Kommentare
15
Tagcloud
BILD CDU CDU/CSU Christian Wulff CSU Der Spiegel Die Linke FDP Grüne große Koalition Hartz IV Helmut Schmidt Kohl Linkspartei Merkel Philipp Rösler Rüttgers Schäuble Schröder Schwarz-Gelb Seehofer Sigmar Gabriel SPD Steinbrück Steinmeier Steuersenkungen Stoiber Wahlkampf Westerwelle zu Guttenberg
Sonntag, 22. März 2009, 23:42 Uhr

Wahlkampf der Dinosaurier

Es sind die Rituale von Dinosauriern, aber CDU/CSU und SPD halten das für Wahlkampf im 21. Jahrhundert. Wolfgang Schäuble wirft Frank-Walter Steinmeier ”versuchten Betrug” vor, die SPD nennt das eine “inakzeptable Entgleisung”. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil (den gibt`s auch noch) stellt bei Horst Seehofer “nervöse Gefallsucht” fest, der revanchiert sich, indem er der SPD “reine Pöbelei” vorwirft. Steinmeier sagt, Merkel treibe ein “übles Spiel”, Seehofer empfiehlt postwendend der SPD, sie solle doch aus der großen Koalition aussteigen, wenn sie ihr nicht mehr gefalle. Müntefering will Seehofer dafür “quälen”.

Im Internet führen sich CDU und SPD auf wie kleine Obamas, gleichzeitig aber eröffnen sie den Wahlkampf der Steinzeit. Der Gegensatz zwischen dem aufgehübschten Internet-Angebot und dem öffentlichen Auftreten ihrer Spitzenvertreter könnte kaum größer sein. Warum sollen sich junge Leute eigentlich die Youtube-Videos dieser Leute ansehen oder zu ihren Twitter-Followers werden? 

Mit ihrem Wahlkampfstart haben CDU/CSU und SPD am Wochenende die wahrscheinlich erfolgreichste Operation der großen Koalition eingeleitet: spürbare Senkung der Wahlbeteiligung, massive Stärkung der kleinen Parteien, weitere Auszehrung der sogenannten Volksparteien. Glückwunsch, Österreich lässt grüssen. Dort kommen die beiden Volksparteien zusammen gerade noch auf 55 Prozent, in Deutschland können die großen Parteien froh sein, wenn sie am 27. September noch 60 Prozent der Stimmen erhalten – gegenüber knapp 70 Prozent 2005. Nur noch 17 Prozent der Bürger haben Vertrauen in das Krisenmanagement der Bundesregierung. Aber die Parteien der großen Koalition überhören die Sirenen. Sie haben Glück, dass es in Deutschland noch keinen Haider gibt.

Dabei gäbe es Themen, über die sich sachlicher Streit wirklich lohnen würde. Ist es zum Beispiel klug, wie es Merkel tut, weitere Konjunkturspritzen abzulehnen, wenn im Sommer bei anhaltender Krise das 3. Konjunkturprogramm kommen muss? Der kluge Berliner Ex-Finanzsenator Sarrazin hat das schon vorhergesagt. Wenn die Notenbanken mit ihrem Latein endgültig am Ende sind, weil die Zinsen nicht tiefer als Null sinken können, sind dann nicht neue staatliche Maßnahmen die wirklich letzte Kugel im Lauf?  Der Staat muss in der Krise auch wenige Wochen vor einer Wahl noch handlungsfähig sein.

Ist Opel einfach mit ein paar Staats-Milliarden zu retten oder steckt – neben allen anderen Problemen -dahinter nicht auch eine Gefahr, über die sich keiner zu reden traut? Nämlich die Gefahr der größten EU-Krise, wenn der deutsche Staat Milliarden für ein Opel-Rettungspaket spendiert, das einerseits deutsche Opel-Arbeitsplätze rettet,  andererseits aber in Spanien, Belgien oder Polen zu Werksschließungen führt? Diese Länder würden dies als halbe Kriegserklärung auffassen, die EU stünde vor der Implosion.

Das sind nur zwei Beispiele, es gäbe viele weitere. Die Wähler erwarten, dass die großen Parteien sie halbwegs sicher und verlässlich durch die Krise führen, und nicht in die Senke des niedrigsten Wahlkampfniveaus. Wenn der erste Politiker ein Fairness-Abkommen im Wahlkampf vorschlägt, dann wissen wir, jetzt wird`s richtig schmutzig.

