Mittwoch, 29. Oktober 2014, 14:42 Uhr

Die Selbstmörder von G+J

Selbstmord aus Angst vor dem Tod – das ist das einzige, was deutschen Verlagen und Verlegern als Rezept gegen die Existenzkrise der Printmedien noch einfällt. Jüngstes Beispiel ist die Zeitschrift „Brigitte“, die alle Textredakteure entlassen will. Texte kommen dann nur noch von freien Journalisten und werden technisch gemanagt.

Damit verliert die einst so stolze „Brigitte“ ein weiteres Stück ihrer DNA. Und für die freien Journalisten ist das auch kein Zuckerschlecken, denn mit Sicherheit werden deren Honorare gedrückt. Sie können froh sein, dass die „Brigitte“ nicht dem Modell der „Huffington Post“ folgt und gar keine Honorare bezahlt, weil die Ehre, dort zu schreiben, Lohn  genug sei. Bei „View“ habe ich das auch schon erlebt.

Die „Brigitte“ ist ein weiteres Beispiel, wie die Verlage den Niedergang der Printmedien beschleunigen. Statt die Kernkompetenz, nämlich guten Journalismus auszubauen, wird nur noch verschlankt oder ganz eingespart. Irrwitzigstes Beispiel ist die „Westfälische Rundschau“, die gar keine Redakteure mehr hat.

Erst kannibalisierten die Verleger ihre Blätter, indem sie die Leser an eine Kostenloskultur im Internet gewöhnten und jetzt fressen sie ihre eigenen Redakteure. Da sind diejenigen, die „nur“ in Billig-GmbHs ausgelagert wurden, fast noch gut dran.

Es ist ein verhängnisvoller Kreislauf, der da in Gang gesetzt wurde. Am Ende steht die Abschaffung oder Fast-Abschaffung des einzigen Mehrwerts, den Zeitungen und Zeitschriften noch bieten können – guten Journalismus, geschrieben von Redakteuren und Reportern, die noch Zeit zur Recherche und Formulierung haben. Gruner+ Jahr, das werden künftige Entwicklungen auch beim „Stern“ zeigen, gehört zu den Vorreitern dieser Entwicklung.

Was die schlauen Controller und Sparfüchse nicht bedenken: Warum soll man am Ende die Blätter noch kaufen?

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40 Kommentare

1) Bernd Schöneck, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 15:08 Uhr

Lieber Herr Spreng,

„Warum soll man am Ende die Blätter noch kaufen?“ – ja, das ist ein schönes Zitat. Leider scheint es momentan jedoch tatsächlich so, dass viele Verlagshäuser von BWLern beherrscht werden, denen jeglicher Sinn für journalistische Qualität abgeht (und vom Pressegeschäft eigentlich keine Ahnung haben).

Dass die angesprochene WR bei der ersten IVW-Erfassung (die wenn auch nur für eine kleine Teilausgabe vorliegt) nach Redaktionsschließung ein Drittel der Abonnenten verloren hat, ist da schon fast ein gutes Zeichen – nach dem Motto: So etwas lassen die Leser nicht mit sich machen.

2) Johannes Lamp, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 15:11 Uhr

Beim STERN sind das nicht künftige Entwicklungen, er ist jetzt schon ein Käseblatt.
Der Babybauch einer Engländerin der Upperclass, Home- Stories von beliebigen Politikern und abgehobene Kochrezepte (man kann auch mal 50 Euro für ein Qualitätsprodukt ausgeben) ersetzen
guten Journalismus.
Ich habe mir schon lange abgewöhnt, Gruner & Jahr, Burda- und Bertelsmannprodukte zu kaufen – genauso übrigens, wie ich AMAZON boykottiere, die in D keine Steuern zahlen.

3) Uli K., Mittwoch, 29. Oktober 2014, 15:25 Uhr

Den Trend zur Kanibalisierung beobachte ich immer wieder mit Erstaunen,beispielsweise bei der „Süddeutschen Zeitung“. Diese liefert immer freitags das „SZ Magazin“ mit, ein für mich toll gemachtes Heft, dass einen echten Mehrwert bietet. Die Artikel kann man auch noch Wochen später lesen, weil sie (im Gegensatz zur Zeitung selbst) kaum tagesaktuell sind. Ein gutes Beispiel wäre dieser großartige Artikel über den NSU Prozess:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41375/Der-NSU-Prozess-Das-Protokoll-des-ersten-Jahres

Und was macht die SZ aus diesem sehr beliebten Magazin? Verschenkt die Artikel zu fast 100% wenige Tage nach der Printausgabe online. Eine Möglichkeit einzelne Artikel online zu kaufen gibt es ebensowenig wie ein Abo nur für das SZ Magazin. Man kann zwar einzelne Hefte nachkaufen, aber warum sollte man das tun? Bekommt man doch alles online umsonst und das schon seit Jahren. Für mich völlig absurd.

4) Alexander, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 16:11 Uhr

Her Spreng, volle Zustimmung!

Wie kann hochklassiger, um profunde Analyse und Recherche bemühter Journalismus, wie kann die freie Berichterstattung aus aller Welt, wie die kritische Wächterfunktion künftig finanziert werden? Mit einer Kostenlos-Kultur wie beispielsweise für Internet-basierte Online-Medien geht es nicht. Sollten die Artikel aber zunehmend über digitale Medien gegen Bezahlung gelesen werden, wäre das kein Unglück, denn selbst die überzeugtesten Printadepten sind keine Holzhändler. Es geht um den Inhalt, nicht um die Form.

Allerdings ist das gedruckte Medium überhaupt nicht am Ende, es muss sich nur immer wieder öffnen für jene, die es erreichen will. Es darf sein Relevanzversprechen nicht brechen durch eine permanente Skandalisierung des politischen Lebens oder eine auf Dauer abstoßende Konformität der Meinungen. Es braucht Verleger, die Durststrecken aus Überzeugung durchhalten und die um die Grenze wissen zwischen notwendigem Kostenmanagement und einem Substanzverlust, der noch geschäftsschädigender ist als ein Anzeigenrückgang. Es braucht die Kooperation, nicht die Gegnerschaft zwischen Print und Online; beide bedingen einander.

Vor allem aber braucht es die Leserinnen und Leser, die in aller Regel wissen, was sie gutem Journalismus verdanken. Allerdings müssen sich die Blätter und ihre Macher diese Zuwendung im buchstäblichen Sinne auch verdienen. Wer für sich selbst keine Wertschätzung empfindet, kann sie auch nicht von anderen erwarten.

