Freitag, 05. Februar 2016, 09:12 Uhr

Der Ekel vor der AfD

Es ist verständlich, dass sich Politiker der SPD und Grünen davor ekeln, mit Vertretern der AfD in Talkshows oder Wahlsendungen an einem Tisch zu sitzen. Gerade in den vergangenen Tagen haben zwei Frauen der „Alternative für Deutschland“ dafür neuen Anlass gegeben.

Die Vorsitzende Frauke Petry hält es für richtig, gegen den illegalen Grenzübertritt von Flüchtlingen „notfalls von der Schusswaffe Gebrauch zu machen“. Und die Berliner Vorsitzende und Europaabgeordnete Beatrix von Storch antwortete auf die Frage „Auch gegen Frauen  mit Kindern?“ mit einem unfassbaren „Ja“.

Anschließend nahm Frau von Storch zwar Kinder wieder vom Schießbefehl aus, blieb aber dabei, dass auf deren Mütter oder schwangere Frauen oder Mütter, die ihre Kinder im Mittelmeer verloren haben, geschossen werden darf. Das sagte dieselbe Politikerin, die Abtreibung für Mord hält und sich eine Christin nennt.

Mit diesen Äußerungen haben führende Politiker der AfD endgültig eine zivilisatorische Grenze überschritten. Sie sind Beweise einer Brutalisierung eines Teils der Gesellschaft und einer Menschenverachtung, wie sie noch vor wenigen Monaten undenkbar erschienen.

Dass Frau Petry hinterher der Presse die Schuld gab, ist Teil der Propaganda gegen die angebliche Lügenpresse. Ihre Zitate waren aber nicht, wie sie behauptete, aus dem Zusammenhang gerissen, sondern Wort für Wort genauso autorisiert.

Der Ekel vor so viel Menschenverachtung ist also nachvollziehbar. Dennoch führt kein Weg daran vorbei: die AfD muss immer wieder öffentlich gestellt und ihre Äußerungen müssen entlarvt werden. Auch in Talkshows und Wahlsendungen. Wer dieser Auseinandersetzung ausweicht, stärkt die AfD nur in der Rolle, in der sie sich am liebsten sieht – als Opfer.

Dieser Beitrag erschien heute im Rahmen meiner Kolumne im „Berliner Kurier“.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

108 Kommentare

1) Tiedgen, Freitag, 12. Februar 2016, 17:42 Uhr

@52 Michael Schmidt

aus juristischer Sicht (s. Gutachten von Bundesverfassungsrichtern) gilt die Aufnahme der Kriegsflüchtlinge nach der Genfer Konvention für das erste sichere Land, das der Flüchtende erreicht. Dies wäre in diesem Fall die Türkei. Dort ist man als Flüchtling vielleicht nicht beliebt, aber sicher vor Kampfhandlungen.
Die Aufnahme der Asylsuchende, die wegen politischer Verfolgung, etc. flüchten, gilt für das 1. Land der EU, denn die EU bietet ja ein Asylrecht an.
Wer bei seiner Flucht seinen Pass verloren hat, kann sich bei seiner Botschaft ein Ersatzpapier besorgen, dass schaffen die bestohlenen deutschen Urlauber ja auch.

Wer also Griechenland in Richtung Westeuropa verlässt, ist ein Wirtschaftsmigrant oder ein getarnter Islamist o.ä.
Wenn man die europäischen Staaten als Kaufofferte betrachten würde, dann ist Ungarn zu stachelig, die Schweiz streng und schnell in der Ablehnung und die BRD ist das Topangebot: das legt man in den Warenkorb und bezahlt etwas Schleusergebühr.
Wie sie schildern, reichte es seit 2014 aus, das Wort „Asyl“ zu sagen, eine Erklärung als (Nenn-)Syrer auszufüllen und man bekam ganz unbürokratisch ein unbegrenztes Bleiberecht im Rahmen des deutschen Asylrechts (incl .Kost und Logis).
Damit ist man als Fremder, der keinen eigenen Beitrag zum Wohlstand der BRD geleistet hat, mit einem Arbeitslosen gleichgestellt, der vielleicht jahrzehntelang aktiv mit seiner Arbeit und indirekt durch seine Steuern zum Wohlstand des Landes beigetragen hat. Das ist ein Problem der Leistungsgerechtigkeit (s. Vordersassen-Hintersassen in der Schweiz). Und das tauft man dann noch „Solidarität“, damit sich die Sozialdemokraten angesprochen fühlen.

