Dienstag, 29. Dezember 2009, 10:45 Uhr

Ein bisschen Schwund…

Es gibt manchmal Sätze, die überliest man, aber wenige Zeilen später zuckt man zurück und denkt: Das kann ich doch eben gar nicht gelesen haben. Solch einen Satz hat der parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe, ein gewisser Stefan Müller, gesagt. Er wollte damit die erfreulich klare Kritik von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am sogenannten Wachstumsbeschleunigungsgesetz zurückweisen.

Lammert hatte dem Gesetz nicht zugestimmt, weil einige Vorhaben “zweifelhaft, misslungen, nicht vertretbar” seien, wobei er in erster Linie die Senkung der Mehrwertsteuer für Hotels meinte. Dazu meinte Herr Müller: “Gemessen am Gesamtumfang der Entlastung von MIllionen von Bürgern fällt die von Lammert kritisierte Maßnahme nicht besonders stark ins Gewicht”.

Das lohnt sich, festzuhalten: eine schwachsinnige Steuersubvention, die mindestens eine Milliarde Euro Steuergelder im Jahr kostet, “fällt nicht besonders stark ins Gewicht”. Eine Maßnahme, von der man das Kindergeld um weitere 20 Euro hätte erhöhen oder die Neuverschuldung um eine Milliarde hätte begrenzen können.

Für Herrn Müller, der immerhin für die CSU-Landesgruppe spricht, gilt bei finanzpolitischen Entscheidungen offenbar das bekannte Motto: ein bisschen Schwund ist immer. Oder: irgendetwas Sinnloses ist immer dabei. Auch wenn`s eine Milliarde kostet. Es ist nicht überraschend, aber immer wieder ernüchternd, wie viele Politiker jedes Verhältnis zum Geld der Bürger verloren haben.

Dass übrigens Guido Westerwelle, das Wachstumstumsbeschleunigungsgesetz für “ökonomisch klug und sozial gerecht” hält, ist noch weniger überraschend. Das ist klassische Umwertung der Begriffe, die von der Politik immer wieder versucht wird.

Kommentare
18
Mittwoch, 09. Dezember 2009, 13:22 Uhr

Das Ameisen-Gesetz der Politik

Kein Scherz ist so alt, dass er nicht in der Politik bitterer Ernst wird. Ich meine den Uralt-Scherz über den Biologie-Studenten, der alles über Ameisen gelernt hat, aber über Elefanten geprüft wird. Also antwortet er: der Elefant ist ein großes Tier. Es gibt große und kleine Tiere. Ein sehr kleines Tier ist die Ameise. Und dann spult er sein ganzes Wissen über Ameisen ab.

So ist es auch in der Politik – und zwar unabhängig von Parteizugehörigkeit. Politiker beantworten selten Fragen, die ihnen gestellt werden, sondern spulen nur das ab, was sie ohnehin sagen wollten. Heute allerdings heißt die Ameise Wachstum. Ein schönes Beispiel erlebte ich bei Ánne Will. Als sie den neuen CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe fragte, wie denn nun die Riesenschulden abgebaut, wie im Haushalt gespart werden soll, antwortete er, dass eine Milliarde Euro gespart würden, wenn es durch Wachstum 100.000 Arbeitslose weniger gäbe. Das war zwar nicht die Antwort auf die Frage, aber er wiederholte sie auf zweimaliges Nachfragen noch zwei Mal. Frau Will fragte aber immerhin nach.

Ein noch schöneres Beispiel lieferte die bayerische Sozialministerin Christiane Haderthauer bei Heiner Bremer in n-tv. Auf die Frage, ob die Politik die Hartz-IV-Kinder vergessen habe und was Schwarz-Gelb gegen Kinderarmut tun wolle, antwortete die CSU-Politikerin, der beste Weg gegen Kinderarmut sei, die Eltern aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Deshalb sei das Wachstumsbeschleunigungsgesetz so wichtig.

Zu deutsch: wer den Mehrwertsteuersatz für Hotels senkt, bekämpft die Kinderarmut.