Weiterhin ist es doch bezeichnend, wie sehr der Markt zersplittert ist inzwischen und wie permanent neue Magazine entstehen, die dann spätestens nach wenigen Monaten wieder eingestellt werden. Nur wenige Magazine mit einem Qualitätsjournalismus und Originalität können sich durchsetzen wie beispielsweise Cicero, Landlust, Capital, Focus etc.

Wobei der Qualitätsanspruch nicht an einer überstiegenen Intellektualität zu messen ist, sondern vielmehr daran, wie interessant, gut recherchiert und fundiert ein Magazin für den Leser berichtet.

Mein Fazit: Der Journalismus muss sich mit der Gesellschaft entwickeln, die Interessen der Leserschaft erkennen und bedienen und eben Qualitätsjournalismus liefern.

5) O.Wenig, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 17:54 Uhr

Wer braucht im Zeitalter des Mainstream noch diesen ganzen Blätterwald.
Ein staatlich gelenktes Regierungsblatt reicht doch wirklich.
Somit können viele -Gekaufte Journalisten- freigestellt werden.

6) Uschi Ronnenberg, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 17:55 Uhr

Es gibt auch Zeitungsverlage, die – offenbar aus hilfloser Verzweiflung – anfangen, in den Revieren anderer Branchen zu wildern. Da werden plötzlich Seminare zu Computern und Lebenshilfe angeboten oder man betätigt sich „nebenher“ als Werbeagentur und Designer. Diversifizierung statt klarer Linie, Alternativen werden gesucht, aber Kernkompetenzen nicht mehr gepflegt.

7) Frank Reichelt, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 19:14 Uhr

Die einst so stolze „Brigitte“?
Wieviele „Brigitte“-Diäten haben Sie denn so mitgemacht, Rezepte nachgekocht und Schnittmuster gesammelt?
Sie werden Ihr langjähriges „Brigitte“-Abo nun also aus Protest gegen die Entlassungen kündigen, habe ich das richtig verstanden?

8) Wolfgang Wabersky, Bocholt, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 20:12 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng! Sie beschreiben eine gefährliche Entwicklung am Arbeitsmarkt der Printmedien. Einige wenige in den Chefetagen füllen sich die Taschen bis zum Platzen und erhalten traumhafte Abfindungsverträge; dafür sorgen sie dafür, dass die Berichterstattung im Sinne des herrschenden Systems erfolgt. Die eigentlichen Produzierenden, auch „Zeilenknechte“ genannt, werden in ein beliebig ausbeutbares Prekariat gedrängt, das jederzeit kündbar ist, vor allem, wenn es nicht systemgerechte oder entsprechend der politischen Verlagsfarbe gefärbte Texte vorlegt. Vollzeitstellen werden ausgedünnt, dafür muss dann allerdings der Rest über Leih- \ Zeitarbeit, Werksverträge, Freelancer \ Freischaffende, Praktikanten, Ich-AGs, vielleicht noch über projektbezogene Verträge arbeiten oder aber, es werden gleich ganze Firmen mit Kernaufgaben betraut, so genannte Servicegesellschaften, die den Markt mit wertlosem Trash überziehen. Für die „Brigitte“ dürfte das Ende eingeläutet sein. Allerdings: dieselben dämlichen Diät- , Mode- , Gesundheits- und Schönheitstipps rauf und runter muss niemand mehr haben, denn sie wurden jahrelang immer wieder aus dem Archiv leicht verändert hochgeladen.
Wer vor einem Kiosk stehend dieses extreme Überangebot von inhaltsleeren Gazetten sieht, kann in diesem Vorgang evtl. auch eine wünschenswerte Marktbereinigung sehen.
Und wer die Entwicklung der Marktführer im Pressewesen kritisch verfolgt hat, hat längst gemerkt, dass der Qualitätsjournalismus schon seit Jahren zu Grabe getragen wird. Statt Eigenrecherche und gut formulierter Analysen kommt immer mehr von Presseagenturen geliefertes Billigmaterial, möglichst ohne Inhalt und Aufklärungswert. Vor allem im Bereich der Politik hat bei den Leitmedien eine große inhaltliche Annäherung stattgefunden, Inhalte austauschbar wie bei den Parteien. Um sich über ein politisches Problem zu informieren, reicht es, ein einziges, beliebiges Presseorgan zu lesen. Allerdings: Der Niedergang der Printmedien hat sicherlich auch noch andere Gründe, nicht nur hausgemachte. Die Demontage der ehemals freien Presse scheint die Bevölkerung aber nicht groß zu beunruhigen; die vierte Gewalt wird wohl schon lange nicht mehr als solche wahrgenommen.

9) Politikverdruss, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 21:19 Uhr

Die Verengung der Ursachen auf die ihre Redakteure ausbeutenden Verlage, so wie M. Spreng es darstellt, ist wesentlich zu kurz gesprungen.

1883 schafften die deutschen Tageszeitungen noch eine Auflage von 30,1 Millionen. 2013 ist die Auflage um 42,5 Prozent auf 17,3 Millionen geschrumpft (N. Clasen, „Der digitale Tzunami“).

Worauf ist dieser deutliche Rückgang der Auflagen zurück zu führen?

1. Da ist zunächst der Verlust an Glaubwürdigkeit. Von den Medien als „Vierte Gewalt“ erwartet man Unabhängigkeit. Uwe Krüger hat in seiner Dissertation (Meinungsmacht) den Einfluss der politischen Eliten auf die Medien verdeutlicht.

2. Schlechter Journalismus. Eine „Wissensgesellschaft“, mit den Möglichkeiten des Internets, ist damit nicht mehr zu beeindrucken. Journalistische Meinungsmache ist so schnell zu erkennen und zu entlarven.

3. Kampagnen- und Skandalisierungs-Journalismus. Die Medien wollen direkten Einfluss auf die Politik nehmen (siehe z.B. Bundespräsidenten Wulff und Köhler).

4. Lobby-Journalismus. Als Beispiele seien das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine und die Berichterstattung über die Euro-Krise angeführt.

5. Einseitiger Journalismus. Die Berichterstattung über den Bürgerkrieg in der Ukraine ist als Paradebeispiel für einseitige Berichterstattung zu sehen (siehe z.B. ARD-Programmbeirat).

6. Rot-Grüner Journalismus. Die parteipolitisch einseitige Berichterstattung ist empirisch( z.B. Prof. Kepplinger) nachgewiesen und wird von vielen Journalisten auch offen zugegeben.

7. Beschimpfung der Leserschaft. Während der Ukraine-Krise wurde die die Berichterstattung kritisierende Online-Leserschaft von vielen Zeitungen als „Trolle“ und „Putin-Versteher“ verunglimpft.

8. Ökonomische Zwänge in den Verlagen. Hier mag die von Michael Spreng beschriebene Entwicklung die Ursache für den Rückgang journalistischer Qualität sein.

