Sonntag, 26. Mai 2019, 18:43 Uhr

Abend der blauen Augen

Es ist ein Abend der blauen Augen. Annegret-Kramp Karrenbauer bekam mit ihrer ersten Wahlniederlage eines verpasst, Andrea Nahles gleich zwei. Die Parteien der Großen Koalition sind die großen Verlierer der Europa-Wahl.

Aber sie haben noch viel mehr verloren, nämlich die Jugend. Die Grünen liegen bei den Wählern unter 30 Jahren bei 33 Prozent. Und 53 Prozent der CDU-Wähler halten die Grünen für eine moderne bürgerliche Partei.

Mit CDU/CSU und SPD ist in den Augen der jungen Wähler kein Staat zu machen – weder in Deutschland noch in Europa. Während Andrea Nahles wenigstens ihre schwere Niederlage einräumte, war die erste Stellungnahme von Frau Kramp-Karrenbauer wie von einem anderen Stern. Sie sprach von Rückenwind für Spitzenkandidat Manfred Weber und von einer “Position der Stärke”. Mehr Realitätsverlust geht kaum. Nicht nur junge Wähler stößt es ab, dass von CDU-Seite den ganzen Abend nur von der Verteilung der Posten die Rede war.

Beide Parteien sind auch dafür abgestraft worden, dass sie einen leidenschaftslosen Wahlkampf mit belanglosen TV-Spots und Plakaten geführt haben. Keine Vision, kein Aufbruch. Mehr Europa im Sinne eines Kerneuropa der schnelleren Geschwindigkeit oder gar der Vereinigten Staaten von Europa, die einst Franz Josef Strauß forderte, spielten keine Rolle. Stattdessen Klein-Klein.

Und es rächt sich, dass beide völlig überalterten Parteien auf nationaler Ebene Geschenke für Rentner für wichtiger halten als die Zukunftsthemen der Jugend. Was die beiden Parteien in ihrem kleinlichen Schielen nach der stärksten Wählergruppe übersehen: Rentner haben Enkel. Sie sind nicht so egoistisch wie CDU und SPD meinen.

Die Partei nicht nur der Stunde sind deshalb die Grünen. Sie überholten die SPD und liegen gleichauf mit der CDU und nur gut sechs Prozent hinter der CDU/CSU. Sie stehen für die Themen der Zeit: Umwelt, Klimawandel, Artensterben – und für mehr Europa. Wenn CDU/CSU und SPD so weitermachen, dann werden sie bei einer der nächsten Wahlen davon überrascht werden, dass die Grünen zur stärksten Partei werden.

Das schönste Ergebnis ist aber eindeutig die deutlich gestiegene Wahlbeteiligung. Europa und die europäische Demokratie leben. Daran werden auch die Zugewinne der Nationalpopulisten nichts ändern. Die demokratische proeuropäische Mehrheit im EU-Parlament steht.

Gefährlicher für Europa als EU-Gegner im Parlament sind die Antieuropäer im europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs. Hier können Nationalpopulisten nicht nur die Weiterentwicklung der EU bremsen, sondern sie sogar zurückwerfen.

In Deutschland wird jetzt in der SPD wieder über einen Wechsel an der Spitze diskutiert. Eine absurde Diskussion. Denn weder gibt es eine überzeugende personelle Alternative noch löst es irgendein Problem der SPD. Und in der CDU wird spekuliert, ob die Landtagswahlen im Osten das zweite blaue Auge für AKK werden und damit möglicherweise ihr Aus als Kanzlerkandidatin.

Daraus folgt: die Große Koalition braucht einen Neustart, einen neuen Aufbruch. Eine Konsequenz könnte eine große Kabinettsumbildung sein mit frischen, unverbrauchten Gesichtern. Aber auch das wird nichts bringen, wenn CDU/CSU und SPD nicht endlich die Themen der Zeit in den Fokus nehmen.

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Donnerstag, 23. Mai 2019, 15:13 Uhr

Alles alte Männer

Das Video des Youtubers Rezo ist für die CDU ein Menetekel an der Wand. Seine unglaubliche Verbreitung (schon fünf Millionen haben es angesehen) und die hilflose Reaktion darauf zeigen, dass die Volksparteien gerade dabei sind, eine ganze Generation zu verlieren.

