Als es bei Kohl knirschte

Beziehungen zwischen Spitzenpolitikern und Journalisten leiden an einem prinzipiellen Missverständnis. Politiker verstehen nicht, dass Journalisten auch dann, wenn sie freundlich und vertrauensvoll mit ihnen umgehen, auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Dass einen Journalisten der noch so netteste Abend nicht davon abhält, am nächsten Tag kritisch über sie zu schreiben. Politiker glauben stattdessen, sie hätten einen Kombattanten, einen Gefolgsmann gewonnen. Werden sie dann enttäuscht, wird aus dem vermeintlichen Freund ein Feind – was Journalisten ihrerseits nicht verstehen können.

An diesem Mißverständnis scheiterte sowohl meine Beziehung zu Helmut Kohl als auch zu Gerhard Schröder. Bei Kohl war es ganz schlimm. Als ich von BILD zum “Express” wechselte, bat er mich noch zum Vier-Augen-Gespräch, um mir alles Gute zu wünschen. Wenige Monate später aber, als ich im Zusammenhang mit der Wörner/Kießling-Affäre sehr kritische Kommentare auch über den Kanzler schrieb, wurde ich zum Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Ganz schlimm wurde es, als ich auch als Chefredakteur der “Bild am Sonntag” häufiger Kohls Politik und seinen Regierungsstil kritisierte. Er versuchte mehrmals, über seinen Freund Leo Kirch, dem mächtigen Anteilseigner bei Springer, meinen Rauswurf zu erreichen. Kohls Verfolgungswahn ging so weit, dass er “Bild am Sonntag” (immerhin damals 12 Millionen Leser) nur noch dann Interviews geben wollte, wenn ich nicht daran teilnahm. Meine Linie war klar: entweder er akzeptiert den Chefredakteur als Interviewpartner oder wir verzichten auf das Interview. Das hatte mehrere Jahre Funkstille zur Folge,

Im Wahlkampf 1998, als es für ihn immer enger wurde, wollte Kohl aber auf die 12 Millionen Leser nicht länger verzichten und empfing einen Kollegen und mich im Kanzleramt zum Interview. Die Atmosphäre war eisig, er krallte sich sich aus Ärger so sehr an die Stuhllehne, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Und es knirschte immmer so merkwürdig während des Interviews. Es waren nicht seine Zähne, sondern – wie mein Kollege beobachtete – Kohl rieb während des ganzen Interviews die Fersen seiner Schuhe aneinander, um seine unterdrückte Spannung abzubauen.

Die Wahlniederlage hat uns beide dann davor bewahrt, uns wieder treffen zu müssen.

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Wie Ron Sommer stürzte

Mitten in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes 2002 stürzte Ron Sommer. Die Bundesregierung zwang den Telekom-Chef zum Rücktritt. Gerhard Schröder, dessen Wahlchancen zu diesem Zeitpunkt schlecht aussahen, wollte Ballast abwerfen. So kam es dazu:

CDU/CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber thematisierte schon 2002 die überhöhten Managergehälter – am Beispiel der Telekom: Es könne nicht sein, dass die Gehälter der Telekom-Vorstandsmitglieder um 90 Prozent steigen, während gleichzeitig die Volksaktie 90 Prozent ihres Wertes verliere. Dies erklärte Stoiber immer wieder in Reden und Interviews. So auch beim BILD-Printduell mit Schröder. Er wollte damit Schröder als obersten “Chef” des staatlichen Unternehmens (der Bund war noch Hauptanteilseigner) als sozial unsensibel ins Abseits stellen, weil er nichts gegen diese Ungerechtigkeit unternehme. Die Diskussion zwischen den beiden über die Telekom, bei der Schröder keine gute Figur machte, nahm im BILD-Duell fast ein Drittel des Raumes ein.

