Sonntag, 16. Juni 2019, 18:46 Uhr

Nichts geht ohne die Grünen – auch im Osten

Die kleine ostdeutsche Stadt Görlitz mit ihren 56. 000 Einwohnern an der polnischen Grenze hat es bewiesen: die Zivilgesellschaft lebt, das Bündnis der Anständigen ist stabil und nach wie vor mehrheitsfähig. Der CDU-Kandidat ist in Görlitz zum Oberbürgermeister gewählt worden, obwohl im ersten Wahlgang ein AfD-Mann deutlich vorne gelegen hatte. Zudem ein CDU-Mann, der mit seiner rumänischen Herkunft so gar nicht dem “biodeutschen” Herrenmenschenbild entspricht.

Zu verdanken hat es die Stadt den Grünen, die lange Zeit im Osten Deutschlands nur eine untergeordnete Rolle spielten. Weil die grüne Kandidatin, die im ersten Wahlgang erstaunliche 27,9 Prozent der Stimmen erhielt, den CDU-Mann zur Wahl empfahl.

Diese Wahl hat bewiesen, dass auch Osten nichts mehr ohne die Grünen geht. Nicht ist so falsch, wie die Wahlanalyse nach der Europa-Wahl, der Osten sein blau, sprich AfD, und nur der Westen grün.

In Wirklichkeit ist das Bild viel differenzierter. Grün kommt auch im Osten: 20,2 Prozent in Leipzig, 23,2 in Potsdam, 17,7 in Rostock, 20,4 in Jena und 17,7 Prozent in Dresen. Dies waren Ergebnisse der Europa-Wahl. Auch in Ostdeutschland gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. In dem kleineren Kommunen schwächer, aber in den Großstädten und mittleren Städten stark –  so präsentierten sich die Grünen.

Und ihr Einfluss wird bei den drei Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen weiter steigen. Es wird in keinem Land möglich sein, eine Regierungskoalition jenseits der AfD ohne die Grünen zu bilden. Sie sind das unverzichtbare Bollwerk gegen rechts. Und erhalten damit ein wichtige Rolle weit über das Thema Klimawandel hinaus.

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Sonntag, 02. Juni 2019, 13:24 Uhr

Genug ist genug

Genug ist genug. Dieser in der internationalen Politik in letzter Zeit häufiger gehörte Satz gilt auch für Andrea Nahles.

Genug ist genug. Bevor aus der Selbstzerstörung der SPD auch noch eine Zerstörung der Person Andrea Nahles werden konnte, hat sie die Reißleine gezogen. Jeder Mensch, auch Politiker, besonders eigentlich so fröhliche und lebensfrohe Menschen wie Nahles, erträgt nur ein bestimmtes Maß an Demütigung und Mobbing. Ihr Schritt aus Selbstschutz ist konsequent und macht sie – trotz aller Schwächen – menschlich nahe.

Im Niedergang gelten in der SPD nur noch die Regeln einer Schlangengrube. Die zweite und dritte Reihe der SPD, die selbst keinerlei Befähigung für die Brücke hat, bohrt zusätzliche Löcher in den Rumpf des ohnehin untergehenden Schiffes. Und solche, die selbst gedemütigt wurden, wie Martin Schulz und Sigmar Gabriel. Und Ideologen wie Kevin Kühnert.

Die SPD sollte eine Vokabel endgültig aus ihrem Sprachschatz streichen – Solidarität.

Diese Partei scheint am Ende ihres traditionsreichen und verdienstvollen Weges angekommen – gleichgültig, wer jetzt die Ämter von Nahles übernimmt. Sie hat sich historisch überlebt. Politisch fast zwangsläufig und menschlich selbstverschuldet.

Das Erdbeben in der SPD wird die tektonischen Platten der deutschen Politik insgesamt verschieben. Denn die Rest-SPD wird sich erst zerfleischen, dann nach links rücken und schließlich versuchen, sich in die Opposition zu flüchten – in der falschen Hoffnung, dann wieder mehr gewählt zu werden. Das Ende der Großen Koalition ist nur noch eine Frage von Wochen und Monaten. Neuwahlen sind die Folge, wahrscheinlich noch in diesem Jahr.

Und damit endet auch die Kanzlerschaft Angela Merkels. Die CDU trifft dies in einer Phase, in der die Zweifel an der als Nachfolgerin vorgesehenen Annegret Kramp-Karrenbauer zunehmen. Der Schritt von Nahles wird diese Diskussion verschärfen. Sollte sie dennoch als Kanzlerkandidatin und nicht Armin Laschet oder Friedrich Merz in die Neuwahlen geschickt werden, ist völlig offen, ob die CDU wieder stärkste Partei wird.

