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Samstag, 13. Februar 2016, 16:29 Uhr

Bonner Geheimnisse – und Räuberpistolen

Dirk Koch und Klaus Wirtgen waren gefürchtete Reporter der Bonner Republik, denen “Der Spiegel” über 25 Jahre unzählige Enthüllungsgeschichten zu verdanken hatte. Meist traten sie zu zweit auf, perfekt als “Good Cop/Bad Cop”.

Dirk Koch (72), der inzwischen in Irland und Bonn lebt, hat über diese Zeit ein lesenswertes, zuweilen amüsantes Buch geschrieben, das manches Bonner Geheimnis, aber auch manche Räuberpistole enthält.

Wirtgen, der Nahbarere der beiden, ist leider viel zu früh gestorben. Ihm widmete Koch das Buch (“Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt”/Westend-Verlag).

Das Buch ist ein Heldenepos über die große Zeit des “Spiegel”, das schmerzhaft dem heutigen Magazin den Spiegel vor hält. Es ist nicht frei von Selbstgefälligkeiten des Autors.

Es lohnt sich aber trotzdem – für Zeitzeugen und politisch Hochinteressierte, die noch einmal wissen wollen, wie die “Todeschwadrone” (Graf Lambsdorff) Politiker wie Strauß, Möllemann oder auch Lambsdorff in Bedrängnis brachten oder auch ihren Sturz einleiteten. Als ehemaliger Bonner Kollege habe ich das Buch in einem Rutsch gelesen.

Und, das ist fast das Wichtigste, Koch geht mit der Recherche- und Enthüllungsfaulheit der heutigen Journalistengeneration ins Gericht. “Es wird zu wenig und zu wenig gut recherchiert”. Journalisten, die vor den Computer sitzen, statt aus dem Haus zu den Informanten zu gehen, lieber Googeln, statt in die vertraulichen Zirkel der Politik einzudringen.

Koch: “Die Norm sollte sein: Mindestens ein neuer persönlicher Kontakt pro Tag, sieben Tage die Woche, samstags und sonntags auch. Wer einen dicken Fisch fangen will, muss das Netz ausbringen, muss sich zum Angeln schon zum Fluss bequemen”.

Weil er weiß, dass viele gute Rechercheure weggespart worden sind, empfiehlt er mehr Rechercheverbünde, wie den aus “Süddeutsche”, NDR und WDR.

Einer Empfehlung Kochs aber sollte man nicht folgen: sich gemein zu machen mit den Zielen der Akteure, wenn sie den eigenen politischen Ansichten entsprechen.

Und wenn Koch klagt “Wo sind die spannenden Wiedergaben der Wortgefechte am Angela Merkels Kabinettstisch”, dann hätte er auch hinzufügen sollen, dass früher Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling mittwochs nach jeder Kabinettsitzung direkt ins Bonner “Spiegel”-Büro gefahren ist, um brühwarm zu berichten – natürlich nur im Sinne seines Herrn.

Das würde Angela Merkel nicht dulden und ihr Regierungssprecher nicht wagen. Heute müsste man recherchieren.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

5 Kommentare

1) Frank Reichelt, Donnerstag, 18. Februar 2016, 20:00 Uhr

Danke für den Tipp, ich habe es bestellt. Wenn es so gut ist wie “Höhenrausch” von Jürgen Leinemann dann wird es sich lohnen!

2) Erein Gabriel, Sonntag, 21. Februar 2016, 20:38 Uhr

Unterhaltsamer Einblick.

Danke!

3) Frank Reichelt, Montag, 22. Februar 2016, 08:55 Uhr

Etwas wenig Buch für stolze 18 Euro, nicht so dolle!

4) olaf, Dienstag, 23. Februar 2016, 19:48 Uhr

Danke für die Tipps, ich habe mir alle bestellt.
Grüsse olaf

5) mac4ever, Freitag, 26. Februar 2016, 16:14 Uhr

Google-“Recherche” statt Vorort-Ermittlung. Tja. Die Kostenlos-Kultur fordert ihre Opfer. Mit reinen Online-Artikeln ist nicht viel Geld zu machen, also sparen die Verlage, wo sie können, entlassen und kürzen. Die ersten Opfer sind die freien Journalisten, deren Honorare rigoros gekürzt wurden und die zudem weniger Aufträge erhalten. Und die sagen sich dann völlig zu Recht, you get what you pay for, was lohnt es sich noch, teuer nach draußen zu gehen, wenn ich auch billig Google anwerfen kann.

Das führt dann dazu, dass wir einen Billig-Journalismus bekommen haben, viel Meinung – das ist billig und schnell zu fabrizieren -, wenig Recherche, Auch SPON spart sich ja die richtige Recherche offenbar fürs Spiegel-Heft auf, was dann auf SPON noch ankommt, ist ja mehr ein dünner Aufguss.

Mich stört das schon lange. Aber auch ich bin Teil des Systems.

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