In diesem Fall allerdings hakte kein Moderator nach und auch die SPD-Duellantin, die “Zukunftshoffnung” Manuela Schwesig, ließ das einfach so stehen. Das mit der Ameise funktioniert also immer noch.

Kommentare
31
Montag, 28. September 2009, 08:53 Uhr

Wahrheiten nach der Wahl

Am Morgen danach ein paar einfache Wahrheiten zum Ergebnis der Bundestagswahl. Der Sieg könnte für manche schal werden und die Niederlage für andere zur Chance.

Die CDUDie CDU ist als Volkspartei zwar noch nicht auf der Intensivstation wie die SPD, aber sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Sie ist nach vier Jahren Merkel fast schon da, wo sie nach 16 Jahren Kohl war: ein Kanzlerwahlverein – inhaltslos, geistig lahmgelegt, innerparteilich tot. Sie bietet keine Zukunftsorientierung, hat keinen Plan für die Gesellschaft von morgen. Die Partei ist hinter und unter Merkel fast spurlos verschwunden. Die CDU diskutiert nicht mehr, von ihr geht keine Strahlkraft, keine Faszination aus. Sie steht und fällt mit Merkel. Das ist gefährlich, wie die Wahl gezeigt hat. Denn Merkel besitzt keinen Kanzlerbonus. Ob die CDU weiter schrumpft, hängt davon ab, ob Angela Merkel die Souveränität und den Mut hat, die CDU wieder zu einer lebendigen Partei zu machen. An der Auswahl ihres Generalsekretärs wird zu erkennen sein, ob sich Frau Merkel wirklich für die CDU interessiert.

 

Die CSU

Die CSU hat als bayerische Staatspartei endgültig abgedankt. Für sie wird es nie mehr so, wie es einmal war. Sie wird ohne Partner nicht mehr regieren können. Das politische Erbe von Franz Josef Strauß (und von Edmund Stoiber) ist von Huber und Beckstein und jetzt auch von Horst Seehofer verspielt worden. Sein erratischer und für den einfachsten Wähler erkennbar populistischer Wahlkampf wurde abgestraft. Eine Partei kann nicht nur dem Volk nach dem Munde reden und fast zu jeder politischen Frage zwei gegenteilige Meinungen haben. Seehofer war der beste Wahlhelfer, den die FDP finden konnte. Das Schlimme für die CSU: auch Karl Theodor zu Guttenberg wird kein neuer Strauß. Er hat bei dieser Wahl keine einzige Wählerstimme bewegt. Er ist zwar beliebt, aber offenbar glauben die Wähler, dass er weder Einfluß auf die Politik Horst Seehofers noch auf die Entscheidungen von Frau Merkel hat.

Die FDP

Die FDP kann jetzt vor Kraft kaum laufen. Nur nicht übermütig werden! Mindestens ein Drittel ihrer Stimmen ist Flugsand – von der CDU/CSU herübergeweht. Der kann auch weiter fliegen. Westerwelles Hauptaufgabe wird es sein, aus diesen Wählern überzeugte FDP-Wähler zu machen. Dazu gehört solide, verlässliche Regierungsarbeit. Und dafür reicht es nicht, täglich drei Mal Steuersenkungen zu rufen. Die werden ohnehin schmal ausfallen und auf Pump finanziert werden. Enttäuschungen bei der Wirtschaftsklientel sind heute schon programmiert. Es wäre für die FDP kein Fehler, auch das soziale an der Marktwirtschaft zu entdecken. Und die FDP muss wieder zur Bürgerrechtspartei und zum rechtsstaatlichen Korrektiv der CDU/CSU werden. Frau Leutheusser-Schnarrenberger ist künftig wichtiger als Brüderle und Solms. Westerwelle tritt jetzt in die Schuhe von Hans-Dietrich Genscher. Sie sind verdammt groß. Wenn sie ihm nach vier Jahren passen, dann hat er es geschafft.

