Freitag, 11. Juli 2014, 17:09 Uhr

SPD hat eine Chance verpasst

Wegen der WM, der  Spionage-Affäre und der PKW-Maut ist in den vergangenen Tagen leider eine Meldung untergegangen: Die Mitteilung nämlich, dass SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann als Vertreter des Bundes in den Fernsehrat des ZDF einzieht.

Warum Oppermann? Ist er ein Experte für kritischen, unabhängigen Journalismus? Hat er Ahnung von TV-Unterhaltung? Kann er den Intendanten in Programmfragen beraten – wie es die Satzung vorschreibt?

Natürlich kann Oppermann all dies nicht. Er wurde aus einem einzigen Grund in den mächtigen ZDF-Fernsehrat entsandt, der unter anderem den Intendanten wählt: um dort den Einfluss der SPD und der Großen Koalition zu sichern. Damit konterkarieren SPD und Bundesregierung den Tenor des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes vom März, wonach die Staatsnähe des ZDF zu reduzieren ist.

Die SPD hat die Chance verpasst, ein Zeichen zu setzen: sie hätte darauf bestehen können, dass statt Oppermann ein unabhängiger Kopf in den Fernsehrat entsandt wird, der für Staatsferne und freies Fernsehen steht. Es rächt sich jetzt, dass die Karsruher Richter im März nur ein halbherziges Urteil gefällt haben, statt dem Minderheitsvotum ihres Kollegen Andreas Paulus zu folgen. Er hatte eine „weitgehende Freiheit“ der ZDF-Gremien von Vertretern des Staates verlangt.

Es ist offenbar noch ein langer Weg bis zu einem wirklich freien und unabhängigen Fernsehen und Rundfunk in Deutschland.

P.S. Jetzt hat auch das ZDF seine ADAC-Affäre. Der ADAC manipulierte die Rangliste seiner Autopreis-Gewinner, das ZDF die Rangliste von „Deutschlands Besten“ – ohnehin eine fragwürdige und überflüssige Sendung. So erhielten angefragte Gäste der Show einen besseren Rangplatz.

Was Minister Schäuble über die amerikanischen Geheimdienste sagte, triftt auch auf die ZDF-Verantwortlichen zu: dumm und blöd. Immerhin kann die SPD zufrieden sein: ihre Politiker wurden hochgestuft, Frau von der Leyen dagegen herunter.

Der Text bis zum P.S. erschien heute in meiner Kolumne im „Berliner Kurier“.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

15 Kommentare

1) Olaf, Freitag, 11. Juli 2014, 19:43 Uhr

Herr Spreng, ein grosser, ein wichtiger Kommentar!
Allerdings teile ich Ihre Beurteilung der besagten Bestensendung nicht. Wie soll man sich ohne diese Sendung orientieren in unserer immer schnelllebigeren Zeit?
Immer, wenn ich eine Rangliste benötige, der FOCUS aber noch nicht in Nachbars Briefkasten liegt und bei RTL gerade Reklame läuft, schalte ich zum ZDF, um meinen inneren Kompass zu norden.
Wo kämen wir denn da hin, wenn Kategorien fehlen würden, wenn niemand mehr da ist, den wir Kaiser rufen? So weiß ich aus sicherer Quelle, daß G. Jauch der klügste Deutsche ist, etc. pp.
Es hilft sehr, von o.g. Sendung überzeugt zu sein, wenn man ihren Titel mehrmals vor sich hin spricht, mit Betonung jeweils auf der ersten Silbe, wohl gemerkt.

2) Erwin Gabriel, Samstag, 12. Juli 2014, 13:28 Uhr

Wäre auch verwunderlich, wenn die SPD ihren einflussreichen Partei-Proporz-Platz aufgibt, die CDU aber nicht …

3) Sabine Zielke-Esser, Samstag, 12. Juli 2014, 14:17 Uhr

Wie war das doch gleich mit den fleißigen Bundestagsabgeordneten, die zwischen Reichstag und Wahlkreis hin und her hetzen? Da ist es doch tröstlich, dass für den Fraktionsvorsitzenden noch Zeit bleibt, beim ZDF-Fernsehrat reinzuschauen und dafür zu sorgen, dass ein gewisser Politiker namens Oppermann auf die nächste „Besten“-Liste vorrückt.

