Dienstag, 23. April 2013, 11:09 Uhr

Das Schweigen des Uli H.

Die Kanzlerin, die sich so gern mit Uli Hoeneß fotografieren ließ, ist “enttäuscht”, BILD macht ihn zum suchtkranken Börsenzocker, die Hypovereinsbank stoppt ihre Werbung mit ihm (“Wo sich ihr Geld jetzt wohlfühlt”). Die Reputation des angesehensten Fußballmanagers fällt schneller als die Kurse am Neuen Markt.

Und ganz Deutschland rästelt fassungslos: Wie konnte das nur dem “Vater Teresa vom Tegernsee” passieren, wie ihn Karl-Heinz Rummenigge nannte? Dem “Nelson Mandela von der Säbener Straße” (ebenfalls Rummenigge)? Wie konnte einer wie ein Wilder spekulieren und dabei die Steuer vergessen, einer der noch 2005 erklärte, dass er alle Steuern zahle?

Aufklärung gibt es nicht. Denn Uli Hoeneß hat sich, außer einer Drohung gegen Zeitungen, entschlossen, nichts zu sagen. Seine Anwälte habe ihm abgeraten, er hält sich daran. Das mag juristisch richtig sein, denn sein Steuerfall ist ein sogenanntes schwebendes Verfahren. Aber dennoch ist sein Schweigen falsch.

Die juristische ist nur die eine Seite, die andere ist die Rolle des Idols, des Vorbildes Uli Hoeneß, dessen Handeln Millionen Menschen nicht verstehen können. Und in dieser Frage sind Anwälte schlechte Ratgeber.

Hoeneß macht den selben Fehler wie viele Politiker, wenn sie ins Zentrum eines Skandals rücken. Schweigen, Drohen und am Sessel kleben. Das hat schon Christian Wulff immer tiefer in den Affärenstrudel gerissen. Professionelles Krisenmagament sieht anders aus. Denn der Ruf verfällt rasend schnell, ihn wiederherzustellen ist ein ein langwieriger, häufig aussichtsloser Prozess.

Also wäre Reden angesagt. Nicht über die Steuerdetails. Dazu kann er zurzeit nur den Steuerfahndern und dem Staatsanwalt etwas sagen. Aber er muss den Fans, den Menschen, die ihm vertrauten, eine Erklärung liefern, warum ausgerechnet er so handelte. Warum ein reicher Mann, der anderen Wasser predigte, so übermäßig Wein trank.

Darauf hat die Öffentlichkeit, haben Freunde und Fans einen Anspruch. Wo bleiben die Reue, die Demut, die Entschuldigung? Und seine Erklärung dafür, dass ihm der Adidas-Chef das Zockergeld offenbar genau zu der Zeit zur Verfügung stellte, als er mit Adidas über Sponsor- und Beteiligungsverträge verhandelte?

Hoeneß kann seinen Fall nicht aussitzen. Sein Schweigen verschlimmert seine Lage. Und die seines Vereins, den Franz Beckenbauer einmal “FC Hoeneß” nannte. Der ist immerhin eine AG. Und eine AG kann sich einen solchen Aufsichtsratsvorsitzenden nicht länger erlauben. Wenn Hoeneß wenigstens den Kern seines Rufes und seines Ansehens retten will, dann muss er sich erklären.

P.S. Zum “Vater Teresa” verweise ich auch auf meine Anekdote vom 11. Januar 2010: “Sozialpate Uli Hoeneß”

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Ritterschlag von “Sibylle”

Anneliese Friedmann, die Münchner Verlegerin und legendäre “Sibylle” des “Stern” bekommt den Henri Nannen-Preis für ihr Lebenswerk.. Als ich das las, musste ich daran denken, dass sie auch in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat. Obwohl ich sie nur einmal getroffen habe.

Aber dieses gemeinsame Frühstück in einem Berliner Hotel hatte es in sich. Denn der Verleger  Alfred Neven DuMont war unsicher, ob er mich (erst 35 und von BILD)  wirklich als Chefredakteur des Kölner “Express” einstellen sollte. Er bat deshalb seine Freundin Anneliese Friedmann, sich mit mir zu treffen und ihr Urteil abzugegeben.

Das tat sie dann auch. Am Ende des Frühstücks, bei dem sie mich kritisch examinierte, sagte sie zu mir: “Sie sind ein Vollblutjournalist”. Ein Ritterschlag, der auch Neven DuMont überzeugte. Ich wurde Chefredakteur des “Express”.

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Montag, 27. August 2012, 15:48 Uhr

Der Abschied vom “Spiegel” rückt näher

Bindungen an eine Zeitung oder Zeitschrift sind Beziehungsgeschichten. Man hängt aneinander oder man lebt sich auseinander. Manchmal dauert die Beziehung ein Leben lang, in anderen Fällen sind es nur Lebensabschnittspartnerschaften.

