Die Uhr von Axel

Am 2. Mai jährt sich zum hundersten Mal der Geburtstag von Axel Springer. Obwohl ich 24 Jahre dem Springer-Verlag angehörte, habe ich Axel Springer nur einmal getroffen. Er kam überraschend in die Frühkonferenz der BILD-Chefredaktion, um seine Idee zu präsentieren, BILD durch Ableger wie “Bild der Frau” und Auto-BILD zu ergänzen.

Während des Gespräches zeigte Axel Springer plötzlich auf seine Uhr, die Uhr eines Jugendlichen mit mehrfarbig gestreiftem Plastikarmband, wie es früher modern war. “Ich trage heute die Uhr von Axel”, sagte er – die Uhr seines  Sohnes Axel junior (Sven Simon), der sich zwei Jahre zuvor mit 38 auf einer Parkbank an der Hamburger Alster erschossen hatte.

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Montag, 09. Januar 2012, 12:43 Uhr

Am Tropf von BILD

Im Fall des würdelosen und entwürdigten Bundespräsidenten Christian Wulff gibt es einen zweiten, inzwischen nicht weniger würdelosen Schauplatz: das Verhalten der Medien, genauer gesagt, eines Teils der Print-Medien. Das Medienkarussell dreht sich mit immer schnellerer Geschwindigkeit und gebiert Peinlichkeiten und Absurditäten ohne Ende.

Da preist der “Spiegel”-Chefredakteur bei Günther Jauch sein “morgen erscheinendes Heft” an, in dem das Blatt aus Wulff-Telefonaten mit BILD-Chef Kai Diekmann und Springer-Chef Matthias Döpfner zitiert, während der stellvertretende BILD-Chefredakteur neben ihm sitzt und dann prompt bestätigt, dass “Der Spiegel” korrekt berichtet.

Da wird der “Enthüllungsjournalist” Hans Leyendecker von der “Süddeutschen Zeitung” in BILD ausführlich mit einem Interview zitiert,  in dem erklärt und bewertet, was Christian Wulff Kai Diekmann auf die Mailbox gesprochen hat. Absurder geht’s kaum.

Das Gefühl verstärkt sich von Tag zu Tag, dass auch die sogenannte seriöse Presse in der Wulff-Affäre die Besinnung verloren hat. Alle hängen irgendwie am Tropf von BILD und lassen sich täglich neu instrumentalisieren.

Deshalb eine Rückblende. Die Affäre drohte über die Feiertage einzuschlafen, weshalb BILD der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (FAS) und der “Süddeutschen Zeitung” durchstach, dass Wulff auf Diekmanns Mailbox mit “Krieg” , einem Strafantrag und dem endgültigen Bruch mit Springer gedroht hatte. Daraufhin brach ein neuer Sturm der Entrüstung los. Die Affäre hatte mit neuem Schwung das neue Jahr erreicht.

BILD wiederum konnte jetzt, ohne sich die Finger selbst schmutzig zu machen, über das Telefonat berichten, mit Empörung darauf reagieren und den Bundespräsideten auffordern, dazu Stellung zu nehmen.

Und dann der Höhepunkt: nachdem Wulff  in seiner teilwahrheitshaften Art im TV-Interview das Telefonat schönte, konnte BILD ihn auffordern, einer Veröffentlichung des Telefonats zuzustimmen. Als dieser ablehnte, stach BILD an den “Spiegel” weitere Einzelheiten durch.

Das Ganze ist ein sich täglich neu selbst anschiebendes Medienkarussell. BILD lagerte das Riskiko eines Bruchs der Vertraulichkeit einfach aus. Um die genaue und erste Quelle, nämlich Kai Diekmann, zu verschleiern, teilte BILD “in eigener Sache” mit, das Telefonat sei in der Redaktionskonferenz breit diskutiert worden. Will heißen: so breit, dass auch wir leider nicht wissen, welcher illoyale Redakteur das herausgegeben hat.

Und da “Spiegel”, “Süddeutsche” und FAS von diesem verlogenen Spiel profitiert haben, gibt es bis heute auch keine kritische Aufarbeitung der Rolle von BILD. Der Fall Wulff ist auch ein Versagen des kritischen Medienjournalismus.

P.S. Damit meine Position klar ist: die Enthüllungsberichte von BILD über Wulffs Kreditaffäre und Carsten Maschmeyers Buch-Sponsoring war verdienstvoll und erfüllten die kritische Funktion der Presse. Nicht aber das falsche Spiel um das Telefonat. Wenn BILD so erschüttert über diesen tatsächlichen oder vermeintlichen Anschlag auf die Pressefreiheit war, wie die Zeitung heute tut, dann hätte die Zeitung sofort nach dem Anruf den Inhalt selbst veröffentlichen und dafür auch das Risiko tragen müssen.

