Freitag, 31. Januar 2020, 17:35 Uhr

Gauland ächten!

Warum behandeln viele Menschen Alexander Gauland noch immer wie einen bürgerlichen Ehrenmann? Warum wird der AfD-Fraktionschef von anständigen Menschen gegrüßt, mit ihm geredet, warum bitten ihn noch immer Medien zu Interviews oder laden ihn in Talkshows ein?

Diese Fragen stellen  sich erneut unter dem Eindruck des weltweiten Gedenkens an den Holocaust, an die monströsen Verbrechen der Nazis, an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Denn für Gauland ist Zeit der Nazi-Herrschaft nur ein “Vogelschiss” in “tausend Jahren stolzer deutscher Geschichte”. Ausgerechnet auch noch “tausend Jahre”.

Diese unglaubliche Äußerung hätte schon längst dazu führen müssen, dass ein solcher Mann geächtet wird. Gauland sitzt aber nach vor respektiert in der ersten Reihe des Bundestages. Er ist damit die öffentliche und tägliche Personifizierung der Fehlentwicklungen der jüngsten deutschen Geschichte. Eine Geschichte der Wiederkehr völkischen Denkens, der Verharmlosung der Nazi-Verbrechen, des Rassenhasses.

Gauland bezeichnete zudem einen Rechtsradikalen wie den AfD-Mann Björn Höcke als Mann der Mitte – einen Mann, der das Holocaust-Mahnmal als “Denkmal der Schande” bezeichnete und ein Ende des “Schuldkultes” sowie ein “erinnerungspolitische Wende um 180 Grad” gefordert hatte.

Deshalb mahnen die Tage des Gedenkens uns heute: Solange Politiker wie Gauland nicht öffentlich geächtet werden, solange darf sich keiner wundern, dass der Ungeist wieder aus der braunen Flasche kommt,

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Donnerstag, 26. Dezember 2019, 17:49 Uhr

Zynische Weihnacht

Wer sich für Nächstenliebe einsetzt, dem wird von der FDP eine “PR-Aktion” vorgeworfen. Wer Barmherzigkeit fordert, der schafft laut CSU “Fehlanreize”, und wer Menschlichkeit propagiert, dem wird von der CDU gesagt, das lasse sich nur “europäisch lösen”. Deutsche politische Weihnacht 2019.

All diese Reaktionen hat Grünen-Chef Robert Habeck erfahren, als er forderte, 4000 unbegleitete Minderjährige, die in griechischen Flüchtlingslagern unter erbärmlichen Umständen hausen, nach Deutschland zu holen. 500 bis 600 davon sind unter 14 Jahren alt.

Nur die Kirchen und zwei Bundesländer (Niedersachsen und Baden-Württemberg) reagierten positiv. Ansonsten breite Ablehnung. Ergebnis: die Flüchtlinge liegen bei Kälte weiter unter Plastikplanen, Babys sind vom Tode bedroht, junge Frauen und Mädchen werden vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen.

Warum schickt Deutschland nicht wenigstens als Sofortmaßnahme 300 Helfer vom Technischen Hilfswerk (THW) auf die griechischen Inseln, die binnen weniger Tage ein menschenwürdiges Lager aufbauen könnten? Das klappt bei Naturkatastrophen überall auf der Welt.

Es passiert nichts, weil dahinter ein zynisches Kalkül steckt – das Kalkül der Abschreckung. Die furchtbaren Zustände sollen sich in den Heimatländern der Flüchtlinge herumsprechen und andere davon abhalten, nach Europa zu kommen. Es ist die nicht tödliche Variante der lange in Italien üblichen Praxis – Abschreckung durch Ertrinken im Mittelmeer.

Es ist eine Schande für das reiche Europa und für die deutsche Politik. Zynische Weihnacht. Keine Kinderlein kommen.

Dieser Text erscheint im Rahmen meiner Kolumne “Spreng-Stoff” im Berliner Kurier.