4) Johannes Lamp, Samstag, 12. Juli 2014, 14:27 Uhr

Ihr Kommentar, lieber Spreng, hat gleichzeitig etwas moralinsaures und auch etwas utopisches, wenn man sich vorstellt, dass Politiker, gleich welcher Couleur, freiwillig auf Macht und „Gestaltungsmöglichkeit“ verzichten…
Ein Leserbriefschreiber meiner Heimatzeitung forderte Yogi Löw auf, im Hinblick auf die Verletzung von Neymar auf die Aufstellung von Philipp Lahm zu verzichten – ein Beispiel für deutsche Fairness und Anstand …
Ein Traumtänzer?

5) Peter Christian Nowak, Samstag, 12. Juli 2014, 14:49 Uhr

Herr Oppermann hat gerade zu Protokoll gegeben, es würde mit der Kritik am ständigen Ausspähen durch die USA „systematische USA-Feindlichkeit GEZÜCHTET“

Habe mir ein herzliches lachen voll von Sarkasmus nicht verkneifen können.

HABE ICH DOCH GLEICH AN IHREN ARTIKEL DENKEN MÜSSEN, Herr Spreng.

So bin ich nun felsenfest davon überzeugt….

… die SPD bleibt sich nicht nur ihrer, sondern auch der Linie des Berichterstattungstenors des ZDF treu.

Nikolaus Brender könnte über sein Abweichen von ihr gestolpert sein….

Fazit: Oppermann ist der „richtige“ Mann…(grins)

6) m.g.t., Samstag, 12. Juli 2014, 17:04 Uhr

Die SPD war schon immer sehr gut drin, Chancen zu verpassen.
Aber Hauptsache gut aussehen auf der Titanic…

7) Mende Tegen, Samstag, 12. Juli 2014, 17:39 Uhr

Wenn man aus Ihrer Feder, der Feder eines so durch und durch ideologisch konditionierten Journalisten so bedeutungsschwangere Sätze wie diesen liest, dann weiß frau wirklich nicht mehr, ob sie lachen oder weinen soll: „Es ist offenbar noch ein langer Weg bis zu einem wirklich freien und unabhängigen Fernsehen und Rundfunk in Deutschland.“

Wie Sie eine vergleichsweise so völlig nebensächliche, läppische Personalie wie den zutiefst neoliberalen Oppermann/ZDF hochschreiben können und zum wirklich entscheidenden Niedergang des Journalismus jüngster Geschichte (inkl. des ZDF selbstverständlich) in diesem Land stets laut geschwiegen haben und schweigen, das ist an Dreistigkeit, an Ignoranz, an ideologischer Verblendung kaum noch überbietbar! Einfach unglaublich! Und reißt einmal mehr hässliche Löcher in Ihre journalistische Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Andererseits bleiben Sie dabei verlässlich der, der Sie sind. Für einen konservativen Geist sicher schon ein Wert an sich.

Wer zu der bis dato in dieser Bundesrepublik noch nie dagewesenen einseitigen Desinformations- und Propagandakampagne eben auch des Fernsehens und des Hörfunks zur Ukraine-Krise in all ihren verschiedenen Facetten und Schauplätzen geschwiegen hat und schweigt, der sollte sich, wie ich finde, einfach schon aus hygienischen Gründen weit weg von stirnrunzelnden Reflexionen über einen freien und unabhängigen Journalismus aufhalten. Ganz weit weg!

8) wschira, Samstag, 12. Juli 2014, 22:59 Uhr

„Es ist offenbar noch ein langer Weg bis zu einem wirklich freien und unabhängigen Fernsehen und Rundfunk in Deutschland.“

Sehr geehrter Herr Spreng, wie stellen Sie sich denn ein solches Fernsehen vor? Das könnte es nur geben, wenn jegliche Einflussnahme, woher auch immer, verhindert würde. Wer aber sollte das tun, und zwar ohne irgendjemand verpflichtet zu sein?

