Gute “Freunde”

Journalisten geht es genauso wie Politikern: Wenn sie nichts mehr sind, schrumpft die Zahl ihrer “Freunde” um fast 100 Prozent. Diese Erfahrung musste auch ich machen. Als ich bei im Oktober 2000 bei Springer als Chef von “Bild am Sonntag” gefeuert wurde, meldeten sich von den dutzenden mir gut oder sehr gut bekannten Politikern genau zwei: Norbert Blüm und Reinhard Klimmt, Saar-Chef der SPD. Allen anderen wollten es sich mit Springer nicht verderben. Ich will mich darüber aber nicht beklagen, denn Journalisten leben genauso wie Politiker von geliehener Autorität – die einen leihen sie vom Wähler, die anderen von der Zeitung, für die sie arbeiten.

Bei Blüm erinnere ich mich daran, dass wir nachts bei Bruno auf der Bonner Cäcilienhöhe Pfadfinderlieder gesungen haben, bei Klimmt, dass er mir beim Skat 250 Mark abgenommen hat. Das verbindet natürlich.

Die Zahl meiner “Freunde” stieg, als ich 2002 Edmund Stoibers Wahlkampfmanager wurde, genauso sprunghaft wieder an.

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Rote Karte für Beckmann

Als Reinhold Beckmann noch bei SAT1 “ran”-Moderator war, sollte er auch eine eigene Talkshow bekommen. “no sports” hieß die Sendung, die von einer Leo-Kirch-Firma produziert wurde. Sie wurde an einem Freitagabend zum ersten Mal gesendet und war grottenschlecht. Also schríeb der damalige TV-Redakteur von “Bild am Sonntag”, Markus Heidemanns, heute erfolgreicher TV-Produzent, seine Kritik in BamS unter der Überschrift “Gelbe Karte für Beckmann”.

Montagmorgen bekam ich einen barschen Anruf der Sekretärin des damaligen Springer-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Richter, ich solle sofort zum Chef kommen. Als ich sein Büro betrat, schrie er mich an, was ich mir denn dabei wieder gedacht habe. Schon Sonntagmorgen habe er einen wütenden Anruf von (Springer-Großaktionär) Leo Kirch bekommen. Mercedes wolle die Sendung nicht länger sponsern und ob ich denn nicht gewusst hätte, dass Kirch die Sendung produziere. Ich ließ die Tiraden über mich ergehen, verteidigte die Redaktionfreiheit und versprach, die Kritik über die zweite Beckmann-Sendung selbst zu schreiben.

Das machte ich dann auch – unter der Überschrift “Rote Karte für Beckmann”. Die Sendung wurde kurze Zeit später eingestellt.

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Als es bei Kohl knirschte

Beziehungen zwischen Spitzenpolitikern und Journalisten leiden an einem prinzipiellen Missverständnis. Politiker verstehen nicht, dass Journalisten auch dann, wenn sie freundlich und vertrauensvoll mit ihnen umgehen, auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Dass einen Journalisten der noch so netteste Abend nicht davon abhält, am nächsten Tag kritisch über sie zu schreiben. Politiker glauben stattdessen, sie hätten einen Kombattanten, einen Gefolgsmann gewonnen. Werden sie dann enttäuscht, wird aus dem vermeintlichen Freund ein Feind – was Journalisten ihrerseits nicht verstehen können.

An diesem Mißverständnis scheiterte sowohl meine Beziehung zu Helmut Kohl als auch zu Gerhard Schröder. Bei Kohl war es ganz schlimm. Als ich von BILD zum “Express” wechselte, bat er mich noch zum Vier-Augen-Gespräch, um mir alles Gute zu wünschen. Wenige Monate später aber, als ich im Zusammenhang mit der Wörner/Kießling-Affäre sehr kritische Kommentare auch über den Kanzler schrieb, wurde ich zum Feind, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Ganz schlimm wurde es, als ich auch als Chefredakteur der “Bild am Sonntag” häufiger Kohls Politik und seinen Regierungsstil kritisierte. Er versuchte mehrmals, über seinen Freund Leo Kirch, dem mächtigen Anteilseigner bei Springer, meinen Rauswurf zu erreichen. Kohls Verfolgungswahn ging so weit, dass er “Bild am Sonntag” (immerhin damals 12 Millionen Leser) nur noch dann Interviews geben wollte, wenn ich nicht daran teilnahm. Meine Linie war klar: entweder er akzeptiert den Chefredakteur als Interviewpartner oder wir verzichten auf das Interview. Das hatte mehrere Jahre Funkstille zur Folge,

