Sonntag, 01. März 2009, 23:17 Uhr

Wer kommt nach Merkel?

Die Antwort könnte ganz kurz sein: Keiner – zumindest nicht in den nächsten Jahren. Denn nach dem 27. September gibt es nur zwei realistische Regierungskombinationen: Schwarz-Gelb oder wieder die große Koalition. Und bei beiden würde Angela Merkel wieder Bundeskanzlerin. Aber ganz so einfach ist es nicht. Erstens könnte sie ihr Amt durch Guido Westerwelles verlieren, wenn dieser im Gegensatz zum Wunsch von 90 Prozent seiner Wähler doch zu einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen bereit wäre, und zweitens wäre eine erneute große Koalition eine Niederlage für Merkel und würde sie innerparteilich schwer beschädigen. Dann hätte sie in den Augen ihrer Partei nach 2005 zum zweiten Mal ihr Klassenziel Schwarz-Gelb nicht erreicht.

Und genau darauf wartet ein Mann, der strategisch überlegt seine Schachzüge  gemacht hat, um „diese Dame“ (so nennt Friedrich Merz Angela Merkel, um den Namen nicht aussprechen zu müssen) zumindest als CDU-Vorsitzende matt zu setzen. Dieser Mann ist der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, gleichzeitig einer der Stellvertreter Merkels in der Partei.

Wulff hat im vergangenen Jahr zwei Schachzüge gemacht, die eindeutig auf sein Ziel hinweisen, Merkel als CDU-Vorsitzende abzulösen. Mit seinem Verzicht auf den niedersächsischen CDU-Vorsitz schuf er die Berufungsgrundlage für die Forderung, Staatsamt und Parteifunktion, also Kanzleramt und Parteivorsitz, zu trennen. Und mit seinen für einen Spitzenpolitiker verblüffenden, aber auch wenig glaubwürdigen Äußerungen im „Stern“, er traue sich das Kanzleramt nicht zu und er sei kein „Alpha-Tier“, soll schon im Vorwege der Vorwurf entkräftet werden, er wolle Merkel auch aus dem Kanzleramt verdrängen.

Wulffs Argumentation für den Fall eines Merkel-Desasters ist klar: um sich zu alten Wahlerfolgen aufzuschwingen, müsse die CDU endlich wieder ihr eigenes Profil stärken, wirtschaftsliberale Wähler zurückgewinnen und die konservativen Unionsanhänger besser ansprechen. All dieses könne Merkel als Kanzlerin einer großen Koalition leider nicht. Deshalb müsse man beide Ämter trennen. Er wird das Ganze in seiner nett-illoyalen Art als Hilfsaktion für Merkel und die CDU ausgeben. Sollte Wulffs Vorhaben gelingen, wäre dies aber auch der Anfang vom Ende der Kanzlerin Merkel.

Wulff spekuliert eindeutig à la Merkel-Baisse. Wenn aber seiner Spekulationsblase platzt, dann kann er sich gleich nach einem Job in der Wirtschaft umsehen. Für diesen Notfall versucht ihm schon ein nordrhein-westfälischer Energie-Boss die Kontakte zu machen und den Weg zu ebnen. Denn Wulff macht seine Rechnung ohne Merkel und die anderen Stellvertreter. Merkel weiss, was Wulff plant, und versucht seitdem ihre stellvertetenden Parteivorsitzenden gegeneinander auszuspielen und aufzuhetzen, um Bündnisse zu verhindern. Sie weiss, dass zumindest bis Mai 2010 Wulff die einzige Gefahr für sie ist. Denn Jürgens Rüttgers ist bis zu seiner Landtagswahl in NRW nicht bewegungsfähig und auf Merkel angewiesen. Und Roland Koch ist nach seinem zweiten Wahldesaster in Hessen keine Rivale mehr für Merkel und hat nur noch zwei Zukunftsoptionen: Bundesminister von Merkels Gnaden oder EU-Kommissar. Weitere Rivalen sind nicht in Sicht. Sie wurden von Merkel weggebissen oder haben sich selbst erledigt.