9) Wolfgang Wabersky, Sonntag, 13. Juli 2014, 12:23 Uhr

Geehrter Herr Spreng! Die SPD hat eigentlich immer jede Chance verpasst, wo sie sich im Sinne einer Verbesserung der Demokratie hätte profilieren können. [Das gilt allerdings auch für die anderen etablierten Parteien!] Das letzte Beispiel dafür auf Seiten der SPD war die Bildung der GroKo aus reinem Machtgelüst, nicht aus sachlicher Notwendigkeit, mit der Folge, dass es keine Opposition mehr gibt [allerdings war die vorher auch nicht groß aufgefallen!] und dass man als erste gemeinsame Großtat das Selbstbereicherungsgesetz mit der Diätenerhöhung durchwinken konnte.
In jedes noch so unbedeutende Gremium entsenden die Parteien irgendeine Figur, um ihren Machtanspruch und ihre ideologische Spießigkeit sicherzustellen. Ein symptomatisches Beispiel ist der Fall Oppermann. Denn das entscheidende Kriterium ist der Besitz des „richtigen“ Parteibuches; Sachkenntnisse werden zwar nicht abgelehnt, sollten sie aber mal vorhanden sein, so sind sie keineswegs Bedingung. Der von Ihnen angesprochene lange Weg „zu einem wirklich freien und unabhängigen Fernsehen und Rundfunk in Deutschland“ ist leider nur eine Illusion, ein Wunschbild, das niemals Realität werden kann. Dafür sorgt schon die Parteiendiktatur, die aus unserem Staat einen Selbstbedienungsladen gemacht hat.

10) Frank Reichelt, Sonntag, 13. Juli 2014, 12:53 Uhr

Vorsicht Herr Spreng, wenn alle die Bedingungen für ein staatsfernes ZDF die Sie fordern gegeben sind, ist eine Sendung wie „Markus Lanz“ nicht mehr möglich. Das wollen Sie Ihrem Freund doch nicht antun, er muss schließlich eine größer gewordene Familie ernähren!

11) Oliver Neukum, Sonntag, 13. Juli 2014, 14:30 Uhr

Lieber Herr Spreng,

sie fordern das Unmögliche. Wes Brot ich esse, dessen Lied singe ich. Ein Staatsfernsehen ist notwendigerweise staatlich gelenkt. Der Fehler liegt im System.

12) Erwin Gabriel, Sonntag, 13. Juli 2014, 15:58 Uhr

@ 4) Johannes Lamp, Samstag, 12. Juli 2014, 14:27 Uhr

>> Ein Leserbriefschreiber meiner Heimatzeitung forderte Yogi Löw
>> auf, im Hinblick auf die Verletzung von Neymar auf die Aufstellung
>> von Philipp Lahm zu verzichten – ein Beispiel für deutsche Fairness
>> und Anstand …

Nicht erfunden? Autsch. In dem Kopf möchte ich nicht stecken.

Abgesehen davon, dass es dann wahrscheinlich genauso ausgegangen wäre, weil die deutsche Mannschaft auch auf der Reservebank stark besetzt ist und die Brasilianer wirklich grottig spielten, ist solche Einzelmeinung sicherlich kein Beleg für Deutsche Fairness, da der gute Mann (?) mit seiner Meinung recht allein stehen dürfte.

Ansonsten sind mir solche Leute doch recht zuwider. Man sollte sicherlich zwar nicht permanent Ellbogenstöße und Fußtritte austeilen, aber man muss auch nicht permanent der ganzen Welt im Arsch stecken (entschuldigen Sie den harten Ausdruck, mir fällt leider nichts anderes ein), um zu zeigen, dass man ein „guter Deutscher“ ist.

13) Johannes Lamp, Sonntag, 13. Juli 2014, 21:54 Uhr

12) Erwin Gabriel
Heimatzeitung: Rhein-Zeitung/Westerwälder Zeitung
Leserbriefschreiber: Hendrik Takes

14) Erwin Gabriel, Montag, 14. Juli 2014, 10:29 Uhr

@ 13) Johannes Lamp, Sonntag, 13. Juli 2014, 21:54 Uhr

Erstaunlich…
Man lernt nie aus…

15) Roland Köhler, Montag, 14. Juli 2014, 11:51 Uhr

@ #4 Abs.1: Welche im NRW-Landtag vertretene Partei hat den ihnen zustehenden Posten im WDR-Rundfunkrat (plus Stellvertreter) nicht mit Parteifunktionären sondern fachlich geeigneten Personen besetzt?
http://kompass.im/2013/07/piratenfraktion-lasst-worten-taten-folgen-sachverstandige-in-wdr-rundfunkrat-entsendet/

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