Wenn ich auf die ordoliberale Einwanderungspolitik der Stadt Hamburg vor 1848 blicke, so war die (wirtschaftsaffine) Senat mindestens so rigide in der Prüfung der Einwanderung wie die Schweiz. Man nahm tüchtige Männer auf, deren Herkunft und Absichten geprüft wurden und die einen Hamburger Bürgen brauchten (als Garant). Und man nahm als Kriegsflüchtlinge Witwen und Waisen auf, deren Auskommen über Stiftungen und Kirchenkollekten (von Großbürgern) finanziert wurde. Dort hätte niemand die Tore weit geöffnet und die Torwächter abgezogen, damit große Gruppen an wehrfähigen Männern sich in Hamburg ansiedeln können.

Aber dieses Sicherheitsproblen, z.B. ersichtlich in der erheblichen Steigerung der Straftaten in Hamburg, wird nicht diskutiert.
Stattdessen geht es immer um die „Kriegsflüchttlinge“, man zieht den Vergleich mit den Vertriebenen nach 1944 (auch fast nur Frauen und Kinder), die dann wegen des Männermangels (x Mio. tote Soldaten) das Land wieder aufbauten. Deshalb zeigt man auch so gern das Bild der Frau mit den beiden Kleinkindern am Zaun.

‚Wenn nur diese Familien mit Kleinkindern über die Balkanroute nach Deutschland reisen würden, hätten wir kein Problem.
Das reale Problem ist die Gruppe der Dissozialen Typen (unbekannter Menge), die als IS-Kämpfer, Straßenkrimineller o.ä. ihr Leben fristeten, bevor sie sich zur Reise entschlossen. Die kann KEIN Sozialarbeiter/in umerziehen. Die sehen sich selbst als armes Opfer, das ein Anrecht auf ein besseres Leben hat (und drohen, wenn sie ihren Willen nicht bekommen), Als Polizist hat man täglich mit diesem Klientel zu tun und entwickelt einen 6. Sinn dafür. Den Flüchtlingshelfern dagegen fehlt die nötige emotionale Distanz, um das zu erkennen.

Mir wäre entschieden wohler, wenn wir an der Grenze Bundespolizisten mit diesem Gespür für solche Typen stehen hätten, die auch die Einreise verweigern könnten.
Den Preis als Opfer von Straftaten zahlen letztlich auch die Kritiker der Flüchtlingspolitik mit.

2) Erwin Gabriel, Samstag, 13. Februar 2016, 10:27 Uhr

@ 100) Tiedgen, Freitag, 12. Februar 2016, 17:42 Uhr

Viel von dem, was Sie sagen, ist richtig (etwa mit der Einschränkung, wie sich die Botschaft einer Diktatur verhalten mag, wenn ein regimekritischer Flüchtling nach einem neuen Pass fragt).

Die andere Seite ist: Wohin würden Sie fliehen wollen, wenn Ihr Haus zerbombt wird, Sie Ihre Familie nicht mehr durchbringen können etc.? Wo würden Sie Ihre Kinder hinschicken wollen? Selfies der Kanzlerin, „Welcome“-Schilder im Fernsehen und auf Facebook, Versprechungen der Schlepper – ich wüßte, welches Ihr und mein gelobtes Land in dieser Situation wäre.

Den Zuzug hierher verstehe ich, durchaus auch ein wenig als Kompliment an unser Land. Was die Situation so kritisch macht, ist meiner Meinung nach nicht das Geld. Sondern, dass hier niemand trotz jahrelanger Ankündigungen und Vorwarnungen vorbereitet war, dass man sogar im Vorfeld eine europäische Lösung verweigert hat. Nun stopft man Hunderttausende Leute irgendwo hin, mit Müh und Not mit Nahrung, Kleidung und einem notdürftigen Dach über dem Kopf versorgt, und überlässt die Leute ansonsten weitgehend ihrem Schicksal. Bis wir Tritt gefasst haben, ist der Schaden bei den Leuten angerichtet. Der Satz „wir schaffen das“ hat sich damit bereits erledigt, weil wir es schon jetzt definitiv „nicht geschafft“ haben.

PS: Das hier auch nur ein einziger Flüchtling / Zuwanderer ohne Idenditätsüberprüfung über die Grenze geleitet wurde, ist im Wortsinn sträflich – da haben Sie vollkommen Recht.

3) Tiedgen, Montag, 15. Februar 2016, 15:47 Uhr

@101 Erwin Gabriel

wir schauen alle aus unterschiedlichen Perspektiven auf diese Zuwandererkrise, je nach Biographie, eigener Fluchtgeschichte der Vorfahren, Wohnort, Religion, Geschlecht usw.

ich stamme aus einer weltoffenen Hamburger Familie mit einer langen Erfahrung mit Zuwanderern, Und es gab bereits mehrere Phasen der rasanten, überbordenden Zuwanderung, die dann in einer Slumbildung mündete mit den entsprechenden Problemen. Auch damals floh man vor Krieg, Pogromen, Perspektivlosigkeit. Und gerade die HAPAG hatte viele Anwerber (auf Provisionsbasis), die in Osteuropa goldene Bilder von Hamburg oder New York ausmalten.