Im Wahlkampf 1998, als es für ihn immer enger wurde, wollte Kohl aber auf die 12 Millionen Leser nicht länger verzichten und empfing einen Kollegen und mich im Kanzleramt zum Interview. Die Atmosphäre war eisig, er krallte sich sich aus Ärger so sehr an die Stuhllehne, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Und es knirschte immmer so merkwürdig während des Interviews. Es waren nicht seine Zähne, sondern – wie mein Kollege beobachtete – Kohl rieb während des ganzen Interviews die Fersen seiner Schuhe aneinander, um seine unterdrückte Spannung abzubauen.

Die Wahlniederlage hat uns beide dann davor bewahrt, uns wieder treffen zu müssen.

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Wenn Genscher baden geht

Seit dem berühmten Badefoto von Reichspräsident Ebert und Wehrminister Noske in der Weimarer Zeit achten Politiker peinlich darauf, dass sie nicht in diesem –  von ihnen als entwürdigend empfundenen - Zustand in der Zeitung erscheinen. So auch Hans-Dietrich Genscher. Während einer Südostasien-Reise machten wir einen Tag Station auf Bali, wohnten am Strand in den Pertamina-Cottages der staatlichen indonesischen Ölgesellschaft.

Kurz vor Sonnenuntergang wollten – nach den Journalisten – auch endlich Genscher und seine Frau im Meer schwimmen gehen. Vorher aber sammelten seine Leibwächter bei allen mitreisenden Fotografen mit Nachdruck die Kameras ein, damit es ja kein Foto des Außenministers in Badehose gibt. Die Fotografen ließen sich dies unter Protest gefallen. Schließlich waren sie auf der Reise vom Wohlwollen Genschers abhängig.

Der mit mir reisende Fotograf von “Bild am Sonntag” holte aber seine Zweitkamera aus dem Bungalow und fotografierte das Ehepaar Genscher dennoch. Das Foto ist aber nie erschienen.

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Boris Becker für den Papierkorb

Heute aus aktuellem Anlaß ausnahmsweise eine Anekdote über einen Größenwahnsinnigen, der nicht aus der Politik kommt: Boris Becker, der nach eigener Aussage eine “Weltmarke” ist und jetzt mit Boris-Becker.TV bei BILD.de endlich den “wahren Boris” zeigen will. Vor etwa 15 Jahren bekam “Bild am Sonntag” eines der raren Becker-Exklusivinterviews. Es lief auch ganz gut, bis die autorisierte Interview-Fassung zurückkam. Und sie war von besonderer Güte. Becker hatte sich zu Beginn des autorisierten Interviews selbst noch fünf Fragen gestellt und beantwortet, die ihm kein BamS-Reporter gestellt hatte und auch nicht stellen wollte. Er fragte sich selbst, warum er so erfolgreich und beliebt ist und erläuterte ausgiebig seine neuesten Werbeverträge.

Auf meinen Wunsch, dieses Selbstgespräch zu streichen und das ursprüngliche Interview wieder herzustellen, ließ Becker ausrichten, entweder erscheine das Interview so oder gar nicht. Ich entschied mich für gar nicht und das Interview verschwand für immer im Papierkorb der Redaktion. Das sollte auch heute mit Becker-Stories häufiger gemacht werden. Warum wirken eigentlich die Medien daran mit, die Nicht-Mehr-Weltmarke für neue Werbeverträge wieder aufzuladen?

P.S. Bei Politikern haben wir uns in vergleichbaren Situationen genauso verhalten.


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