Montag, 01. Juni 2015, 14:49 Uhr

Der letzte seiner Art

Er war beeindruckend, raumfüllend, großzügig, aber auch selbstverliebt, herrisch und gelegentlich engstirnig. Er ließ seinen Chefredakteuren viel Raum, schränkte ihn aber auch ein, wenn es um seine Position als Herausgeber oder seine persönlichen Interessen und Vorlieben ging.

Er war als Wegbereiter der ersten sozialliberalen Regierung politisch mutig, in Einzelfällen aber auch ängstlich. Er hatte ein schnelles, klares Urteil, aber er ließ sich auch beraten.

Kurzum: er war eine herausragende Persönlichkeit, eine von denen, die es heute in den Medien nicht mehr gibt: ein richtiger Verleger, ein leidenschaftlicher Zeitungsmann. Er gehörte schon lange zu einer aussterbenden Spezies.

Jetzt ist Alfred Neven DuMont gestorben, mit 88 Jahren. Ich hatte die Ehre, meist auch das Vergnügen, als sein Chefredakteur des “Express” von 1983 bis 1989 zu arbeiten.

Mein Anfang war holperig, denn ich kam auf Vorschlag des zweiten, von ihm ungeliebten Familienstammes. Neven schickte seinen Redaktionsbeauftragten zu einem ersten Gespräch – in der Erwartung, dass der Personalvorschlag nur lächerlich sein könne. Der sah das anders und ich bekam die Audienz beim Verleger.

Er testete als erstes meine kölschen Sprachkenntisse: “Was heißt lurens”? Ich antwortete bewusst gekünstelt “Schauen Sie doch einmal her”. Daraufhin war der Sprachtest beendet.

Das Gespräch endete positiv, aber er war immer noch unsicher, ob ihm nicht ein faules Ei ins Nest gelegt werden sollte Deshalb arrangierte er ein Treffen mit Anneliese Friedmann (“Sybille”), der Verlegerin der Münchner Abendzeitung. Als auch sie ihr o.k. gab (“ein Vollblujournalist”), wurde ich eingestellt.

Fast sechs Jahre war ich Alfred Nevens Chefredakteur – und es war insgesamt eine großartige Zeit. Er stockte den Etat auf, ich konnte neue Leute einstellen, er ließ mich machen.

So gelang es, zusammen mit meinen Mitstreitern, aus dem Krawallblatt (“Neger vergewaltigt deutsche Nonne”) eine anerkannte, moderne Boulevardzeitung zu machen. Eine Zeitung, die dem verunglimpften Bundeswehrgeneral Kießling die Ehre rettete, die den geheimen SDI-Vertrag exklusiv veröffentlichte, die schon 1984 mit der Serie “Mein Freund ist Türke” Furore machte.

Der “Express” wurde dank Neven und der Redaktion zu einer politisch beachteten Stimme. Und es gelang dem “Express”, die “Bild-Zeitung” regelmäßig regional und immer häufiger auch überregional zu übertrumpfen. Dies wurde von der Lesern mit 450.000 verkauften Exemplaren belohnt.

Aber natürlich gab es auch Streit, wenn ich ihn den Interessenraum von Neven eindrang, vornehmlich die städtische Kultur. So war der Leiter der Kölner Philharmonie, Franz Xaver Ohnesorg, für Kritik tabu. Und ängstlich konnte Neven auch sein. Als wir auf acht Seiten den kompletten SDI-Vertrag druckten, nahm er mir vorher die Zusicherung ab, dass ich mit meinem Job für die Konsequenzen gerade stehe.

Den größten Krach gab es, als ich – angewidert von dem Rummel um den verstorbenen Nazi Rudolf Heß – in der Zeitung ankündigte: “Nichts mehr über Heß”. Da wollte er mich in einem lautstarken Telefonat feuern, nicht wegen des Nazis, sondern weil ich damit meine Kompetenzen überschritten hätte. Und noch schlimmer: seine als Herausgeber eingeschränkt.

Die skurrilste Erinnerung betrifft gar nicht mich selbst. Es ging um meinen Kollegen Haug von Kuenheim vom “Kölner Stadtanzeiger”. Neven fragte ihn nach einer Rede, die er als Verleger auf einem Sportfest gehalten hatte: “Wir war meine Rede?”. Kuenheim antwortete: “Gut, aber das Jackett war etwas schrill”. Und er schickte ihm am nächsten Morgen noch den Katolog eines Hamburger Herrenausstatters ins Büro.

Das war der Anfang vom Ende von Kuenheims Karriere in Köln. Das Jackett war übrigens wie manches, was Neven trug, wirklich schrill.

