Sonntag, 16. Mai 2010, 11:07 Uhr

Mehr Sekretär als General

Franz Müntefering war mehr Sekretär (Schröders) als General. Kurt Biedenkopf war einer der klügsten, Heiner Geißler der mächtigste und strategisch begabteste. Karl-Hermann Flach und Peter Glotz waren die intellektuellsten, Dirk Niebel und Peter Hintze die flachsten. Angela Merkel war die mutigste (als sie sich von Helmut Kohl lossagte). Edmund Stoiber führte die Karriere immerhin bis zum  Kanzlerkandidaten und Guido Westerwelle katapultierte das Amt bis ins Außenministerium. Hans-Jürgen Wischnewski war der menschlichste, Egon Bahr der raffinierteste. Alle waren Generalsekretäre (früher hießen sie bei der SPD noch bescheiden Bundesgeschäftsführer) – da gab es Schatten, aber auch viel Licht.

Heute gibt es fast nur noch Schatten. Das Amt des Generalsekretärs erlebt seit Jahren einen beispiellosen Niedergang. 

Wer dachte, nach Bernd Protzner und Markus Söder könne es bei der CSU nicht noch schlimmer kommen, wurde eines besseren (oder schlechteren) belehrt. Alexander Dobrindt hat das Niveau mit seinen unqualifizierten Ausfällen und hasserfüllten Zwischenrufen weiter abgesenkt. Seine größte Perfidie war, Guido Westerwelle während seines Staatsbesuches in der Türkei öffentlich aufzufordern, die deutschen Interessen nicht zu verraten – so als sei der Außenminister ein Landesverräter auf Reisen.

Wer dachte, nach Ronald Pofalla könne das Amt des CDU-Generalsekretärs nicht noch mehr an Bedeutung verlieren, der wurde ebenfalls eines schlechteren belehrt. Pofalla, in seiner Zeit eine Art gehobener Büroleiter Angela Merkels im Adenauer-Haus, wird von seinem Nachfolger Hermann Gröhe an Bedeutungslosigkeit noch unterboten. Gibt es ihn überhaupt? Er traut sich offenbar nichts und Merkel traut ihm offenbar nichts zu. Ihr Auftrag an ihn: lautlos funktionieren, Betonung auf lautlos. Das könnte auch ein guter Abteilungsleiter miterledigen.

Merkel duldet bekanntermaßen keine starken Männer oder Frauen neben sich. Für Pofalla zahlt sich dies möglicherweise aus: er könnte nach dem Wahldesaster von Jürgen Rüttgers CDU-Landesvorsitzender und damit Merkels Statthalter in NRW werden.

Wer dachte, nach Hubertus Heil könne das Amt des SPD-Generalsekretärs nur an Bedeutung gewinnen, der täuschte sich ebenfalls. Denn Andrea Nahles hat aus dem Amt nichts gemacht. Selbst ihr Buch über ihre Selbstfindung als linke, katholische Frau hatte sie schon vorher geschrieben. Seitdem kommt nichts mehr aus dem Willy-Brandt-Haus, wenn nicht gerade der Vorsitzende Sigmar Gabriel einen seiner verwegenen Einfälle hat. Geistige Erstarrung wie bei der CDU. Jetzt zeigt sich, dass Nahles jahrelang als linke Flügelfrau nicht von eigener politischer Substanz lebte, sondern nur aus dem Antagonismus zu Müntefering und Schröder.

Bei der Linkspartei stellte sich heraus, dass ein politisch-strategischer Kopf wie Dietmar Bartsch mit Lafontaines poststalinistischem Regime nicht mehr kompatibel war. Er scheiterte nicht an sich, sondern an den Machtverhältnissen bei der “Linken”. Man muss keine prognostische Kraft haben, um vorherzusagen, dass seine beiden Ost/West/Mann/Frau-Nachfolger das Amt des Bundesgeschäftsführers weiter abwerten werden.

Die Grünen haben auch keine Generalsekretärin, was sollte die auch bei vier Partei- und Fraktionsvorsitzenden? Sie haben mit Steffi Lemke eine Bundesgeschäftsführerin, die ihren Lockenkopf immer nur in den TV-Generalsekretärsrunden nach Wahlen ins Scheinwerferlicht halten darf. Dann ist wieder monate – oder jahrelang Sendepause. Insofern fällt sie ohnehin aus diesem Kreis heraus.

Der einzige, der herausragt, ist der neue FDP-Generalsekretär Christian Lindner. Strategisch und rethorisch begabt ist er die Überraschung der Saison und wird vom schnelllebigen Hauptstadtjournalismus schon als potenzieller Westerwelle-Nachfolger gehandelt. Vielleicht hat Westerwelle deshalb so lange gezögert, ihn zu berufen. Lindner füllt auf jeden Fall die Lücke, die Westerwelle in den ersten Monaten seiner Regierungszeit selbst geschaffen hat.

Die Zeiten von Generalsekretären wie Biedenkopf, Geißler, Flach, Glotz, Wischnewski und Bahr scheint unwiderruflich vorbei. Aber die Bedeutung der Vorsitzenden hat ja auch nachgelassen.