Kramp-Karrenbauer hat die die CDU nach rechts verschoben, die Nach-Nahles-SPD wird nach links rücken, mit der Folge, dass die Grünen endgültig die Mitte übernehmen. Und dort, nur dort, werden Wahlen entschieden.

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Sonntag, 26. Mai 2019, 18:43 Uhr

Abend der blauen Augen

Es ist ein Abend der blauen Augen. Annegret-Kramp Karrenbauer bekam mit ihrer ersten Wahlniederlage eines verpasst, Andrea Nahles gleich zwei. Die Parteien der Großen Koalition sind die großen Verlierer der Europa-Wahl.

Aber sie haben noch viel mehr verloren, nämlich die Jugend. Die Grünen liegen bei den Wählern unter 30 Jahren bei 33 Prozent. Und 53 Prozent der CDU-Wähler halten die Grünen für eine moderne bürgerliche Partei.

Mit CDU/CSU und SPD ist in den Augen der jungen Wähler kein Staat zu machen – weder in Deutschland noch in Europa. Während Andrea Nahles wenigstens ihre schwere Niederlage einräumte, war die erste Stellungnahme von Frau Kramp-Karrenbauer wie von einem anderen Stern. Sie sprach von Rückenwind für Spitzenkandidat Manfred Weber und von einer “Position der Stärke”. Mehr Realitätsverlust geht kaum. Nicht nur junge Wähler stößt es ab, dass von CDU-Seite den ganzen Abend nur von der Verteilung der Posten die Rede war.

Beide Parteien sind auch dafür abgestraft worden, dass sie einen leidenschaftslosen Wahlkampf mit belanglosen TV-Spots und Plakaten geführt haben. Keine Vision, kein Aufbruch. Mehr Europa im Sinne eines Kerneuropa der schnelleren Geschwindigkeit oder gar der Vereinigten Staaten von Europa, die einst Franz Josef Strauß forderte, spielten keine Rolle. Stattdessen Klein-Klein.

Und es rächt sich, dass beide völlig überalterten Parteien auf nationaler Ebene Geschenke für Rentner für wichtiger halten als die Zukunftsthemen der Jugend. Was die beiden Parteien in ihrem kleinlichen Schielen nach der stärksten Wählergruppe übersehen: Rentner haben Enkel. Sie sind nicht so egoistisch wie CDU und SPD meinen.

Die Partei nicht nur der Stunde sind deshalb die Grünen. Sie überholten die SPD und liegen gleichauf mit der CDU und nur gut sechs Prozent hinter der CDU/CSU. Sie stehen für die Themen der Zeit: Umwelt, Klimawandel, Artensterben – und für mehr Europa. Wenn CDU/CSU und SPD so weitermachen, dann werden sie bei einer der nächsten Wahlen davon überrascht werden, dass die Grünen zur stärksten Partei werden.

Das schönste Ergebnis ist aber eindeutig die deutlich gestiegene Wahlbeteiligung. Europa und die europäische Demokratie leben. Daran werden auch die Zugewinne der Nationalpopulisten nichts ändern. Die demokratische proeuropäische Mehrheit im EU-Parlament steht.

Gefährlicher für Europa als EU-Gegner im Parlament sind die Antieuropäer im europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs. Hier können Nationalpopulisten nicht nur die Weiterentwicklung der EU bremsen, sondern sie sogar zurückwerfen.

In Deutschland wird jetzt in der SPD wieder über einen Wechsel an der Spitze diskutiert. Eine absurde Diskussion. Denn weder gibt es eine überzeugende personelle Alternative noch löst es irgendein Problem der SPD. Und in der CDU wird spekuliert, ob die Landtagswahlen im Osten das zweite blaue Auge für AKK werden und damit möglicherweise ihr Aus als Kanzlerkandidatin.

Daraus folgt: die Große Koalition braucht einen Neustart, einen neuen Aufbruch. Eine Konsequenz könnte eine große Kabinettsumbildung sein mit frischen, unverbrauchten Gesichtern. Aber auch das wird nichts bringen, wenn CDU/CSU und SPD nicht endlich die Themen der Zeit in den Fokus nehmen.