Jetzt stehe ich wieder einmal vor der Frage, ob ich einen solchen, langjährigen Lebensabschnittspartner verabschiede.

Es geht um den “Spiegel”, den ich seit meinem 13. Lebensjahr lese, aus dessen Geschichten ich mir als Jugendlicher ein politisches Privatarchiv aufgebaut hatte. Früher nahm ich ihn mehrmals in die Hand: in der ersten Lesung die vier oder fünf spannendsten Artikel, in der zweiten und dritten fast den ganzen Rest. Mindestdauer: drei bis vier Stunden. Heute bleibt es bei einer Lesung und die dauert kaum eine halbe Stunde.

Nehmen wir den neuesten “Spiegel”. Schon der Titel ist ein Signal: Kauf mich nicht! “Aufstand der Bundesbank” mit dem blassen Bankbürokraten Jens Weidmann auf dem Titel, Chef einer einflusslosen Behörde, die personell so aufgebläht ist wie der griechische Staatsapparat.  Aha, sage ich mir, eine Maus klopft von unten gegen den Tisch. Lesen muss ich das nicht, denn die Ansichten des Bundesbank-Chefs sind mir aus der Tagespresse weidlich bekannt.

Nach den üblichen dpa-Zusammenfassungen der Woche bleibe ich bei dem bewegenden Interview mit Wolfgang Bosbach hängen – über Krebs, Leben, Tod und die politische Sucht, die den Nichtraucher und mäßigen Alkoholtrinker nicht loslässt.

Warum ist das keinen Titel wert? Das Schicksal eines der bekanntesten deutschen Politikert, der Bilanz zieht. Das hätte man vertiefen können, daraus hätte man mehr machen können. Oder ist das zu boulevardesk?

Mehr, außer zwei Personalien und der Würdigung Georg Lebers in den Todesnachrichten, war in der ersten Lesung nicht drin. Ich bezweifle, ob ich das Blatt noch ein zweites Mal zur Hand nehme. So weit geht die alte Liebe nicht. Zwingen will ich mich nicht.Trotz der 4,20 Euro.

Ich frage mich, bin ich inzwischen ein desinteressierter alter Sack oder ist der “Spiegel” von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche uninteressanter und langweiliger geworden? In der letzten Ausgabe zum Beispiel war mir nur die Wulff-Geschichte wirklich wichtig. Ansonsten viel Kolportage und Routine.

In der eigentlichen Wulff-Affäre lebte der “Spiegel” von BILD-Brosamen, die letzte relevante Enthüllung war der geplante Verkauf deutscher Leopard-Panzer an Saudi-Arabien. Und das ist mehr als ein Jahr her. Die Vorabmeldungen werden immer mehr, der Inhalt immer dünner.

Zeitungs- und Zeitschriftenmacher pflegen eine wohlfeile Lebenslüge: das Internet nimmt uns die Leser weg, besonders die jüngeren. Das stimmt zwar zum Teil, aber die meisten Käufer und Leser vergraulen die Journalisten selbst. Der “Stern” zum Beispiel seit Jahren.

Ihn zu lesen, ist schon lange keine Pflicht mehr. Seine Titel sind unverständlich, seine Stories abgehangen wie ein Steak, das seit drei Monaten an der Wäscheleine hängt (zum Beispiel die Reportage über Mitt Romney).

Die “Stern”-Macher verleihen einen Henri-Nannen-Preis, wissen aber nicht mehr, wie der brillante Provokateur die Leser bewegt hat.Den “Stern” kaufe ich nur noch wegen der Hans-Ulrich-Jörges-Kolumne und der Rätsel, worauf meine Frau besteht. Ein bisschen wenig für 3,50 Euro.

Dass es auch anders geht, beweisen die beiden wichtigsten, an- und aufregendsten Blätter der Republik: die “Süddeutsche” und die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” (FAS). Sie präsentieren die exklusiven News, die im “Spiegel” schon lange nicht mehr stehen, und überraschen die Leser mit Themen, die kein anderer hat.

Für beide gilt der Satz: “Guter Journalismus zeigt sich darin, dass ich etwas lese, wovon ich vorher nicht wusste, dass es mich interessiert”. Ein Werktag ohne “Süddeutsche”, ihren blendend geschriebenen Reportagen, ihren fundierten Hintergrundberichten, Analysen und Kommentare ist ebenso ein armer Tag wie ein Sonntag ohne FAS.

Lesen muss auch Spaß machen, neue Einsichten bringen, muss die Gedanken anregen, den Leser länger beschäftigen als nur die Zeit der Lektüre. Diesen Anspruch erfüllen beide Blätter. Vom “Stern” und “Spiegel” rückt der Abschied näher. Unsere Wege werden sich trennen. Leider.

P.S. Meine Lektüre besteht zurzeit aus den genannten Blättern sowie “Spiegel-Online” (unverzichtbar!), Google-News, DWDL.de (ein Medienmagazin), BILD und der immer noch guten alten Tante  FAZ, die manchmal erfrischend jung ist.. Wenn ich viel Zeit habe auch noch aus der FTD und dem “Tagesspiegel”.

