Samstag, 04. September 2010, 12:35 Uhr

Sarrazin und die Meinungsfreiheit

Im Fall Sarazzin wirbeln die unsinnigsten Vorwürfe nur so durcheinander. Manche Gegner nennen ihn einen Nazi, was nun wirklich nicht stimmt, seine Bewunderer wiederum sehen die Meinungsfreiheit bedroht, er solle mundtot gemacht gewerden.

Das Gegenteil ist der Fall: Kaum einer durfte in den letzten Jahren den Mund so weit aufreißen wie Thilo Sarrazin. Die Vorabdrucke seines Buches in BILD und “Spiegel” erreichten 18 Millionen Leser, er war schon Gast in zwei Talkshows mit sechs Millionen Zuschauern, zu seiner Pressekonferenz kamen 250 Journalisten und 30 Fernsehteams, er war Schlagzeile in jeder deutschen Zeitung, Aufmacher in allen TV-Nachrichten. Sein Buch wurde schon 250.000 mal bestellt.

Mehr Meinungsfreiheit geht nicht. Zur Meinungsfreiheit, insbesonders wenn man sie so extensiv ausnutzt wie Sarrazin, gehört auch das Risiko. Und das besteht für Herrn Sarrazin darin, dass er seine Mitgliedschaft in der SPD und seinen Vorstandsjob bei der Bundesbank verlieren kann. Das ist unschön für ihn, aber er wusste, was er tat. Außerdem garantiert das fortgesetzte Publicity und die nächsten fünf Auflagen seines Buches.

Mit einer Bedrohung der Meinungsfreiheit hat das alles rein gar nichts tun. Sarrazin kann und wird dank der im Höchstmodus rotierenden Medien und dank der Unvernunft der Bundesbanker, der SPD, Angela Merkels und Christian Wulffs seine Meinung noch oft, lautstark und in riesiger Verbreitung äußern können.

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Dienstag, 31. August 2010, 13:02 Uhr

Bekenntnis zu Sarrazin

Die öffentliche Diskussion ist angesichts der Aufregung um Thilo Sarrazin über den Skandal im Skandal allzu schnell hinweggegangen: die unkritischen Vorabdrucke in BILD und im “Spiegel”. Vorabdrucke von politischen Sachbüchern (ein merkwürdiger Name für das Sarrazin-Buch) sind ein Statement, ein Bekenntnis. Der Leser muss davon ausgehen, dass sich sein Blatt mit dem Buch identifiziert, dass es zumindest die darin vertretenen Ansichten für diskussionswürdig und diskussionsnotwendig erachtet.

Dieses Bekenntnis gewinnt an Bedeutung, wenn das Buch nicht kritisch begleitet wird, wenn der Autor wie in BILD als “Klartext”-Autor apostrophiert wird oder wenn, wie im Fall “Spiegel”,  die Kritik erst eine Woche später nachgeliefert wird.

Damit stehen die beiden Blätter auf einer Stufe (schön für BILD), müssen sich gefallen lassen, auch für Sarrazins völkische Genetik in Haftung genommen zu werden, auch für seine absurde und gefährliche These, genetisch unintelligente Muslime, die sich rasend fortplanzen, schafften Deutschland als Land der Deutschen ab. Und für die Folgen. Ohne die beiden spektakulären Vorabdrucke wäre der Aufmerksamkeitspegel nicht über Normalmaß gestiegen: Sarrazins Buch wäre ohne sie nicht über den Zweispalter im Politikteil oder im Feuilleton hinausgekommen, Sarazin hätte sein Buch nicht vor 250, sondern vor maximal 50 Journalisten vorgestellt, er wäre nicht die Spitzenmeldung aller TV-Nachrichten geworden.

BILD und “Spiegel” haben, wie es neudeutsch heißt, Sarrazins Buch gehypt, haben sich bereitwillig in das Vermarktungskonzept des Verlages eingefügt. Es wäre interessant zu wissen, ob die vertragliche Regelung mit Sarrazin und dem Verlag über den Vorabdruck eine begleitende kritische Berichterstattung verboten hatte. Und es wäre interessant zu wissen, ob diese Fragen in den Redaktionskonferenzen der beiden Blätter kritisch diskutiert wurden und werden.

Es ist für mich leicht, zu behaupten, als Chefredakteur hätte ich einen Vorabdruck des Sarrazin-Buches abgelehnt. Denn ich bin ja schon lange keiner mehr. Aber ich hätte es nicht vorabgedruckt. Wie ich die Diskussion sehe, habe ich aber schon vor 25 Jahren als Chefredakteur des “Express” in Köln demonstriert. Damals initiierte ich eine Serie unter dem Titel “Mein Freund ist Türke” – begleitet von Buttons und Autoaufklebern mit der Aufschrift “Mein Freund ist Türke”. 14 Tage lang wurden viele Beispiele gelungener Integration und deutsch-türkischer Freundschaften geschildert – von den Arbeitern bei Ford, die Hand in Hand arbeiten, über den Gemüsehändler und die alte Dame bis zu den Schulfreunden.

Auch heute noch halte ich solche Veröffentlichungen für sinnvoller als Vorabdrucke eines Buches, das die Spaltung der Gesellschaft verschärft, das zur Desintegration statt zur Integration führt.