Insgesamt bleibt als Fazit: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazu gehört“ Hans-Joachim Friedrichs.

10) rainer, Mittwoch, 29. Oktober 2014, 22:02 Uhr

…ja, wer diese ganzen Blätter noch für teures Geld kauft….der ist selber schuld……
aber Dummheit stirbt nicht aus….

11) Georg Jähnig, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 00:48 Uhr

Erst kannibalisierten die Verleger ihre Blätter, indem sie die Leser an eine Kostenloskultur im Internet gewöhnten …

Warum beziehen Sie Kostenloskultur hier nur auf das Internet? Hat nicht auch das Privatfernsehen die Menschen seit 30 Jahren daran gewöhnt, dass sie kostenlos Hollywood-Filme, Unterhaltungssendung und Nachrichten bekommen, letztere auch immer aktuell über den Videotext?

12) Frank Muschalle, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 07:24 Uhr

Rückblick in die 80er und 90er: Liberale und konservative Zeitungen erklären uns, warum es „notwendig“ ist, Fabrikarbeiter durch Roboter zu ersetzen. 2004 fordert der DIHK seine Mitgliedsunternehmen auf, „nach Kräften“ Arbeitsplätze nach Osteuropa auszulagern. Liberalisierung und technischer Fortschritt wirkten eben so, und die Schicksale der Betroffenen waren den „besseren Kreisen“ stets egal.

Jetzt sind die Protagonisten selbst dran – und fangen an, die Ideenlosigkeit und Kostendrückerei ihrer Arbeitgeber zu beklagen. Und dahinter lauern schon -wie bei der FAZ und WELT- populistische Technikfeindlichkeit und das Gefühl, so etwas wie ein Kulturschaffender zu sein um Privilegien für sich einzufordern.

Ich muss sagen: Ich beobachte das Schicksal manches Meinungsmachers mit kalter Neugier. Und kommen Sie bitte nicht auf die Idee, so etwas wie einen Journalistenpfennig auf meine All Flat erheben zu wollen.

13) Heinz Ellmann, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 10:21 Uhr

Printmedien sind das, was sie sind: Erzeugnisse aus einer Druckerei. Verdienen die Verlage/Redaktionen Geld mit dem Verkauf von Papier oder durch die Aufbereitung von Informationen? Hat die Musikindustrie Vinyl/Plastik-Alugemische oder Musik and den Mann/die Frau gebracht? Es soll ja noch Adelige geben, die dem Transportmonopol auf den Kanälen und Flüssen nachtrauern, welches ihnen von dieser neumodischen Erfindung aus England (wie hiess die noch gleich? Eisenbahn?) brutal genommen wurde.

14) Alexander, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 10:33 Uhr

Rolle und Einfluss der Nachrichtendienste auf Printmedien

@9.) Politikverdruss:
Ihre Kritik an den Printmedien kann ich bestens nachvollziehen. Ich möchte Ihr Statement ergänzen durch eine weitere Kritik an den Medien: Ich unterstelle, dass die wichtigen, bedeutenden Printmedien massiv beeinflusst werden durch Institutionen wie Nachrichtendienste, Geheimdienste, speziell ausgerichtete PR-Agenturen, die jeweils die Medien unter Druck setzen und massiv beeinflussen. Dies kann man leider nicht nachweisen. Wenn man allerdings aufmerksam Zeitung liest und politische Sendungen im Fernsehen verfolgt, kann man häufiger den Eindruck gewinnen, dass die Geheimdienste Ihren Einfluss auf die Berichterstattung haben; dazu einige konkrete Beispiele:
Berichterstattung über die Ukraine-Krise: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir ein gut recherchiertes Bild der Zusammenhänge präsentiert bekommen. Die meisten Berichte (Unruhen in Kiew, MH-17-Absturz, Krim-Krise, Separatisten im Donezk-Becken etc.) arbeiten mit Unterstellungen und Behauptungen ohne jegliche Beweisführung. Man könnte glatt glauben, dass die pro-russische und die pro-westliche Seite sich jeweils die Bälle zuwerfen und alles nur ein mieses Spiel ist.
Syrien-Berichterstattung: Auch hier habe ich den Eindruck, dass sehr einseitig die Lage dargestellt worden ist. Zuerst wurde von westlicher Seite die Oppositions-Bewegung als die positiven „Helden“ dargestellt, die gegen ein gnadenloses Assad-Regime kämpfen. Seit dem Erfolg der ISIS-Bewegung hat sich die Darstellung doch sehr gewandelt. Und ich möchte nicht wissen, wie stark die ISIS vom Westen unterstützt worden ist. All dies fehlt in den Berichterstattungen, Dank der Geheimdienste?
Wiedervereinigung: Der Prozess der Wiedervereinigung begann vor gut 25 Jahren. Ich erinnere mich sehr gut an die erheblichen Widerstände der deutschen linken Szene und vor allem der linken Medien, die dann mehr oder weniger lautlos im Jahr 1990 eingeknickt sind. Ich habe das Gefühl, dass auch hier massiv auf die Medien Einfluss genommen worden ist.

15) Jürgen M. Backhaus, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 11:11 Uhr

Zunächst, ich bin G&J noch nicht persönlich begegnet, will sagen, es ist eigentlich nicht mein Thema.

Herr Spreng stellt, wenn ich ihn richtig verstehe, die Forderung, man möge Verleger/Verlage dazu nötigen, sich als Selbstmörder zu verstehen, wenn sie Produktion und Vertrieb weiter aufspreizen, eventuell sogar verstärkt auf den Groß- und Zwischenhandel mit „geistigem Eigentum“ zurückgreifen wollen , wobei automatisch unterstellt wird, dass die Qualität notwendigerweise darunter leiden wird und sie sich damit selbst unglücklich machen. Den Effekt der Rationalisierung, Einsparung von Manpower, Steigerung der Produktivität im zentralisierten Office, sollten nach diesem Lamento im Kulturbetrieb nicht zum Gegenstand der unternehmerischen Handlung gemacht werden, gar von Kannibalismus ist die Rede. Verlust der Identität droht. Starke Worte. Wie schon gesagt, G&J standen bei mir noch nie persönlich auf der Matte, ich gehe synthetisch fort.

(Zynismus ein). Die Perspektive der Betroffenen ist durch Sozialpläne gereglt, der freie Mitarbeiter ist das, was er immer war und sein wollte, frei. (Zynismus aus).