Eine andere heftige Auseinandersetzung betraf ein eigentlich ein harmloses Thema. Ich führte beim “Express” eine Restaurantkritik ein. Der erste Test betraf eine Kölner Institution, die “Bastei” von Jochen Blatzheim. Ein Totalverriss. Blatzheim erfuhr dies vorab von einem illoyalen Redakteur und drohte, alle Anzeigen zu stornieren. Es kam zum Gespräch mit Neven und dem Verlagsleiter, der diesen Artikel unbedingt verhindern wollte. Als ich darauf bestand, weil wir sonst zum Gespött der ganzen Stadt geworden wären, schlug sich Neven auf meine Seite.

Später, nachdem ich zu “Bild am Sonntag” gewechselt hatte, traf ich Neven immer mal wieder, sei es in seiner Finca auf Mallorca (mit beeindruckenden Arbeiten von Armand in der Scheune), oder auf dem Kölner Presseball.

Zu einem Ball, als ich schon BamS-Chef war, lud er meine Frau und mich an seinen Tisch ein. Die Einladung hatte er sehr massiv, fast nötigend ausgesprochen. Als wir in den Ballsaal kamen, wurden wir von einem Adlatus an einen anderen Tisch geleitet, mit dem Hinweis, Neven habe sich das anders überlegt, damit keine Gerede aufkomme. Wir ignorierten an dem Abend sein gutsherrliches Herbeiwinken, bis er von sich aus zu uns kam und uns begrüßte.

Ein anderes Mal wollte er mich wieder einstellen – erneut als Chefredakteur des “Express”. Das war für mich nicht attraktiv. Deshalb sagte ich, ich wäre nur interessiert, wenn ich als Verantwortlicher für alle Zeitungen und als Vorstandsmitglied zurückkäme. Das wollte Neven nicht. Das sei Aufgabe der Familie. Ein Urteil, das er im Fall seines Sohnes Konstantin später schmerzlich revidieren musste.

Aus diesen Anekdoten ergibt sich hoffentlich das richtige Bild: ich mochte diesen außergewöhnlichen Mann. Er war ein richtiger Verleger, kein Flanellmännchen. Der letzte seiner Art.

 

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Sonntag, 14. September 2014, 21:32 Uhr

Lechts und rinks

Die letzten beide Tage hatten die Wahlkämpfe in Thüringen und Brandenburg doch noch ein bisschen Fahrt aufgenommen.

Angela Merkel warnte davor, dass mit dem linken Spitzenkandidaten Bodo Ramelow der vor 131 Jahren verstorbene Karl Marx in die Thüringer Staatskanzlei einziehen würde, und die “Bild am Sonntag” verwandelte eine Vorlage der “heute-show” in eine massiven Schlagzeile gegen AfD-Chef Bernd Lucke (“AfD-Chef lobt die DDR”).

Die Zeitung präsentierte ihn auf Seite 1 mit DDR-Offiziersmütze, weil er – selten geschichtsvergessen – die innere Sicherheit in der Stasi-DDR gelobt hatte. Ganz korrekt zitiert, was es nicht besser macht: Lucke hatte Verständnis dafür geäußert, wenn ehemalige DDR-Bürger meinen, in der DDR sei die innere Sicherheit besser gewesen als in Westdeutschland.

Daraus kann man auf jeden Fall schließen, dass  nach der Wiedervereinigung der Verstand an deutsche Professoren sehr unterschiedlich verteilt wurde. Aber echte Rechtspopulisten fischen, wenn die Themen zusammnpassen, auch links im Trüben. Hierbei dürfte die Seite 1 der “Bild am Sonntag” eher als AfD-Wahlplakat gewirkt haben. Die Wählerwanderung von links nach rechts weist darauf hin.

Das war ohnehin das Interessanteste an den drei Wahlkämpfen im Osten, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit sich die “Alternative für Deutschland” von einer Ein-Themen-Partei gegen den Euro in eine zweistellige rechtspopulistische  Protestpartei verwandelt hat, die Wähler aus allen Parteien abzieht – links wie rechts. Dieser Kurswechsel hat sich bei allen drei Wahlen ausgezahlt. Auch deshalb, weil ihre Sympathisanten motivierter und wahlfreudiger sind als die der etablierten Parteien.

Und das wird die entscheidende Fage der nächsten Monate und Jahre: Gehen alle Funktionäre und Mitglieder diesen Weg mit oder zerbricht die AfD daran? Wenn nicht, dann sind die Chancen gut, dass die AfD das Parteiensystem tatsächlich aufmischt. Das Jahr 2016 wird den entscheidenden Hinweis für die Bundestagswahl 2017 geben, wenn in vier Flächenstaaten und in Berlin gewählt wird.

