Montag, 16. Juni 2014, 09:33 Uhr

Der kulturelle Mehrwert

Frank Schirrmacher und ich – wir kannten uns nicht, standen uns nicht nah, aber auch nicht ganz fern. Denn er las häufig meinen „sprengsatz“, ich meistens seine Artikel. Nie verstanden habe ich allerdings seine Lobrede auf den Scientologen Tom Cruise, als dieser ausgerechnet ein „Bambi“ für „Zivilcourage“ erhielt.

Anfang März 2013 bekam ich plötzlich eine Mail von ihm. „Was ist bürgerlich?“  Ob ich mich mit dieser Frage in einem Artikel für das FAZ-Feuilleton beschäftigen wolle. Ich schrieb zurück, dass dies nicht das richtige Thema für mich sei. Ich sei kein Intellektueller, sondern ein journalistischer und politischer Handwerker.

Schirrmacher antwortete, das sei ihm völlig bewusst, aber ich solle mein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Ob ich denn Lust habe, stattdessen etwas zur Anti-Europa-Partei zu schreiben. Was ich daraufhin tat, aber nicht die Gnade seines Feuilleton-Chefs fand.

Schirrmacher antwortete mit einem Lob für einen „sprengsatz“ und teilte mir mit, das FAZ-Feuilleton müsse immer einen „kulturellen Mehrwert“ bringen, den mein Beitrag offenbar nicht brachte. Danach schlief der Mail-Wechsel ein, bis mich plötzlich im April 2013 ein überschwängliches Lob erreichte („Großartig! Großartig!“).

Es ging um meinen Blog-Artikel „Die zweite Wiedervereingung„. Schirrmacher: „Wir brauchen solche Artikel von Ihnen. Hätten Sie ihn mir doch vorher geschickt!“. Er wollte mir weitere Themenvorschläge mailen. Dann hörte ich nichts mehr von ihm – und meine Karriere als Mitarbeiter des FAZ-Feuilletons war zu Ende, bevor sie begonnen hatte.

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2 Kommentare

1) Peter Christian Nowak, Montag, 16. Juni 2014, 11:18 Uhr

„Ein Feuilleton schreiben heisst auf einer Glatze Locken drehen“ Ein Zitat von Karl Kraus.
Frank Schirrmachers Buch „Das Methusalem-Komplott“ hatte bei mir nicht viel gefallen gefunden. Ich hielte es zu tendenziös, dem Mainstream-Gedankengut zu sehr synchron angepasst.
Dennoch glaube ich, dass sich Frank Schirrmacher in den letzten Jahren vom neoklassischen „Wirtschaftideologismus“ zunehmend abgewendet hat.
Sein Denken wurde mir von Auftritt zu Auftritt sympathischer.

An diesem Satz mache ich das fest: “ Langsam beginne ich zu glauben, dass die Linke doch recht hat…“

Mit Schirrmacher hat der Journalismus einen ganz Grossen verloren. Nicht weil er diesen Satz gesagt hat, sondern weil er sein Denken nicht dem allgemeinen Tenor anpassen wollte.
In der heutigen Zeit ist das für einen Journalisten mit Qualitäts-Label, von denen es nur abgezählt wenige gibt, besonders schwer. Und hier kommt der Metapher von Karl Kraus eine besondere Bedeutung zu: Glatze und Locken, ein Widerspruch, der grösser nicht sein kann.

Schade um Frank Schirrmacher.

http://www.deutschlandfunk.de/zum-tod-frank-schirrmachers-er-hat-das-feuilleton-fuer-neue.694.de.html?dram:article_id=289035

2) Paulus, Montag, 25. August 2014, 19:26 Uhr

Auch ich halte den Tod von Frank Schirrmacher für einen großen Verlust, den der deutschsprachige Journalismus erlitten hat. Er war nach meiner Beobachtung ein Intellektueller von Format: Unabhängig im Denken und Stil sicher im Ausdruck, der Wortwahl mit der er seine Gedanken formuliert hat. Guter Stil folgt aus klarem Denken, Beherrschung des Sachverhalts über den gedacht, geschrieben, diskutiert wird. Eigenschaften, die ich auch an Spreng schätze, der sich aber wohl stärker noch als Schirrmacher, einem aufgeklärten, bürgerlichen Konservatismus verpflichtet fühlt und sich damit stärker selbst an die Kandarre nimmt. Schirrmacher war bereit, Grenzen auszuloten und vor fundamentalen bzw. strukturellen Problemlagen die unsere Gesellschaft prägen, keinen Bogen zu machen, auch wenn diese noch stark tabuisiert sind.

Wir alle, Zeitungsleser auch die Journalisten die ja berufsmäßig viel Zeitung lesen (müssen) eingeschlossen, leiden an der fundamentalen Unsicherheit wenn wir der Lektüre, aus der wir unser Weltbild zusammen montieren, zugleich auch immer misstrauen. Uns der Filterfunktion bewußt bleiben, die mit jeder Berichterstattung, Recherche, Kommentierung, Bewertung usw., verbunden ist. Wir können die Welt , so wie sie uns erscheint, eben nicht anders beobachten und wissen doch, dass es nicht „die Wahrheit“ ist die wir sehen bzw. was wir uns da konstruieren.

„Objektivität ist das Hirngespinst eines Beobachters der glaubt, es könne Beobachtung ohne Beobachter geben“ (Heinz von Foerster). Bei Frank Schirrmacher aber brauchte man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man ihn las und dabei den Satz von Heinz von Foerster ein wenig verdrängte.

Danke, Frank Schirrmacher!

Gruß
Paulus

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