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Freitag, 11. September 2009, 12:37 Uhr

Das Duell – die Kleinen sitzen mit am Tisch

Wenn 64 Prozent der Wähler vor dem TV-Duell glauben, Angela Merkel werde gewinnen, und nur 12 Prozent Frank Walter Steinmeier das zutrauen, dann steht der Sieger des Duells schon fest – zumindest auch in den Meinungsumfragen danach. Denn Angela Merkel müsste schon einen minutenlangen Blackout haben, um diesen Vorsprung noch zu verspielen.

Das heißt allerdings nicht, dass Merkel auch tatsächlich die Siegerin des Duells sein wird. Denn bei dem Duell geht es nicht mehr um die Stimmenverteilung zwischen CDU und SPD. Dieser Kuchen ist schon längst verteilt. Es geht um die Wähler der vom Duell ausgeschlossenen – heute noch so genannten – kleinen Parteien. Sie sitzen unsichtbar mit am Tisch ( bzw. stehen mit am Pult). Um ihre Stimmen ringen Merkel und Steinmeier in Wirklichkeit.

Merkel muss versuchen, den Aderlass zur FDP zu stoppen und Steinmeier muss darum kämpfen, wenigstens einige der zur Linkspartei und zu den Grünen abgewanderten Wähler zurückzuholen. Deshalb sind Steinmeiers wichtigste Themen beim Duell, mit denen er punkten muss, soziale Gerechtigkeit, Atomausstieg und Klimaschutz, Merkel dagegen muss die zur FDP geflüchteten Wähler davon überzeugen, dass die CDU immer noch die Partei der (sozialen) Marktwirtschaft ist.

Eine verschobene, aber interessante Schlachtordnung. Für Steinmeier ist es die allerletzte Chance: für ihn geht es bei dem Duell darum, ob die SPD doch noch 25 Prozent erreichen kann oder sogar unter die jetzigen Umfragen fällt. Er muss Merkel in eine harte, allerdings sachliche Konfrontation über die Themen zwingen, die für die Linkspartei- und Grünen-Wähler relevant sind. Merkel dagegen muss den zu Guttenberg geben. Allerdings nur dann, wenn ihr die Blutspendeaktion für die FDP nicht völlig gleichgültig ist – nach dem Motto: Hauptsache, ich bleibe Kanzlerin.

Steinmeier muss sein Beamten-Korsett sprengen, muss die Teflon-Schicht der Kanzlerin durchbrechen. Wie er diese Herausforderung bewältigt, entscheidet über die Wählerrelevanz des Duells. Und dafür braucht Steinmeier kurze, einprägsame Formulierungen, die durch ihre ständige Wiederholung bei den Zuschauern hängenbleiben.

Der bisherige Wahlkampf deutet leider eher auf einen anderen Verlauf hin: Merkel setzt ihren mütterlich umsorgenden Wahlkampfvermeidungswahlkampf fort, lässt Steinmeiers Attacken freundlich, vielleicht sogar witzig an sich abperlen. Und Steinmeier bleibt der sachlich-bemühte Beamte, der seine Politik nicht fernsehwirksam und damit auch nicht wählerwirksam formulieren kann. Ein torloses Spiel ist leider am wahrscheinlichsten – ein farbloses 0:0, ohne spannende Spielzüge. Dann hätte Merkel gewonnen.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Wer rettet die SPD vor sich selbst?

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Mittwoch, 09. September 2009, 08:03 Uhr

Das erste TV-Duell – Korsett und Zwangsjacke

Am 25. August 2002 gab es das erste TV-Duell in der Geschichte der Bundesrepublik – das Duell der beiden Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Bis dahin trafen sich die Spitzenkandidaten aller Parteien in der sogenannten “Elefanten-Runde”. Da beide Parteien Neuland betraten, bereiteten sie das Duell akribisch in mehreren langen Sitzungen mit den Verantwortlichen der TV-Sender vor. Auf der Schröder-Seite  verhandelten Bela Anda, der stellvertretende Regierungssprecher, und Matthias Machnig, der SPD-Wahlkampfleiter, auf unserer Seite Stoibers Sprecher Ulrich Wilhelm (oder sein Stellvertreter Martin Neumeyer) und ich. Schnell erzielten wir eine Einigung darüber, dass das erste Duell bei den privaten TV-Sendern am 25. August, vier Wochen vor der Wahl, stattfinden soll.

Das zweite Duell sollte nach dem Willen der SPD am Wochenende vor der Wahl stattfinden, weil sie sich davon einen Vorteil für Gerhard Schröder versprach. Ich lehnte ab, weil wir noch genügend Zeit für mögliche Reparaturarbeiten bei einem negativem Ausgang für Stoiber haben wollten. Außerdem wollte der potentielle Koalitionspartner der CDU/CSU, die FDP, mit der ich während der Verhandlungen Kontakt hielt, kein Duell in den letzten zwei Wahlkampfwochen, um selbst noch genügend Aufmerksamkeit zu erhalten. 

Nach langem Ringen einigten wir uns mit der SPD auf zwei Wochen Abstand zur Wahl, wobei wir den Samstag (7.9.) favorisierten, die SPD-Seite den Sonntag (8.9.).  Am Samstag fand aber ein Länderspiel der deutschen Nationalelf statt. Hartmut von der Tann von der ARD verhandelte mit dem DFB, ob das Länderspiel verlegt werden könne -allerdings erfolglos. So kam es zum 8. September für das öffentlich-rechtliche Duell..

