Wer kommt nach Merkel?
Die Antwort könnte ganz kurz sein: Keiner – zumindest nicht in den nächsten Jahren. Denn nach dem 27. September gibt es nur zwei realistische Regierungskombinationen: Schwarz-Gelb oder wieder die große Koalition. Und bei beiden würde Angela Merkel wieder Bundeskanzlerin. Aber ganz so einfach ist es nicht. Erstens könnte sie ihr Amt durch Guido Westerwelles verlieren, wenn dieser im Gegensatz zum Wunsch von 90 Prozent seiner Wähler doch zu einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen bereit wäre, und zweitens wäre eine erneute große Koalition eine Niederlage für Merkel und würde sie innerparteilich schwer beschädigen. Dann hätte sie in den Augen ihrer Partei nach 2005 zum zweiten Mal ihr Klassenziel Schwarz-Gelb nicht erreicht.
Und genau darauf wartet ein Mann, der strategisch überlegt seine Schachzüge gemacht hat, um “diese Dame” (so nennt Friedrich Merz Angela Merkel, um den Namen nicht aussprechen zu müssen) zumindest als CDU-Vorsitzende matt zu setzen. Dieser Mann ist der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, gleichzeitig einer der Stellvertreter Merkels in der Partei.
Wulff hat im vergangenen Jahr zwei Schachzüge gemacht, die eindeutig auf sein Ziel hinweisen, Merkel als CDU-Vorsitzende abzulösen. Mit seinem Verzicht auf den niedersächsischen CDU-Vorsitz schuf er die Berufungsgrundlage für die Forderung, Staatsamt und Parteifunktion, also Kanzleramt und Parteivorsitz, zu trennen. Und mit seinen für einen Spitzenpolitiker verblüffenden, aber auch wenig glaubwürdigen Äußerungen im “Stern”, er traue sich das Kanzleramt nicht zu und er sei kein “Alpha-Tier”, soll schon im Vorwege der Vorwurf entkräftet werden, er wolle Merkel auch aus dem Kanzleramt verdrängen.
Wulffs Argumentation für den Fall eines Merkel-Desasters ist klar: um sich zu alten Wahlerfolgen aufzuschwingen, müsse die CDU endlich wieder ihr eigenes Profil stärken, wirtschaftsliberale Wähler zurückgewinnen und die konservativen Unionsanhänger besser ansprechen. All dieses könne Merkel als Kanzlerin einer großen Koalition leider nicht. Deshalb müsse man beide Ämter trennen. Er wird das Ganze in seiner nett-illoyalen Art als Hilfsaktion für Merkel und die CDU ausgeben. Sollte Wulffs Vorhaben gelingen, wäre dies aber auch der Anfang vom Ende der Kanzlerin Merkel.
Wulff spekuliert eindeutig à la Merkel-Baisse. Wenn aber seiner Spekulationsblase platzt, dann kann er sich gleich nach einem Job in der Wirtschaft umsehen. Für diesen Notfall versucht ihm schon ein nordrhein-westfälischer Energie-Boss die Kontakte zu machen und den Weg zu ebnen. Denn Wulff macht seine Rechnung ohne Merkel und die anderen Stellvertreter. Merkel weiss, was Wulff plant, und versucht seitdem ihre stellvertetenden Parteivorsitzenden gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen, um Bündnisse zu verhindern. Sie weiss, dass zumindest bis Mai 2010 Wulff die einzige Gefahr für sie ist. Denn Jürgens Rüttgers ist bis zu seiner Landtagswahl in NRW nicht bewegungsfähig und auf Merkel angewiesen. Und Roland Koch ist nach seinem zweiten Wahldesaster in Hessen keine Rivale mehr für Merkel und hat nur noch zwei Zukunftsoptionen: Bundesminister von Merkels Gnaden oder EU-Kommissar. Weitere Rivalen sind nicht in Sicht. Sie wurden von Merkel weggebissen oder haben sich selbst erledigt.
Merkel hat 2005 schon einmal gezeigt, dass sie sich aus den eigenen Haaren aus dem Sumpf einer Wahlniederlage ziehen kann. Durch die innerhalb von nur zwei Tagen angesetzte Neuwahl des Fraktionsvorsitzes überrumpelte sie ihre Gegner und schuf vollendete Tatsachen. Allerdings half ihr damals auch Gerhard Schröder mit seinen unqualifizierten Äußerungen in der Wahlnacht, der sie damit an ihrem Stuhl festschweißte und Merkels CDU-Rivalen zur Solidarisierung zwang. Auf Schröder kann sich Merkel am 27. September 2009 nicht mehr verlassen. Den nächsten Versuch, sie zu stürzen, muss sie allein abwehren – oder durch einen schwarz-gelben Wahlsieg den Boden entziehen.










