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Die Weisheit des Grundgesetzes

Die Väter des Grundgesetzes waren kluge Menschen. Sie wussten aus der Erfahrung der Geschichte, dass aufgehetzte Volksmassen Entwicklungen demokratisch legitimieren können, die für sie und ihr Land verhängnisvoll sind.

Deshalb schlossen sie Volksabstimmungen auf der Ebene der Bundesrepublik ausdrücklich aus. Sie bauten Deutschland einen Filter der Vernunft ein: keine direkte, sondern eine repräsentative Demokratie. Die Staatsgewalt geht zwar vom Volke aus, aber die gewählten Abgeordneten sind vier Jahre lang nur ihrem Gewissen verpflichtet.

In Großbritannien ist jetzt zu besichtigen, wohin Volksabstimmungen führen, wenn die Menschen aufgehetzt werden. Die zentrale Lüge der Brexit-Kampagne war die Behauptung, Großbritannien müsse wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU zahlen (445 Millionen Euro).

Tatsächlich beträgt die Nettozahlung fünf Milliarden Euro jährlich. Gleichzeitig schürten die Initiatoren die Angst vor Flüchtlingen, obwohl Großbritannien bisher kaum welche aufgenommen hat.

Hinterher gab der rechtspopulistische Hetzer Nigel Farage die Lüge zu. Die Initiatoren mussten eingestehen, dass sie keinerlei Plan für den Ausstieg aus der EU haben. Und viele derjenigen, die für  den Brexit gestimmt haben, sind über die dramatischen wirtschaftlichen und politischen Folgen ihrer Entscheidung bestürzt. Das hätten sie nicht gewusst.

Deshalb kann die Weisheit des Grundgesetzes gar nicht genug gelobt werden. Volksentscheide dort, wo Sachprobleme auf Länder- oder Gemeindeebene klar und überschaubar sind, nicht aber auf Bundesebene, wo die Unwissenheit von Menschen ausgebeutet, sie von Demagogen verhetzt und in ihr eigenes Verderben geführt werden können.

In Zeiten des Hass-Internets ein besonders kluger Sicherheitsmechanismus eines demokratischen und liberalen Rechtsstaates.

Dieser Beitrag erscheint heute in meiner wöchentlichen Kolumne im „Berliner Kurier“.