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Mittwoch, 04. Januar 2012, 20:48 Uhr

Wulff verzeiht sich

Nach dem TV-Auftritt des Bundespräsidenten stellen sich zwei einfache, aber schwerwiegende Fragen: Will man einen solchen Bundespräsidenten? Braucht Deutschland einen solchen Bundespräsdidenten?

Wollen wir von einem Mann als Staatsoberhaupt repräsentiert werden, der jetzt schon zum zweitenmal gezwungen war, sich in eigener Sache zu rechtfertigen und zu entschuldigen? Ist ein Mann, der demütig zu Kreuze kriechen muss, weil er die Pressefreiheit als Leerformel enttarnte, eine moralische Autorität? Ist ein Mann, der sich in dubiose Kredite verstrickte und eine merkwürdige Freundeswirtschaft pflegt, das Vorbild eines demokratischen Gemeinwesens? Kann ein solcher Präsident durch sein Handeln und Reden den Deutschen den Weg weisen?

Wer alle Fragen mit Ja beantworten kann, ist mit diesem Präsidenten adäquat bedient. Alle anderen nicht.

Beim Zuschauen des TV-Interviews stellte sich ein ungutes Gefühl ein, eine Mischung aus Mitleid und Fremdschämen, aus ungebrochener Empörung  und dem Wunsch: Hoffentlich ist bald Schluss. Besonders an der Stelle, als er sagte, er habe sich “als Opfer gesehen” und als er “Menschenrechte auch für Bundespräsidenten” einforderte.

Sein Amt mache ihm “Freude”, sagte Wulff. Er ist mit sich wieder im Reinen. Er hat sich verziehen. So einfach ist das. Präsident auf Bewährung? Das sei “völlig daneben”.

Wenn man daran denkt, wer an seiner Stelle im Schloss Bellevue hätte präsidieren können, dann verstärkt sich dieses ungute Gefühl. Musste ein solcher Mann nach von Weizsäcker, Herzog und dem untadeligen Köhler kommen? Hätte uns nicht Angela Merkel davor bewahren können? 

Aber wir werden mit ihm weiter leben müssen. Wulff hat sich entschieden: er will uns nicht von sich befreien. Er will seine fünf Jahre “erfolgreich” zu Ende führen. Absitzen ist wahrscheinlich das bessere Wort. Es ist rätselhaft, wie Wulff seine moralische Autorität zurückgewinnen will. Seine bisherige Amtszeit gibt keine Hinweise darauf, dass ihm das gelingen kann. Wenn überhaupt, dann ist es ein langer Prozess. “Lernfortschritte” nennt er das.

Und dieser Prozess wird begleitet von weiter offenen Fragen: Hat er das niedersächsische Ministergesetz verletzt? Wie kam es zu dem zinsgünstigen Darlehen der BW-Bank? Warum wurde der Kredit von Frau Geerkens überhaupt in das BW-Darlehen umgewandelt? Warum kamen alle Kreditänderungen erst, nachdem sich die Medien dafür interessierten? Wie glaubhaft ist seine Entschuldigung für seinen Drohanruf bei dem BILD-Chef, nachdem sich herausgestellt hat, dass er gewissermaßen ein Serientäter ist? Er balanciert weiter am Abgrund.

Die Regierungskoalition wird jetzt Schluss der Debatte fordern, die Opposition die offenen Fragen betonen. Und die Bürger? Die meisten werden sich mit Wulffs Auftritt zufriedengeben. So wichtig ist ihnen der Präsident dann doch nicht. Es gibt doch noch wichtigere Fragen. 

Immerhin hinterlässt Christian Wulff jetzt eine historische Spur: er ist der erste Präsident, der sich in eigener Sache zur besten Sendezeit gleich in zwei Fernsehanstalten rechtfertigen musste. Das bleibt.

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Dienstag, 03. Januar 2012, 09:40 Uhr

Das Schlusskapitel

Das letzte Kapitel in der Geschichte des Sturzes von Bundespräsident Christian Wulff ist zugleich das unappetitlichste. Es ist erneut unrühmlich für den Präsidenten, aber auch für die agierenden Medien.

Weil sich BILD nicht selbst die Finger schmutzig machen wollte (es gibt ja noch so etwas wie ein Fernmeldegeheimnis), gab die Zeitung den vertraulichen Inhalt eines Telefonates an die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” (FAS) und die “Süddeutsche Zeitung” weiter, die sich für das Schlusskapitel instrumentalisieren ließen. BILD lieferte den Inhalt und bestimmte das Timing, die beiden sogenannten seriösen Blätter erfüllten ihre Rolle in der BILD-Dramaturgie. BILD brauchte nur noch zu bestätigen.

So weit die Inszenierung, denn die ”Bild-Zeitung” wusste seit der ersten Veröffentlichung, welchen finalen Pfeil sie noch im Köcher hat.

Journalistisch ist aber auch nachvollziehbar, warum sich FAS und “Süddeutsche” in dieser Form instrumentalisieren ließen. Die exklusive Vorweihnachtsansprache Wullfs auf der Mailbox des BILD-Chefs ist nun einmal eine Top-Story. Da lässt sich ein Präsident (“Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut”) so tief in sich selbst herab, dass er eine Zeitung bedroht, um mit aller Macht eine unliebsame Veröffentlichung  zu verhindern. 

Vielleicht dachte Wulff damals noch, er spräche mit einem alten Freund, mit dem er doch so viele schöne Geschichten gemeinsam gemacht hat. Und mit dem er ganz offen reden könne. Aber da gilt die alte Regel: Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Geschichte. Insbesondere dann, wenn der Betroffene keinen Schirmherren oder keine Schirmherrin im Konzern hat.

Auf jeden Fall waren die Drohungen (“Krieg”, “endgültiger Bruch”, “Rubikon überschritten”) ein tödlicher Fehler und es war  unsagbar dämlich, sie auch noch zu Diktat zu geben. Die Drohungen waren ohnehin lächerlich, denn auch ein Bundespräsident ist gegenüber BILD (oder anderen mächtigen Medien) nur ein Bittsteller, wenn er eine so schmierige Kreditaffäre am Hals hat.

Unfassbar auch, dass Wulff in Kenntnis der Bombe auf Kai Diekmanns Handy in seiner Erklärung zur Kreditaffäre noch über die Pressefreiheit redete, ohne rot zu werden. Auch dies beweist den Realitätsverlust Wulffs und die Verdrängungsmechanismen bei der Bewältigung einer solchen Affäre. Wieder ein Fallbeispiel für katastrophales Krisenmanagement.

Wulff hatte seinen moralischen Kredit schon vor dem finalen Schuss verbraucht. Es wird Zeit für ihn zu gehen. Und im Abgang schafft er es noch, BILD und den BILD-Chefredakteur zu Helden der Pressefreiheit zu machen. Sauber hingekriegt, Herr Präsident.

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Samstag, 31. Dezember 2011, 09:55 Uhr

Vom Stamme Nimm

Der Fall Christian Wulff begleitet die deutsche Politik und Öffentlichkeit (leider) auch ins neue Jahr. Je mehr Einzelheiten über sein merkwürdiges Finanzverhalten herauskommen, desto mehr stellt sich die Charakterfrage. Bisher ist bekannt, dass Wulff immer nur das an Fehlverhalten zugibt, was die Medien gerade aufdecken. Salami-Taktik nennt man so etwas. Erfolgreich war sie noch nie.

Jetzt, nachdem die BW-Bank erstmals und der Bundespräsident erneut zum umstrittenen Supersonderkredit Stellung genommen haben, ergibt sich ein noch deprimierenderes Bild. Wulff hat seine merkwürdige Hausfinanzierung immer erst dann geändert, wenn Aufdeckung drohte.

Erst nach der Anfrage der Grünen über Verbindungen zu Unternehmern wandelte er den Kredit des Ehepaares Geerkens in einen Kredit der BW-Bank um. Und diesen Spezialkredit, der nur für Unternehmen zur Zwischenfinanzierung üblich ist, bekam er offenbar nur deshalb, weil sein Unternehmerfreund Egon Geerkens den Kontakt zur BW-Bank herstellte. Und erst dann, als “Stern”, “Spiegel” und BILD über seine Hausfinanzierung recherchierten, wandelte er den Supersonderkredit in ein normales Hypothekendarlehen um. 

Wulff versucht aber weiterhin, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Weil jetzt die BW-Bank erklärte, der Supersonderkredit sei erst am 21. Dezember in ein Hypothekendarlehen umgewandelt worden, schoben seine Anwälte nach, aber schon im November, also vor Aufdeckung der Affäre, sei darüber verhandelt worden. Ja klar, denn seit November waren Wulff die bohrenden Fragen und intensiven Recherchen der Medien bekannt. 

Wulff will den Eindruck erwecken, er habe aus eigener Einsicht gehandelt und nicht erst unter dem Druck der Presseveröffentlichungen. Das ist falsch. 

Er hat in keiner seiner Finanz- und Freundesaffären aus eigener Einsicht und aus eigenem Antrieb gehandelt. Auch den Preis eines Upgrading in die Business-Class  bezahlte er erst nach Aufdeckung durch den “Spiegel” und den Preis für seinen Urlaub in der Mallorca-Villa des Unternehmers Carsten Maschmeyer bezahlte er offenbar nur deshalb, weil ihm Maschmeyer nach dessen Angaben dazu geraten hatte.

Ohne die Kontrollfunktion der Medien (und der niedersächsischen Grünen) hätte Wulff sein Finanzverhalten nie geändert. Er wäre immer noch Mitglied des Stammes Nimm.


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