Dienstag, 23. August 2011, 13:40 Uhr

Parasitäre Werbung

Mit Sympathie verfolge ich die Aktion der “taz”, auf Sportlerfotos alle Werbelogos zu pixeln, also unkenntlich zu machen. Die “taz” will sich nicht länger von den Vereinen und ihren Sponsoren instrumentalisieren lassen und kostenlos Werbung veröffentlichen. Gut gebrüllt, kleiner Löwe.

Die Werbelogos auf  Vereinstrikots und Sportlerkleidung, die häufig die Bildinformation erschlagen, sind wirklich ein Ärgernis. Jeder drittklassige Boxer oder angegraute ehemalige Formel-1-Champion hält seine Werbemütze in die Kameras oder kommt mit logobesticktem Hemdkragen zum Interview.

Den Zeitungen bleibt gar nichts anderes übrig, diese parasitäre Werbung mitzudrucken, wenn sie auf die Bilder nicht verzichten wollen. Beim Fernsehen gibt es keinerlei Widerstand, im Gegenteil: es gibt eine Werbekomplizenschaft. In den (leider nie veröffentlichten) Verträgen der ARD mit der Bundesliga sind die Kameraeinstellungen auf die Werbe-Logos schon lange vorgeschrieben..

Einmal ist auch mir der Kragen geplatzt – zu meiner Zeit bei “Bild am Sonntag”. Als mir ein Redakteur die Sonderbeilage zur kommenden Bundesliga-Saison vorlegte, waren auf den offiziellen Manschaftsfotos kaum noch die Köpfe der Spieler zu erkennen, weil die Bildfläche mit Werbekoffern und -bannern zugemüllt war.

Deshalb ließ ich alle Werbebanner, sofern es vom Fotoschnitt machbar war, abschneiden und die Logos auf den vielen Koffern im Vordergrund entfernen. Nur die Trikots ließ ich unangetastet, weil sie (leider) Teil der Klubidentität sind und weil ich das albern gefunden hätte.

Diese Aktion erregte verständlicherweise großes Aufsehen, denn die BamS mit damals mehr als 2,5 Millionen Auflage war für die Sportindustrie und die Werbewirtschaft ein anders Kaliber als die “taz”. Dennoch blieb es eine einmalige Aktion. Im folgenden Jahr wurde der BamS vertraglich verboten, die Mannschaftsfotos zu drucken, wenn sie verändert werden. Die Alternative wäre gewesen, auf die Bundesligabeilage zu verzichten. Damit war mein kleiner Aufstand zusammengebrochen.

Der “taz” wird es leider genauso gehen. Und: Will sie künftig auch bei Parteitagen so konsequent sein und die Slogans an den Mikrofonen und Rednerpulten pixeln?

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Freitag, 15. Juli 2011, 13:26 Uhr

Kirch und Kohl – so funktioniert Machtpolitik

Die Nachrufe sind geschrieben. Einige sind ehrlich, einige freundlich verlogen – dem römischen Motto folgend: “De mortuis nihil nisi bene” (Über Tote nur Gutes). Einer ist enlarvend, der von Helmut Kohl in BILD für seinen alten Freund und Kampfgefährten. Kohl schreibt darin: “Leo Kirch hat … in der Medienlandschaft unerreichte Maßstäbe gesetzt”. Das stimmt. Und hoffentlich erreicht sie auch keiner mehr.

Von einem Fall, in dem er Maßstäbe setzen und durchsetzen wollte, möchte ich hier berichten. Nicht deshalb, weil ich darin eine unfreiwillige Hauptrolle spiele, sondern weil der Fall beispielhaft ist für das Zusammenspiel von Politik und Medienmacht, von Kanzler und Medienmogul. Und ein Beispiel, wie Machtpolitik funktioniert – oder auch nicht.

“Leo Kirch, der Unsichtbare” überschrieb “Die Zeit” ihren Nachruf. Unsichtbar war der 40,1-Prozent-Großaktionär Kirch auch für mich als Chefredaklteur der “Bild am Sonntag”. Ich kannte ihn nicht, aber er kannte mich. Zum ersten Mal wurde ich auffällig, als “Bild am Sonntag” mit einer harten TV-Kritik an der von Kirch produzierten Talkshow “no sports” angeblich einen Zwei-Millionen-Sponsor vergraulte, was mir der damalige Springer-Vorstandsvorsitzende nach Kirchs Beschwerde  lautstark vorhielt.