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Die Uhr von Axel

Am 2. Mai jährt sich zum hundersten Mal der Geburtstag von Axel Springer. Obwohl ich 24 Jahre dem Springer-Verlag angehörte, habe ich Axel Springer nur einmal getroffen. Er kam überraschend in die Frühkonferenz der BILD-Chefredaktion, um seine Idee zu präsentieren, BILD durch Ableger wie “Bild der Frau” und Auto-BILD zu ergänzen.

Während des Gespräches zeigte Axel Springer plötzlich auf seine Uhr, die Uhr eines Jugendlichen mit mehrfarbig gestreiftem Plastikarmband, wie es früher modern war. “Ich trage heute die Uhr von Axel”, sagte er – die Uhr seines  Sohnes Axel junior (Sven Simon), der sich zwei Jahre zuvor mit 38 auf einer Parkbank an der Hamburger Alster erschossen hatte.

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Montag, 09. Januar 2012, 12:43 Uhr

Am Tropf von BILD

Im Fall des würdelosen und entwürdigten Bundespräsidenten Christian Wulff gibt es einen zweiten, inzwischen nicht weniger würdelosen Schauplatz: das Verhalten der Medien, genauer gesagt, eines Teils der Print-Medien. Das Medienkarussell dreht sich mit immer schnellerer Geschwindigkeit und gebiert Peinlichkeiten und Absurditäten ohne Ende.

Da preist der “Spiegel”-Chefredakteur bei Günther Jauch sein “morgen erscheinendes Heft” an, in dem das Blatt aus Wulff-Telefonaten mit BILD-Chef Kai Diekmann und Springer-Chef Matthias Döpfner zitiert, während der stellvertretende BILD-Chefredakteur neben ihm sitzt und dann prompt bestätigt, dass “Der Spiegel” korrekt berichtet.

Da wird der “Enthüllungsjournalist” Hans Leyendecker von der “Süddeutschen Zeitung” in BILD ausführlich mit einem Interview zitiert,  in dem erklärt und bewertet, was Christian Wulff Kai Diekmann auf die Mailbox gesprochen hat. Absurder geht’s kaum.

Das Gefühl verstärkt sich von Tag zu Tag, dass auch die sogenannte seriöse Presse in der Wulff-Affäre die Besinnung verloren hat. Alle hängen irgendwie am Tropf von BILD und lassen sich täglich neu instrumentalisieren.

Deshalb eine Rückblende. Die Affäre drohte über die Feiertage einzuschlafen, weshalb BILD der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” (FAS) und der “Süddeutschen Zeitung” durchstach, dass Wulff auf Diekmanns Mailbox mit “Krieg” , einem Strafantrag und dem endgültigen Bruch mit Springer gedroht hatte. Daraufhin brach ein neuer Sturm der Entrüstung los. Die Affäre hatte mit neuem Schwung das neue Jahr erreicht.

BILD wiederum konnte jetzt, ohne sich die Finger selbst schmutzig zu machen, über das Telefonat berichten, mit Empörung darauf reagieren und den Bundespräsideten auffordern, dazu Stellung zu nehmen.

Und dann der Höhepunkt: nachdem Wulff  in seiner teilwahrheitshaften Art im TV-Interview das Telefonat schönte, konnte BILD ihn auffordern, einer Veröffentlichung des Telefonats zuzustimmen. Als dieser ablehnte, stach BILD an den “Spiegel” weitere Einzelheiten durch.

Das Ganze ist ein sich täglich neu selbst anschiebendes Medienkarussell. BILD lagerte das Riskiko eines Bruchs der Vertraulichkeit einfach aus. Um die genaue und erste Quelle, nämlich Kai Diekmann, zu verschleiern, teilte BILD “in eigener Sache” mit, das Telefonat sei in der Redaktionskonferenz breit diskutiert worden. Will heißen: so breit, dass auch wir leider nicht wissen, welcher illoyale Redakteur das herausgegeben hat.

Und da “Spiegel”, “Süddeutsche” und FAS von diesem verlogenen Spiel profitiert haben, gibt es bis heute auch keine kritische Aufarbeitung der Rolle von BILD. Der Fall Wulff ist auch ein Versagen des kritischen Medienjournalismus.

P.S. Damit meine Position klar ist: die Enthüllungsberichte von BILD über Wulffs Kreditaffäre und Carsten Maschmeyers Buch-Sponsoring war verdienstvoll und erfüllten die kritische Funktion der Presse. Nicht aber das falsche Spiel um das Telefonat. Wenn BILD so erschüttert über diesen tatsächlichen oder vermeintlichen Anschlag auf die Pressefreiheit war, wie die Zeitung heute tut, dann hätte die Zeitung sofort nach dem Anruf den Inhalt selbst veröffentlichen und dafür auch das Risiko tragen müssen.


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