Ansonsten bleibt in Brandenburg voraussichtlich alles beim Alten und In Thüringen werden wahrscheinlich weder Karl Marx noch Bodo Ramelow in die Staatskanzlei einziehen. Die SPD wurde dafür massiv abgestraft, dass sie entgegen den Wünschen ihrer Wähler die Tür zur “Linken” öffnete. Daraus kann man schließen, dass sie – mit sanftem Druck der Bundes-SPD – die Zusammenarbeit mit der CDU fortsetzt, statt sich, sollte es am Ende des Wahltages beim 45:45 bleiben, auf ein fragiles rot-rot-grünes Bündnis einzulassen.

P.S. Wie schrieb schon Ernst Jandl so treffend? “Lechts und rinks kann man nicht velwechsern”.

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Native Advertising – ein Missbrauch

Die Erlöskrise der Print- und Onlinemedien führt zu Verzweiflungstaten, die an die Selbstabschaffung grenzen. Immer häufiger taucht sogenanntes “Native Advertising” auf, also Artikel, die wie redaktionelle Texte aussehen und nur ganz klein als “Werbung” oder “Sponsored Post” gekennzeichnet sind.

Früher nannte man das Schleichwerbung oder Irreführung, wenn redaktionelle Kompetenz und Glaubwürdigkeit für Werbezwecke missbraucht wurden. Heute wird diese Verwischung von Redaktion und Werbung als Wundermittel gepriesen, um Werbeerlöse zu generieren. Burda hat dafür sogar eine Tochtergesellschaft, die Werbekunden bei diesem Missbrauch berät.

Redaktionell gestaltete Anzeigen hat es auch schon früher gegeben. Ich habe mich immer konsequent dagegen gestellt. In “Bild am Sonntag” inserierte ein Hersteller von Knoblauchpillen im Umfeld des Medizinteils – mit Anzeigen, die wie redaktioneller Text aussahen. Als sich dies trotz mehrfacher Aufforderungen nicht änderte, griff ich zum letzten Mittel: ich warf kurz vor dem Druck der Zeitung die Anzeige aus dem Blatt.

Weil ich damit meine Kompetenzen überschritten hatte, gab es heftige Auseinndersetzungen mit dem Verlag. Es kam zu einem Spitzengespräch mit Verlag und Knoblauchhersteller – mit dem Ergebnis, das die Anzeige umgestaltet wurde. Ich befürchte, heute würde nicht die Anzeige, sondern der Chefredakteur rausgeworfen.

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Sonntag, 16. Dezember 2012, 13:45 Uhr

Wie die Deutsche Bank Anstand vorlebt

Es gibt Unternehmen, die beschäftigen ehemalige Hacker als Sicherheitsbeauftragte für ihre Computersysteme, weil die am besten wissen, wie man ihre Firewalls knackt. Folgt man dieser Logik und der Logik von Roland Berger, der “Berater-Legende” (Bild am Sonntag), dann ist Anshu Jain genau der richtige Chef der Deutschen Bank. Denn, so Berger , “er weiß aus eigenem Erleben, was wo und warum schief gelaufen ist”.

Eine wunderbare Umschreibung dafür, dass Jain und seine Leute für fast alle üblen Geschäfte und Skandale verantwortlich sind, die heute die Deutsche Bank belasten.

Angefangen vom Geschäft mit amerikanischen Ramsch-Hypotheken, mit dem eine Tochter der Deutschen Bank tausende Menschen ins Unglück stürzte, dem Schnüren fauler Kreditpakete, über den Handel mit dubiosen Kreditausfallversicherungen, die Manipulation des Geldmarktsatzes Libor, bis zu dem Milliarden-Steuerbetrug mit Verschmutzungszertifikaten.

Immer waren es Jain und seine Leute. Allein in den USA laufen mehrere Betrugsverfahren. Nur für den finalen Abschuss des Medienunternehmers Leo Kirch, der die Deutsche Bank mindestens eine Milliarde kosten dürfte, kann Jain nichts. Dafür war der  selbstherrliche Rolf Breuer verantwortlich, Vorvorgänger von Jain.

Aber, so Berger, Jain lebe, “geprägt von seiner Religion Leistung, Verantwortlichkeit, Anstand und persönliche Bescheidenheit vor”. Auch sein Co-Vorstandsvorsitzender  Jürgen Fitschen, gegen den jetzt ermittelt wird, “beweist seit Jahrzehnten, dass Bankgeschäft, Moral und Anstand keine Gegensätze sein müssen”.

Deshalb, so Berger, brauche die Deutsche Bank “gerade jetzt das Vertrauen der Deutschen. Sie hat es verdient”. Wirklichkeitsfremder kann eine Einschätzung kaum sein.