Es sollte montags veröffentlicht werden, freitags trafen sich die Unterhändler beider Seiten (auf SPD-Seite war Regierungssprecher Bela Anda federführend), um den Text zu autorisieren. Anda warb nachdrücklich dafür, die Passagen ganz zu streichen. Angeblich interessiere das die Leser nicht. Wir gaben keinen Millimeter nach. So war freitags klar, dass die Telekom in dem Printduell, das am Montag erscheinen sollte, einen Schwerpunkt bilden würde. Die Regierungsseite steckte daraufhin dem “Spiegel” und “Focus”, dass Ron Sommer abgelöst werde. Der “Spiegel” ging wegen seiner damaligen Nähe zur Telekom nicht darauf ein, “Focus” meldete aber Ron Sommers Ende vorab.

So war Sommers Schicksal besiegelt, bevor BILD auf den Markt kam. Am 16. Juli 2002 trat er zurück, weil er nicht mehr des Vertrauen des Aufsichtsrates habe.

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Schleyer und die Wahrheit

Darf ein Journalist bewusst die Unwahrheit schreiben, wenn es einem höheren Zweck dient? Vor dieser Gewissensentscheidung stand ich zum Glück nur einmal in meinem Journalistenleben. Es war 1977 während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Während der Entführung gab es eine Phase, in der ein Mittelsmann der Bundesregierung über einen Genfer Anwalt Scheinverhandlungen mit der RAF über den Austausch Schleyers gegen 11 inhaftierte RAF-Terroristen führte, während gleichzeitig die Familie Schleyer in Industriekreisen ein Milllionen-Lösegeld sammelte. In dieser Phase kam es auf jeden Tag Zeitgewinn an, denn die Sicherheitsbehörden hofften, währenddessen eine Spur vom Entführten zu finden. Außerdem sollten die Terroristen von unüberlegten Handlungen abgehalten werden.

Deshalb bat die Bundesregierung über Regierungssprecher Klaus Bölling die “Bild-Zeitung”, eine Falschmeldung zu verbreiten. So erschien am 17.9.1977 in BILD ein Bericht von mir mit der Schlagzeile: “Schleyer: Bonn bereitet Austausch vor”. Daran stimmte kaum ein Wort, denn ein Austausch wurde nie ernsthaft erwogen, aber es war ein Versuch, mitzuhelfen, das Leben von Schleyer zu retten. Leider erfolglos.

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Sparsamer Schwabe

Was ein sparsamer Schwabe ist, das habe ich vom früheren Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gelernt. Er kam häufiger mal auf ein oder zwei Flaschen Trollinger bei BILD im Büro vorbei. Wenn er sich eine Zigarette anzündete, riss er aus einem Streichholzheftchen ein Streichholz heraus. Meist war sein Gegenüber schneller und gab ihm Feuer. Rebmann steckte dann die abgerissenen Streichhölzer sorgfältig hinter die anderen, damit er sie später noch benutzen kann.

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Warum Kohl Todenhöfer vernichten wollte

Im Sommer, wenn die Politik ruht, kann ein Politiker, der nicht auf den vorderen Bänken im Bundestag sitzt, auch mal in die Schlagzeilen kommen. So auch Jürgen Todenhöfer, ein hoffnungsvolles CDU-Talent, im Sommer 1978. Helmut Kohl war Oppositionsführer, kein besonders guter, es bahnte sich an, dass er auch die nächste Wahl gegen Helmut Schmidt verlieren würde.

So kam Todenhöfer im Gespräch mit mir für ein BILD-Interview auf die hübsche Formulierung über Helmut Kohl: “Im Schlafwagen kommt man nicht an die Macht”. Kohl tobte wie ein wütender Elefant und setzte fortan alles daran, Todenhöfer politisch zu vernichten. Über die von ihm abhängigen CDU-Politiker in Rheinland-Pfalz ließ er Todenhöfer den Platz auf der Landesliste und den Wahlkreis für die Bundestagswahl 1980 wegnehmen – in der Hoffnung, ihn für immer aus der Politik zu verbannen.

Todenhöfer aber fand in Baden-Württemberg politisches Asyl und kam über den Wahlkreis Tübingen doch wieder in den Bundestag. Allerdings hatte er bis zu seinem Abschied von der Politik 1989, als er zu seinem Schulfreund Hubert Burda in den Verlag ging, keine Chance mehr, irgendein bedeutendes Amt zu erreichen. Elefanten haben ein langes Gedächtnis.


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