorgetragenen Reden schlichen.

5) riskro, Sonntag, 22. Juni 2014, 10:21 Uhr

Politikverdruss 8) schreibt u.a. :
<<>>

Die Justiz war noch NIE unabhängig. Gewaltenteilung ist das Papier nicht Wert auf dem sie steht

>>>Unsere politischen Parteien wählen unsere politischen Eliten aus. Wir dürfen danach „wählen“, was man in Hinterzimmern ausgekungelt hat.>>>

Noch nicht mal dann dürfen wir wählen.

<<>>

Weil es die Staatsform Demokratie gar nicht gibt. Auch dann nicht, wenn man den Begriff mit den Attributen „parlamentarische“ oder „direkte“ versieht.

Es gibt nur eine Staatsform: „Die Diktatur“ !

Ausgeübt als: Parteien/Militär-Diktatur oder in Form einer Allein-Diktatur (Syrien)

49) Erwin Gabriel schreibt:<<<>>>

Den Medien geht es nicht darum jemanden fertig zu machen. Den Medien geht es darum Auflagen und Einschaltquoten zu steigern. Nur DASS bringt Geld in die Kasse. Nur darum geht es und darum, dass mit positiver Berichterstattung bei uns Leser/Höhrer kein Euro zu verdienen ist.
Um dieses Ziel zu erreichen geht man notfalls über Leichen. Je „prominenter“ einer ist, desto länger kann man das Thema ausschlachten. Das garantiert Gewinn über einen längeren Zeitraum.
Der Sprengmeister macht da keine Ausnahme

GELD regiert die WELT!!!!!!!!!!! Haste was – biste was.
Je mehr haste man hat – je mehr biste hat man.

6) karel, Montag, 23. Juni 2014, 00:23 Uhr

Stefan P.
„Dunkelblaue Anzüge“?

Ich hatte einen, der mir vorgesetzt war:
stets dunkelblaue Anzüge,
ein glänzender Theoretiker,
ein glänzender Rhetoriker,
der Mann war 2-fach diplomiert,
einfach brilliant.
Das ist ehrlich, das hatte meine Akzeptanz.

Nur bei Entscheidungen, die er tragen, verantworten sollte,
zitterten seine Hände, standen Schweißperlen auf der Stirn.

Ich übernahm die Verantwortung….
und prompt ging´s ihm sichtlich besser…..
Soviel zu „blauen Anzügen“….

Stefan P., das ist keine Affront gegen Sie,
hat eher was mit „blauen Anzügen“ zu tun.
Lebenserfahrung…. mehr nicht.

Gruß
karel

7) W. Zimmer, Montag, 23. Juni 2014, 11:28 Uhr

@42) Politikverdruss

Ich echauffiere mich nicht, ich merkte lediglich an, dass bei Amnesie der Zeugen ein Staatsanwalt einen schweren Stand hat. Und auch ein Prantl hat nicht immer recht, obwohl ich seine Einlässe durchaus zu schätzen weiß.

8) kleinErna, Dienstag, 01. Juli 2014, 04:30 Uhr

53) Erwin Gabriel: wenn Sie ernst nehmen, was Sie mir da schreiben, dürften Sie die Hälfte Ihrer bisherigen, relativ häufigen Beiträge hier, nie veröffentlicht haben.
Über Wulff, der eine öffentliche Person war und ist, wurde so viel veröffentlicht, auch Interviews mit ihm zum Thema, dass man daraus durchaus Schlüsse auf ihn als Person ziehen konnte. Wenn Sie das nicht können, wird Ihnen Niemand böse sein. Ich hoffe aber, dass Sie sich in der Lage sehen, Zwei und Zwei zusammen zu zählen.
Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass Sie bei Ihren Beiträgens so gut wie nie zum Thema selbst äußern, sondern immer nur Beiträge Anderer kritisieren. Bei Ihnen weiß man praktisch nie, was Sie selbst zum Thema wissen oder denken, man weiß nur immer, was Ihnen an der Meinung Anderer nicht passt. Das ist nicht unbedingt eine Auseinandersetzung mit „offenem Visier!“

9) Erwin Gabriel, Donnerstag, 03. Juli 2014, 11:29 Uhr

@ 58) kleinErna, Dienstag, 01. Juli 2014, 04:30 Uhr

>> Bei Ihnen weiß man praktisch nie, was Sie selbst zum Thema
>> wissen oder denken, man weiß nur immer, was Ihnen an der
>> Meinung Anderer nicht passt.

ich kann schwer nachvollziehen, wie sie zu Ihrer Einstellung kommen. Ich beziehe durchaus häufig Position, und ich meckere nicht nur, sondern schließe mich des öfteren auch anderen Ansichten an.

Sie denken (bzw. schreiben), dass es nur und ausschließlich um die Person Christian Wulffs geht, und Sie werfen mir und anderen vor, diesen Punkt nicht zu verstehen.

Ich sehe das halt vollkommen anders. Der „Skandal“ ist aus meiner Sicht eben nicht das Verhalten von Wulff (dessen angebliche Verfehlungen man ja vergeblich staatsanwaltlich nachzuweisen suchte), sondern das Verhalten der Medien.

Ich verstehe die Mechanik der Medien aufgrund einer langjährigen Innensicht sehr gut. Die Berichterstattung gegen den damaligen Bundespräsidenten war geschickt vom Axel Springer Verlag gesteuert. Ich konnte ihr zwar ein erklärtes Ziel („Wulff muss weg“) und viele persönliche, abfällige Meinungen, aber nur wenig Fakten entnehmen. Da habe ich dann in der Tat zwei und zwei zusammengezählt, und mein Ergebnis war eben nicht „Christian Wulff ist ein korrupte Betrüger, der mit einer ehemaligen Prostituierten verheiratet ist“, sondern, dass es eine gezielte Medienkampagne gab.

Die „Veruteilung“ von Christian Wulff habe ich deshalb lieber der Staatsanwaltschaft überlassen, die trotz enormen Aufwand und enormen Druck, endlich „Ergebnisse zu liefern“, nichts gefunden hat (was mich in meiner Zurückhaltung im Urteil über die Person Christian Wulff eher bestätigt).

Ich habe nie bestritten, dass es für das Amt des Bundespräsidenten stärkere, moralisch gesfestigtere, intelligente, klügere, reifere, kurzum, besser geeigente Kandidaten geben mag (selbst wenn ich meinen ehemaligen Wunschkandidaten Joachim Gauck nach dem bisherigen Verlauf seiner Amtszeit nicht dazu zählen kann).

Wie sich die Medien geben, wie sie Meinung und Politik machen, statt Meinungen und Politik zu erläutern, wie sie ohne rechtliche Grundlage Urteile fällen und exekutieren, wie sie Druck und Erpressungspotential gegen Politiker ausüben, wie sie ihre verbrieften (und durchaus erforderlichen) Rechte für eigene Interessen missbrauchen, kann gewaltigen Einfluss auf mein Leben haben.

Im Vergleich dazu beeinflusst ein Bundespräsident, mag er nun Joachim Gauck oder Christian Wulff heißen, mein Leben genauso wenig wie der Trainer unserer Fußball-Nationalmannschaft. Läuft es gut, freut man sich; wenn nicht, geht das Leben trotzdem weiter.

Sie mögen eine Christian Wulff so hart beurteilen, wie Sie wollen bzw. wie Sie es getan haben. Aber Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Sie nur aufgrund von Hörensagen und aufgrund sehr subjektiver Berichterstattung urteilen.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder