Dienstag, 03. Januar 2012, 09:40 Uhr

Das Schlusskapitel

Das letzte Kapitel in der Geschichte des Sturzes von Bundespräsident Christian Wulff ist zugleich das unappetitlichste. Es ist erneut unrühmlich für den Präsidenten, aber auch für die agierenden Medien.

Weil sich BILD nicht selbst die Finger schmutzig machen wollte (es gibt ja noch so etwas wie ein Fernmeldegeheimnis), gab die Zeitung den vertraulichen Inhalt eines Telefonates an die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” (FAS) und die “Süddeutsche Zeitung” weiter, die sich für das Schlusskapitel instrumentalisieren ließen. BILD lieferte den Inhalt und bestimmte das Timing, die beiden sogenannten seriösen Blätter erfüllten ihre Rolle in der BILD-Dramaturgie. BILD brauchte nur noch zu bestätigen.

So weit die Inszenierung, denn die ”Bild-Zeitung” wusste seit der ersten Veröffentlichung, welchen finalen Pfeil sie noch im Köcher hat.

Journalistisch ist aber auch nachvollziehbar, warum sich FAS und “Süddeutsche” in dieser Form instrumentalisieren ließen. Die exklusive Vorweihnachtsansprache Wullfs auf der Mailbox des BILD-Chefs ist nun einmal eine Top-Story. Da lässt sich ein Präsident (“Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut”) so tief in sich selbst herab, dass er eine Zeitung bedroht, um mit aller Macht eine unliebsame Veröffentlichung  zu verhindern. 

Vielleicht dachte Wulff damals noch, er spräche mit einem alten Freund, mit dem er doch so viele schöne Geschichten gemeinsam gemacht hat. Und mit dem er ganz offen reden könne. Aber da gilt die alte Regel: Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Geschichte. Insbesondere dann, wenn der Betroffene keinen Schirmherren oder keine Schirmherrin im Konzern hat.

Auf jeden Fall waren die Drohungen (“Krieg”, “endgültiger Bruch”, “Rubikon überschritten”) ein tödlicher Fehler und es war  unsagbar dämlich, sie auch noch zu Diktat zu geben. Die Drohungen waren ohnehin lächerlich, denn auch ein Bundespräsident ist gegenüber BILD (oder anderen mächtigen Medien) nur ein Bittsteller, wenn er eine so schmierige Kreditaffäre am Hals hat.

Unfassbar auch, dass Wulff in Kenntnis der Bombe auf Kai Diekmanns Handy in seiner Erklärung zur Kreditaffäre noch über die Pressefreiheit redete, ohne rot zu werden. Auch dies beweist den Realitätsverlust Wulffs und die Verdrängungsmechanismen bei der Bewältigung einer solchen Affäre. Wieder ein Fallbeispiel für katastrophales Krisenmanagement.

Wulff hatte seinen moralischen Kredit schon vor dem finalen Schuss verbraucht. Es wird Zeit für ihn zu gehen. Und im Abgang schafft er es noch, BILD und den BILD-Chefredakteur zu Helden der Pressefreiheit zu machen. Sauber hingekriegt, Herr Präsident.

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Samstag, 31. Dezember 2011, 09:55 Uhr

Vom Stamme Nimm

Der Fall Christian Wulff begleitet die deutsche Politik und Öffentlichkeit (leider) auch ins neue Jahr. Je mehr Einzelheiten über sein merkwürdiges Finanzverhalten herauskommen, desto mehr stellt sich die Charakterfrage. Bisher ist bekannt, dass Wulff immer nur das an Fehlverhalten zugibt, was die Medien gerade aufdecken. Salami-Taktik nennt man so etwas. Erfolgreich war sie noch nie.

Jetzt, nachdem die BW-Bank erstmals und der Bundespräsident erneut zum umstrittenen Supersonderkredit Stellung genommen haben, ergibt sich ein noch deprimierenderes Bild. Wulff hat seine merkwürdige Hausfinanzierung immer erst dann geändert, wenn Aufdeckung drohte.

Erst nach der Anfrage der Grünen über Verbindungen zu Unternehmern wandelte er den Kredit des Ehepaares Geerkens in einen Kredit der BW-Bank um. Und diesen Spezialkredit, der nur für Unternehmen zur Zwischenfinanzierung üblich ist, bekam er offenbar nur deshalb, weil sein Unternehmerfreund Egon Geerkens den Kontakt zur BW-Bank herstellte. Und erst dann, als “Stern”, “Spiegel” und BILD über seine Hausfinanzierung recherchierten, wandelte er den Supersonderkredit in ein normales Hypothekendarlehen um. 

Wulff versucht aber weiterhin, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Weil jetzt die BW-Bank erklärte, der Supersonderkredit sei erst am 21. Dezember in ein Hypothekendarlehen umgewandelt worden, schoben seine Anwälte nach, aber schon im November, also vor Aufdeckung der Affäre, sei darüber verhandelt worden. Ja klar, denn seit November waren Wulff die bohrenden Fragen und intensiven Recherchen der Medien bekannt. 

Wulff will den Eindruck erwecken, er habe aus eigener Einsicht gehandelt und nicht erst unter dem Druck der Presseveröffentlichungen. Das ist falsch. 

Er hat in keiner seiner Finanz- und Freundesaffären aus eigener Einsicht und aus eigenem Antrieb gehandelt. Auch den Preis eines Upgrading in die Business-Class  bezahlte er erst nach Aufdeckung durch den “Spiegel” und den Preis für seinen Urlaub in der Mallorca-Villa des Unternehmers Carsten Maschmeyer bezahlte er offenbar nur deshalb, weil ihm Maschmeyer nach dessen Angaben dazu geraten hatte.

Ohne die Kontrollfunktion der Medien (und der niedersächsischen Grünen) hätte Wulff sein Finanzverhalten nie geändert. Er wäre immer noch Mitglied des Stammes Nimm.

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Dienstag, 13. Dezember 2011, 13:12 Uhr

Wulffs Biotop

Hannover ist ein besonderes Biotop, manche meinen, ein Sumpf. Es geht dabei nicht um die Stadt an der Leine, sondern um ein sehr spezielles politisch-wirtschaftliches Netzwerk, wie es in dieser Form aus anderen Landeshauptstädten nicht bekannt ist.

Die Verquickung zwischen Spitzenpolitikern, Wirtschaftsbossen und Unternehmern wird dort besonders innig gepflegt, Freundschaften gehen wie ein Erbe vom einen auf den anderen Ministerpräsidenten über – unabhängig von der politischen Couleur. Im Mittelpunkt stehen die Ex-Ministerpräsidenten Gerhard Schröder und Christian Wulff.

Schröder fiel schon früh dadurch auf, dass er sich von VW-Chef Piech zum Opernball einladen ließ und mit ihm im Lear-Jet nach Wien düste. Die Flugkosten beglich er erst nachträglich.

Und die letzte Schröder-Nachricht aus diesem Bioptop war, dass er nach seinen Ausscheiden aus dem Kanzleramt von seinem Unternehmerfreund Carsten Maschmeyer eine Million Euro als Vorschuss für seine Memoiren bekam, obwohl Maschmeyer weder als Verleger noch als Literaturagent bis dahin in Erscheinung getreten war. Derselbe Schröder trat übrigens 2004 vor den AWD-Drückerkolonnen Maschmeyers auf und lobte deren “staatsersetzende Funktion”.

Und derselbe Maschmeyer, eine höchst umstrittene Figur der Finanzszene, war auf Mallorca auch Gastgeber für den ersten Sommerurlaub Christian Wulffs als Bundespräsident, wofür dieser nach eigenen Angaben  5.000 Euro bezahlte. 

Wulffs Urlaube bei Unternehmern haben Tradition. Im Winter 2009/2010 flog er zu dem Schrott- und Antiqitäten-Händler Egon Geerkens nach Florida. Eine Reise, die Wulff viel Ärger einbrachte, weil er sich bei Air Berlin kostenlos auf die Business-Class upgraden ließ. Die Differenz beglich er erst, nachdem “Der Spiegel” dies aufgedeckt hatte.

Derselbe Geerkens, genauer gesagt, seine Frau Edith, war im Oktober 2008 der Finanzier von Wulffs neuem Eigenheim. Sie gab ihm einen Privatkredit in Höhe von 500.000 Euro, um das Haus zu erwerben, wie jetzt BILD berichtet.

Vor dem Landtag allerdings leugnete Wulff am 18. Februar 2010 jede geschäftliche Beziehung zu dem Unternehmer, weil er – juristisch korrekt – fein zwischen Ehemann und Ehefrau differenzierte. Politisch allerdings ist diese Differenzierung unzulässig. Es hätte zur Wahrheit gehört, die Gesamtbeziehung aufzudecken. Der Vorwurf der Parlamentstäuschung ist mit dieser Erklärung nicht ausgeräumt.