Das Geschäftsmodell der einzelnen Publikation ist sicher bei genauerer Betrachtung sehr differenziert und stark auf die jeweils spezielle Form der Beziehung zwischen „Dealer“/Händler und Konsument/Vertragspartner hin ausgestaltet. Es gibt Beziehungen, die sind auf Kommunikation (eine Art von abstraktem Stoffwechsel) , also den Austausch abstrakter Formen angelegt oder solche die gegen Bares Gossip liefern und andere wieder, die Information als Droge verhökern können. Das Modell der Zwangsinfusion ist den ÖR-Medien bisher vorbehalten geblieben, weil es auf der starken Nötigung beruht, sonst in die Obdachlosigkeit oder in die Psychiatrie wechseln zu müssen, eine Vertragsgestaltung, die so nur nur im öffentlichen Recht eine solch überzeugende Ausgestaltung erfahren konnte. Die privaten (häufig auch großbürgerlichen) Akteure des Medienbereichs können davon nur träumen und stehen gegenwärtig vor der Frage, wie sie angesichts des Überangebots medialer Erzeugnisse und des technischen Fortschritts, der die Substitution bestehender Prozesse durch andere nahelegt, finanziell bestehen wollen.

Ein Schulkamerad von mir chauffierte zeitweise den ehemaligen Ministerpräsidenten eines Bundedeslandes und konnte sich so zeitweise als Journalist etablieren, dessen Informationen eine gewissen Wert zu besitzen schienen, sein Geschäftsmodell platzte, weil sein Informant nach einer verlorenen Wahl zeitweise in die Privatwirtschaft wechselte und einen neuen Dienstboten erhielt.
Die Risiken der Geschäftsmodelle sind also vielfältig, die Betroffenheit stets groß.

Bei der Informationswirtschaft handelt es sich offensichtlich um einen Markt, dessen finanzieller Erfolg ausschließlich nachfragebestimmt ist und die Nachhaltigkeit des Produkts völlig vom Einzelfall abhängt. Fast alles ist substituierbar. Wenn ein Blog für die Beteiligten ein Bedürfnis befriedigt, sind sie ggf. bereit, jeder auf seine Weise, sich finanziell dafür zu engagieren. Journalisten sind per se nicht informiert oder gebildet, die meisten von ihnen besitzen keinen adäquaten Berufsabschluss, ein erfolgreiches Studium mit angeschlossener Privatbibliothek ist eher die Ausnahme. Ihre Produktion bleibt häufig beliebig und von kurzer Halbwertszeit. Ob nun die Verleger sich selbst ins Bein schießen, wenn sie Veränderungen am Produktionslauf vornehmen, ist sicherlich ein Thema das nur von Fall zu Fall entschieden werden kann. Ob z.B. die Existenz der Frankfurter Rundschau die Bedeutung eines Sacks Reis in China übertrifft, ist nicht absolut sicher zu bestimmen. Ich vermute, ich begreife den Sinn des Beitrags nicht. SOrry.

16) olaf, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 11:34 Uhr

Diesmal gewinne ICH das Bullshit-Bingo: „Mainstream“, „Ukraine“ und „Putin“ habe ich schon.

17) peter Christian Nowak, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 12:44 Uhr

Ist beim Fernsehen genauso. Freelancer geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Da tauchen mitunter Fernsehbegeisterte auf, die sich sogar „für Lau“, anbieten, nur damit sie „ihre Idee“ verwirklichen zu dürfen.
Die ganze Branche könnte jeden Tag hunderte rekrutieren…so attraktiv scheint für diese Leute das Fernsehen. Nein, an Mangel leidet Journalismus nicht…nur wirklich gute, die gibt es nur handverlesen.

18) Wolfgang Wegener, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 13:36 Uhr

Ich möchte mich zunächst einmal dem Kommentar #9 (Politikverdruss) vollinhaltlich anschließen.

Also, Herr Spreng, ausgerechnet die Brigitte als Beispiel für guten Journalismus anzuführen, ist ja wohl abenteuerlich. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich muss die Brigitte jeden zweiten Mittwoch kaufen, weil meine Frau darauf besteht. Im Wesentlichen geht es da um das Kreuzworträtsel (allerdings werden da die Preise derart ärmlich, dass sie auch da kritisch wird), und um die Rezepte (da empfehle ich ihr zwar immer chefkoch.de, aber das ist ihr zu unübersichtlich). Na ja, und dann die Anzeigen (Mode, Schuhe, was ist da so in derzeit). Mir, der ich mich durchaus für Journalismus interessieren, fällt ferner eine unerträglich Untermischung von Werbung in redaktionelle Beiträge (sofern überhaupt vorhanden) auf. Die Brigitte ist kein ernstzunehmende journalistisches Produkt, sondern eiin Werbeblatt, wie ich meine. Und als im ersten Zuteilungsverfahren beim NSU-Verfahren in München die Brigitte einen Platz bekam, die FAZ aber nicht, war ja auch das Gelächter groß.

Ich verstehe ja, dass Journalisten leben wollen. Dann müssen sie aber auch ein Produkt anfertigen, welches nachgefragt wird. So ist es in einer Markwirtschaft üblich. Und da muss man sich am Leser orientieren,und nicht an sich selbst. Und darf nicht die Möglichkeit, seine Meinung massenhaft zu vervielfältigen, dazu missbrauchen, die Welt seinem Sinn retten zu wollen bzw. (siehe. z. B. dieser Alpha-Kommentator beim Stern) seine eigene Person zu überhöhen. Mir fällt z. B. immer mehr auf, dass wir mit den Bildern der jeweiligen Autoren versorgt werden. Früher galt das ja noch als eitel und eher unfein.

19) Wolfgang Wegener, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 14:00 Uhr

Nachtrag: In meiner Heimatgemeinde gibt es ein Hochglanzmagazin eines ehemaligen Tageszeitungsjournalisten, welches ich alle drei Monate sehnsüchtig erwarte. Über Anzeigen steht Anzeige, in den interessanten redaktionellen Beiträgen taucht keine versteckte Werbung auf. Es wird allerdings kostenlos verteilt. Das wäre doch mal ein Vorschlag für Brigitte. Die brauchen doch garkeine „Journalisten“, sondern nur Ansprechpartner für Werbekunden, oder?

20) Robert Franken, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 15:05 Uhr

„Erst kannibalisierten die Verleger ihre Blätter, indem sie die Leser an eine Kostenloskultur im Internet gewöhnten und jetzt fressen sie ihre eigenen Redakteure.“

Diese Aussage ist auf vielen Ebenen falsch, aber kalkuliert populistisch, sehr geehrter Herr Spreng.

Ohne „Kostenloskultur“, wie Sie es nennen, hätte es die Digitale Revolution niemals in dieser Geschwindigkeit und mit diesen (größtenteils positiven) Auswirkungen nie gegeben. Und wer hier der Kannibale ist, darüber ließe sich trefflich streiten.