Mein Interesse war, die Duelle so formalisiert und regelementiert wie möglich durchzuführen, um dem situativ stärkeren Politiker, Gerhard Schröder, wenig Freiraum zu geben. Wir hatten uns dazu ausführlich mit den amerikanischen TV-Duellen beschäftigt und eine Mitarbeiterin von mir hatte in den USA mit den dort Verantwortlichen gesprochen. Das Ziel war, salopp gesagt, Stoiber ein stützendes Korsett zu verpassen, Schröder dagegen eine ihn einengende Zwangsjacke. Dies gelang in den Verhandlungen mit der SPD und den TV-Sendern auch – mit dem Ergebnis, dass Stoiber im ersten Duell als Sieger wahrgenommen wurde, weil er besser war, als von den Medien erwartet. Das zweite Duell verlor Stoiber, unter anderem auch deshalb, weil Schröder aus dem ersten Duell gelernt hatte und die Zwangsjacke sprengte.

Zur Geschichte dieser ersten TV-Duelle gehören eine Fülle von verbindlichen Protokollnotizen und ein notariell beglaubigter Vertrag zwischen den beiden Parteien sowie SAT1 und RTL. In diesem Vertrag wurde sogar geregelt, ob sich Schröder und Stoiber die Hand geben müssen.

Dieser Vertrag hatte folgenden Wortlaut:

1. Die Moderatoren richten ihre erste Frage an Herrn Schröder und ihre letzte Frage an Herrn Stoiber. Bei dem zweiten TV-Duell von Herrn Schröder und Herrn Stoiber, das am 08. September 2002 veranstaltet werden soll, geht die erste Frage an Herrn Stoiber und die letzte Frage an Herrn Schröder.

2. Herr Schröder steht bei dem Interview am 25. August 2002 an dem Rednerpult, das sich aus seiner Sicht auf der linken Seite befindet. Herr Stoiber an dem aus seiner Sicht rechten Rednerpult. Aus der Sicht der Moderatoren steht also Herr Schröder rechts und Herr Stoiber links. Bei der Veranstaltung am 08. September 2002 stehen die Interviewten an dem jeweils anderen Rednerpult. Die Winkel beider Rednerpulte sollen in bezug zueinander und in bezug zum Pult der Moderatoren genau gleich sein. Aus der Sicht der Interviewten sitzt der Moderator Peter Kloeppel rechts und der Moderator Peter Limbourg links.

3. Herrn Schröder und Herrn Stoiber stehen für ihre Antworten und auf die jeweilige Ausgangsfrage je 90 Sekunden zur Verfügung und für ihre Antworten auf Nachfragen je 60 Sekunden. 15 Sekunden vor Ende der Redezeit beginnt in den Rednerpulten und neben einer für den Redner sichtbaren Kamera jeweils ein gelbes Licht zu blinken. Mit Ablauf der Redezeit wird das Blinklicht auf Dauerlicht umgestellt.

4. Für Herrn Schröder und Herrn Stoiber wird jeweils eine Person die Zeit messen, welche die für die Antwort vorgesehene Redezeit (90 bzw. 60 Sekunden) überschreitet (Überziehungszeit). Wenn Herr Schröder und Herr Stoiber die für eine Frage vorgesehene Redezeit unterschreiten, wird dafür kein Zeitguthaben gebildet.

5. Unterbricht einer der Interviewten den anderen während der Beantwortung einer Frage, so wird nur diejenige Redezeit des Unterbrechenden als Überziehungszeit gemessen, die 5 Sekunden überschreitet. Sobald für den Unterbrechenden Überziehungszeit gemesssen wird, wird die Redezeit des unterbrochenen Redners angehalten.

In den Punkten 6 bis 10 wurde geregelt, wie die Überziehungszeit angezeigt wird, dass die beiden Duellanten bis zum nächsten Morgen keine Medienstatements zur Sendung abgeben, dass sie beim Verlassen des Studios keine Jornalistenfragen beantworten und das sie nur 30 Sekunden einem “Pool”-Fotografen für  Fotos an ihren Pulten zur Verfügung stehen. Außerdem wurde vereinbart, dass in dem “persönlichen Bereich” der Kontrahenten vor und nach der Sendung nicht gefilmt oder fotografiert werden darf.

Unter Punkt 11 hieß es: “Am Ende der Sendung verabschieden sich die Moderatoren von Herrn Schröder und Herrn Stoiber. Herrn Schröder und Herrn Stoiber ist es freigestellt, ob sie sich im Anschluss an die Sendung die Hand geben.”

In einer Protokoll-Notiz wurde geregelt, dass die Pulte “keinesfalls transparent sein dürfen. Sie werden höhenverstellbar sein und eine Schreibfläche haben. Darauf werden ausreichend weißes, unbeschriebenes Papier und ein Stift liegen”. Beide durften keine Unterlagen oder Notizen mitbringen. Und: “Das Konzept sieht keine Aufnahmen vor, die die Kandidaten von hinten zeigen, auch nicht im Anschnitt. Die Regie verfährt grundsätzlich nach der Regel: Wer redet, ist im Bild. Zwischenschnitte sind selbstverständlich möglich, müssen aber gleich verteilt sein.”

Außerdem wurde vereinbart: “Es gibt keine Eingangsstatements, wohl aber ein Schlussstatement der Kandidaten in einer Länge von je 90 sec.” Und es wurde festgelegt, dass nach dem Duell nicht sofort darüber diskutiert werden darf, sondern ARD und ZDF einen Nachrichtenblock und RTL und SAT1 Werbung dazwischenschalten. Vereinbart wurde mit SAT1 und RTL auch der Themenkatalog: “Folgen der Flut, Steuern und Abgaben, Arbeitsmarkt/Konjunktur, Familie, Zuwanderung, Irak/USA, Persönliches”.

Lesen Sie dazu auch die Anekdote “Das Krawattenwunder


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