Donnerstag, 22. Januar 2015, 16:32 Uhr

Pegida – das war’s

Schon die Entstehungsgeschichte war widersprüchlich und unlogisch: Gegründet angeblich deshalb, weil in Dresden kurdische Demonstranten Waffen für die PKK verlangten, wollte sich Pegida gegen „die Islamisierung des Abendlandes“ stellen.

Dabei übersahen die Anführer zweierlei: erstens kämpft gerade die PKK gegen die Islamisten in Syrien und im Irak und zweitens gibt es in Sachsen so gut wie keine Muslime und schon erst recht kaum Islamisten.

Dennoch folgten immer mehr Menschen der Pegida – bis zu 30.000. Sie kannten zwar zwangsläufig keine Muslime, aber die Plattform kam ihnen gerade recht, um gegen alles zu demonstrieren, was sie schon lange stört und ärgert. Die angebliche Islamisierung war nur die Projektionsfläche für Frust und Lebensängste.

Es war wie bei dem Erfolg von Thilo Sarrazin („Man wird doch noch sagen dürfen…“), diesmal allerdings nicht am Verkaufstresen der Buchhandlungen. Der Stammtisch ging auf die Straße. Das war in dieser Größenordnung etwas Neues. Deshalb das große Aufsehen und breite Berichterstattung.

Aber schon von Anfang an mischten Rechtsradikale mit und reihten sich mit ihren altbekannten Rufen gegen „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ ein. Und die rechtspopulistische AfD versuchte, auf dem Zug mitzufahren. Aber es war tatsächlich wie am Stammtisch: man lässt Dampf ab und geht dann wieder nach Hause. Politische Wirkung entsteht so nicht.

Höhepunkt für die Pegida-Macher war „Günther Jauch“, wo sich eine Pegida-Frau vor fast sechs Millionen Zuschauern kaum gestört aussprechen konnte, und die Pegida-Pressekonferenz in der „Landeszentrale für polische Bildung“, wobei Bildung eher keine Rolle spielte.

Von da an ging’s bergab. Erst das Dredner Demonstrationsverbot, dann die Entlarvung des vorbestraften Pegida-Chefs Lutz Bachmann als abstoßenden Rassisten und schließlich die verunglückte Demo des Leipziger Ablegers. Die Sache war den Machern über den Kopf gewachsen.

Jetzt macht auch die AfD wieder Absetzbewegungen. Offen fremden- und islamfeindlich will sie dann doch nicht sein.

Im Westen waren Pegida ohnehin ohne Resonanz geblieben, wenn man vom Aufmarsch der üblichen Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretiker absieht.

Damit ist die Geschichte von Pegida auch schon fast zu Ende – eine große Aufwallung mit kleiner oder keiner  Wirkung. Der Stammtisch kehrt wieder an den Stammtisch zurück. Wahrscheinlich werden noch ein paar Demos stattfinden, aber der Zulauf wird von Mal zu Mal geringer werden, bis Pegida endgültig nur noch eine Fußnote der Zeitgschichte ist.

Das ist auch gut so. Denn Islam und Islamisierung, Einwanderung und Asyl sind viel zu komplexe und verhetzungsgefährdete Themen, um sie montags in Sprechchören auf der Straße zu erörtern.

Die Politiker haben hoffentlich daraus gelernt, dass es tatsächlich Nachholbedarf bei der Kommunikation ihrer Politik gibt, dass es Zeit wird für ein breite öffentliche Debatte aller Kräfte der Gesellschaft.

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61 Kommentare

1) Rainer N., Donnerstag, 29. Januar 2015, 19:07 Uhr

Nach den „Informationen“, die man nun über die Gründe des Zerbrechen der PEGIDA eV lesen kann, zeigen es doch sehr deutlich.

Es war ein Richtungsstreit zwischen rechtspopulistischen Mitgliedern. Einen Teil der Mitglieder, der AFD zugetan, die anderen Mitglieder, nach den Aussagen und Aktionen des Herrn Bachmann eher der NPD zuzurechnen.

