Sonntag, 28. Oktober 2018, 18:59 Uhr

Seehofers zweiter Streich

Er stand zwar nicht zur Wahl in Hessen, aber er hat nach Bayern auch sie entschieden: Horst Seehofer, der Zerstörer der Großen Koalition. Offensichtlich spielten auch in Hessen die Wut und der Verdruss über die Berliner Regierung die entscheidende Rolle. Sowohl CDU als auch SPD hatten dagegen mit ihrer landespolitischen Erfolgsbilanz beziehungsweise mit ihren landespolitischen Themen keine Chance.

Diese Wut über Berlin geht zu 90 Prozent auf das Konto von Horst Seehofer. Erst sein sinn- und maßloser Streit mit der Kanzlerin über seinen sogenannten Masterplan und die Zurückweisung von Flüchtlingen an den Grenzen. Dann der Fall Maaßen, der überhaupt nur dadurch entstehen konnte, dass Seehofer dem Präsidenten des Bundeamtes für Verfassungsschutz mit offenkundiger inhaltlicher Billigung die Genehmigung für sein umstrittenes BILD-Interview gegeben hatte.

Diese beiden Ereignisse prägten maßgeblich das Bild von der Großen Koalition, von CDU/CSU und SPD auf Bundesebene. Sie führten zum Autoritätsverfall von Angela Merkel. Sie selbst allerdings hatte auch ihren Teil zum Verdruss beigetragen – mit ihrer Sprachlosigkeit, ihrer Führungsschwäche und ihrer mangelnden Einschätzung der Wählerstimmung im Fall Maaßen. Und natürlich auch die SPD-Chefin Andrea Nahles, die der unfassbaren Beförderung Maaßens zugestimmt hatte.

Dafür haben CDU und SPD erneut die Quittung erhalten. Der zweite Denkzettel ist die letzte Abmahnung. Wenn die Große Koalition jetzt nicht zur Vernunft kommt, hat sie keine Existenzberechtigung mehr. Die CDU wird – so wie es jetzt aussieht –  die Nerven behalten, bei der SPD ist das noch offen. Aber ein Ausstieg aus der GroKo wäre Selbstmord aus Angst vor dem Tod. CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer hat für diesen Fall schon Neuwahlen angekündigt.

Voraussetzung für ein Überleben der Großen Koalition ist aber jetzt erst recht das politische Ende von Seehofer. Die CSU muss ihn endlich in Rente schicken. Wenn er in der Regierung bleibt, besteht keinerlei Aussicht auf Stabilisierung.

Der Erfolg der Grünen ist verdient. Sie machen zur Zeit alles richtig. Sie haben die richtigen Themen und die richtige Führung. Sie sind ein Stabilitätsanker. Sie sind der einzige glaubwürdige Gegenpol zur AfD.

Wenn es beim Stand der Hochrechnungen bleibt, dann ist Jamaika die einzige Regierungsoption in Hessen. Und das muss, wie Schleswig-Holstein zeigt, kein Schaden sein.

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Dienstag, 25. September 2018, 18:41 Uhr

Schlussphase einer Kanzlerschaft

Das Wort Merkeldämmerung ist schon häufig, geradezu inflationär gebraucht worden – und bisher hat das nie gestimmt. Jetzt aber dämmert es doch.

Zwei deutliche Anzeichen dafür gibt es innerhalb von nur zwei Tagen. Erst musste sich Angela Merkel für ihre krasse Fehleinschätzung bei der Beförderung von Hans-Georg Maaßen öffentlich entschuldigen, jetzt stürzte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen ihrer engsten Vertrauten, Fraktionschef Volker Kauder. Es war mehr ein Votum gegen Merkel und Kauder als ein Votum für den neuen Vorsitzenden Ralph Brinkhaus.

Die Zeichen an der Wand sprechen eine klare Sprache: Merkels Macht schwindet von Tag zu Tag. Erst hat sie die Stimmung der Wähler falsch eingeschätzt, jetzt die Stimmung in ihrer Fraktion.

“Mit vollem Herzen” hatte Merkel Kauder zur Wiederwahl empfohlen, aber das Ergebnis zeigt, ihr Herz und das der Fraktion schlagen nicht mehr im gleichen Takt. Die Bundestagsfraktion emanzipiert sich von der Kanzlerin. Und Emanzipation heißt in diesem Fall: sie kann sich nicht mehr auf ihre Gefolgschaft verlassen.