Natürlich ist das Video einseitig, polemisch und einiges hält auch dem Faktencheck nicht stand. So hat die rot-grüne Regierung Schröder mehr für die ungleiche Einkommensentwicklung in Deutschland getan als die CDU. Beispiele: die drastische Absenkung des Spitzensteuersatzes, die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne und nicht zuletzt Hartz IV. Die SPD hat inzwischen versucht, einiges wieder zu korrigieren – zum Beispiel mit dem Mindestlohn .

Aber das ändert nichts an den Grundproblemen von CDU/CSU und SPD – die Überalterung und die Unfähigkeit, die Jugend noch zu erreichen. Ihre Hilflosigkeit gegenüber der rasend schnellen Kommunikation im Internet. Und ihre Gegenwartspolitik ohne Rücksicht auf die Sorgen und Ängste der nächsten Generationen.

Weil das Video aber “Die Zerstörung der CDU” heißt, fühlt diese sich am meisten attackiert. Und sie reagiert ähnlich planlos wie auf Greta Thunberg und die “Fridays for Future”. Erst Gegenattacken, dann – unter dem Eindruck der Klickzahlen – Dialogangebote.

Und dann sollte noch Philipp Amthor, ein ebenfalls 26jähriger CDU-Abgeordneter antworten. Ein Vorhaben, das die CDU schnell wieder aufgab. Es wäre auch lächerlich gewesen, auf den Youtuber einen alten CDU-Mann, gefangen im Körper eines strebsamen Kindes, antworten zu lassen. Die Community hätte sich vor Lachen gebogen. Dagegen ist Wolfgang Schäuble ein moderner, junger Heißsporn.

Die CDU hat keine jungen Leute mehr. Auch die Vertreter der Jungen Union, die nicht links, sondern rechts von der Mutterpartei stehen,  sind im Grunde alte Männer. Man muss sich nur die Rede des neuen JU-Vorsitzenden auf dem Deutschlandtag seiner Organisation anhören. Sie kann in weiten Teilen auch AfD-Leute verzücken.

So geht es auch der SPD. Auch der Altsozialist Kevin Kühnert ist nicht wirklich jung. Nur die Grünen können noch ein paar frische und kritische junge Leute aufbieten.

Wenn die etablierten Parteien dieses Problem nicht gelöst bekommen, ist ihr weiterer Abstieg programmiert. Sie haben die Zeichen an der Wand nicht erkannt.

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Samstag, 02. März 2019, 17:40 Uhr

Der schwarz-rote Makel

Nur noch drei Monate, dann entscheidet sich, ob Europa nach rechts rückt. Den rechtspopulistischen Parteien werden große Zugewinne vorhergesagt. Obwohl ihre Wahl absurd ist, denn sie wollen die EU entweder wieder zu einer Gemeinschaft von reinen Nationalstaaten machen oder, wie die AfD, ganz abschaffen. Auch “Die Linke” steht nicht viel besser da: sie ist völlig zerstritten, ob sie für oder gegen die EU ist.

Bleiben als wählbare demokratische Parteien CDU/CSU, die SPD, die Grünen und die FDP. CDU/CSU und SPD geben sich zwar als glühende Europäer, haben aber einen schwerwiegenden Makel. Beide befinden sich auf europäischer Ebene in Fraktionen und Bündnissen mit ziemlich üblen Zeitgenossen.

Die Unionsparteien in der EVP mit der Fidesz-Partei von Ungarns Regierungschef Viktor Orban. Er ist sei Jahren tatkräftig dabei, den Rechtsstaat und die Pressefreiheit abzuschaffen, und schreckt auch vor antisemitischen Ausfällen nicht zurück.

Die EVP ist erst jetzt erwacht, nachdem Orban EU-Kommissionschef Juncker frontal angegriffen hatte. Spät, aber vielleicht nicht zu spät. Noch sind drei Monate Zeit, ihn aus der EVP hinauszuwerfen.

Die SPD wiederum ist im Bündnis mit den rumänischen Sozialdemokraten, die aber nur so heißen, in Wirklichkeit aber eine durch und durch korrupte Partei sind. Sie versuchen permanent, den Rechtssaat zu ihren Gunsten zu manipulieren und die Gewaltenteilung abzuschaffen.

Die europäischen Sozialdemokraten sind im Gegensatz zur CDU/CSU noch nicht aufgewacht. Sie hoffen, ohne einen Ausschluss der Rumänen klammheimlich über die Runden zu kommen. Und erdreisten sich gleichzeitig, die EVP wegen Orban anzugreifen. Eine üble Heuchelei.