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Donnerstag, 23. Mai 2019, 15:13 Uhr

Alles alte Männer

Das Video des Youtubers Rezo ist für die CDU ein Menetekel an der Wand. Seine unglaubliche Verbreitung (schon fünf Millionen haben es angesehen) und die hilflose Reaktion darauf zeigen, dass die Volksparteien gerade dabei sind, eine ganze Generation zu verlieren.

Natürlich ist das Video einseitig, polemisch und einiges hält auch dem Faktencheck nicht stand. So hat die rot-grüne Regierung Schröder mehr für die ungleiche Einkommensentwicklung in Deutschland getan als die CDU. Beispiele: die drastische Absenkung des Spitzensteuersatzes, die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne und nicht zuletzt Hartz IV. Die SPD hat inzwischen versucht, einiges wieder zu korrigieren – zum Beispiel mit dem Mindestlohn .

Aber das ändert nichts an den Grundproblemen von CDU/CSU und SPD – die Überalterung und die Unfähigkeit, die Jugend noch zu erreichen. Ihre Hilflosigkeit gegenüber der rasend schnellen Kommunikation im Internet. Und ihre Gegenwartspolitik ohne Rücksicht auf die Sorgen und Ängste der nächsten Generationen.

Weil das Video aber “Die Zerstörung der CDU” heißt, fühlt diese sich am meisten attackiert. Und sie reagiert ähnlich planlos wie auf Greta Thunberg und die “Fridays for Future”. Erst Gegenattacken, dann – unter dem Eindruck der Klickzahlen – Dialogangebote.

Und dann sollte noch Philipp Amthor, ein ebenfalls 26jähriger CDU-Abgeordneter antworten. Ein Vorhaben, das die CDU schnell wieder aufgab. Es wäre auch lächerlich gewesen, auf den Youtuber einen alten CDU-Mann, gefangen im Körper eines strebsamen Kindes, antworten zu lassen. Die Community hätte sich vor Lachen gebogen. Dagegen ist Wolfgang Schäuble ein moderner, junger Heißsporn.

Die CDU hat keine jungen Leute mehr. Auch die Vertreter der Jungen Union, die nicht links, sondern rechts von der Mutterpartei stehen,  sind im Grunde alte Männer. Man muss sich nur die Rede des neuen JU-Vorsitzenden auf dem Deutschlandtag seiner Organisation anhören. Sie kann in weiten Teilen auch AfD-Leute verzücken.

So geht es auch der SPD. Auch der Altsozialist Kevin Kühnert ist nicht wirklich jung. Nur die Grünen können noch ein paar frische und kritische junge Leute aufbieten.

Wenn die etablierten Parteien dieses Problem nicht gelöst bekommen, ist ihr weiterer Abstieg programmiert. Sie haben die Zeichen an der Wand nicht erkannt.

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Freitag, 26. April 2019, 07:49 Uhr

Die neue Parallelgesellschaft

Die AfD scheint unkaputtbar. Und ihre Wähler sind völlig schmerzfrei. Sie lassen sich durch nichts von ihrer Partei abbringen. Obwohl es fast täglich neue Enthüllungen in den AfD-Spendenskandalen gibt, in die sowohl der Parteichef als auch die Fraktionschefin verstrickt sind. Und obwohl hinter der Verschleierung der Spenden hohe kriminelle Energie steckt.

Aber die Anhänger bleiben unbeeindruckt. Genauso wie von den fast wöchentlichen Enthüllungen über rechtsradikale Umtriebe in der AfD. Oder von der Tatsache, dass sich AfD-Funktionäre immer wieder zu nützlichen Idioten Moskaus machen. Gerade war wieder eine AfD-Delegation zur russischen Lobpreisung auf der annektierten Krim.

Trotz allem erlebt die Partei keinen Einbruch in den Umfragen. Sogar für die Europa-Wahl liegt sie über zehn Prozent, obwohl die AfD die EU eigentlich abschaffen will

Diese Phänomen ist nur damit erklärbar, dass die AfD-Anhänger inzwischen zur Parallelgesellschaft geworden sind. Sie blenden alles aus, was nicht zu ihrer selbstgeschaffenen Realität passt. In dieser Parallelwelt ist die AfD unantastbar und alle Enthüllungen sind nur Fake-News oder Produkte der Lügenpresse.

Diese Entwicklung zeigt, dass jahrelanger Konsum von Propaganda, von Lügen und Hetze wie eine Gehirnwäsche wirkt. Und sie zeigt, dass die Versuche der CDU, ein Stück nach rechts zu rücken, weder der CDU nutzen noch der AfD schaden.