Später war ich  auffällig, weil sich die BamS unter meiner Führung weigerte, sich in Kirchs Vermarktungskonzept einzufügen, das die Springerblätter als unkritische Werbeträger für Kirchs Sender vorsah. Stattdessen behandelten wir SAT1 wie alle anderen Sender auch und kritisierten, was zu kritisieren war.

Kirch – der Unsichtbare. Auch als Kirch zum ersten Mal meine Abberufung forderte, bekam ich ihn nicht zu Gesicht – im Gegensatz zu anderen Springer-Chefredakteuren, die nach München wallfahrten. Kirchianer – so wie der Kanzler Kohlianer um sich scharte. Manche waren beides und sind es bis zum Tode des Partriarchen geblieben.

Den Zorn zur Höchsttemperatur brachte die Haltung der BamS in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Sie war, wie viele andere Blätter auch, der Meinung, Kohls Zenit sei überschritten, seine politische Kraft erschöpft. In einem Kommentar empfahl ich der CDU, 1998 statt mit Kohl mit Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidaten anzutreten, um zu versuchen, die massive Wechselstimmung der Wähler auf die eigenen Mühlen zu leiten.

Dass ich dann auch noch Sympathie für den aufstrebenden SPD-Politiker Gerhard Schröder erkennen ließ, brachte für Kohl und Kirch das Fass wohl zum überlaufen. Wie mir ein Springer-Vorstand später berichtete, wurde Kirchs Forderung, mich endlich abzulösen, zum “running gag” der Aufsichtsrats- und Vorstandssitzungen.

Im Herbst 1997 rief mich ein Teilnehmer einer CSU-Klausurtagung mit Helmut Kohl an und berichtete, dass Kohl dort im kleinen Kreis gesagt habe, für die Wahl 1998 gebe es zwei Probleme: die ARD und Springer. Bei der ARD könne er nichts machen, aber “das Problem Springer werde ich lösen”.

Dies teilte ich dem damaligen Springer-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Richter schriftlich mit und fügte hinzu, der Zeuge habe Kohls Ankündigung so verstanden, dass es um meinen und Richters Kopf gehe. Denn auch Richter war bei Kirch und Kohl in Ungnade gefallen, weil er sich vehement gegen Kirchs Machtanspruch bei Springer und Kohls Instrumentalisierungsanspruch gegenüber den Springer-Medien stemmte.

Wenige Tage später rief mich ein Spitzenpolitiker der schwarz-gelben Koalition an und sagte mir, ich müsse vorsichtig sein und mich warm anziehen. Kohl haben in der Koalitionsrunde im Kanzleramt angekündigt, er werde bei Springer “aufräumen” und dabei sei auch mein Name gefallen. So gewarnt, konnte ich Vorkehrungen treffen. Mein Ehrgeiz war geweckt, den Machtkampf anzunehmen.

Wenige Wochen später rief mich der Politiker erneut an und sagte: “Ich würde jetzt einen Anwalt einschalten”. Kohl habe im Koalitionsgepräch triumphierend gesagt, dass  in der Sache Springer jetzt die Entscheidungen fallen.

Wie durch Zufall erschien drei Tage vor Weihnachten 1997 im “Manager-Magazin” eine Geschichte, in der die Machenschaften von Kirch und Kohl enthüllt wurden.  Meine, wie mir später ein Springer-Vorstandsmitglied sagte, für den Tag vor Heiligabend geplante Abberufung wurde abgesagt.

Richter allerdings musste zum 31.12.1997 gehen. Von ihm verabschiedete sich außer mir nur der damalige Chefredakteur des “Hamburger Abendblatts”. Ich blieb über Kohls Amtszeit hinaus Chefredakteur, bis ich am 13. Oktober 2000 vom Ex-Murdoch-Manager Gus Fischer tatsächlich gefeuert wurde. Aber das war gewissermaßen schon in der Nachspielzeit.

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Kohlianer (2)

Einmal ließ sich Helmut Kohl doch noch herab, “Bild am Sonntag” ein Interview zu geben. 12 Millionen Leser waren ein starkes Argument. Kurz vor dem Interview rief Kohls Medienberater Eduard Ackermann bei dem BamS-Politikchef an und sagte, Kohl sei nur bereit, den Interviewtermin einzuhalten, wenn ich nicht daran teilnehme.

Kohl wollte bestimmen, wer das Interview führt. Eine Forderung, die keine Zeitung mit Rückgrat erfüllen kann. Also ließ ich dem Bundeskanzler ausrichten, das Interview finde entweder mit mir statt oder gar nicht.

Das Interview fand statt, wenn auch in eisiger Atmosphäre.

