Kohlianer

Von Helmut Kohl ist bekannt, dass er nur zwei Sorten von Menschen kannte: diejenigen, die für ihn, und diejenigen, die gegen ihn waren. So teilte er auch Journalisten ein. Sein Verhältnis zur Pressefreiheit war ein rein instrumentelles: ein guter Journalist war derjenige, der sich von ihm instrumentalisieren ließ. Wer – wie ich – ihm mit einer gewissen Grundsympathie gegenüberstand, wurde schnell als “Kohlianer” vereinnahmt, der ihm bedingungslos zu folgen hatte.

Weil ich bei BILD war und mit ihm einen vertrauensvollen Umgang in seiner Zeit als Oppositionsführer pflegte, glaubte er offenbar, ich sei “einer von uns”. Er missverstand dabei, dass Journalisten mit machtlosen Oppositionspolitikern – zumindest damals – immer ein bisschen freundlicher umgehen als mit verantwortlichen Regierungspolitikern.

So kam es, dass er nach einem Interview kurz vor der Bundestagswahl 1983 seinen Regierungssprecher Peter Boenisch und seinen Medienberater Eduard Ackermann aus dem Kanzlerzimmer schickte, um mit mir unter vier Augen zu sprechen. Ich stand damals kurz vor dem Wechsel in die Chefredaktion des Kölner “Express”. Kohl fragte mich freundlich über den Wechsel aus und bot mir an, auch künftig immer für mich erreichbar zu sein.

Als ich mich aber wie ein normaler Journalist verhielt und der “Express” seine Regierungspolitik deutlich kritisierte (insbesondere in der Kießling-Affäre), war’s mit der “Freundschaft” vorbei. Während der ganzen “Express”-Zeit (bis 1989) wurden Interviewanfragen nicht einmal beantwortet – auch nicht von Boenisch und Ackermann. Ich war halt doch “keiner von uns”. Und auch zu meiner BamS-Zeit stand ich auf seiner Feindesliste. Ich hatte die Bewährungsprobe als “Kohlianer” nicht bestanden.

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Mittwoch, 16. Februar 2011, 12:54 Uhr

Zwei Jahre sprengsatz

Heute feiert mein sprengsatz ein kleines Jubiläum: mein Blog wird zwei Jahre alt. Am 16. Februar 2009 wurde er freigeschaltet. Ich weiss, zwei Jahre sind nicht viel, aber es gibt den sprengsatz  jetzt schon länger als manches von Konzernen mit Millionenaufwand gestartetes Zeitschriftenprojekt. In dieser Zeit habe ich 370 Artikel geschrieben, 104 davon Anekdoten.

Und zum Jubiläum gibt es auch einen neuen Besucherrekord: im Januar waren es mehr als 96.000 Besucher, hinzu kommen noch mehr als 97.000 Feeds der mehreren tausend Abonnenten – insgesamt also fast 200.000 Besucher. Ich danke allen Lesern für Ihr Interesse und auch den vielen Blogs, Websites, Twitterern und Facebook-Mitgliedern für ihre Empfehlungen und Verlinkungen.

Stolz bin ich darauf, dass der sprengsatz auch zum Forum der politischen Diskussion geworden ist: 2.578 Kommentierer mit 8.852 Kommentaren zeugen davon. Sie und die Leser haben den sprengsatz zu einem anerkannten Blog gemacht.

Die meistkommentierten Artikel sind “Merkels Zigeuner” (155), “Die Zyniker und Stuttgart 21″ (102), “Verlogener Integrationsgipfel” (105), “Der Anti-Menschenwürde-Sender” (95) und “Bekenntnis zu Sarrazin” (90). Der meistgelesene Beitrag  (“Merkels Zigeuner) wurde bis heute fast 25.000 mal angeklickt.

Unter den Kommentaren sind natürlich auch einige, die mich beschimpfen. Darüber will ich mich nicht beschweren. Das gehört dazu. Die einen glauben, ich könne als ehemaliger Springer-Journalist einfach nicht aus meiner Haut, die anderen unterstellen mir, ich wolle mich links anbiedern und mich so von meiner Vergangenheit weißwaschen.

Weder das eine noch das andere stimmt: ich bin einfach ein unabhängiger Journalist, der seine Analysen und seine Meinung schreibt – unabhängig von Partei- oder Lagerinteressen. Ich gehöre keiner Partei an und bemühe mich, gegenüber allen Politikern und Parteien gleichermaßen kritisch zu sein. So habe ich mich übrigens auch schon als Chefredakteur der “Bild am Sonntag” verhalten.

Ich danke für das Interesse an meiner” One-Man-Show” und hoffe, den Erwartungen auch künftig gerecht zu werden.

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5.000 Dollar für Gorbi

In der Schlussphase Michail Gorbatschows und des Sowjetreiches nahm die Korruption  explosionsartig zu. So war auch 1990 das Angebot eines ehemaligen Bonner Korrespondenten der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti in Bonn nicht ungewöhnlich, “Bild am Sonntag”  für 5.000 Dollar ein Interview mit dem Kreml-Chef vermitteln zu können. Ich flog mit einem Kollegen nach Moskau, die VIP-Durchschleusung am Flughafen sprach für den Einfluss des Mannes. Wir wurden im Gästehotel der KPdSU untergebracht, in dem es – damals ungewöhnlich -  Gurken und Tomaten zum Frühstück gab, und gingen abends ins erste private Restaurant in Moskau.

Am nächsten Tag sollte das Gorbatschow-Interview stattfinden. Kurz zuvor kam der Nowosti-Mann, der wegen des drastischen Devisenmagels in die Heimat zurückgerufen worden war, und sagte, er bräuchte noch 2.500 Dollar für Gorbatschows engsten Berater Wadim Walantinowitsch Sagladin. Wir kratzten unser letztes Geld zusammen und fuhren gemeinsam in den Kreml. Dort ging’s zügig in Allerheiligste, in den Trakt, in dem Gorbatschow residierte -  in endlosen Gängen vorbei an den in Glasvitrinen ausgestellten kitschigen Geschenken ausländischer kommunistischer Bruderparteien.

Der Nowosti-Mann sprach erst einmal unter vier Augen mit Sagladin, dessen Büro direkt neben dem Gorbatschows lag, dann wurden wir hinzugebeten. Wir führten mit Sagladin ein durchaus spannendes Hintergrundgespräch über die Lage in der Sowjetunion, allerdings vertröstete er uns mit dem Gorbatschow-Interview auf den nächsten Tag. Am nächsten Morgen bekamen wir mitgeteilt, das der Kreml-Chef leider plötzlich andere Termine habe. Aus dem Interview wurde nichts, die 7.500 Dollar waren futsch. Aber immerhin vermittelte der Nowosti-Mann noch ein Interview mit Eduard Schewardnadse, dem gerade zurückgetretenen Außenminister, der damals im Gespräch für den UN-Vorsitz war.

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Schmutzkampagne der BamS

Im Februar 1983 startete die “Bild am Sonntag” eine Schmutzkampagne gegen den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Hans Jochen Vogel. Die Zeitung “enthüllte” auf Seite 1 die “NS-Vergangenheit des Kanzlerkandidaten Dr.Vogel”. Er sei “ehemaliger NS-Kulturbeauftragter”. Schnell stellte sich heraus, dass die angebliche NS-Vergangenheit des SPD-Politikers daraus bestand, dass er mit 16 Scharführer der Hitlerjugend war. Gesteuert wurde die sogenannte Enthüllung direkt aus dem Büro Axel Springers in Berlin, hilfswillig aufgegriffen vom damaligen Chefredakteur Ewald Struwe.

Ich war zu dieser Zeit Büroleiter von BILD in Bonn und damit auch für die Hauptstadtberichterstattung der BamS zuständig. Direkt nach Erscheinen protestierte ich öffentlich (in einer Erklärung gegenüber dpa) gegen die ”Schmutzkampagne, die an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten ist”. Die übrigen BILD- und BamS-Redakteure warteten ab, weil sie – im Gegensatz zu mir - nicht schon einen neuen Arbeitgeber (“Express”) in Aussicht hatten. Dann aber raffte sich die Redaktion auf und 125 BILD-Redakteure verurteilten in einem offenen Brief die “journalistische Unanständigkeit”. Verleger-Intimus Matthias Walden dagegen verteidigte den Bericht als “in Form und Inhalt korrekt”.

Sieben Monate später wechselte ich als Chefredakteur zum Kölner “Express”. Ewald Struwe blieb noch zwei Jahre BamS-Chefredakteur, bis er endlich abgelöst wurde.

Vogel bedankte sich bei mir für meine öffentliche Distanzierung. 1989, als ich selbst BamS-Chef wurde, profitierte die Zeitung von meinem guten Verhältnis zu Vogel, indem er den bis dahin geltenden SPD-Boykott gegen Springer (Vorstandsbeschluss) durchbrach und mir ein Interview gab.

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Entschuldigung bei Westerwelle

Schnell, solange Guido Westerwelle noch FDP-Chef ist, will ich die Geschichte erzählen, wie ich ihm einmal unrecht getan habe. Und nicht nur ihm, sondern auch Hermann Otto Solms und Wolfgang Gerhardt. Es war Mitte der 90er Jahre und die FDP war in einer wichtigen politischen Frage wieder einmal umgefallen. Deshalb formulierte ich bei “Bild am Sonntag” die Schlagzeile: “Die Betrüger von Bonn” – steckbriefartig illustriert mit den Fotos des damaligen Generalsekretärs Westerwelle, des Fraktionsvorsitzenden Solms und des Parteivorsitzenden Gerhardt.

Das brachte mir nicht nur einen Rüffel des Springer-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Richter ein, sondern auch den Zorn der drei Herren. Zu Recht – denn mit der Formulierung, die einen Straftatbestand beschreibt (sie hieß ja nicht “Die politischen Betrüger von Bonn), war ich zuweit gegegangen. Zwischen der FDP und “Bild am Sonntag” war erst einmal Funkstille. Schließlich kam es bei Bruno auf der Bonner Cäcilienhöhe (dem besten Bonner Italiener) auf Vermittlung von Solms zum Gipfeltreffen mit den drei FDP-Politikern. Ich entschuldigte mich und bei excellenter Pasta und gutem Barolo wurden die Arbeitsbeziehungen wieder hergestellt-


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