Mittwoch, 11. November 2015, 13:40 Uhr

Mehr als Fußnoten

Am Rande eines Interviews am Brahmsee hat sich Helmut Schmidt einmal die Frage gestellt, was von ihm in den Geschichtsbüchern übrig bleiben werde. „Wahrscheinlich nur Fußnoten“, meinte er selbstkritisch.

Grund für diese pessimistische Einschätzung war, dass er weder – wie Adenauer – für die Westbindung stand, noch – wie Willy Brandt – für die Ostpolitik. Zwei große historische Weichenstellungen. Bei ihm hießen die Herausforderungen Ölkrise, RAF-Terror und Nachrüstung.

Wer heute die Nachrufe liest, weiß, dass sich Schmidt umsonst Sorgen gemacht. Denn seine geschichtliche Leistung hat eine andere Dimension, die des pragmatischen Machers, der Deutschland sicher durch schwierige Zeiten geführt hat, die eines Mannes, dessen Plichterfüllung und Standhaftigkeit Vorbildcharakter behalten werden.

Das sind keine Fußnoten, sondern wichtige Kapitel im Buch der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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7 Kommentare

1) CH64, Mittwoch, 11. November 2015, 14:14 Uhr

Über die Ölkrise kann man sich streiten, aber RAF-Terror und Nachrüstung haben Deutschland nachhaltig geprägt.
Gegen die RAF hat er grundsätzlich Position, für das Verhalten des Staates gegen Terroristen bezogen. Die Nachrüstung hat die Friedensbewegung gebracht. Diese prägte die Grünen und schwächte Helmut Schmidt nachhaltig.

2) nona, Mittwoch, 11. November 2015, 16:09 Uhr

„Master of Realpolitik“ wurde international getitelt, ich glaube bei der BBC. Das trifft es recht gut.

Wie auch bei Weizsäcker muss man sagen, Politiker seiner menschlichen Statur gibt es heute nicht mehr, und das ist ein Problem. Heute gibt es mehrheitlich Karrieristen, ideologisch Verblendete, Wichtigtuer und Windbeutel. Aus Sicht der Wähler ist das ein gewichtiger Faktor wenn es um Ursachen der Politikverdrossenheit geht, denn oft genug ist unter den Parteirepräsentanten und Kandidaten schlichtweg niemand dabei, der die eigene wichtige Stimme wirklich verdient hätte. „Das geringste Übel“ zu wählen kann ja wohl nicht reichen.

3) Leo Aul, Mittwoch, 11. November 2015, 16:41 Uhr

Schmidt also der große weise Pragmatiker und Frau Merkel die große aktive Pragmatikerin. Ist das die GROKO der Vernunft? Es gibt noch andere Parallelen. Schmidt wurde ständig aus den eigenen Reihen von den unverbeserlichen Idealisten angefeindet. Die sind jetzt still. Frau Merkel wird ebenfalls permanent von allen Seiten kritisiert, obwohl niemand etwas Besseres weis und niemand ihren Job machen möchte. Für Schmidt war der „Übervater“ Brandt. Für Frau Merkel soll es Seehofer sein. Beide „Väter“ waren und sind im Theatralischen gut. Für die Bundes-Kärrnerarbeit waren und sind aber beide „Väter“ ungeeignet (gewesen). Für die höchsten Ansprüche braucht man Gallilonsfiguren. Für die Dreckarbeit sind andere besser.

4) nona, Donnerstag, 12. November 2015, 17:00 Uhr

@Leo Aul:
Bitte wie, Seehofer? Seehofer positioniert sich gerne als Übervater der CSU. Seine Position zu Merkel kann aber allenfalls als „Antithese“ durchgehen. Wenn irgendjemand Merkels „Übervater“ sein sollte, dann allerhöchstens Helmut Kohl und sonst wahrlich niemand.

5) Erwin Gabriel, Donnerstag, 12. November 2015, 22:21 Uhr

@ leo aul

Helmut Schmidt hat immer seinen Kurs gehalten, Frau Merkel noch nie

6) Michael Schmidt, Donnerstag, 12. November 2015, 22:59 Uhr

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mich die Nachricht vom Tode einer öffentlichen Person, die ich nicht einmal persönlich kannte, so sehr bestürzt hat, dass mir die Tränen kamen.

Ich habe die Tode von Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und Peter Scholl-Latour sehr bedauert, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie alle ein hohes Alter erreicht haben und ein produktives Leben führten.

Aber die Nachricht von Helmut Schmidts Ende machte mich sehr traurig. Sein Hinscheiden empfinde ich als schweren Verlust für unser Land, auch wenn seine Zeit eines nicht allzu fernen Tages kommen musste.

Die Geschichte schuldet es diesem großen Staatsmann, ihm den Platz in ihren Büchern einzuräumen, der ihm gebührt. Auch wenn ihm die Geschichte nicht die Herausforderungen gebracht hat, die seinem Talent entsprochen hätten, wie Kissinger sagte.

Ich meine, dass er seine Sache ganz anständig gemacht hat. Jeder redliche Historiker wird zu derselben Einschätzung kommen.

7) Erwin Gabriel, Samstag, 14. November 2015, 17:51 Uhr

@ 7) Leo Aul, Samstag, 14. November 2015, 16:50 Uhr

>> Beim Energiewechsel, den die gesamte Gesellschaft (95%?) befürwortete

Nein, so nicht.

Ein Großteil der Bevölkerung war gegen die Nutzung der Atomkraft Dem trug Bundeskanzler Schröder duch den kontrollierten Atomausstieg Rechnung.

Der Wiederein- und dann der unkontrollierte Wiederausstieg aus der Atomkraft, verbunden mit dem gleichzeitigen Abschalten von Kohle- und Gaskraftwerken, führte zu enormen finanziellen Schäden, auch bei Kommunen, und dem Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen in der Energieindustrie. Diese Folgen, die deutschlandweit wüst massenhaft plazierten Windräder und eine (bei ordentlichem Vorgehen) überflüssige, wirtschaftsschädliche Energieabgabe, die inzwischen drei- bis viermal zu hoch ist wie der Strompreis selbst, standen sicherlich nicht auf der Wunschliste der Deutschen.

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