Den AFD-Fans waren die anderen Mitglieder zu weit Rechts eingestellt. Der offizielle Rücktritt des Herrn Bachmann war eine Farce, um das Gesicht des Vereins nach draußen zu verschleiern, wie sich an den Aussagen der „Austreter“ zeigt.

Die Trennung zeigt nun dass die Mitläufer die an den Demonstrationen teilnehmen getäuscht werden sollten. Die „GIDA-Versteher“ hier beweisen ihre mangelnde Erkenntnisfähigkeit diese Fakten richtig einzuordnen. Oder aber, was auch sein kann, das sind nun einmal Rechtspopulisten, wie ich befürchte.

Noch ein Hinweis für diese „GIDA-Fangruppe“. Seit dem dieser Verein, PEGIDA, aktiv wurde, haben sich die Übergriffe verdoppelt. Das sind die Auswirkungen dieser Rechtpopulisten. Wer immer noch den netten Forderungen des Vereins glaubt, ist als sehr naiv zu bezeichnen. Wenn dann die Frau des Herrn Bachmann weiterhin … Nachtigall …

2) Michael Schmidt, Donnerstag, 29. Januar 2015, 23:44 Uhr

@45) wschira

Ich meine, wir können nicht jeden Einwanderer aufnehmen und integrieren, der nach Deutschland will, und ich meine, wir können nicht überall intervenieren, nur weil ein Bessermensch der Meinung ist, dass das nötig sei.

Ich gebe zu bedenken, welche Folgen amerikanische Interventionen seit dem 2. Weltkrieg gezeitigt haben. Konnte die Teilung Koreas verhindert werden? Ist der Iran heute demokratisch? Blieb der Süden Vietnams eine brutale, aber kapitalistische Diktatur? Wurde Chile unter Pinochet eine blühende Demokratie? Ist der Irak heute ein Hort der Glücks, Friedens und der Sicherheit? Ist Afghanistan heute eine blühende, talibanfreie Demokratie?

3) Rainer N., Freitag, 30. Januar 2015, 10:38 Uhr

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Dresden-heute-Rostock-damals-was-geler/Das-Erste/Video?documentId=26174624&bcastId=310918

Noch ein paar Fakten. Das sind die Mitläufer, damals wie jetzt. Damals haben die noch mit der Presse geredet. Jetzt nicht mehr.

4) wschira, Freitag, 30. Januar 2015, 13:59 Uhr

@52) Michael Schmidt

Ich denke, man sollte Begriffe wie „Gutmensch“, „Bessermensch“ und ähnliches vermeiden, sie sind diskriminierende Kampfbegriffe und dienen nicht dem Dialog.

Im Übrigen sind wir in der Einschätzung von Interventionen gar nicht weit auseinander.

5) Johannes Lamp, Freitag, 30. Januar 2015, 18:55 Uhr

zu 53) Rainer N.
Das kapieren die doch nicht!!!

6) mac4ever, Freitag, 30. Januar 2015, 21:30 Uhr

@Wolfgang Wegener

Es ist erschreckend, wie viele, ansonsten vernünftige und kompetente Leute (und dazu zähle ich ausdrücklich Herrn Spreng) offenbar die Tatsachen nicht kennen und oft auch gar kein Interesse haben, sich mit den Fakten, und damit meine ich solche Primärquellen, auseinanderzusetzen.

Mich interessiert besonders, warum das so ist, denn böse Absicht oder Dummheit möchte ich diesen Personen nicht unterstellen. Dabei komme ich zu folgenden Erkenntnissen:

1.). Marktorientierung. Es ist immer angenehm, bereits vorgefaßte Meinungen bestätigt zu bekommen. jede Zeitung hat einen Großteil von Artikeln, die der vermuteten oder tatsächlichen Einstellung der Leserschaft entgegenkommen will und dabei schon mal die Wahrheit hintanstellt, so lange es keine direkte Lüge wird. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Zeitungen sind meist verlegerisch politisch festgelegt und das ist sogar gesetzlich als „Tendenzschutz“ legal.