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Samstag, 24. April 2010, 12:02 Uhr

Die “eiserne Kanzlerin” schmilzt

Es gibt Stücke auf der politischen Bühne, deren Scheitern steht schon bei der Premiere fest. Ein solches Stück war “Die eiserne Kanzlerin”. Schon im März, als es von Angela Merkel und ihren publizistischen Hilfstruppen inszeniert wurde, stand fest, dass es bald wieder vom Spielplan abgesetzt wird. Denn schon damals war klar, dass die EU Griechenland mit Milliardenkrediten helfen muss. Es war nur eine Frage der Zeit.

Jetzt ist es soweit: Griechenland bittet um Hilfe und die “eiserne Kanzlerin” wird wie Butter unter der griechischen Sonne schmelzen. Und sie widerlegt damit die Legende, sie denke die Dinge immer vom Ende her. Wenn dies so wäre, dann hätte sie die Inszenierung nicht zulassen dürfen. Aber wenige Wochen vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen war die Versuchung zu groß, dem Wahlpublikum Führungsstärke zu demonstrieren. Leider am untauglichen Objekt. Denn bei der Griechenland-Krise geht es zwar vordergründig um den Mittelmeerstaat, in Wirklichkeit stehen der Euro und der Bestand der Europäischen Währungsunion auf dem Spiel – und damit unsere eigene wirtschaftliche Zukunft. Merkel aber schürte mit ihrer Rolle als “eiserne Kanzlerin” die antigriechischen Ressentiments – eine Torheit, wenn man weiß, dass man am Ende doch helfen muss. 

Und so ist es auch kein Wunder, dass sich gleich wieder die Populisten melden. Nicht aus der Opposition, die ist erstaunlich verantwortungsbewusst, sondern aus den eigenen Reihen. CSU-Landesgruppenchef Friedrich (ein Name, den man sich nicht merken muss) legt in bewährter Manier den Griechen gleich den Austritt aus der Europäischen Währungsunion nahe. Dies dürfe “kein Tabu” sein. So, als habe die EU die Kredithilfen nicht schon längst beschlossen. Und der CSU-Mann legt damit gleichzeitig wieder einmal offen, wo die eigentlichen Probleme der Koalition liegen: es fehlt an Führung.

Die Griechen (und die internationalen Spekulanten) haben den Plan von Schwarz-Gelb durchkreuzt, sich über die NRW-Wahl zu mogeln. Denn Geld für Griechenland ist unpopulär. Deshalb ist jetzt das Wichtigste, die Wähler darüber aufzuklären, worum es wirklich geht. Aus dem Bundeshaushalt wird kein müder Euro fließen, die Bundesregierung gibt lediglich eine Bürgschaft für einen Kredit, den die KfW-Bank den Griechen zu fünf Prozent Zinsen ausleiht. Der Bund kassiert dafür noch eine Bürgschaftsgebühr, die dem Haushalt zugute kommt. Und die Griechen werden an die extrem harten Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) gebunden.

Wenn Merkel das sauber erklärt, statt bis zum 9. Mai weiter auf Zeit zu spielen, entzieht sie den Populisten den Boden. Das wäre Führung.

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Samstag, 13. März 2010, 14:43 Uhr

Mehrwertsteuer rauf?

Regieren heißt Macht haben, Herrschaft ausüben und das – wie im Amtseid vorgeschrieben – zum Wohle des Volkes. Nach dieser Definition wird Deutschland zurzeit nicht regiert: eine Kanzlerin, die ihren Führungsauftrag verweigert, ein Vizekanzler, der sich in Klientel- und Spenderinteressen verstrickt, eine in sich und mit der FDP völlig zerstrittene CSU – das ist die schwarz-gelbe Regierung nach vier Monaten ihrer Amtszeit. Dass ein solcher Zustand nur zu langjährigem Siechtum mit eine Kette verlorener Landtagswahlen führen kann, haben inzwischen auch die zerstrittenen Partner erkannt. Nur wissen sie (noch) nicht, wie sie aus dieser selbstgeschaffenen Misere wieder herauskommen sollen.

Die Bilanz besteht bisher aus dem von Hotelsubventionen überschatteten Wachstumsbeschleunigungsgesetz und aus der Verlängerung des Afghanistan-Mandets. Für das erste gab es nur Pfiffe vom Publikum und für das zweite auch keinen Beifall der Wähler. Deshalb will die Koalition noch vor der NRW-Wahl ein Signal an die Wähler senden, dass sie doch handlungsfähig ist: sie will die Grundzüge der Steuerreform 2011 bis Ende April vorlegen.

Wie es heute aussieht, wird es nur eine kleine Steuerreform, eine Beseitigung des sogenannten Mittelstandsbauches, der kalten Progression, die mittlere Verdiener übermäßig belastet. Mehr ist angesichts der Schuldenmisere nicht drin. Auch die FDP scheint das inzwischen eingesehen zu haben, wie es aus der CDU heißt. Sie würde mit dem Versprechen einer großen Steuerstrukturreform auf 2013 oder 2014 vertröstet. Und das auch nur unter der Bedingung, dass sich bis dahin die Konjunktur erholt hat und die Steuerquellen wieder sprudeln.