Die Dinosaurier sind wahrscheinlich durch einen Meteroiten-Einschlag ausgelöscht worden. CDU/CSU und SPD wollen nicht so lange warten.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

15 Kommentare

1) Katzhkau, Montag, 23. März 2009, 00:05 Uhr

Klar, trocken, brilliant.

2) Michael, Montag, 23. März 2009, 02:07 Uhr

Wirklich interessante Aspekte. Gerade inwieweit die EU-Staaten auf die Opel-Entscheidung reagieren werden. Vor allem wie sich Deutschland dann gegen den Vorwurf des Protektionismus rechtfertigen wird.

3) Jonathan, Montag, 23. März 2009, 03:21 Uhr

Das traurige an der Politik, in Deutschland, Europa, der ganzen Welt. Wo sind die glaubwürdigen Damen und Herren, die sich wirklich für die Gemeinschaft einsetzen und nicht nur fürs eigene Profil oder die jeweilige Partei.

Sobald Partei A einen Fehler macht, stürzen sich B und C wie die Aasgeier darauf. In dem Punkt sind alle Parteien gleich. Zum Kotzen.

Ich bin 21, finde es unheimlich wichtig zur Wahl zu gehen, aber warum ich einer der inzwischen 5 etablierten Parteien meine Stimme geben soll ist mir nicht ganz klar. Kann den zunehmenden Politikverdruss gut verstehen. Hoffentlich kommt da bald ein Hoffnungsschimmer.

Sonst muss ich das noch selber machen. ;)

Mir gefällt ihr Blog Herr Spreng.

4) Cem Basman, Montag, 23. März 2009, 08:56 Uhr

Mehr geht nicht. Touché.

5) asdrubael, Montag, 23. März 2009, 11:07 Uhr

Toller Beitrag der endlich mal auf den Punkt bringt was gefühlt jeder zweite Deutsche denkt. Münte und Co. quälen vor allem ihre potentiellen Wähler, als Bayer ist man besonders viel Kummer gewohnt.

6) Oliver, Montag, 23. März 2009, 11:21 Uhr

Ich muss – leider – feststellen, dass sich sämtliche etablierten Parteien binnen der letzten Jahre für mich in Abseits bewegt haben. Das fängt bei absurden Gesetzen zur Flugsicherung an und hört bei den Killerspiel-Geschichten oder der gewünschten Internetzensur noch lange nicht auf. Sowohl im Parteiprogramm als auch im Abstimmungsverhalten der einzelnen Abgeordneten findet sich da soviel untragbares, dass man nur kopfschüttelnd weggehen kann. Nur wohin? Leider – und dies ist ein für mich großes und erschreckendes leider – lande ich immer wieder am äußeren linken Rand: Gysi, der mit ständig empörter Stimme Missstände anprangert und Aufklärung fordert, wo ich ebensolches tue. So werde ich wohl dieses Jahr mangels Alternative das machen, was so gar nicht zum deutschen Politiksystem passt: Eine gemäß Programm fast unwählbare Partei nur wegen der charismatischen Frontperson wählen.

7) Gregor Keuschnig, Montag, 23. März 2009, 12:24 Uhr

Ja, wirklich ein sehr pointierter Kommentar, insbesondere wenn .von der “wahrscheinlich erfolgreichste[n] Operation der großen Koalition” gesprochen wird, die “spürbare Senkung der Wahlbeteiligung”.

In einem irren Sie allerdings meines Erachtens: Die Bundesregierung kann in keinem Fall eine Unterstützung für Opel ablehnen. Hier sind meines Erachtens die Würfel längst gefallen. Man will nur noch warten, ob sich der ominöse Interessent (= Investor) von dem der Wirtschaftsminister in den USA ein bisschen stotternd gesprochen hat, noch findet. Ist dieser dumm genug ohne flankierende Massnahmen des Staates zu investieren, wäre man fein heraus. Merkels gestrige Aussage, man wolle es nicht so wie bei Holtzmann machen, wird, je näher es auf den Wahltermin zuläuft, Makulatur werden.

(Da kann man mal sehen, wie man sich täuschen kann. Hatte eine vehemente Kritik zu Anne Wills gestrigen Kindergartenfragen an Angela Merkel erwartet. Aber was nicht ist…)

8) m.spreng, Montag, 23. März 2009, 13:44 Uhr

Der Wahlkampfstart am Wochenende schien mir wichtiger, weil er grundsätzliche Fragen aufwirft – im Gegensatz zur Eintagsfliege “Anne Will”. Außerdem war ich dafür schon mit stern.de (Café Einstein) “unter Vertrag”.