21) Bernhard Springhart, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 15:21 Uhr

Hmm… Printmedien haben einen gut Teil dazu beigetragen den Leuten Parolen um die Ohren zu hauen in denen Gürtel enger geschnallt wurden, Verzicht als Tugend verkauft und überhaupt das ganze Lohngefüge stückweise nach unten geschrieben wurde – für Glück und Vaterland…

ich habe kein Mitleid, wenn diese Medizin nun bei denen ankommt, die Sie uns Uneingeweihten einst verschrieben haben. Wie gedachte die Journaille denn, sich diesem Teufelskreis zu entziehen!? Noch dazu wenn man sich den eigenen Mehrwert stückweise von den Rippen schneidet…

22) Rainer N., Donnerstag, 30. Oktober 2014, 16:46 Uhr

SCNR

Brigitte – hab ich mal gelernt – so 1972 herum – spricht man so aus:

Brrrrr igittttt äääääää

23) Martin Balke, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 22:24 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

die letzte Frage, die Sie in Ihrem Eintrag stellen, ist genau die Frage, die langfristig und letztendlich entscheiden wird, welche (voraussichtlich auch welche wenigen) Zeitungen und Zeitschriften sich überhaupt noch auf dem Markt halten können.

Auch für mich ist der einzige Grund, Geld für ein Print-Medium auszugeben, der tatsächliche Mehrwert, den mir dieses im Vergleich zum Internet bietet. Gute, ausführlich recherchierte Beiträge die ein Thema mit allen Facetten beschreiben, in denen Autoten nicht nur Fakten auf- und aneinander reihen sondern auch mal polarisieren sind im Zeitalter von Google, Wikipedia und Co der einzige Grund auch bei Wind und Wetter den Umweg über den Kiosk oder Zeitschriftenhändler in Kauf zu nehmen.

Reine, spezialisierte Fachzeitschriften werden sich, denke ich, durch Crowdfunding und Dienste wie „patreon“ in die Weiten des Internets verlagern. Dieser Entwicklung stehe ich jedoch überhaupt nicht kritisch gegenüber, da hier guter Journalismus letztlich doch bestehen bleiben kann.

Zusammenfassend kann man jedoch sagen, dass es den Printmedien genau wie allen anderen Anbietern gehen wird: Wer sich nicht umschaut, stets nur an der guten alten Zeit fest hält, Trends nicht rechtzeitig erkennt und sich entsprechend aufstellt und anpasst, wird über kurz oder lang unwiderruflich vom Markt verschwinden. Mein Lieblingsbeispiel ist hier der gute alte Quelle-Versand, dessen Vorstand doch recht nachhaltig gezeigt hat, dass Quelle einen ansprechenden Internetauftritt sowie Online-Bestellung tatsächlich nicht nötig hatte…

24) Rainer Gebhardt, Freitag, 31. Oktober 2014, 12:12 Uhr

@ Politikverdruss 29.10.2014

Volle Zustimmung. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Bin lediglich bei Punkt 6 anderer Meinung. Denn beispielsweise die unsägliche BILD-Zeitung als rot/grünen parteipolitischen Journalismus anzunehmen, wäre nicht unbedingt zutreffend. Konservativer und CDU-lastiger geht es wohl nicht. Außerdem verstehe ich unter „rot“ nicht nur die SPD, sondern auch die Linke. Dass die Linke allerdings im deutschen Blätterwald eine Lobby genießt, entzieht sich bisher meiner Kenntnis.

Und Ihnen, Herr Spreng, danke ich für ein ungeheures Maß an Realsatire. Ich habe mich schlapp gelacht. Ausgerechnet der ehemalige BILD-Zeitungs-Verantwortliche weint Krokodilstränen einer untergehenden Gattung nach, die selber am meisten zu ihrer Überflüssigkeit beigetragen hat.
Als vor 25 Jahren im Osten Deutschland zig tausende an Arbeitsplätzen von einem Tag zum anderen zur Disposition standen, wurden die Ossis u.a. auch von der BILD-Zeitung belehrt, dass es sich hier um notwendige marktwirtschaftliche Reinigungsprozesse handeln würde und man doch lernen sollte, dass der Konsument mit seinem Kaufverhalten regelt, ob ein Erzeugnis oder Produkt Bestand hat, oder eben nicht. Jetzt trifft es die eigene Spezies und Sie schreien auf – köstlich!
Es gibt auch Druckerzeugnisse, die ihre Auflagen in letzter Zeit zweistellig erhöhen konnten. Einfach mal nachfragen, was die anders und vor allem besser machen. Oder – was auch eine gute und erfolgversprechende Methode wäre – die Kernkompetenz, wie Sie guten Journalismus bezeichnen, den Lesern anzubieten. Und was guter Journalismus ist, bestimmt allein der Konsument, denn der erkennt Dank vielfältiger Informationsquellen, wann er für dumm verkauft wird.
Paradebeispiel hierfür ist die tendenziöse und die von geistiger Diarrhö gekennzeichnete Berichterstattung des überwiegenden Teils unserer Qualitätsjournalisten über den Bürgerkrieg in der Ukraine. Insofern ist der Untergang sinnfreier Printmedien kein wirklicher Verlust. Jetzt die Brigitte, bald hoffentlich Spiegel, Focus, Stern und Konsorten. Es gibt gut und besser funktionierende Demokratien, die ohne überberstende Zeitungskioske blendend auskommen. Das sollte zu denken geben.

25) Kirsten B., Freitag, 31. Oktober 2014, 14:45 Uhr

@ Wolfgang Wegener: Aha, Sie müssen also vierzehntäglich die ‚Brigitte‘ kaufen, weil Ihre Frau darauf besteht. Und die Journalisten müssen „aber auch ein Produkt anfertigen, welches nachgefragt wird“.

Merkense selbst, ne?

26) Sabine Zielke-Esser, Freitag, 31. Oktober 2014, 14:50 Uhr

Kein Mensch liest eine Zeitung von vorne bis hinten. Und so viele Fische gibt es auf keinem Markt, um die Zeitungen von gestern einer Zweitverwertung zuzuführen. Von dieser Verschwendung des Industriezeitalters können wir uns also getrost verabschieden.

Bleibt die Frage nach dem Qualitätsjournalismus. Den finden wir durchaus in den politischen Magazinen und Dokus bei ARD, ZDF und 3Sat. Im Internet können Sie „Handelsblatt“-Artikel gegen Bezahlung downloaden. Das geht anonym, das Bezahlen ist recht umständlich. Hier haben die Verlage viele Jahre verschlafen (weil die meisten Verleger von Hause aus Drucker sind).

