Freitag, 03. Februar 2017, 09:03 Uhr

Guter Trump, böser Trump?

Oskar Lafontaine „imponiert“ an Donald Trump, dass er „vor Wirtschaftsunternehmen nicht kuscht“. Sahra Wagenknecht lobt die von Trump geplanten Investitionsprogramme. Angela Merkel solle sich daran ein Beispiel nehmen.

Horst Seehofer ist begeistert, dass Trump „mit Konsequenz und Geschwindigkeit seine Wahlversprechen Punkt für Punkt umsetzt“. Und die AfD findet Trump ohnehin prima. Er ist ihr Bruder im Geiste.

Es ist unglaublich, welche moralische und geistige Verwirrung der neue amerikanische Präsident in den Köpfen linker und rechter deutscher Politiker ausgelöst hat. So, als könne man Trump in mehrere Persönlichkeiten aufspalten und einzelne Teile davon gesondert betrachten.

Und so findet der Mann, der fünf Jahre alte Kinder bei der Einreise fünf Stunden in Handschellen legen lässt, links und rechts in Deutschland ein liebevoll differenziertes Urteil. Eine Differenzierung, die man sich bei der Politik von Angela Merkel wünschen würde.

Man sieht: rechts und links kann man wirklich leicht verwechseln. Hauptsache, man kann über die Bande Trump gegen Merkel kämpfen.

Besonders perfide war Seehofers Satz: „In Deutschland würde man erst einmal einen Arbeitskreis einsetzen, dann eine Prüfgruppe und dann eine Umsetzungsgruppe“. Damit diskreditiert er die politischen und administrativen Verfahren einer liberalen und rechtsstaatlichen Demokratie, die unter anderem verhindern, dass fünfjährige Kinder in Handschellen abgeführt werden.

Dieser Text erscheint heute im Rahmen meiner Kolumne im „Berliner Kurier“.

P.S. Ich möchte darauf hinweisen, dass es zu der Frage, ob der fünf Stunden in Gewahrsam genommene Fünfjährige in Handschellen abgeführt wurde, widersprüchliche Berichte gibt.

Kommentare
0
Montag, 30. Januar 2017, 14:10 Uhr

Meister des Ungefähren

Er ist sympathisch, wirkt glaubwürdig, scheint vertrauenswürdig. Er beherrscht die Reihenfolge der Begeisterung: nur, wer von sich selbst begeistert ist, begeistert die Partei und nur dann kann er die Wähler begeistern. Die perfekte Kette der Suggestion.

Er spricht in klarer, bildhafter Sprache, kann beispielhafte Geschichten erzählen, kommt von Würselen über Brüssel bis Berlin, von Berlusconi über Obama bis zu sich selbst. Er wirkt trotz aller Eitelkeit authentisch.

Er erzählt in jeder Rede, bei jedem TV-Auftritt dasselbe, fast wortgleich – getreu dem alten Wahlkampfmotto: Erst wenn die Botschaften den Journalisten zum Hals heraushängen, kommen sie beim Wähler an.

Er spricht die richtigen Wähler an, „die hart arbeitenden Menschen“, die Angst haben, mit ihrem Geld nicht mehr zurecht zu kommen, die zwei Einkommen brauchen, um die Miete zu bezahlen, die sich über marode Schulen und Boni der Wirtschaftsversager ärgern und am Aufstieg ihrer Kinder zweifeln.

Martin Schulz macht eigentlich alles richtig. Bei näherer Betrachtung aber erscheinen die Leerstellen. Ihm kann man nicht den Vorwurf machen, den einst Fritz J. Raddatz einem Diskussionsteilnehmer machte: „Sie weichen ins Konkrete aus“.

Nein, das macht Schulz nicht. Er benennt die Probleme der Menschen, aber er bietet keine Lösungen an. Er will höhere Löhne (dafür sind die Tarifpartner zuständig), ist gegen hohe Boni (die kann die Politik nicht abschaffen), Steuerflucht (das ist ein europäisches und internationales Problem), bröckelnden Putz in den Schulen (das ist Ländersache). Und  so weiter.

Schulz packt die Menschen bei den Emotionen, auch in der Hoffnung, dass sie vorübergehend ihren Verstand ausschalten.

Und er wirbt um einen Vertrauensvorschuss. Aber wofür? Vertrauen in einen Kandidaten ist schön, aber die Bürger wollen Lösungen. Und das ist die Schwachstelle von Schulz. Das innenpolitisch unbeschriebene Blatt Schulz bleibt bisher leer.

Will er gewinnen, muss Butter bei die Fische. Was will er bei den Steuern, Hartz IV, Rente, Altersarmut, innere Sicherheit konkret? Mit welchen konkreten Maßnahmen will er die Lage der „hart arbeitenden Menschen“ verbessern? Das muss er in den nächsten Wochen liefern – auch deshalb, damit man sich besser mit ihm streiten kann.

Und er muss noch zwei Antworten nachliefern: Mit wem will er regieren? Und warum ist er – für die Wähler – besser als Angela Merkel? Dass er keine CSU als Klotz am Bein hat, reicht dafür nicht aus.

Schulz ist ein Meister der Motivation. Bisher aber auch ein Meister des Ungefähren.

P.S. Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass ich keine Kommentare mehr zu meinen Beiträgen zulasse. Die Begründung entnehmen Sie bitte meinem Beitrag „Mitteilung“.