Kommentare
30
Tagcloud
BILD Bild am Sonntag CDU CDU/CSU Christian Wulff CSU Der Spiegel Die Linke FDP Grüne große Koalition Hartz IV Kohl Linkspartei Merkel Philipp Rösler Rüttgers Schäuble Schröder Schwarz-Gelb Seehofer Sigmar Gabriel SPD Steinbrück Steinmeier Steuersenkungen Stoiber Wahlkampf Westerwelle zu Guttenberg
Sonntag, 13. September 2009, 23:14 Uhr

Plasberg killte das Duell

Es war etwa zur Halbzeit des TV-Duells, als Maybrit Illner die entscheidende Frage stellte: Wer zahlt für die Schulden? Wen trifft es? Bis zu diesem Zeitpunkt war das Duell so dahin geplätschert, mit einem konzentrierten Steinmeier und einer fahrigen Merkel. Und dann Illners Stromstoß. Plötzlich schien es doch noch spannend zu werden. Beide Duellanten gerieten ins Schwimmen, wichen einer konkreten Antwort aus. Steinmeier schwafelte davon, man müsse die Haushalte vorsichtig steuern. Merkel versprach sprudelnde Staatseinnahmen durch Steuersenkungen – die Erfindung des Perpetuum Mobile für die Politik.

An dieser Stelle hätten sich alle vier Moderatoren auf das Thema “Wen trifft es?” werfen müssen. Dann wäre es nicht nur spannend, sondern auch wichtig für die Zuschauer geworden. Dann hätte das Duell endlich die Fragen angesprochen, die die Wähler umtreibt, denen aber beide große Parteien im Wahlkampf ausweichen. Aber ausgerechnet der sonst so pfiffige Frank Plasberg befreite Merkel und Steinmeier aus der Bredouille und warf zur Unzeit das Stichwort Gesundheit in die Debatte. Und damit war die Chance vertan, beide zu konkreten Aussagen zu zwingen, wer für die Krise bezahlen soll. Plasbergs Eingangshinweis (“Wenn nicht jetzt, wann dann?”) wurde von ihm selbst ad absurdum geführt.

Steinmeier gab es aber immerhin noch die Chance, seinen stärksten Punkt zu machen, als er vorrechnete, dass Deutschland neun Prozent Wachstum bräuchte, um die Steuerversprechen von CDU und FDP zu erfüllen – ein völlig irreale Vorstellung. Sekunden später aber machte Steinmeier seinen schwersten Fehler des Abends, als er von sich aus das Wort Dienstwagen in den Mund nahm – ein klassisches Eigentor.

Einen zweiten Punkt machte der SPD-Herausforderer mit seinem Hinweis auf die Spenden aus Banken und Wirtschaft: Drei Millionen Euro für CDU und FDP, 200.000 für die SPD. Merkel wiederum punktete, als sie die Zerissenheit der SPD am Beispiel der Koalitionsdiskussion verdeutlichte: einerseits male die SPD Schwarz-Gelb als Schreckgespenst an die Wand, andererseits wolle sie mit der FDP koalieren.

Das war aber auch schon der ganze Erkenntnisgewinn aus dem Duell. Die übrige Zeit lobten die Kanzlerin und der Vizekanzler ihre schöne gemeinsame Zeit und verwendeten beide diesselbe Formel: Man könne Gutes auch noch besser machen. Und beide konnten den Verdacht nicht widerlegen, dass sie heimlich wünschen, es gemeinsam in den nächsten vier Jahren besser machen zu wollen – sei es bei den Managergehältern oder beim Thema Afghanistan, wo sie sich nur graduell unterschieden. Das war nicht “Ehen vor Gericht” (Illner), sondern eher ein Versöhnungstermin beim Familienrichter. Und spätestens beim Thema Kredit-Mediator (was immer das auch sein mag) war endgültig die Pause zum Bierholen.

Die kleinen Parteien werden die eigentlichen Gewinner des Duells sein.

Kommentare
13
Freitag, 11. September 2009, 12:37 Uhr

Das Duell – die Kleinen sitzen mit am Tisch

Wenn 64 Prozent der Wähler vor dem TV-Duell glauben, Angela Merkel werde gewinnen, und nur 12 Prozent Frank Walter Steinmeier das zutrauen, dann steht der Sieger des Duells schon fest – zumindest auch in den Meinungsumfragen danach. Denn Angela Merkel müsste schon einen minutenlangen Blackout haben, um diesen Vorsprung noch zu verspielen.

Das heißt allerdings nicht, dass Merkel auch tatsächlich die Siegerin des Duells sein wird. Denn bei dem Duell geht es nicht mehr um die Stimmenverteilung zwischen CDU und SPD. Dieser Kuchen ist schon längst verteilt. Es geht um die Wähler der vom Duell ausgeschlossenen – heute noch so genannten – kleinen Parteien. Sie sitzen unsichtbar mit am Tisch ( bzw. stehen mit am Pult). Um ihre Stimmen ringen Merkel und Steinmeier in Wirklichkeit.

Merkel muss versuchen, den Aderlass zur FDP zu stoppen und Steinmeier muss darum kämpfen, wenigstens einige der zur Linkspartei und zu den Grünen abgewanderten Wähler zurückzuholen. Deshalb sind Steinmeiers wichtigste Themen beim Duell, mit denen er punkten muss, soziale Gerechtigkeit, Atomausstieg und Klimaschutz, Merkel dagegen muss die zur FDP geflüchteten Wähler davon überzeugen, dass die CDU immer noch die Partei der (sozialen) Marktwirtschaft ist.

Eine verschobene, aber interessante Schlachtordnung. Für Steinmeier ist es die allerletzte Chance: für ihn geht es bei dem Duell darum, ob die SPD doch noch 25 Prozent erreichen kann oder sogar unter die jetzigen Umfragen fällt. Er muss Merkel in eine harte, allerdings sachliche Konfrontation über die Themen zwingen, die für die Linkspartei- und Grünen-Wähler relevant sind. Merkel dagegen muss den zu Guttenberg geben. Allerdings nur dann, wenn ihr die Blutspendeaktion für die FDP nicht völlig gleichgültig ist – nach dem Motto: Hauptsache, ich bleibe Kanzlerin.

Steinmeier muss sein Beamten-Korsett sprengen, muss die Teflon-Schicht der Kanzlerin durchbrechen. Wie er diese Herausforderung bewältigt, entscheidet über die Wählerrelevanz des Duells. Und dafür braucht Steinmeier kurze, einprägsame Formulierungen, die durch ihre ständige Wiederholung bei den Zuschauern hängenbleiben.

Der bisherige Wahlkampf deutet leider eher auf einen anderen Verlauf hin: Merkel setzt ihren mütterlich umsorgenden Wahlkampfvermeidungswahlkampf fort, lässt Steinmeiers Attacken freundlich, vielleicht sogar witzig an sich abperlen. Und Steinmeier bleibt der sachlich-bemühte Beamte, der seine Politik nicht fernsehwirksam und damit auch nicht wählerwirksam formulieren kann. Ein torloses Spiel ist leider am wahrscheinlichsten – ein farbloses 0:0, ohne spannende Spielzüge. Dann hätte Merkel gewonnen.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Wer rettet die SPD vor sich selbst?


apparent media - iPhone Apps aus Berlin