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Mittwoch, 25. August 2010, 15:44 Uhr

Der Wahnsinnige am Bohrer

Über Thilo Sarrazins Buch ist alles gesagt, nur noch nicht von allen. Deshalb will ich nicht in die Bewertung seiner Thesen und Texte einsteigen. Nachvollziehbar ist für mich der Hinweis, 30 Prozent seien der wahre Kern des Problems, 40 Prozent Falschinterpretation und Verdrehung der Fakten und Statistiken, und 30 Prozent dumpfe Ressentiments, Verhetzung mit rassistischen Untertönen.

Ein Aspekt aber interessiert mich doch: die Inszenierung. Sein Buch erscheint gleichzeitig als Vorabdruck im “Spiegel” und in BILD (welch wunderbare Allianz), zu kaufen ist es aber erst ab 30. August und erst dann darf das Buch rezensiert werden (so die taz). Das garantiert optimale Aufmerksamkeit. Kritiker können jederzeit darauf hingewiesen werden, sie sollten erst einmal das ganze Buch lesen. Und BILD und “Der Spiegel” machen so lange ihren Profit, können sich aber jederzeit von Sarrazin distanzieren. Ist ja nur ein Vorabdruck, reine Information, damit der kritische Leser frühzeitig mitreden kann. 

Sarrazin bedient das Medienklavier und die Empörungskultur meisterlich. Und alle machen mit, die meisten natürlich aus edelsten Motiven. Damit ist sein Einzug in die Bestsellerlisten garantiert. Wenn es stimmt, dass in unserer Gesellschaft Aufmerksamkeit der höchste Lohn ist, dann ist Sarrazin heute schon ein reicher Mann. 

Sarazzin weiss genau, wenn er anfinge, zu differenzieren, Formulierungen wie “Kopftuchmädchen produzieren” wegzulassen und keinen Untergang Deutschlands mehr zu prophezeien, verschwände er im Nichts oder im Aktenstaub der Bundesbank. Also macht er immer weiter wie ein wahnsinniger Zahnarzt: er bohrt immer tiefer, obwohl der Nerv schon lange freigelegt und er im Kiefer ankommen ist, und freut sich, wenn sich der Patient im Stuhl vor Schmerzen windet und schreit. Wer immer noch zu diesem Zahnarzt geht, ist selber schuld.

Nicht die SPD sollte ihm aufmerksamkeitswirksam die Mitgliedschaft entziehen, sondern die Medien (und wir alle) die Aufmerksamkeit. Dann wäre Sarrazin ein armer Mann.

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Die lächelnden Chinesen

Im Springer-Verlag galt während der Zeit des kalten Krieges der bekannte Satz: Die Feinde deiner Feinde sind deine Freunde. Deshalb waren die beiden Korrespondenten der chinesischen Presseagentur Hsinhua in der Bonner Springer-Dependance gern gesehene Gäste, denn sie waren Feinde der Sowjetführung. Die beiden Chinesen, mit großer Wahrscheinlichkeit Angehörige des Pekinger Geheimdienstes, kamen einmal die Woche, um den Leiter des Bonner Büros des Axel-Springer-Inlandsdienstes (ASD) zu treffen – auch ein halber Geheimdienst, der jahrelang mit großem Eifer, aber glücklichweise erfolglos die Ostverträge bekämpfte.

Anschließend besuchten sie das BILD-Büro. Ich hatte die Chinesen von meinem Vorgänger geerbt. Hochinteressiert und in bestem Deutsch erkundigen sie sich nach Einzelheiten der deutschen Innenpolitik, ewig lächelnd - wie es das Klischee verlangt. Ich gab ihnen gerne Auskunft, denn alles, was ich ihnen erzählte, stand ohnehin in den deutschen Zeitungen. Wenn ich sie aber nach Vorgängen in China fragte, wurde ihr Deutsch plötzlich ganz schlecht und sie verabschiedeten sich freundlich lächelnd. Nie kam einer allein. Der chinesische Geheimdienst kannte seinen Lenin: “Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser”.

Wahrscheinlich lagern heute noch in irgendeinem Keller des chinesischen Geheimdienstes die Akten mit den wertvollen Erkenntnissen, die von den beiden “Journalisten” nach den Gesprächen mit mir nach Hause geschickt worden waren.

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Net den Langhaarigen!

Manche große Männerfreundschaft fängt mit herzlicher Abneigung an. Als zum Beispiel BILD-Chefredakteur Kai Diekmann noch Korrespondent in Bonn war, lange Haare und Zopf trug, konnte ihn Helmut Kohl gar nicht leiden. Wenn es um Kanzler-Interviews ging, ließ Kohl über seinen Vertrauten Eduard Ackermann ausrichten: “Schickt mer aber net den Langhaarigen!” 

Heute ist daraus eine der wunderbarsten Freundschaften zwischen einem Politiker und einem Journalisten geworden. Diekmann ist über die Jahre tief in das Vertrauen Kohls eingedrungen und steht dem Alt-Kanzler inzwischen näher als dessen Söhne – zumindest was die Teilnahme an Familienfeiern betrifft. Und Diekmann ist so taktvoll, das Fehlen der Kohl-Söhne bei Hochzeiten oder Geburtststagen nicht oder nur unauffällig zu thematisieren.

Und BILD wurde unter Diekmann zur einzigartigen Hagiographie eines Politikers. Und da schimpfe noch einer, dass Journalisten Politiker nicht mit der nötigen Demut und dem nötigen Respekt behandeln.


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