Da aber Berger kein dummer Mann ist, kann seine Einlassung nur so interpretiert werden, dass es tatsächlich schlecht um die Deutsche Bank steht und er helfen will, zu retten, was noch zu retten ist.

Was die Deutsche Bank betrifft, kann man das vielleicht noch nachvollziehen, denn sie ist die einzige deutsche Bank von Weltrang. Was aber ihre Vorstandschefs betrifft, ist Bergers Plädoyer völlig unverständlich.

Denn sie sind eindeutig die Falschen an der Spitze. Josef Ackermann, selbst kein Unschuldslamm,  wusste offenbar mehr, als er Jain als Vorstandschef unbedingt verhindern wollte. Hätte der Aufsichtsrat nur auf ihn  gehört.

Nimmt die Deutsche Bank den versprochenen Kulturwandel ernst, dann muss sie einen Neustart versuchen – mit unbelasteten Chefs.

Wenn man alle anderen Bank-Skandale hinzuaddiert, von der Geldwäsche der Bank HSBC für mexikanische Drogenbosse bis zur massiven Beihilfe schweizer Banken für deutsche Steuerbetrüger, dann scheint die SPD mit ihrem ursprünglich geplanten Kampagne gegen die Banken und für eine schärfere Aufsicht und Regulierung gar nicht so falsch zu liegen.

Schade, dass man darüber von Peer Steinbrück kaum noch etwas hört.

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Mittwoch, 24. Oktober 2012, 14:14 Uhr

Ein CSU-Dummkopf und das ZDF

Der Versuch, Medien unter Druck zu setzen, politischen oder wirtschaftlichen Einfluss zu nehmen, Berichte zu platzieren oder zu verhindern, ist so alt wie die Medien selbst. Auch die deutschen Parteien haben immer wieder versucht, die Berichterstattung oder die Auswahl des journalistischen Personals zu beeinflussen.

So wurde Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur von der konservativen Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat aus dem Amt gedrängt, weil er zu kritisch und unabhängig war. Eines Senders übrigens, der gegründet worden war (“Adenauer-Fernsehen”), um ein Gegengewicht zur angeblich linkslastigen ARD zu schaffen.

Ich selbst war mehrfachen Versuchen Helmut Kohls und seines Freundes, des Springer-Anteilseigners Leo Kirch ausgesetzt, mich als Chefreakteur von “Bild am Sonntag” abzulösen. Und der frühere SPD-Sprecher Lothar Schwartz war berüchtigt dafür, unliebsame ZDF-Redakteure telefonisch nachts bis in ihr Haus zu verfolgen, um SPD-kritische Berichte zu verhindern oder sich darüber zu beschweren.

Insofern ist es also nichts Neues, dass der CSU-Sprecher Hans Michael Strepp versucht haben soll, durch einen Anruf bei der “heute”-Redaktion zu verhindern, dass das ZDF in der Hauptnachrichtensendung über die Nominierung von Christian Ude als SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl berichtet.

Das Überraschende daran wäre nur, dass es offenbar immer noch Sprecher und Politiker gibt, die meinen, dass solche Anrufe zum gewünschten Ergebnis führen. Und die glauben, auch noch mit Konsequenzen drohen zu können.

Deshalb ist Strepp zumindest ein dummer Mensch, der nicht kapiert hat, dass die Zeiten eines feudalen und autoritären Verständnisses von Pressefreiheit vorbei sind. Er hätte wissen müssen, dass er sich an den Journalisten um ZDF-Chefredakteur Peter Frey die Zähne ausbeißt.

Allein das ist schon ein Grund, ihn sofort zu feuern. Denn nichts ist schlimmer für eine Partei als ein dummer Pressesprecher – insbesondere vor einer Landtagswahl.

Solange es nur um diesen Strepp geht, ist der Fall ein Skandälchen. Zum Skandal würde der Fall allerdings, wenn ein Politiker aus der CSU, gar der Generalsekretär, dem armen  Tropf gesagt hätte: “Ruf doch mal beim ZDF an. Die sollen das mit dem Ude sein lassen. Das macht nur die schöne Wirkung unseres Parteitages kaputt”.

Dann hätten wir einen handfesten CSU-Skandal. Aber die Gefahr ist gering, dass dies herauskommt. Notfalls gilt immer noch die politische Omerta.

Eine Konsequenz aus solchen Anrufen ist aber überfällig: Die Befreiung der Aufsichtgremien der öffentlich-rechtlichen Sender von Parteipolitikern. Sie haben bei einem Sender nichts verloren. Sie haben erstens keine Ahnung von Presse und Pressefreiheit und zweitens verführt ihre Position nur dazu, diese Macht auch zu mißbrauchen.


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