Meine Großväter haben die Massenzuwanderung (ab 1918) aus den ehemaligen Ostgebieten erlebt, die Arbeitslosigkeit auf Grund des Lohndumpings durch Zuwanderer und die Zunahme von radikalen Parteien. (Parteimitglied werden = Job und Wohnung als Belohnung). ‚Und als Polizist beim Altonaer Blutsonntag anzutreten, war sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig. Meine Onkel waren alle arbeitslos, aber kampferfahren, insbesondere auch durch „Häuserschlachten“.

Wer damals in einer ländlichen Gegend wohnte oder erst nach 1945 nach Norddeutschland kam, hat keine Vorstellung von den damaligen bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Die NSDAP erreichte Wahlerfolge bis zu 51%.

Es wird heute immer nur auf die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge fokussiert, die ja wirklich vom Pech verfolgt sind: sie sind jetzt gleich Opfer von 2 Armeen. Und als verantwortungsvolles Familienoberhaupt packt man ein paar Sachen und seine Familie und flüchtet. Aber auch dort gibt es in den Familienclans jede Menge Verwandte, die irgendwo in Syrien an einem ruhigeren Ort wohnen. Man muß nicht zur türkischen Grenze ziehen, es gäbe auch Alternativen.

Aber die tollen Werbebilder der Schlepper malen das Leben in Deutschland golden aus und von den Problemen, die man als syrische Familie hier haben wird, weiß man nichts. Und auch für die „abgehängten Jungmänner“, die sich In Syrien oder in den Maghrebstaaten durchschlagen müssen, ist Deutschland viel besser als ihr bisheriges Leben. Es ist aus ihrer Sicht verständlich, hier ein neues Leben anfangen zu wollen.
Im Übrigen: auch die Spätaussiedler, die Russlanddeutschen und die Ostdeutschen nach 1989 sind den tollen Bildern und Storys auf den Leim gegangen und haben erst später entdeckt, wie schwer so ein Neustart sein kann.

Wenn ich mich in meiner Gegend umschaue, dann gibt es eine Menge Alteingesessene, bewaffnet und mit Wut im Bauch, es gibt kleine Kolonien von Ostdeutschen, deren Einstellung zu den Zuwanderern nicht zitierfähig sind und es gibt Kolonien von Russlanddeutschen, die dank Putins Medienkampagne auch nicht sonderlich auf neue Nachbarn erpicht sind. Dazu kommen die vielen Flüchtlingsunterkünfte und die Aussicht, dass viele in Sozialwohnungen der Umgebung staatlich einquartiert werden.

Woher nehmen diese „Sozialingenieure“ die Zuversicht, dass man die Flüchtlinge unter diesen Bedingungen integrieren kann, zumal in Hamburg 40.000 Wohnungen fehlen?
Die Kriminalität hat sich nachweislich deutlich verstärkt, es gibt die Order, sofort 110 zu wählen, wenn einem Verdächtige auffallen (der aufmerksame Büger als Hilfspolizei). Mit jedem Tag kommen weitere Opfer von Straftaten dazu und da entsteht z.T. auch Bitterkeit. Wenn mir eine Rentnerin vom Taschendiebstahl erzählt, bei der sie 40 Euro und ihren Flüchtlingsausweis, den sie 40 Jahre lang als Andenken aufbewahrt hat, verloren hat, dann ist das mehr als der Verlust von Geld. Da heizt sich eine Stimmung auf, die man mit „Sonntagspredigten und Appellen“ nicht eindämmen kann

Ich finde, dass sich die deutschen Nachbarstaaten eindeutig vernünftiger verhalten. Die nehmen ein Kontingent von geprüften Flüchtlingen auf und sichern ihre Grenzen ab.

Ich hätte nie erwartet, dass ich mich jemals genötigt fühlen würde, meine weltoffene-liberale Haltung zugunsten einer strikten Law-and-Order Einstellung aufzugeben. Aber ich kann das tradierte Erfahrungswissen meiner Vorfahren auch nicht ignorieren, nur weil es gerade hip ist, Flüchtlinge zu glorifizieren bzw. Skeptiker zu verteufeln.

4) Wolfgang Wegener, Dienstag, 16. Februar 2016, 15:12 Uhr

Danke, Tiedgen. Ich nehme mal an, dahinter kann sich wirklich eine satte Mehrheit (mich eingeschlossen) versammeln.

