Sonntag, 16. Dezember 2012, 13:45 Uhr

Wie die Deutsche Bank Anstand vorlebt

Es gibt Unternehmen, die beschäftigen ehemalige Hacker als Sicherheitsbeauftragte für ihre Computersysteme, weil die am besten wissen, wie man ihre Firewalls knackt. Folgt man dieser Logik und der Logik von Roland Berger, der “Berater-Legende” (Bild am Sonntag), dann ist Anshu Jain genau der richtige Chef der Deutschen Bank. Denn, so Berger , “er weiß aus eigenem Erleben, was wo und warum schief gelaufen ist”.

Eine wunderbare Umschreibung dafür, dass Jain und seine Leute für fast alle üblen Geschäfte und Skandale verantwortlich sind, die heute die Deutsche Bank belasten.

Angefangen vom Geschäft mit amerikanischen Ramsch-Hypotheken, mit dem eine Tochter der Deutschen Bank tausende Menschen ins Unglück stürzte, dem Schnüren fauler Kreditpakete, über den Handel mit dubiosen Kreditausfallversicherungen, die Manipulation des Geldmarktsatzes Libor, bis zu dem Milliarden-Steuerbetrug mit Verschmutzungszertifikaten.

Immer waren es Jain und seine Leute. Allein in den USA laufen mehrere Betrugsverfahren. Nur für den finalen Abschuss des Medienunternehmers Leo Kirch, der die Deutsche Bank mindestens eine Milliarde kosten dürfte, kann Jain nichts. Dafür war der  selbstherrliche Rolf Breuer verantwortlich, Vorvorgänger von Jain.

Aber, so Berger, Jain lebe, “geprägt von seiner Religion Leistung, Verantwortlichkeit, Anstand und persönliche Bescheidenheit vor”. Auch sein Co-Vorstandsvorsitzender  Jürgen Fitschen, gegen den jetzt ermittelt wird, “beweist seit Jahrzehnten, dass Bankgeschäft, Moral und Anstand keine Gegensätze sein müssen”.

Deshalb, so Berger, brauche die Deutsche Bank “gerade jetzt das Vertrauen der Deutschen. Sie hat es verdient”. Wirklichkeitsfremder kann eine Einschätzung kaum sein.

Da aber Berger kein dummer Mann ist, kann seine Einlassung nur so interpretiert werden, dass es tatsächlich schlecht um die Deutsche Bank steht und er helfen will, zu retten, was noch zu retten ist.

Was die Deutsche Bank betrifft, kann man das vielleicht noch nachvollziehen, denn sie ist die einzige deutsche Bank von Weltrang. Was aber ihre Vorstandschefs betrifft, ist Bergers Plädoyer völlig unverständlich.

Denn sie sind eindeutig die Falschen an der Spitze. Josef Ackermann, selbst kein Unschuldslamm,  wusste offenbar mehr, als er Jain als Vorstandschef unbedingt verhindern wollte. Hätte der Aufsichtsrat nur auf ihn  gehört.

Nimmt die Deutsche Bank den versprochenen Kulturwandel ernst, dann muss sie einen Neustart versuchen – mit unbelasteten Chefs.

Wenn man alle anderen Bank-Skandale hinzuaddiert, von der Geldwäsche der Bank HSBC für mexikanische Drogenbosse bis zur massiven Beihilfe schweizer Banken für deutsche Steuerbetrüger, dann scheint die SPD mit ihrem ursprünglich geplanten Kampagne gegen die Banken und für eine schärfere Aufsicht und Regulierung gar nicht so falsch zu liegen.

Schade, dass man darüber von Peer Steinbrück kaum noch etwas hört.

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Mittwoch, 24. Oktober 2012, 14:14 Uhr

Ein CSU-Dummkopf und das ZDF

Der Versuch, Medien unter Druck zu setzen, politischen oder wirtschaftlichen Einfluss zu nehmen, Berichte zu platzieren oder zu verhindern, ist so alt wie die Medien selbst. Auch die deutschen Parteien haben immer wieder versucht, die Berichterstattung oder die Auswahl des journalistischen Personals zu beeinflussen.

So wurde Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur von der konservativen Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat aus dem Amt gedrängt, weil er zu kritisch und unabhängig war. Eines Senders übrigens, der gegründet worden war (“Adenauer-Fernsehen”), um ein Gegengewicht zur angeblich linkslastigen ARD zu schaffen.

Ich selbst war mehrfachen Versuchen Helmut Kohls und seines Freundes, des Springer-Anteilseigners Leo Kirch ausgesetzt, mich als Chefreakteur von “Bild am Sonntag” abzulösen. Und der frühere SPD-Sprecher Lothar Schwartz war berüchtigt dafür, unliebsame ZDF-Redakteure telefonisch nachts bis in ihr Haus zu verfolgen, um SPD-kritische Berichte zu verhindern oder sich darüber zu beschweren.

Insofern ist es also nichts Neues, dass der CSU-Sprecher Hans Michael Strepp versucht haben soll, durch einen Anruf bei der “heute”-Redaktion zu verhindern, dass das ZDF in der Hauptnachrichtensendung über die Nominierung von Christian Ude als SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl berichtet.

Das Überraschende daran wäre nur, dass es offenbar immer noch Sprecher und Politiker gibt, die meinen, dass solche Anrufe zum gewünschten Ergebnis führen. Und die glauben, auch noch mit Konsequenzen drohen zu können.

Deshalb ist Strepp zumindest ein dummer Mensch, der nicht kapiert hat, dass die Zeiten eines feudalen und autoritären Verständnisses von Pressefreiheit vorbei sind. Er hätte wissen müssen, dass er sich an den Journalisten um ZDF-Chefredakteur Peter Frey die Zähne ausbeißt.

Allein das ist schon ein Grund, ihn sofort zu feuern. Denn nichts ist schlimmer für eine Partei als ein dummer Pressesprecher – insbesondere vor einer Landtagswahl.

Solange es nur um diesen Strepp geht, ist der Fall ein Skandälchen. Zum Skandal würde der Fall allerdings, wenn ein Politiker aus der CSU, gar der Generalsekretär, dem armen  Tropf gesagt hätte: “Ruf doch mal beim ZDF an. Die sollen das mit dem Ude sein lassen. Das macht nur die schöne Wirkung unseres Parteitages kaputt”.

Dann hätten wir einen handfesten CSU-Skandal. Aber die Gefahr ist gering, dass dies herauskommt. Notfalls gilt immer noch die politische Omerta.

Eine Konsequenz aus solchen Anrufen ist aber überfällig: Die Befreiung der Aufsichtgremien der öffentlich-rechtlichen Sender von Parteipolitikern. Sie haben bei einem Sender nichts verloren. Sie haben erstens keine Ahnung von Presse und Pressefreiheit und zweitens verführt ihre Position nur dazu, diese Macht auch zu mißbrauchen.

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Donnerstag, 09. August 2012, 12:26 Uhr

Ein wahrhaft christlicher Politiker

Es lohnt sich, sich noch einmal mit dem denkwürdigen Interview des bayrischen Finanzministers Markus Söder in “Bild am Sonntag” zu beschäftigen. Unabhängig von seinen politischen Aussagen. Denn man erfährt einiges über das christliche Menschenbild des christlich-sozialen Politikers, dessen Lebensziel das Ministerpräsidentenamt in Bayern ist. Die Auswahl seiner Metaphern ist entlarvend.

Der christliche Söder will Menschen (in diesem Fall den Griechen) “die Zähne zeigen”, an ihnen “ein Exempel statuieren” und ihnen “das Rettungsseil kappen”. So sei das in den Bergen üblich, um das eigene Leben zu retten.

Die Menschenverachtung, die aus diesen Bildern spricht, entlarvt Söder als wenig christlichen Menschen. Denn derjenige, der vom Seil abgeschnitten wird, stürzt in den Tod. Bei politischen Seilschaften in der CSU mag das so üblich sein. Übertragen aufs wahre Leben heißt das aber, das eigene Leben geht immer vor. Darwinismus á la CSU?

Die Kindererzieherin, die dem Jungen in den 25 Meter tiefen Schacht hinterhersprang und dadurch rettete, war in den Augen Söders wahrscheinlich ein Volltrottel. Und der Schriftsteller, der in den reißenden Fluss sprang, um seinen Hund zu retten und dabei selber ertrank, ein Obervolltrottel. Das will Söder natürlich nicht sein. Deshalb statuiert er Exempel und schneidet Menschen vom Seil ab.

Danke für diesen Ausflug in das christliche Welbild eines christlich-sozialen Karrieristen.

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Merkels erster Anruf

Meinen ersten Anruf von Angela Merkel erhielt ich im Frühjahr 1990. Merkel war damals stellvertretende Regierungssprecherin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière, ich war Chefredakteur von “Bild am Sonntag”.

Sie lud mich zu einer Pressekonferenz ihres Chefs ein. Als ich sagte, ich würde einen Redakteur schicken, war sie erstaunt. Die Einladung sei an mich persönlich gerichtet. Meine Erklärung, ein Chefredakteur habe andere Aufgaben, überzeugte sie nicht. Sie war aber schließlich bereit, auch einen normalen Redakteur zuzulassen. Am Ende begnügten wir uns mit der Agenturmeldung.

Heute ist Angela Merkel im Umgang mit der Presse schon lange nicht mehr so naiv. Im Gegenteil: inzwischen scheut sie Pressekonferenzen (außer in Brüssel) und greift immer häufiger zu dem bei Journalisten unbeliebten Mittel des Statements. Auftritt, Abgang, keine Fragen. So wird heute in Berlin immer häufiger kommuniziert, wenn man sich kritische Fragen ersparen will. Und Chefredakteure lädt sie nicht mehr zu Pressekonferenzen, sondern höchstens noch zum vertraulichen Abendessen ein.

P.S. Meine Ankedoten können im vierten Jahr meines Blogs zwangsläufig nur noch unregelmäßig erscheinen.

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Würg!

Dieter Thomas Heck, der unverwüstliche Showmaster, hat, um seine Biografie zu promoten, zum wiederholten Mal enthüllt, wie er beinahe seine erste, alkoholkranke Frau umgebracht hätte. Deshalb heute ausnahmsweise einmal eine völlig unpolitische Anekdote:

Ich war in meiner Zeit als Chefredakteur von “Bild am Sonntag” mit Heck im “Fischereihafen-Restaurant”  in Hamburg zum Abendessen verabredet, wir hatten unsere Frauen dabei. Zwischen dem ersten und zweiten Gang erzählte Heck die Geschichte, wie er seine erste Frau in einem Berliner Hotel würgte und erst in allerletzter Sekunde seine Hände von ihrem Hals nahm.

Er erzählte dies so laut (seine Stimme hat schon auf Flüsterlautstärke geschätzte 100 Dezibel) und so breit dargestellt, dass jeder in dem Lokal seine Schilderung mitbekam. Im vollbesetzten Restaurant erstarben alle Gespräche. Totenstille, man hörte kein Klappern der Bestecke mehr, die Kellner blieben stehen. So viel Live-Show gibt es in dem hanseatisch-feinen Lokal selten. Manch einen aber wird das Essen danach auch ein bisschen gewürgt haben.

Heck beruhigte sich dann wieder mit dem obligatorischen Klaren, den er zwischen jedem Gang zu sich nahm.


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