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Kohlianer

Von Helmut Kohl ist bekannt, dass er nur zwei Sorten von Menschen kannte: diejenigen, die für ihn, und diejenigen, die gegen ihn waren. So teilte er auch Journalisten ein. Sein Verhältnis zur Pressefreiheit war ein rein instrumentelles: ein guter Journalist war derjenige, der sich von ihm instrumentalisieren ließ. Wer – wie ich – ihm mit einer gewissen Grundsympathie gegenüberstand, wurde schnell als “Kohlianer” vereinnahmt, der ihm bedingungslos zu folgen hatte.

Weil ich bei BILD war und mit ihm einen vertrauensvollen Umgang in seiner Zeit als Oppositionsführer pflegte, glaubte er offenbar, ich sei “einer von uns”. Er missverstand dabei, dass Journalisten mit machtlosen Oppositionspolitikern – zumindest damals – immer ein bisschen freundlicher umgehen als mit verantwortlichen Regierungspolitikern.

So kam es, dass er nach einem Interview kurz vor der Bundestagswahl 1983 seinen Regierungssprecher Peter Boenisch und seinen Medienberater Eduard Ackermann aus dem Kanzlerzimmer schickte, um mit mir unter vier Augen zu sprechen. Ich stand damals kurz vor dem Wechsel in die Chefredaktion des Kölner “Express”. Kohl fragte mich freundlich über den Wechsel aus und bot mir an, auch künftig immer für mich erreichbar zu sein.

Als ich mich aber wie ein normaler Journalist verhielt und der “Express” seine Regierungspolitik deutlich kritisierte (insbesondere in der Kießling-Affäre), war’s mit der “Freundschaft” vorbei. Während der ganzen “Express”-Zeit (bis 1989) wurden Interviewanfragen nicht einmal beantwortet – auch nicht von Boenisch und Ackermann. Ich war halt doch “keiner von uns”. Und auch zu meiner BamS-Zeit stand ich auf seiner Feindesliste. Ich hatte die Bewährungsprobe als “Kohlianer” nicht bestanden.

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Mittwoch, 16. Februar 2011, 12:54 Uhr

Zwei Jahre sprengsatz

Heute feiert mein sprengsatz ein kleines Jubiläum: mein Blog wird zwei Jahre alt. Am 16. Februar 2009 wurde er freigeschaltet. Ich weiss, zwei Jahre sind nicht viel, aber es gibt den sprengsatz  jetzt schon länger als manches von Konzernen mit Millionenaufwand gestartetes Zeitschriftenprojekt. In dieser Zeit habe ich 370 Artikel geschrieben, 104 davon Anekdoten.

Und zum Jubiläum gibt es auch einen neuen Besucherrekord: im Januar waren es mehr als 96.000 Besucher, hinzu kommen noch mehr als 97.000 Feeds der mehreren tausend Abonnenten – insgesamt also fast 200.000 Besucher. Ich danke allen Lesern für Ihr Interesse und auch den vielen Blogs, Websites, Twitterern und Facebook-Mitgliedern für ihre Empfehlungen und Verlinkungen.

Stolz bin ich darauf, dass der sprengsatz auch zum Forum der politischen Diskussion geworden ist: 2.578 Kommentierer mit 8.852 Kommentaren zeugen davon. Sie und die Leser haben den sprengsatz zu einem anerkannten Blog gemacht.

Die meistkommentierten Artikel sind “Merkels Zigeuner” (155), “Die Zyniker und Stuttgart 21″ (102), “Verlogener Integrationsgipfel” (105), “Der Anti-Menschenwürde-Sender” (95) und “Bekenntnis zu Sarrazin” (90). Der meistgelesene Beitrag  (“Merkels Zigeuner) wurde bis heute fast 25.000 mal angeklickt.

Unter den Kommentaren sind natürlich auch einige, die mich beschimpfen. Darüber will ich mich nicht beschweren. Das gehört dazu. Die einen glauben, ich könne als ehemaliger Springer-Journalist einfach nicht aus meiner Haut, die anderen unterstellen mir, ich wolle mich links anbiedern und mich so von meiner Vergangenheit weißwaschen.

Weder das eine noch das andere stimmt: ich bin einfach ein unabhängiger Journalist, der seine Analysen und seine Meinung schreibt – unabhängig von Partei- oder Lagerinteressen. Ich gehöre keiner Partei an und bemühe mich, gegenüber allen Politikern und Parteien gleichermaßen kritisch zu sein. So habe ich mich übrigens auch schon als Chefredakteur der “Bild am Sonntag” verhalten.

Ich danke für das Interesse an meiner” One-Man-Show” und hoffe, den Erwartungen auch künftig gerecht zu werden.


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