Derzeit sind nur zwei deutsche Parteien ohne Makel und damit wählbar: die Grünen und die FDP.

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Freitag, 07. Dezember 2018, 17:56 Uhr

Die CDU lebt noch

Ja, sie lebt noch. Die CDU ist aus dem Tiefschlaf der Ära Kohl und der Ära Merkel aufgewacht. Sie diskutiert wieder, sie streitet wieder, sie strahlt neue Vitalität aus. Sie hat als Partei gewonnen. Es war tatsächlich ein Fest für die Demokratie.

Gewonnen hat im Wahl-Krimi um den Vorsitz die Kandidatin des sanften Übergangs in eine neue Zeit der CDU. Es gibt keinen Bruch mit Angela Merkel. Annegret Kramp-Karrenbauer will nicht alles anders, aber einiges besser machen.

Sie wird einen anderen Stil als Vorsitzende pflegen. Die neugewonnene innerparteiliche Demokratie wird bleiben.Das hat sie der Partei glaubhaft versprochen. Sie wird die Kanzlerin, wenn überhaupt,  nur inhaltlich, nicht aber persönlich bedrängen. Wie lange Merkel Kanzlerin bleibt, entscheidet weniger die CDU als die SPD.

Friedrich Merz wäre eine Zäsur gewesen. Mit knapper Mehrheit hat sich die Partei der Zäsur verweigert. So weit wollte die CDU dann doch nicht ins Risiko gehen.

Ob diese neue CDU auch wieder neue Wähler gewinnt, beziehungsweise alte zurückgewinnt, hängt einerseits von Frau Kramp-Karrenbauer, andererseits vom Verhalten des konservativen Flügels ab. Bei ihm ist die Enttäuschung groß. Er hat die letzte große Schlacht um den Kurs der Partei verloren.

Werden die Konservativen in die innere Emigration gehen, sich der neuen Chefin verweigern, oder bleiben sie engagiert dabei? Die Antwort wird entscheidend für künftige Wahlen sein. Besonders im Osten, wo im nächsten Jahr drei Landtagswahlen anstehen.

Diese Wahlen und das Ergebnis der Europa-Wahl werden darüber entscheiden, ob Kramp-Karrenbauer tatsächlich auch die nächste Kanzlerkandidatin der CDU/CSU wird. Das ist noch nicht ausgemacht. Sie ist eine Vorsitzende auf Bewährung. Nicht nur die Konservativen in der Partei werden sie genau beobachten.

Die Rückkehr von Friedrich Merz in die aktive Politik ist gescheitert. Es gibt kein Comeback. Retro mag schick sein, nicht aber in der CDU. Seine Rolle wird die eines gelegentlichen Unterstützers von der Seitenlinie aus sein. Mehr nicht.

Jens Spahn dagegen hat seine Zukunft noch vor sich. Wie weit sie führt, hängt davon ab, wie erfolgreich oder erfolglos Kramp-Karrenbauer sein wird. Denn am Ende zählt bei der CDU nur eine Währung: Wählerstimmen, Regieren.

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Montag, 12. November 2018, 14:07 Uhr

Merkels letzter Dienst

Das absurde Theaterstück “Horst Seehofers würdeloser Abschied” nimmt einfach kein Ende. Die Spielzeit wird sogar verlängert. Jetzt will Seehofer zwar als CSU-Chef abtreten, aber als Bundesinnenminister bleiben. Dieses Amt sei von seinem Rücktritt “in keiner Weise berührt”.

Wie weit kann der Realitätsverlust eines Politikers noch gehen? Die Zerrüttung der Großen Koalition hat er doch in erster Linie als Innenminister begangen – mit seinem Masterplan und dem Fall Maaßen. Und genau dieses Amt, für das er sich vollständig disqualifiziert hat, will er behalten. Von einem Neustart der GroKo könnte dann keine Rede mehr sein.

Wenn die CSU nicht ein Einsehen hat und ihn nach seinem Ende als Parteichef auch aus dem Kabinett zurückzieht, dann muss Angela Merkel der CDU/CSU und der Großen Koalition noch einen letzten Dienst erweisen und ihn feuern. Die CSU würde sich nicht sperren und die Republik würde aufatmen.