Zudem: Zeitungen folgen in ihrer Gestaltung grafischen Grundregeln, von denen Web-Designer noch nie etwas gehört haben. Und so sehen die Seiten dann auch aus: ein einziges buntes Gewürge. Das macht übrigens den Sprengsatz so angenehm: seine schlichte Übersichtlichkeit.

27) Marco Wagner, Freitag, 31. Oktober 2014, 14:55 Uhr

Ich fand die Ausführung von Herrn Muschalle über die Ironie des Todes der Printmedien durch den Liberalismus äußerst köstlich – doch sehe ich die Lösung dessen Ungeachtet genau darin, was er sich zu verbitten scheint.

Es war doch schon immer ein naiver Irrglaube, dass der freie Markt schon irgendwie eine vernünftige Medienlandschaft produzieren würde. Was es braucht ist ein cleveres nationales Programm zur öffentlichen Finanzierung und Sicherstellung privater Meinungsvielfalt und journalistischer Qualität. Schon immer und überall hat es das dringend gebraucht. Tolle Ideen und Parolen oder Fingerzeigerei werden daran nichts ändern. Privates Engagement ist selbstredend immer klasse. Aber es wird definitiv nicht ausreichen. Denn das hat es noch nie.
Und für mich persönlich wäre die Finanzierung auch ein Kinderstück. Einfach das gesamte Unterhaltungsbudget der Öffentlich-Rechtlichen einkassieren 🙂 Das sollte dann mehr als ausreichend sein.

28) Politikverdruss, Freitag, 31. Oktober 2014, 16:00 Uhr

14) Alexander, Donnerstag, 30. Oktober 2014, 10:33 Uhr,

stimme Ihnen zu. Von der Beeinflussung der Medien durch Nachrichtendienste können wir wohl ausgehen. In dem Buch „Gekaufte Journalisten“ von Udo Ulfkotte soll etwas darüber stehen. Ich habe das Buch aber noch nicht gelesen. Das Buch wird derzeit ja von den Medien konsequent totgeschwiegen.

Ich halte die sich abzeichnende Entwicklung auf dem Mediensektor für äußerst verhängnisvoll. Besonders bestürzend ist, dass im Wesentlichen die ÖR diesen medialen „Existenzkampf“ überleben werden. Aufgrund der Finanzierung der ÖR durch eine Quasi-Steuer sind sie nicht den Marktkräften ausgesetzt und daher ökonomisch weitgehend ungefährdet.

Deshalb bin ich dafür, dass den öffentlich-rechtlichen Medien untersagt wird, den originären Bereich der Printmedien zu überlagern. Gleichzeitig sollte man über eine Förderung der Printmedien nachdenken (Beispiel: Österreichische Presseförderung Wiki).

29) Paulus, Freitag, 31. Oktober 2014, 20:49 Uhr

Das zutreffende „schwarze“ Lagebild des Journalismus, das Michael Spreng entwirft, (eine Roblemlage von höchster Aktualität und Brisanz) erinnert an Dantes „Inferno“ das die Mitteilung kennt: „Wanderer, kommst Du an diesen Ort, lass alle Hoffnung fahren“. Schwärzer und düsterer kann eine Perspektive nicht ausfallen.

Nach dem ersten Schrecken drängt sich sofort die Frage auf: Wie und wodurch hat „der Journalismus“ zu seinem Weg in den Untergang mit beigetragen, warum erweisen sich plötzlich gründliche Recherche und transparente Analyse als obsolet, als uninteressant ja langweilig und entbehrlich? Die „Leselust“ schlechthin hat in breiten Kreisen abgenommen. Doch nicht nur das. Der Journalismus verliert an Glaubwürdigkeit, an Relevanz weil er zu stark von den Partialinteressen der Geld- und Machteliten getrieben erscheint.

Gruß
Paulus

30) Monteverde, Samstag, 01. November 2014, 15:46 Uhr

Was braucht ein Verlag auch Redakteure und Journalisten wenn er eine Jäckel hat? Nicht die Arbeit macht den Wert, sondern allein die Führung und dafür wird kassiert, ganz wie in Gütersloh auch.

31) Michael Schmidt, Samstag, 01. November 2014, 17:51 Uhr

Da machen Sie es sich aber einfach, Herr Spreng. Sie haben kostenlos Internet? Bei welchem Provider sind Sie denn? Oder haben Sie das W-LAN-Passwort Ihres Nachbarn geknackt und hängen für Umme an seinem Netz dran? 😉 Spaß beiseite.

In einer freien Marktwirtschaft kann man die Leute eben nicht zwingen, das eigene Produkt zu kaufen, es sei denn, sie brauchen es und man hat ein Monopol. Ansonstern werden die Leute nur dann bezahlen, wenn sie einen Mehrwert sehen.

Erst gestern habe ich nach langer Zeit einen alten Bekannten getroffen, der nun wirklich völlig unverdächtig ist, jemals links gewesen zu sein. Ich kenne ihn als sehr rechtskonservativen, katholischen Menschen.

Natürlich kam das Thema auf die Ukraine, und selbst für diesen Menschen stank die tendenziöse Berichterstattung gegen Russland bis zum Himmel.

Viele Journalisten scheinen in eine Traumwelt abgedriftet zu sein, die mit der Lebensrealität ihrer Leserschaft nicht mehr viel zu tun hat. Auf mich macht es den Eindruck, dass viele ihre Aufgabe darin sehen, Volkserziehung zu betreiben, in wessen Interesse auch immer.

Und sorry, so arrogant bin ich: Ich kann selber denken, dafür brauche ich keinen halbgebildeten Praktikanten, der mir in der Zeitung etwas vorkaut.

Nehmen Sie die Wirtschaftsnachrichten: Die EU-Länder sind unsere Haupthandelspartner. Das Hurra wird geblasen, weil wir so eine tolle Wirtschaft haben. Welcher Mensch, dessen verlängertes Rückenmark nicht komplett verranzt ist, begreift denn nicht, dass man an Kunden, die nicht zahlen können, weil sie pleite und überschuldet sind, kein Geld verdienen kann?

Wie kann denn ein ernstzunehmender Wirtschaftsredakteur denken, dass man auf Dauer Wachstum fahren kann, wenn die Hauptabnehmer der Exporte allesamt pleite sind? Ich kann sowas einfach nicht verstehen.

Die Leute merken, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der Berichterstattung und der Lebensrealität, wie sie sie wahrnehmen. Und das zerstört Vertrauen.

Das ist eine ganz schwerwiegende Sache, die man natürlich gerne abtun kann, indem man auf das kostenlose Internet verweist.

Und selbst dazu passend hat ein berühmter Wissenschaftler aus den berühmten Bell Labs einmal gesagt: „Die Dinge, die mich damals an die Spitze gebracht haben, würden selbst mich heute nicht mehr an die Spitze bringen, denn die Welt verändert sich.“

Denken Sie mal darüber nach. Oder schieben Sie es auf die dummen, verwöhnten Leser.