Es geht nicht um die Wahrheit, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen der Leser. und die wollen, das kann man beklagen, nur in der Minderzahl die Wahrheit lesen. Information ist Unterhaltung, und Wahrheiten, die die eigene Sicht der Dinge konterkarieren, sind anstrengend.

2.) im Westen (ich komme aus dem Osten und bin 64, habe also lange Medienerfahrung) sind die politischen Lager sehr festgelegt. so etwas wie bei mir (sozialpolitisch sehr links, bildungspolitisch und migrationspolitisch eher rechts) gibt es im Westen kaum: wer links ist, ist es auf der ganzen Linie, wer rechts ist, auch, und der will auch In anderen Bereichen ein bestimmtes Bild bestätigt haben). Im Osten ist das weniger der Fall, mehr patchworkartig, deshalb auch Pegida. Da sind auch Linke unterwegs, die einfach die Probleme bei der Migration sehen und die Ignoranz weiter Teile der Öffentlichkeit diesbezüglich ablehnen. Einem strammen Westlinken würde so etwas nie einfallen.

Auch Michal Spreng schätze ich, weil er normalerweise dieses eingefahrene Rechts-Links-Schema NICHT bedient. Nur bei Pegida bin ich anderer Meinung, nicht aus irgendwelchen Resentiments heraus, sondern weil ich die Realität wahrnehme: meine Lebsnpartnerin fährt z.B.nicht mehr allein in der Berliner U 2 (fährt durch Kreuzberg) und ein Freund ist nach einem Angiff durch in eine Reihe den Bürgersteig „einnehmender“.junger türkischer Migranten, was ihn ins Krankenhaus brachte, aus Kreuzberg weggezogen.

7) Michael Schmidt, Sonntag, 01. Februar 2015, 12:49 Uhr

@54) wschira

„Gutmensch“ mag ein Kampfbegriff sein, aber er passt auf diese passiv-aggressive Klientel sehr gut, die die Erfindung dieses Begriffs inspiriert hat. Insbesondere habe ich ja nicht Sie persönlich mit diesem Begriff etikettiert, es sei denn, Sie möchten sich gerne den Begriff als treffende Beschreibung zu eigen machen. Das steht Ihnen natürlich frei.

Denken Sie nicht, ich sei von den schlimmen Einzelschicksalen unbeeindruckt, die die Menschen z.B. unter ISIS oder den Taliban zu erleiden haben.

Man soll auch politisch verfolgten Menschen Unterschlupf gebieten, denen die Flucht nach Deutschland gelingt. Das gebietet die Mitmenschlichkeit.

Dann aber kommt man an Härten und Ungerechtigkeiten nicht vorbei: Laut UNHCR sind weltweit über 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Behaupten Sie im Ernst, wir könnten hier 50 Millionen Menschen aus aller Welt aufnehmen und integrieren, ohne allergrößte soziale Verwerfungen und Spannungen zu provozieren? Also muss man einige ins Land lassen und andere abweisen. Wer entscheidet was und aufgrund welcher Kriterien? Und bei jeder Entscheidung schickt man einen Menschen oder eine Familie womöglich zurück in Folter und Tod. Das ist keine leichte Entscheidung. Ich könnte das nicht, ehrlich gesagt.

Aber es ist auch nicht so, als sei hier im Westen alles glimpflich abgelaufen. Auch hier wurden die bürgerlichen Freiheiten mit viel Blut erkämpft. Unsere Generation hat das alles lediglich nicht miterlebt, und deswegen glauben wir irrtümlicherweise, dass es ein natürlicher Zustand sei, in Frieden und Sicherheit zu leben.