Nur zwei Wochen nach der Landtagssitzung löste Wulff den Privatkredit durch einen Kredit der baden-württembergischen BW-Bank ab, eine verschwiegenes Institut in einem CDU-regierten Land, das zur baden-württembergischen Landesbank gehört und laut Eigenwerbung “mit besonderem Fokus auf das Mittelstandsgeschäft in Baden-Württemberg tätig ist”. Wenn man sehr kritisch ist, könnte man diese Kreditumschichtung als Eingeständnis werten, dass der Privatkredit einen üblen Beigeschmack hatte.

Und warum lieh sich Wulff nicht von Anfang an das Geld ganz korrekt bei einer niedersächsischen Bank. Fehlten dafür etwa die Sicherheiten? Und wie glaubte er eigentlich, von seinem Ministerpräsidentengehalt (150.00 Euro jährlich), mit dem er zwei Familien finanzieren muss, innerhalb von fünf Jahren 500.000 Euro sparen zu können, um den Privatkredit 2013 abzulösen?

Die Geschichte hat einen üblen Geschmack. Ein Bundespräsident hat eine besondere Vorbildfunktion. Wulff muss sich jetzt prüfen, ob er dieses Vorbild noch sein kann. Aber es geht nicht nur um Wulff, sondern um das ganze Hannover-Biotop. Es wird Zeit, dass dort aufgeräumt wird.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Erbfreundschaft” vom 1. August 2010

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Was darf ein Chefredakteur?

Chefredakteure sind Könige. Ihnen kann kein Verleger oder Vorstandschef Anweisungen geben – schon gar nicht, was den Inhalt betrifft. Einen Chefredakteur kann ein Verleger oder Vorstand nur feuern. Das macht Chefredakteure sehr stark, sofern sie souverän und risikobereit sind. Sie mussen nur die Grundlinie des Blattes beachten und den Etat einhalten.

Ich hatte viele Konflikte in meiner Zeit als Chefredakteur. Einen der schärfsten mit dem Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, der allerdings auch Herausgeber des “Express” und damit mehr als ein Verleger war. Der Konflikt entzündete sich ausgerechnet am Tod des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß.

Nach dessen Tod überschlug sich die Berichterstattung in den deutschen Medien. Täglich Neues aus seinem Leben, vieles beschönigend, unter anderem, was seinen Flug nach Schottland betraf. Besonders in BILD. Und täglich neue Agenturmeldungen über sein mutmaßliches Grab und Begräbnis. Ein Medienrummel, wie es ihn damals selten gab.

Irgendwann hatte ich die Nazi-Nostalgie satt und setzte demonstrativ auf Seite 1 des “Express” die Meldung “Nichts mehr über Heß”, in der ich ankündigte, dass wir uns an der Heß-Berichterstattung nicht länger beteiligen. Eine Meldung, die bei Lesern und in der Politik auf ein riesiges, positives Echo stieß. Nicht allerdings beim Verleger. Er schrie mich am Telefon an, ich hätte meine Kompetenzen überschritten. Es stehe mir nicht zu, die Berichterstattung über ein Thema eigenmächtig zu beenden.

Neven DuMont verlangte eine Entschuldigung. Andernfalls  würde er mich auf der Stelle entlassen. Da ich weder wegen Rudolf Heß meinen Job verlieren, noch dem politisch liberalen Verleger den Skandal meiner Entlassung wegen eines Altnazi-Boykotts zumuten wollte, lenkte ich ein und sagte, ich hätte das vielleicht doch mit ihm absprechen sollen.

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Immer das Gegenteil

Journalisten und Politiker – das ist eine lange Geschichte von Liebe und Hass, von Anbiederung und Verachtung. Für Helmut Schmidt waren Journalisten “Wegelagerer”, für Graf Lambsdorff gelegentlich “Todesschwadrone”, für Helmut Kohl Feinde oder Gefolgsleute.

Auch Gerhard Schröder, für den angeblich nur “BILD, BamS und Glotze” wichtig waren, hatte für manchen Kommentator seriöser Zeitungen nur Verachtung übrig, wenn er nicht seiner Meinung war. So sagte er mir einmal über den bekannten Leitartikler einer süddeutschen Zeitung: “Man muss als Politiker immer das Gegenteil von dem tun, was der schreibt. Dann liegt man richtig”.


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