Ich bin immer noch bereit, dort zu zahlen, wo ich Mehrwert sehe, und tue es langjährig immer noch bei zwei Zeitschriften.

Wahrscheinlich wird mir morgen der ruppige Ton meines Kommentars sehr leid tun, aber ich warum soll ich aus Mitleid eine Zeitschrift kaufen, wenn sie mir nichts bringt?

32) Johannes Lamp, Sonntag, 02. November 2014, 09:58 Uhr

zu 28) Politikverdruss und 14) Alexander
Was für ein Blödsinn!!!
Ich liebe ja Verschwörungstheorien, je abstruser, desto besser, aber was die beiden vorgenannten Reichsbürger da von sich gegeben haben…
Wer Udo Ulfkotte zitiert, dessen Seriosität sich unterhalb jeden Levels bewegt, hat schon verloren – und dass sein Machwerk totgeschwiegen wird, ist auch so eine Legende, es wurde zerrissen!
Was den sog. Widerstand der der linken vaterlandslosen Gesellen gegen die praktizierte Art der Wiedervereinigung angeht – haben sie nicht Recht behalten?
Wo sind denn heute die Kriegsgewinnler? Wie ist Kohl damals mit den Ostpolitikern umgegangen?
Wo sind die „Befreiten Zonen“?
Man kann nur froh sein, dass diese unterirdischen Phantasien von kaum jemandem ernst genommen werden – sonst hätten wir ein Problem…

33) cloude, Sonntag, 02. November 2014, 11:35 Uhr

Viele gute und kluge Kommentare. Warum aber muss guter Journalismus immer auch teuer sein? Jeder der ein wenig die Kostenstruktur in den Verlagen kennt, kennt auch die -ja immer noch- sehr sehr hohen fixen Gehälter der Redakteure. Nicht nur der CvD, Textchefs, Ressortchefs usw.
Ein Vergleich mit auch gut ausgebildeten Steuerfachghilfen, Arzthelfern usw muss auch im Jahr 2014 vielen der Redakteure die Schamesröte ins Gesicht treiben. 37 Stunden, Sozialleistungen der Verlage, Kantinen, .. vieles wird zu selbstverständlich hingenommen.
Die Verlage müssen reagieren. Der Ruf nach QUALITÄT ist schnell gerufen. Aber abgestimmt wird immer noch am Kiosk. Und der Auflagenverlust der vergenenen 10 Jahre (meist um die 30%-50%) hat ja MIT den ganzen Qualitäts-Journalisten stattgefunden.
Schön wäre es natürlich, dies mehr im Konsens der Mitarbeiter zu machen. Dazu gehören aber beide Seiten. Da ist dann der Weg von ASV ehrlicher: einfach alles verkaufen.

34) Politikverdruss, Sonntag, 02. November 2014, 11:52 Uhr

24) Rainer Gebhardt, Freitag, 31. Oktober 2014, 12:12 Uhr,

lieber Herr Gebhardt,

vielen Dank für Ihren Einwand. Vielleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt: Was die politische Überzeugung der Journalisten aber angeht, sind die Zahlen eindeutig. Nach einer der größten Studien zum Thema, 2005 durchgeführt vom Hamburger Institut für Journalistik unter 1500 Journalisten aller Gattungen, verteilt sich die politische Sympathie der im Meinungsgeschäft Tätigen wie folgt:

Grüne: 35,5 Prozent,
SPD: 26 Prozent,
CDU: 8,7 Prozent,
FDP: 6,3 Prozent
Sonstige: 4
keine Partei: 19,6 Prozent.

Nun ist nachvollziehbar, dass zwei Drittel der rot-grün „überzeugten“ Journalisten nicht dauernd gegen ihre eigene „Überzeugung“ schreiben können.

Sicherlich wäre es unsinnig, die Journalisten des Springer-Verlages als „rot-grün“ einzustufen. Aber damit wären wir bei einem Thema, das wir hier noch gar nicht erörtert haben: Der „inneren Pressefreiheit“.

Auch mit der inneren Pressefreiheit ist es nicht zum Besten bestellt. Da gibt es z.B. den „Tendenzschutz“, der den Herausgebern eines Mediums beispielsweise bei „Meinungsverschiedenheiten“ das Recht gibt, einen Chefredakteur zu entlassen. Wer möchte schon in „jobmäßig“ schwierigen Zeiten entlassen werden.

Der deutsche Journalismus steckt in einer ziemlich verfahrenen Lage. Aber Selbsterkenntnis ist ja der beste Weg da herauszufinden. Gabor Steingart vom Handelsblatt hat das am 14.11.3013 in einer Rede(München, Future Summit 2013: Innovation, Wirkung, Nachhaltigkeit) mit 7 Thesen verdeutlich:

1. Wir sind zu eintönig geworden. Die Methoden der publizistischen Telepathie – einer erfühlt, was der andere nicht denkt – erzeugen jenes
Einheitsmaß der Inhalte, das selbst dem flüchtigen Leser wie eine innere Gleichschaltung erscheinen muss.

2. Wir betreiben zuweilen Desinformation durch Information. Mit exzessiver Detailfreudigkeit werden Banalitäten und Beiläufigkeiten vor dem Publikum ausgebreitet, bis auch die letzten Petitessen – die privat genutzte Bundestagsbahnfahrkarte des Kanzlerkandidaten, das Bobbycar des Präsidentenpaares, eine Thekenplauderei des FDP Fraktionsvorsitzenden, e aufsteigen, um binnen kürzester Zeit im medialen Nichts zu verglühen.

3. Wir haben uns mit der Politik gemein gemacht. Nicht wenige politische
Redakteure pilgern zu den Flachbauten der Parteipolitik als handele es
sich um Kathedralen. Man sieht sich in einer Bedeutungskoalition mit
den Parteigrößen.

4. Wir sind nicht ausreichend transparent. Der Herstellungsprozess von
Fischstäbchen und Gummibärchen ist – dank strenger Lebensmittelgesetze – mittlerweile deutlich durchsichtiger als die Entstehung journalistischer Produkte.

5. Das Wort „interaktiv“ wird von vielen Journalisten mit lästig übersetzt.
Zeitungen sind oft nicht überall Wirtshäuser der Begegnung, sondern Orte der Verkündung. Hier tritt uns der Redakteur als Erleuchteter entgegen.

6. Unsere Wirtschafts-Berichterstattung ist oft nicht auf der Höhe der
Probleme. Die Staatsschuldenkrise – die die gesamte westliche Welt erfasst hat – wird hierzulande auf eine Euro-Krise oder gar auf eine Griechenlandkrise verkürzt.