Prinzipiell halte ich es auch für schwierig, wenn ein uninformierter Journalist (der Bloghoster ist nicht gemeint), der von den Verhältnissen in einem fremden Land keine intime Kenntnis hat, Partei ergreift.

Was wurde nicht 2013 gegen Assad gehetzt, von allen Seiten, Gutmenschen von rechts und Bessermenschen von links. Und jetzt haben wir ISIS an der Backe.

Oder ich erinnere an die massive Unterstützung der Mujaheddin in Afghanistan gegen die Sowjetinvasion: Was haben wir heute davon? Typen, die kleine Mädchen in den Kopf schießen, weil sie zur Schule gehen wollen.

Die Geschichte Mossadeghs ist augenblicklich in der ZDF-Mediathek zu sehen, dazu brauche ich also nichts schreiben.

Was ich sagen will: Es ist also prinzipiell schwierig, sich ein zutreffendes Bild von den Machtkämpfen in fremden Kulturen zu machen. Will man also aufgrund eines mangelhaften Verständnisses einer fremden Kultur den Einsatz militärischer Gewalt rechtfertigen, bewegt man sich auf schwankendem Boden.

Man denkt als Deutscher immer, dass ja schließlich die Intervention der Amerikaner in Deutschland und Japan auch ein gutes Ende gehabt habe. Tatsache ist aber, dass die Amerikaner von den Japanern in Pearl Harbor angegriffen wurden und Deutschland den USA den Krieg erklärt hat. Insofern war die „Intervention“ völkerrechtlich tatsächlich nichts anderes als ein Defensivkrieg zur Selbstverteidigung. Ob man die Atombomben werfen musste, ist wieder ein anderes Thema; ich meine, das war unnötig.

Afghanistan hat Terroristen unterstützt, die die Terroranschläge vom 11. September durchgeführt haben, insofern war eine militärische Reaktion in meinen Augen gerechtfertigt.

Im Falle von Irak, Syrien oder ISIS reden wir von Staaten, die weder Deutschland noch irgend einen anderen NATO-Staat angegriffen oder den Krieg erklärt haben, und die wir aufgrund humanitärer Gründe mit einem Bombenkrieg überziehen wollen, „weil die Menschlichkeit es gebietet“.

Wie gesagt, es ist eine schwierige Materie, über die ich mir noch lange kein abschließendes Urteil gebildet habe.

8) Michael Schmidt, Sonntag, 01. Februar 2015, 12:51 Uhr

Ich meinte natürlich „Unterschlupf gewähren“.

9) Erwin Gabriel, Dienstag, 03. Februar 2015, 14:30 Uhr

@ 57) Michael Schmidt, Sonntag, 01. Februar 2015, 12:49 Uhr

Ich danke, und schließe mich an – besonders Ihrem letzten Satz!

10) Rainer N., Dienstag, 10. Februar 2015, 12:02 Uhr

Nun, einen Beitrag noch … wie ich das genieße …

Mit der Rückkehr von Pegida-Gründer Lutz Bachmann rückt die islamkritische Dresdner Bewegung weiter nach rechts. Zur ersten Pegida-Kundgebung seit Abspaltung der Gruppe um Ex-Sprecherin Kathrin Oertel zogen am Montagabend laut Polizei rund 2000 Demonstranten vor die Dresdner Frauenkirche.

Die Ursprungsbewegung von Lutz Bachmann mobilisierte dennoch mehr Anhänger als die von Kathrin Oertel und ihren Mitstreitern gegründete deutlich moderatere Initiative “Direkte Demokratie für Europa”, zu deren Kundgebung am Sonntag rund 500 Menschen gekommen waren.

Zwei rechte Gruppen – was gewisse Schreiber nicht erkennen wollten – oder weil sie eben selbst in dem Lager stehen. Anders kann Mensch das nicht beurteilen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

11) Johannes Lamp, Sonntag, 15. Februar 2015, 09:05 Uhr

zu 60) Rainer N.
Wieder einmal eine Punktlandung – er hat`s einfach drauf…

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