Überschattet werden könnte diese Einigung aber von dem Plan einiger Ministerpräsidenten der CDU/CSU, erneut die Mehrwertsteuer anzuheben. Dafür werben intern Politiker aus dem Süden, Norden und Osten Deutschlands: die Mehrwertsteuer soll auf 20 Prozent, der verminderte Steuersatz auf 10 Prozent steigen. Mit diesen Mehreinnahmen soll versucht werden, die Schuldenbremse einzuhalten und mehr Geld für die handlungsunfähigen Kommunen zu beschaffen.

Dieser Plan würde allerdings den schönen Effekt einer Einigung über die Steuerreform wieder zunichte machen.

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Dienstag, 29. Dezember 2009, 10:45 Uhr

Ein bisschen Schwund…

Es gibt manchmal Sätze, die überliest man, aber wenige Zeilen später zuckt man zurück und denkt: Das kann ich doch eben gar nicht gelesen haben. Solch einen Satz hat der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, ein gewisser Stefan Müller, gesagt. Er wollte damit die erfreulich klare Kritik von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am sogenannten Wachstumsbeschleunigungsgesetz zurückweisen.

Lammert hatte dem Gesetz nicht zugestimmt, weil einige Vorhaben “zweifelhaft, misslungen, nicht vertretbar” seien, wobei er in erster Linie die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotels meinte. Dazu meinte Herr Müller: “Gemessen am Gesamtumfang der Entlastung von MIllionen von Bürgern fällt die von Lammert kritisierte Maßnahme nicht besonders stark ins Gewicht”.

Das lohnt sich, festzuhalten: eine schwachsinnige Steuersubvention, die mindestens eine Milliarde Euro Steuergelder im Jahr kostet, “fällt nicht besonders stark ins Gewicht”. Eine Maßnahme, von der man das Kindergeld um weitere 20 Euro hätte erhöhen oder die Neuverschuldung um eine Milliarde hätte begrenzen können.

Für Herrn Müller, der immerhin für die CSU-Landesgruppe spricht, gilt bei finanzpolitischen Entscheidungen offenbar das bekannte Motto: ein bisschen Schwund ist immer. Oder: irgendetwas Sinnloses ist immer dabei. Auch wenn`s eine Milliarde kostet. Es ist nicht überraschend, aber immer wieder ernüchternd, wie viele Politiker jedes Verhältnis zum Geld der Bürger verloren haben.

Dass übrigens Guido Westerwelle, das Wachstumstumsbeschleunigungsgesetz für “ökonomisch klug und sozial gerecht” hält, ist noch weniger überraschend. Das ist klassische Umwertung der Begriffe, die von der Politik immer wieder versucht wird.

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Mittwoch, 09. Dezember 2009, 13:22 Uhr

Das Ameisen-Gesetz der Politik

Kein Scherz ist so alt, dass er nicht in der Politik bitterer Ernst wird. Ich meine den Uralt-Scherz über den Biologie-Studenten, der alles über Ameisen gelernt hat, aber über Elefanten geprüft wird. Also antwortet er: der Elefant ist ein großes Tier. Es gibt große und kleine Tiere. Ein sehr kleines Tier ist die Ameise. Und dann spult er sein ganzes Wissen über Ameisen ab.

So ist es auch in der Politik – und zwar unabhängig von Parteizugehörigkeit. Politiker beantworten selten Fragen, die ihnen gestellt werden, sondern spulen nur das ab, was sie ohnehin sagen wollten. Heute allerdings heißt die Ameise Wachstum. Ein schönes Beispiel erlebte ich bei Ánne Will. Als sie den neuen CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe fragte, wie denn nun die Riesenschulden abgebaut, wie im Haushalt gespart werden soll, antwortete er, dass eine Milliarde Euro gespart würden, wenn es durch Wachstum 100.000 Arbeitslose weniger gäbe. Das war zwar nicht die Antwort auf die Frage, aber er wiederholte sie auf zweimaliges Nachfragen noch zwei Mal. Frau Will fragte aber immerhin nach.

Ein noch schöneres Beispiel lieferte die bayerische Sozialministerin Christiane Haderthauer bei Heiner Bremer in n-tv. Auf die Frage, ob die Politik die Hartz-IV-Kinder vergessen habe und was Schwarz-Gelb gegen Kinderarmut tun wolle, antwortete die CSU-Politikerin, der beste Weg gegen Kinderarmut sei, die Eltern aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Deshalb sei das Wachstumsbeschleunigungsgesetz so wichtig.

Zu deutsch: wer den Mehrwertsteuersatz für Hotels senkt, bekämpft die Kinderarmut.

In diesem Fall allerdings hakte kein Moderator nach und auch die SPD-Duellantin, die “Zukunftshoffnung” Manuela Schwesig, ließ das einfach so stehen. Das mit der Ameise funktioniert also immer noch.


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