7. Wir haben uns unterwerfen lassen. Ein entkräfteter Journalismus hat
vielerorts zugelassen, dass die Kaste der Kaufleute das Kommando
übernahm. Es kam zu einer Verschiebung in der inneren Machtarchitektur der Verlage. Seither begegnet uns der Bock in der Schürze des Gärtners.

„Das Tröstliche: Die Zustände, an denen wir leiden, können wir selbst beseitigen.“ Diese abschließende Feststellung durch Gabor Steingart ist leider nicht so tröstlich, wie sie beim ersten Lesen erscheint. Denn es ist nicht erkennbar, dass sich die Medien auf den „Weg“ gemacht haben.

35) Wolfgang Wegener, Sonntag, 02. November 2014, 13:08 Uhr

@ Kirsten B. (#25): Also, nachdem Laura Himmelreich ein Jahr nach dem zugrundeliegenden Ereignis im heraufziehenden Wahlkampf einfiel, dass sich Brüderle da ja eigentlich ziemlich „sexistisch“ geäußert hatte, muss ich immerhin den Stern nicht mehr kaufen. Und dass es nun bei der Brigitte gar keine fest eingestellten Textredakteure mehr geben soll, hat meine Frau durchaus auch nachdenklich gemacht. Ansonsten herrscht bei uns Gleichberechtigung. Ich darf ja auch die (aus Sicht meiner Frau ziemlich rechte) FAZ abonnieren. Nur wenn ich gelegentlich die Bild kaufe, gibt es leicht Stress.

36) Alexander, Sonntag, 02. November 2014, 14:08 Uhr

@ Herrn Spreng:

In mehreren Kommentaren ist die Rede von käuflichen Journalismus, der Abhängigkeit von Anzeigekunden und dem starken Einfluss von Lobbyisten auf die Berichterstattung.

Sie sind ein renommierter Journalist, kennen die Medienindustrie und die Politik sicherlich in- und auswendig. Jetzt interessiert mich hier Ihre persönliche Einschätzung, wie käuflich Journalisten heutzutage sind und mächtig der Einfluss der Lobbyisten ist.

Kann es sein, dass der immer stärker werdende Kostendruck und der damit verbundene betriebliche Zwang, die Personalkosten noch weiter zu reduzieren und das Entstehen neuer Einnahmequellen (neue Auftraggeber sind PR-Agenturen, Lobbyisten etc. ) eine außerordentlich ungünstige Konstellation ist?

Freue mich auf Ihr Feedback!?

37) Jürgen M. Backhaus, Montag, 03. November 2014, 09:18 Uhr

Zur Kernkompetenz des Journalisten kann man bei Luhmann fündig werden. Die Arbeitet des Beobachters, der Beobachtern bei der Beobachtung von Beobachtern bei der Arbeit zusieht.. Der Zirkel ist gewollt und geht gegen unendlich.

Das Schöne am Schweizer Käse ist, er hat so viele Löcher. (mein Volksmund)

38) peter Christian Nowak, Montag, 03. November 2014, 09:46 Uhr

Michael Schmidt

Ich darf Sie zitieren: Viele Journalisten scheinen in eine Traumwelt abgedriftet zu sein, die mit der Lebensrealität ihrer Leserschaft nicht mehr viel zu tun hat. Auf mich macht es den Eindruck, dass viele ihre Aufgabe darin sehen, Volkserziehung zu betreiben, in wessen Interesse auch immer.

Die Interessenlage scheint gerade in der Ukraine-Berichterstattung im Gegensatz zur Mehrheit der Journalisten klar zu sein. Und diese Mehrheit schreibt und berichtet nach dem Existenz erhaltenden Grundsatz: „Wessen Brot ich ess‘, dessen Lied ich sing‘.“
Noch fragen?

39) Jakobiner, Montag, 03. November 2014, 11:32 Uhr

Ich war mal früher Abonennt des SPIEGELs und der Süddeutschen Zeitung.Aber vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ ist nichts mehr geblieben, meist belangslsose skandalierende Artikelchen, Außenpolitik völlig marginalisiert. Die SZ ist seit Josse Joffes Amtzeit wie auch die Zeit zum reinen transatlantischen und neoliberalen Propagandablattgeworden. Daher lese ich lieber die FAZ, NZZ , Handelsblatt im Internet und informiere mich über Geopolitik und Außenpolitik bei US-amerikanischen Think Tanks wie American Enterprise Institute (Neocon), Brookings Institution (Demokraten), Heritage Foundation (Republikaner) , Jamestown Foundation, Foreign Policy Research Institute, Hoover Foundation und in Deutschland über die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die immer ausführliche Analysen haben, viel ausführlicher als alle Zeitungsartikel. Desweiteren: Global Times , Southern Chinese Morning und Volkszeitung aus China, Ria-Noviosti aus Russland, die Webseite der Muslimbruderschaft, sowie arabische Zeitungen. Zwar sind die auch tendenziös, man hat aber Vergleichsmöglichkeiten in der Berichterstattung, die man bei gängigen deutschen Druckerzeugnissen nicht hat, kann sich also selber ein Bild machen, für das man nicht unbedingt einen lobbygesteuerten Journalisten braucht.
„Was die schlauen Controller und Sparfüchse nicht bedenken: Warum soll man am Ende die Blätter noch kaufen?“
Ja, warum sollte man die Blätter noch kaufen,wenn die Journalsten und Kommentatoren keine geopolitischen umfassenden Analysen und außenpolitisch umfangreichere Lageseinschätzungen bringen? Zudem bleiben ja meist nur noch die Nachrichten, die man zeitschneller auch in ARD Tagesschau und ZDF Heute oder im Internet hören kann.

40) CitizenK, Dienstag, 04. November 2014, 09:25 Uhr

@ Jakobiner

SPIEGEL lese ich schon lange nicht mehr, die ZEIT noch, mit Unbehagen, denn Joffe färbt ja auf die anderen Schreiber ab. Ausnahmen gibt es, zugegeben.

Aber sind FAZ UND NZZ wirklich so anders?

Nehmen Sie da wie dort die Anzeigen: Luxusuhren, teure Reisen und superteuere Wohnungen. Wenn die Marketingleute keinen ganz schlechten Job gemacht haben, dann ist das die Zielgruppe. Und all die Mittelschichtler (Lehrer, Angestellte, Kleinunternehmer) werden so meinungsgebildet und wähnen sich zugehörig.

Alternative Internet? Wer kann all die Blogs überblicken und einschätzen? Medien sind für die Demokratie unerlässlich, eine Lösung sehe ich noch nicht.

Wie ist Ihre Meinung?

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