Merkel hat 2005 schon einmal gezeigt, dass sie sich aus den eigenen Haaren aus dem Sumpf einer Wahlniederlage ziehen kann. Durch die innerhalb von nur zwei Tagen angesetzte Neuwahl des Fraktionsvorsitzes überrumpelte sie ihre Gegner und schuf vollendete Tatsachen. Allerdings half ihr damals auch Gerhard Schröder mit seinen unqualifizierten Äußerungen in der Wahlnacht, der sie damit an ihrem Stuhl festschweißte und Merkels CDU-Rivalen zur Solidarisierung zwang. Auf Schröder kann sich Merkel am 27. September 2009 nicht mehr verlassen. Den nächsten Versuch, sie zu stürzen, muss sie allein abwehren – oder durch einen schwarz-gelben Wahlsieg den Boden entziehen.

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11 Kommentare

1) Martin Fuchs, Montag, 02. März 2009, 09:44 Uhr

Passend dazu auch die Wortpatenschaft die MP Christian Wulff ca. 2 Wochen vor besagtem STERN-Interview beim Verein der Deutschen Sprache eingegangen ist: http://www.wortpatenschaft.de/index.php?cmd=wortsuche (Eingabe: Bundeskanzler).

Und wie wird für dieses Projekt nochmal geworben:
„Jeder hat ein Lieblingswort: Schenken Sie sich oder jemand anderem eine Patenschaft dafür: welch persönliches Geschenk!“ – Was für ein Lieblingswort

Martin Fuchs

2) Ralf14, Mittwoch, 04. März 2009, 17:31 Uhr

Schwiegermutters Liebling ist aber doch (relaitv) frisch verliebt – ob er da noch Zeit für solch komplizierte Ränkespiele hat?? Dass FM Angela Merkel nur „diese Dame“ nennt, beweist vor allem eines – seine unendliche Eitelkeit.

3) Gregor Keuschnig, Freitag, 06. März 2009, 22:07 Uhr

Selbst wenn es zu schwarz-gelb reichen sollte (was unwahrscheinlich ist): Glücklich würde Merkel mit einem vermutlich sehr starken Westerwelle nicht werden. Ein solches Bündnis dürfte ihr keine Freude machen; das Regieren mit handzahmen SPD-Ministern ist dawesentlich spassiger (wenn da bloss die CSU nicht wäre).

Ich bin auf den Wahlkampf der CDU gespannt. Ein irgendwie geartetes Konzept (um nicht Vision zu sagen) erkenne ich bei Merkel nicht. Sie hat ihre Lektion von 2005 scheinbar so gut gelernt, dass sie sich nie mehr irgendwie positionieren wird. Ein Wahlkampf zwingt jedoch dazu. Insofern ist Merkel schon wahlkampfmüde, bevor es überhaupt losgeht.

Sie setzt daher auf eine Fortsetzung der (sogenannten) Grossen Koalition, die dann mit Glück auf 55-58% der Stimmen kommen wird. Westerwelle wird ohne erneute Regierungsbeteiligung in der FDP abgesägt werden; Herr Rösner steht schon in den Startlöchern. Über den Bundesrat wird die FDP versuchen, Einfluss zu gewinnen und ihr unangenehme Gesetze zu blockieren oder abzumildern. Das Land wird die nächsten Jahre von CDU/CSU/SPD/FDP in einer Art Zwangsehe regiert werden.