Dass auch Horst Seehofer und Alexander Dobrindt Kauder zur Wiederwahl empfohlen hatten, spielt dabei nur eine Rolle am Rand.  Aber auch Seehofer muss wie Merkel das Signal verstehen: die Abgeordneten sind die aberwitzigen Machtspiele ihrer Chefs leid. Sie wollen erfolgreich arbeiten, sie wollen, wie Ralph Brinkhaus versprochen hat, einen” Aufbruch, ein Zeichen nach draußen und an die Parteibasis”. Und für Aufbruch steht Merkel sicher nicht mehr, nur für ein “Weiter so”.

Der Haushaltsexperte Brinkhaus, der als Außenseiter gestartet war, ist kein grundsätzlicher Merkel-Gegner. Sie wird mit ihm auskommen. Aber seine Wahl ist ein klares Signal: Merkel ist in die Schlussphase ihrer Kanzlerschaft eingetreten.

Wann es wirklich zu Ende geht, weiß keiner, sicher nicht morgen, aber es wird vor 2021 passieren. Entweder selbstbestimmt, wenn sie ihre Lage realistisch einschätzt, oder fremdbestimmt, wenn sie in den nächsten Monaten oder den nächsten zwei Jahren zum Rücktritt gezwungen wird.

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Sonntag, 09. September 2018, 11:06 Uhr

Merkel-Sturz – der dritte Versuch?

Vorab: Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber manchmal wird man nachdenklich, wenn Ereignisse einfach zu gut zusammenpassen.

Zweimal schon hat Horst Seehofer versucht, Angela Merkel als Kanzlerin zu stürzen.

Das erste Mal, als er ihr eine “Herrschaft des Unrechts” unterstellte, ihr mir einer Verfassungsklage drohte und sie auf dem CSU-Parteitag öffentlich demütigte. Das Ziel: sie sollte in die Resignation getrieben werden oder zumindest 2017 nicht mehr zur Wahl antreten. Die Sache ging bekanntermaßen schief. Beide Unionsparteien litten bei der Wahl darunter, am meisten die CSU.

Das zweite Mal, als Seehofer als Innenminister im Frühsommer Zurückweisungen von Flüchtlingen an der Grenze im Alleingang ankündigte, die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin bestritt und wochenlang erneut öffentlich gegen Merkel agierte. Er hoffte offenbar, so einen Aufstand auch des CDU-Teils der Bundestagsfraktion gegen Merkel zu provozieren, sie in den Rücktritt zu treiben.

Auch diese Sache ging bekanntermaßen schief. Seehofer erreichte politisch so gut wie nichts, und die CDU blieb geschlossen. Am meisten verlor erneut die CSU, der bei der Landtagswahl ein Desaster droht.

Hinter beiden Versuchen steckt das Dilemma der CSU, einerseits gegen Merkel zu opponieren, anderseits mit ihr zu regieren. Das zerstört ihre Glaubwürdigkeit und führt dazu, dass die AfD in Bayern zutreffend plakatiert: “Wo CSU draufsteht, ist Merkel drin”. Wenn Merkel weg wäre, dann wäre auch das Glaubwürdigkeitsproblem der CSU gelöst.

Deshalb scheint es mir nicht ganz abwegig, auch die Ereignisse um Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen in diesem Licht zu sehen.

Maaßen ist Seehofers Mann, er unterstützt und stützt ihn, so gut er kann. Seehofer kannte das Interview Maaßens, in dem dieser nicht nur er eine Hetzjagd von Neonazis gegen Ausländer in Chemnitz bestritt, sondern auch ein Video, das genau eine solche zeigte, als Fälschung denunzierte. Maaßen stimmte das Interview offenbar mit Seehofer ab, bevor er es an die Bild-Zeitung weiterreichte. Auch nach der Aufregung um dieses Interview stellte sich der Minister hinter Maaßen und sagte, er teile dessen Einschätzung. Maaßen genieße sein Vertrauen.