9) Hi-5-Willy, Dienstag, 24. März 2009, 12:40 Uhr

Das ist aber nicht nett! Man muß Verständnis haben, Bundespolitiker ist kein Beruf sondern eine mittelschwere geistige Behinderung, die Bundestagsluft läßt nicht allzuviel Sauerstoff in die Köpfe. Außerdem habe ich gehört, daß die Notenbanken, wenn der Zins bei Null ist, das Rabattsystem einführen wollen: 6 Milliarden zum Preis von 3!!! Wer Opel kauft, der kriegt Märklin mit dazu, wer Schiesser rettet, darf sich auch an Quimonda versuchen!

10) Android, Dienstag, 24. März 2009, 16:41 Uhr

Interessant Herr Sprengspatz!

Sie sprechen von Wahlkampf der Dinosaurier im 21. Jahrhundert, Frau Merkel(IN) meint man könne von der Finanzkrise aus dem Jahr 1930 lernen und OPELaner wollen sich ihre eigenen Löhne zahlen.

Sie fragen:”Warum sollen sich junge Leute eigentlich die Youtube-Videos dieser Leute ansehen oder zu ihren Twitter-Followers werden?”
Antwort: Weil junge MENSCHEN das tun können oder aber lassen können!

Auch Twitter ist nichts weiter als eine andere Art von SMS auf Basis des WEBs, Herr Spreng.
Also was lernen Sie:”Man sollte nicht immer auf Alphajournalisten hören!”

Und was die Wähler angeht, die wollen in diesem Superwahljahr09 zur Super-Weltwirtschaftskrise keine Wahlprogramm sonder ein wählbares Anti-Super-Weltwirtschaftskrise-Konzept!

Ihre Aussage:”Die Dinosaurier sind wahrscheinlich durch einen Meteroiten-Einschlag ausgelöscht worden.” ist falsch!

Richtig wäre:”Die Dinosaurier sind wahrscheinlich aufgrund eines Meteroiten-Einschlag und des darauffolgenden Klimawandels ausgestorben.”

MfG
Androiden sind keine Menschen!
(Wir tun nur so, als ob!)

11) praesidentin.de, Mittwoch, 25. März 2009, 08:10 Uhr

Unser Land braucht keine Schaukämpfe.

12) spruchreif, Mittwoch, 25. März 2009, 11:49 Uhr

@android: habe selten einen sinnbefreiteren kommentar als den deinigen gelesen!
“”Warum sollen sich junge Leute eigentlich die Youtube-Videos dieser Leute ansehen oder zu ihren Twitter-Followers werden?” – Weil junge MENSCHEN das tun können oder aber lassen können!”
Das trifft wohl auf so ziemlich alles zu was junge leute eben tun oder lassen können.
Danke auch für scharfe anlayse zum tod der dinosaurier.
Aber nichts für ungut, ich bin eben kein android.

@m.spreng: Danke für dieses offene, hintergründige und ehrliche blog!

13) frage, Mittwoch, 01. April 2009, 19:11 Uhr

wieso würde eine opel finanzspritze zu werkschliessungen in spanien, begien und polen führen?

14) m.spreng, Donnerstag, 02. April 2009, 13:56 Uhr

Weil für GM eine gesamteuropäische und keine isolierte deutsche Opel-Lösung gesucht wird. Und GM Europa und Opel können nur mit einer radikalen Restrukturierung gerettet werden, wozu Werksschließungen zum Beispiel in Antwerpen oder in anderen europäischen Ländern gehören könnten. Auch Bochum und Eisenach wären bei einer Rettung durch einen Investor, der von der Bundesregierung mit Bürgschaften unterstützt wird, weiter in Gefahr.

15) E. de Schnitzel, Donnerstag, 23. April 2009, 10:09 Uhr

[...]Hallo, hallo da bin ich wieder, Dein Politiker im Wahlkampf mit meinen Versprechen, Taktiken, Hinhaltungen, Lästerungen und Vorhaltungen.
So kommt er mir im (Alb)Traum daher. Ich habe Fiebervisionen von Versprechnungen.
Milliarden und aber Milliarden fliegen an mir vorbei. Es flattert und rattert. Ich kann sie gar nicht so schnell aufheben.[.....]

Mehr? ===========> http://www.vollossi.de/2009/04/22/des-vollossis-1-albtraum-uber-wahl-wahlkampfwahlversprechen-wahlbetrug-und-unverforenheit-der-politiker/

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


apparent media - iPhone Apps aus Berlin