Schleyer und die Wahrheit

Darf ein Journalist bewusst die Unwahrheit schreiben, wenn es einem höheren Zweck dient? Vor dieser Gewissensentscheidung stand ich zum Glück nur einmal in meinem Journalistenleben. Es war 1977 während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Während der Entführung gab es eine Phase, in der ein Mittelsmann der Bundesregierung über einen Genfer Anwalt Scheinverhandlungen mit der RAF über den Austausch Schleyers gegen 11 inhaftierte RAF-Terroristen führte, während gleichzeitig die Familie Schleyer in Industriekreisen ein Milllionen-Lösegeld sammelte. In dieser Phase kam es auf jeden Tag Zeitgewinn an, denn die Sicherheitsbehörden hofften, währenddessen eine Spur vom Entführten zu finden. Außerdem sollten die Terroristen von unüberlegten Handlungen abgehalten werden.

Deshalb bat die Bundesregierung über Regierungssprecher Klaus Bölling die “Bild-Zeitung”, eine Falschmeldung zu verbreiten. So erschien am 17.9.1977 in BILD ein Bericht von mir mit der Schlagzeile: “Schleyer: Bonn bereitet Austausch vor”. Daran stimmte kaum ein Wort, denn ein Austausch wurde nie ernsthaft erwogen, aber es war ein Versuch, mitzuhelfen, das Leben von Schleyer zu retten. Leider erfolglos.

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Sparsamer Schwabe

Was ein sparsamer Schwabe ist, das habe ich vom früheren Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gelernt. Er kam häufiger mal auf ein oder zwei Flaschen Trollinger bei BILD im Büro vorbei. Wenn er sich eine Zigarette anzündete, riss er aus einem Streichholzheftchen ein Streichholz heraus. Meist war sein Gegenüber schneller und gab ihm Feuer. Rebmann steckte dann die abgerissenen Streichhölzer sorgfältig hinter die anderen, damit er sie später noch benutzen kann.

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Warum Kohl Todenhöfer vernichten wollte

Im Sommer, wenn die Politik ruht, kann ein Politiker, der nicht auf den vorderen Bänken im Bundestag sitzt, auch mal in die Schlagzeilen kommen. So auch Jürgen Todenhöfer, ein hoffnungsvolles CDU-Talent, im Sommer 1978. Helmut Kohl war Oppositionsführer, kein besonders guter, es bahnte sich an, dass er auch die nächste Wahl gegen Helmut Schmidt verlieren würde.

So kam Todenhöfer im Gespräch mit mir für ein BILD-Interview auf die hübsche Formulierung über Helmut Kohl: “Im Schlafwagen kommt man nicht an die Macht”. Kohl tobte wie ein wütender Elefant und setzte fortan alles daran, Todenhöfer politisch zu vernichten. Über die von ihm abhängigen CDU-Politiker in Rheinland-Pfalz ließ er Todenhöfer den Platz auf der Landesliste und den Wahlkreis für die Bundestagswahl 1980 wegnehmen – in der Hoffnung, ihn für immer aus der Politik zu verbannen.

Todenhöfer aber fand in Baden-Württemberg politisches Asyl und kam über den Wahlkreis Tübingen doch wieder in den Bundestag. Allerdings hatte er bis zu seinem Abschied von der Politik 1989, als er zu seinem Schulfreund Hubert Burda in den Verlag ging, keine Chance mehr, irgendein bedeutendes Amt zu erreichen. Elefanten haben ein langes Gedächtnis.

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Strauß und der Alkohol

Franz-Josef Strauß war nicht nur ein bedeutender Politiker, sondern leider auch ein Mann, der häufig zu viel trank. Unvergessen die Wahlnacht im Januar 1987, als ihn sein TV-Spezl Wolf Feller nicht davon abhalten konnte, alkoholisiert vor die TV-Kamera zu treten.

Wenn Strauß trank, dann meist unmäßig. Eine BILD-Reporterin, der eine besondere Nähe zu Willy Brandt nachgesagt wurde, begrüßte der CSU-Chef in einem Münchner Lokal lautstark mit den Worten: “Da kommt die Hure von Brandt”. Ich selbst erinnere mich an Interviews, bei denen mehr als eine halbe Flasche Dimpl-Whisky daran glauben musste.

Ein Erlebnis der besonderen Art war auch Richard Stücklens 60. Geburtstag am 20. August 1976 in Weißenburg. Wir saßen im Garten des CSU-Politikers auf Bänken an Wirtshaus-Klapptischen – eine Runde von etwa 20 Personen. Strauß trank Frankenwein aus Bocksbeuteln wie Wasser und nach der sechsten oder siebten Flasche fiel er wortlos rückwärts von der Bank und blieb regungslos wie eine Schildkröte auf dem Rücken liegen. Wir packten ihn mit vier Mann und trugen ihn zu einer Hollywod-Schaukel in der Garten-Ecke. Am Rest des Abends beteiligte sich Strauß nur noch mit unartikulierten “Uijujui”-Rufen von der Hollywood-Schaukel.

So ist es auch kein Wunder, dass sich in der CSU auch um die Umstände seines Todes immer noch die wildesten Gerüchte ranken.

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Boris Becker für den Papierkorb

Heute aus aktuellem Anlaß ausnahmsweise eine Anekdote über einen Größenwahnsinnigen, der nicht aus der Politik kommt: Boris Becker, der nach eigener Aussage eine “Weltmarke” ist und jetzt mit Boris-Becker.TV bei BILD.de endlich den “wahren Boris” zeigen will. Vor etwa 15 Jahren bekam “Bild am Sonntag” eines der raren Becker-Exklusivinterviews. Es lief auch ganz gut, bis die autorisierte Interview-Fassung zurückkam. Und sie war von besonderer Güte. Becker hatte sich zu Beginn des autorisierten Interviews selbst noch fünf Fragen gestellt und beantwortet, die ihm kein BamS-Reporter gestellt hatte und auch nicht stellen wollte. Er fragte sich selbst, warum er so erfolgreich und beliebt ist und erläuterte ausgiebig seine neuesten Werbeverträge.

Auf meinen Wunsch, dieses Selbstgespräch zu streichen und das ursprüngliche Interview wieder herzustellen, ließ Becker ausrichten, entweder erscheine das Interview so oder gar nicht. Ich entschied mich für gar nicht und das Interview verschwand für immer im Papierkorb der Redaktion. Das sollte auch heute mit Becker-Stories häufiger gemacht werden. Warum wirken eigentlich die Medien daran mit, die Nicht-Mehr-Weltmarke für neue Werbeverträge wieder aufzuladen?

P.S. Bei Politikern haben wir uns in vergleichbaren Situationen genauso verhalten.


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