Dieses Interview-Bündnis von Maaßen und Seehofer war eine unverhohlene Attacke auf die Kanzlerin, die sich den Begriff Hetzjagd zu eigen gemacht hatte. Sie sollte der Falschdarstellung überführt werden, als eine Frau, die Demonstrationen, für die Seehofer Verständnis zeigte, dramatisiere, um vom ursprünglichen Tötungsdelikt durch Flüchtlinge abzulenken. Parallel dazu bezeichnete Seehofer die “Migration als Mutter aller Probleme”, ebenfalls eine Attacke auf Merkel.

Waren diese Angriffe der dritte Versuch, Merkel zu stürzen? Fünf Wochen vor der bayerischen Landtagswahl, gerade noch rechtzeitig, um Wirkung bei den Wählern zu erzielen?

Mir scheint diese Vermutung zulässig. Denn Seehofer ist kein erratischer Irrer. Er hat einen Plan, auch wenn das Ergebnis seiner Pläne meist gegenteilig ausfällt. So wird es auch diesmal wieder sein. Maaßen ist ins Schussfeld geraten, weil er keine Beweise erbringen kann, dass das Video eine Fälschung ist. Er steht jetzt als nützlicher Idiot der AfD da. Und mit ihm Seehofer.

Für Seehofer gilt zum dritten Mal der bekannte Satz: “Wenn eine Sache schief gehen kann, dann geht sie auch schief”.

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Montag, 06. August 2018, 12:21 Uhr

Placebo-Debatte

Die von CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer angestoßene Diskussion über Wehr- und Dienstpflicht ist eine typische Placebo-Debatte – eine Debatte, die zu nichts führen wird, die aber den konservativen Wähler das Signal geben soll: Wir haben verstanden, wir nehmen Eure Sorgen ernst. Wir kümmern uns wieder um konservative Themen.

Das ist schon alles, denn weder ist eine Wiedereinführung der Wehrpflicht finanzierbar, noch ist eine allgemeine Dienstpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Zivildienst war nur so lange zulässig, solange es eine Wehrpflicht gab.

Damit wäre eigentlich die Debatte beendet, wenn nicht die CDU aus wahltaktischen Gründen wieder ein konservatives Thema bräuchte. Dann kam jetzt geschickt nennen und durchschaubar. In der Sache bringt es nichts. Denn in Wirklichkeit wollen weder Angela Merkel noch Annegret Kramp-Karrenbauer am Kurs der CDU etwas ändern.

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Dienstag, 03. Juli 2018, 10:11 Uhr

Eine schreckliche Familie

Es gibt Ehepaare, die sich nichts mehr zu sagen haben, die sich nicht mehr verstehen, bei denen die einstige Liebe in Hass umgeschlagen ist. Sie streiten sich nur noch, überziehen sich mit gegenseitigen Vorwürfen. “Du bist doch heute nur Chefarzt, weil ich dich während deines Studiums finanziell unterstützt habe”. Oder: “Du denkst nur noch an dein Ego, pflegst deine Eitelkeiten, lässt deiner Wut freien Lauf. Du nimmst auf mich keinerlei Rücksicht mehr.”

Normalerweise müsste sich ein solches Ehepaar scheiden lassen. Es tut es aber nicht – “wegen der Kinder”. Deshalb bleiben sie zusammen, obwohl die Kinder den täglichen Hass und Streit nicht mehr ertragen können, am liebsten ausziehen würden oder bei Oma und Opa leben.

In Phasen, in den Mutter und Vater sich zusammenreißen, merken die Kinder, dass  ihnen dies nur vorgetäuscht wird, dass die Zerrüttung bleibt. Irgendwann wird die Situation so unerträglich, dass die Familie endgültig zerfällt.

So etwa ist das mit der CDU und CSU, mit Angela Merkel und Horst Seehofer. Sie bleiben zusammen, obwohl es für diese politische Ehe keine Basis mehr gibt. Sie glauben, sie müssten das tun wegen der Wähler. Man müsse ihnen weiter ein gemeinsames Zuhause geben.

Aber auch die Wähler wollen bei dieser Parteienfamilie nicht mehr bleiben. Der Streit widert sie an, sie durchschauen die vorgetäuschte Harmonie, sehen die Wunden, die sich beide gegenseitig zugefügt haben.

Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen im Oktober werden deshalb viele Wähler diese schreckliche CDU/CSU-Familie verlassen. Sie haben die Nase voll von so viel Heuchelei. Sie ziehen mit einem neuen Freund wie der FDP oder den Grünen zusammen oder gehen zu Opa, der AfD.