Die SPDDie SPD hängt auf der Intensivstation am Tropf, aber sie kann genesen. Frank Walter Steinmeier ist im Laufe des Wahlkampfes doch noch zum Politiker geworden, hat die Wahlkatastrophe bisher souverän gemeistert. Sie ist seine Flut. Daran kann er weiter wachsen. Seine Kandidatur für den Fraktionsvorsitz ist konsequent. Die SPD hat nicht genügend Köpfe, um ihn ziehen lassen zu können. Es reicht aber nicht aus, auf die unvermeidlichen Fehler der neuen Regierung zu vertrauen. Die SPD muss endlich ihren Markenkern wiederentdecken: die soziale Gerechtigkeit – allerdings verbunden mit wirtschaftlicher Vernunft. Sie muss sich dazu bekennen, dass sie links von der Mitte steht. Sie muss die Partei der Jugend, des Internet-Zeitalters, der politischen Transparenz und der politischen Partizipation werden. Die SPD hat nicht mehr viel zu verlieren. Sie kann sich etwas trauen. Sie könnte, wenn sie es richtig anfängt, die spannendeste deutsche Partei werden. Raus aus den Hinterzimmern, rein ins Leben! Dazu gehört aber ein breites Personalangebot an frischen, jungen Köpfen. Ob Frau Nahles das verkörpert? Und wo bleibt Münteferings Rücktrittserklärung? Wenn er bleibt, kann man die SPD vergessen.

 

Die LinkeFür die Linkspartei könnte der Sieg schnell schal werden, wenn ihr bewusst wird, dass sie bundespolitisch völlig isoliert ist. Mit ihr kann und will keiner und auch im Saarland kann sie noch eine bittere Enttäuschung erleben. “Die Linke” hat bei der Bundestagswahl ihren Zenit erreicht. Von da an geht´s bergab. Immer nur Protest, gegen alles sein, aberwitzige Forderungen aufstellen – das trägt künftig nicht mehr. Die Linkspartei hat nur eine Zukunft als Partner der SPD, wenn sie ihr Godesberg erlebt, wenn sie die Realitäten anerkennt – inbesondere in der Außenpolitik. Aber die Linkspartei hat keinen Herbert Wehner, der 1960 die SPD mit unerbitterlicher Kraft zur Anerkennung der EWG und NATO gezwungen hat. Für die Linkspartei ist die entscheidende Frage, ob Oskar Lafontaine den Wehner macht, ob er sich noch einmal neu erfindet. Lafontaine kommt erst dann wieder bei sich selbst an, wenn er die “Linke” national regierungsfähig und koalitionsfähig macht. Ob er dazu die Kraft hat?

 

Die Grünen

Die Grünen sind trotz Stimmenzuwachses ein Verlierer der Bundestagswahl. Sie sind auf Daueropposition programmiert. Keiner braucht sie. Ob sie künftig gebraucht werden, hängt davon ab, ob sie bereit sind, über alte ideologische Gräben zu springen. Rot-Rot-Grün ist noch lange eine Fata Morgana. Und dafür können die Grünen nichts tun, das hängt von der Entwicklung der SPD und der Linkspartei ab. Über die Zukunft der Grünen entscheidet die Frage, ob sie sich öffnen für Jamaica. Das wird (bis auf Schwarz-Grün in Hamburg) die einzige Regierungsoption sein, über die die Grünen selbst entscheiden können. Das Saarland wird zeigen, ob die Grünen zur eigenen Zukunft fähig sind. Und sie sollten ihr Personal sortieren. Wer steht eigentlich wirklich vorne?

Kommentare
48
Samstag, 26. September 2009, 12:43 Uhr

Mit Bauchschmerzen FDP

Irgendwann musste es ja passieren, wenn ich am Sonntag nicht stundenlang die Wahlkabine blockieren will: Ich habe mich entschieden. Aber ich fühle mich nicht wohl dabei – im Gegenteil. Ich wähle mit Bauchschmerzen und zusammengebissenen Zähnen. Zum ersten Mal in meinem Leben wähle ich nicht eine Partei, weil ich mindestens zu 51 Prozent von ihr überzeugt bin. Ich bin 2009 kein Positiv-, sondern ein Negativ-Wähler. Ich will etwas verhindern – nämlich eine neue große Koalition. Denn sie wäre der Wegbereiter, sie wäre der rote Teppich für Rot-Rot-Grün.