4) Manuel Woltmann, Mittwoch, 18. März 2009, 06:43 Uhr

Die SPD ist doch schon Kanzler

Schaut man sich einmal die Besetzung der Ministerien unserer Bundesregierung an, so fällt auf, dass die wichtigsten Ministerien bereits von der SPD besetzt sind. Aussenministerium Frank-Walter Steinmeyer, stellvertretender Bundeskanzler Frank-Walter Steimeyer, Finanzministerium Peer Steinbrück, Sozialministerium Olaf Scholz. Gerade Steinmeyer war bereit unter Schröder als Kanzleramtsminister von 1999 bis 2005 wichtigster Mann im Lande und kann somit auf eine Regierungszeit von über 10 Jahren zurückblicken. Mal ehrlich, mit dieser Besetzung sind diese Herren doch in der Lage, die Regierung zu führen. Nur die Wahlkampfstrategen der SPD haben dies noch nicht bemerkt bzw. die Strategen der CDU oder eben Frau Merkel selbst sollten schleunigst etwas dagegen setzen. In der jetzigen, schwierigen Wirtschaftslage kann die Kanzlerin den Finanzminister sicher nicht vor den Kopf stossen, zumal – er macht es doch nicht schlecht-. Aber warum kann Frau Merkel nicht jetzt schon die ersten richtungsweisenden Entscheidungen treffen. Ich könnte mir sehr gut eine CDU-geführte Bundsregierung nach der Wahl im September vorstellen, besetzt mit dem Finanzminister Steinbrück SPD. Obama hats doch vor gemacht und besetzte etliche Ressorts auch mit Leuten der republikanischen Partei. Also ganz nach dem Motto…. YES WE CAN

5) Michael Schäfer, Montag, 30. März 2009, 14:59 Uhr

Naturwissenschaftler sind in Deutschland hoch angesehen, gelten aber gemeinhin als „Kopflastig“ – nichts wird dem Bauch oder Zufall überlassen, was auch direkt zu Frau Dr. Merkel passt. Da kommt kein „gib mir eine Flasche Bier, sonst streik ich hier“, sondern eher ein „Die geistigen Ergüsse nach dem Genuss von Hopfenkaltschale sind reziprok proportional zum verbalen Export nach Import von H2O.“
Versteht keiner, hört sich prima an und hat das gleiche Ergebnis.

6) flippah, Montag, 30. März 2009, 15:36 Uhr

Es mag sein, dass das ein seltsamer Einzelfall ist, aber in meinem Umfeld sind viele FDP-Wähler (und auch Mitglieder wie ich selbst), die sich eine Ampel wünschen und sogar erwägen, wegen der Wahlaussage pro Ampel stattdessen die Grünen zu wählen.

Wer mit der aktuellen Innenpolitik unzufrieden ist (und wer will schon einen Überwachungsstaat, wie ihn Rot-Grün gerade installiert), kann keine CDU-Regierungsbeteiligung wollen.

7) Johann Roth, Dienstag, 31. März 2009, 11:39 Uhr

Wieso erscheint Oettinger nicht unter den CDU Rivalen?
Oettinger auf Schröders Spuren?
Oettinger + Beyer, da ist 1+1 nicht gleich zwei, sonder zwischen 3 und 5.
Die Vereinigung des Nordens mit dem Süden.

8) Wolf-Dieter Herrmann, Samstag, 13. Juni 2009, 19:51 Uhr

Nach Merkel kommt Seehofer;
mit doppelter Frauen-Power an seiner Seite gewinnt er spielend die weiblichen Wähler/innen-Stimmen.

9) Wolf-Dieter Herrmann, Samstag, 13. Juni 2009, 19:53 Uhr

Weibliche Wähler/Innen, das muss mir erst einer nachmachen . . . herrlich !

10) Gockeline, Sonntag, 21. Juni 2009, 17:30 Uhr

Ich sehe in der CDU im Augenblick kein neues Gesicht für dieses Amt.
Aber die CSU hat noch mehr Gesichter für die Zukunft.
Strauss hat es nie geschafft,vielleicht schafft es ein Guttenberg in ein paar Jahren.

11) Jost Kremmler, Dienstag, 08. September 2009, 11:00 Uhr

Auf diesen überaus interessanten Beitrag bin ich erst nach Lektüre von „CDU: Was passiert, wenn ..“ (6. 9. 09) gestoßen. Ich war in der Tat sehr über Wulffs Äußerungen im Stern verblüfft. Jetzt kann ich auch einen Sinn darin erkennen. Hoffentlich ist Wulff erfolgreich!

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