Dienstag, 25. September 2018, 18:41 Uhr

Schlussphase einer Kanzlerschaft

Das Wort Merkeldämmerung ist schon häufig, geradezu inflationär gebraucht worden – und bisher hat das nie gestimmt. Jetzt aber dämmert es doch.

Zwei deutliche Anzeichen dafür gibt es innerhalb von nur zwei Tagen. Erst musste sich Angela Merkel für ihre krasse Fehleinschätzung bei der Beförderung von Hans-Georg Maaßen öffentlich entschuldigen, jetzt stürzte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen ihrer engsten Vertrauten, Fraktionschef Volker Kauder. Es war mehr ein Votum gegen Merkel und Kauder als ein Votum für den neuen Vorsitzenden Ralph Brinkhaus.

Die Zeichen an der Wand sprechen eine klare Sprache: Merkels Macht schwindet von Tag zu Tag. Erst hat sie die Stimmung der Wähler falsch eingeschätzt, jetzt die Stimmung in ihrer Fraktion.

„Mit vollem Herzen“ hatte Merkel Kauder zur Wiederwahl empfohlen, aber das Ergebnis zeigt, ihr Herz und das der Fraktion schlagen nicht mehr im gleichen Takt. Die Bundestagsfraktion emanzipiert sich von der Kanzlerin. Und Emanzipation heißt in diesem Fall: sie kann sich nicht mehr auf ihre Gefolgschaft verlassen.

Dass auch Horst Seehofer und Alexander Dobrindt Kauder zur Wiederwahl empfohlen hatten, spielt dabei nur eine Rolle am Rand.  Aber auch Seehofer muss wie Merkel das Signal verstehen: die Abgeordneten sind die aberwitzigen Machtspiele ihrer Chefs leid. Sie wollen erfolgreich arbeiten, sie wollen, wie Ralph Brinkhaus versprochen hat, einen“ Aufbruch, ein Zeichen nach draußen und an die Parteibasis“. Und für Aufbruch steht Merkel sicher nicht mehr, nur für ein „Weiter so“.

Der Haushaltsexperte Brinkhaus, der als Außenseiter gestartet war, ist kein grundsätzlicher Merkel-Gegner. Sie wird mit ihm auskommen. Aber seine Wahl ist ein klares Signal: Merkel ist in die Schlussphase ihrer Kanzlerschaft eingetreten.

Wann es wirklich zu Ende geht, weiß keiner, sicher nicht morgen, aber es wird vor 2021 passieren. Entweder selbstbestimmt, wenn sie ihre Lage realistisch einschätzt, oder fremdbestimmt, wenn sie in den nächsten Monaten oder den nächsten zwei Jahren zum Rücktritt gezwungen wird.

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