5) Ockenga, Dienstag, 16. Februar 2016, 17:06 Uhr

Es wird ständig auf 42-49 hingewiesen. Der Vergleich, obwohl es damals um eine ganz andere Größenordnung ging, hinkt. Allenfalls ist ein Vergleich mit den antiken Völkerwanderungen möglich. Auch damals haben sich gänzlich verschiedene Kulturen duelliert. Rom wäre heute nicht Rom, wenn nicht die nordischen Barbaren das Land nachhaltig verändert hätten. Das Gleiche gilt für Spanien, ja für ganz Nordafrika.

Heute geht es vordergründig um die Flüchtlinge aus Syrien, aus Afghanistan und anderen Problemländern, deren Werte und Kulturen mit uns nicht kompatibel sind. Das sind, wie weiland 42/49, keine , politisch-ideologischen, religiösen, nationalen oder germanischen westeuropäischen Gründe und Probleme. Da sind schon eher ethnische und religiös globale Einflüsse am Werke, für die wir nicht verantwortlich sind. Weil wir ökonomisch erfolgreich sind, wurden wir zum Zielgebiet.

Außerdem its da noch unsere typische deutschen Eigenschaft, dass wir selbst unsere Prinzipien in Form des Grundgesetzes so treudeutsch auch auf alle anwenden, die das mühselig und beladen sind. Von den Werten des christlichen Abendlandes ist bei unseren Nachbarn nicht mehr viel übrig geblieben. Wenn selbst die erzkatholischen Polen es mit den christlichen (und demokratischen!) Grundsätzen nicht so genau nehmen, machen entweder alle Anderen oder nur wir etwas falsch.

6) Günter Springer, Mittwoch, 17. Februar 2016, 10:55 Uhr

83 Jakobiner:
Ihre Einlassung:
So richtig es ist, dass Merkel Gesetze bricht mit dem Kontrollverlust über die Grenzen, so falsch ist es deswegen die AfD nun als Grundrechtspartei statt als Rechtspartei zu portraitieren. Der Schießbefehl zeigt, dass es die AfD mit dem Grundgesetz nicht sonderlich ernst nimmt.

Wer hat hier einen Schießbefehl erlassen????

Ist es nicht leichtsinnig, solche Behauptungen einfach rauszuhauen???

7) Johannes Lamp, Mittwoch, 17. Februar 2016, 21:05 Uhr

Zu 104) Ockenga
Spreng hat den Ekel vor der AfD artikuliert.
Eigentlich bräuchte man zu Ihrem völkischen Beitrag, der mit entlarvenden Worten nicht geizt, nicht zu sagen, aber manches tut doch weh:
Rom wurde von den Barbaren aus dem Norden nicht verändert – es wurde zerstört!
Die neue Weltordnung nach 1945 wurde von den Siegermächten beschlossen und hatte gänzlich andere Gründe als die von Ihnen aufgeführten – wofür wir (wer ist wir?) verantwortlich sind, ergibt sich aus den europäischen Aufteilungen des Nahen Ostens (Osmanisches Reich) nach dem 1. Weltkrieg…
Der letzte Absatz beschert Ansichten und Schlussfolgerungen des besorgten Bürgers, die beweisen, dass die Phrasen von Frau Petry und Herrn Höcke auf fruchtbaren Boden gefallen sind.
Der Schoß ist fruchtbar noch…

8) Erwin Gabriel, Montag, 22. Februar 2016, 14:11 Uhr

@ 106) Johannes Lamp, Mittwoch, 17. Februar 2016, 21:05 Uhr

>> Der letzte Absatz beschert Ansichten und Schlussfolgerungen
>> des besorgten Bürgers, die beweisen, dass die Phrasen von
>> Frau Petry und Herrn Höcke auf fruchtbaren Boden gefallen sind.

Ein bisschen weit hergeholt, wie ich finde. Und besorgt darf man sein, nicht nur angesichts der Zuwanderungssituation, sondern auch grundsätzlich – schließlich ist dies ein freies Land.

Und das ewige Gemaule über den angeblich noch so fruchtbaren Schoß (das trifft wohl eher auf einige gegenden Sachsens zu, aber nicht auf diesen Blog) soll wohl nur kaschieren, dass auch Sie nicht wissen, wie das alles klappen soll.

9) Rapunzel, Freitag, 13. Mai 2016, 15:48 Uhr

Offensichtlich ist der Ekel vor der AFD bei CDU und CSU gar nicht so groß.
Dank AFD hat Angela Merkel bereits ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik um 180 Grad gewendet. Nichts ungewöhnliches, bei Frau Zick-Zack Merkel.
Armes Deutschland.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


granny - the social agency from Berlin