Jeden Tag würde über einer neuen großen Koalition das Damoklesschwert Rot-Rot-Grün schweben und die SPD würde in den nächsten vier Jahren sicher einen Grund finden (oder konstruieren), um sie aufzukündigen und ihrem wiedererwachenden linken Herzschlag zu folgen. Die neue SPD-Bundestagsfraktion wird weiter links stehen als die bisherige (das zeigten schon die Kandidatenaufstellungen), der Andrea-Nahles-Flügel wird in den nächsten Jahren den Takt vorgeben und zusammen mit den unvermeidlichen Opportunisten in der SPD die Macht übernehmen. Gleichzeitig wird  “Die Linke” einen Schwenk zur Realität vollziehen. Immer nur Proteststimmen einsammeln – das geht auch für Oskar Lafontaine 2009 zum letzten Mal. Das heißt, in der SPD und in der Linkspartei werden die Weichen in den nächsten Jahren auf Rot-Rot-Grün gestellt. Ein Grund, die große Koalition aufzukündigen, findet sich dann immer.

Deshalb will ich auf keinen Fall eine neue große Koalition. Ich glaube, dass Rot-Rot-Grün ein Verhängnis für Deutschland und seine Zukunftschanchen wäre. Also muss ich diejenige Partei wählen, die Rot-Rot-Grün verhindert. Und da gibt es leider nur eine: die FDP. Wer CDU wählt, kann da nicht sicher sein – im Gegenteil: Angela Merkel wäre eine neue große Koalition nur recht, mit der SPD als Puffer gegen soziale Proteste, um die unvermeidlichen Spar- und Kürzungsbeschlüsse, Steuer- und Abgabenerhöhungen abzufedern. Und für sie gilt ohnehin: Hauptsache, wieder Kanzlerin!

Also bleibt nur die FDP, wenn meine Stimme nicht verloren sein soll. Ich habe zwar in meinem Leben schon häufiger FDP gewählt (mit Begeisterung während der Zeit von Karl-Hermann Flach und Werner Maihofer), aber nie fiel es mir so schwer wie heute. Die FDP ist – neben der Linkspartei in den neuen Bundesländern – die einzige strukturkonservative Partei in Deutschland. Sie ist faszinierend unmodern. Die FDP tritt an mit demselben Spitzenpersonal, mit demselben Programm und mit denselben Slogans wie vor 10 Jahren. An ihr ist die Finanz- und Wirtschaftskrise fast spurlos vorübergegangen, sie hat kaum etwas daraus gelernt.

Nur so ist zu erklären, dass sie trotz der größten Verschuldung des Landes ihr unrealistisches und unfinanzierbares Steuerprogramm aus dem Aktenkeller geholt hat. Nur so ist zu erklären, dass sie in einer Zeit zunehmender sozialer Spannungen ausgerechnet den Kündigungssschutz lockern will. Und ihr Bekenntnis zu Bürgerrechten ist nur noch Applikation, halbherzig vorgetragen als letzte kleine Verneigung vor den linksliberalen Restbeständen in der Partei.

Die FDP ist nur zu ertragen mit der CDU/CSU als sozialem Korrektiv. Auf Horst Seehofer und Jürgen Rüttgers kommt bei Schwarz-Gelb die wichtigste Aufgabe zu. Auf ihnen lastet die Verantwortung, dass der soziale Friede gewahrt bleibt. Aber das ändert leider alles nichts daran, dass nur die FDP eine neue große Koalition und damit Rot-Rot-Grün verhindern kann. Deshalb mit Bauchschmerzen FDP – auch wenn´s weh tut.

Kommentare
15
Freitag, 24. Juli 2009, 18:16 Uhr

Armer Guttenberg!

Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg ist zu beglückwünschen und zu bedauern. Zu beglückwünschen ist der Wirtschaftsminister, weil er es in nur fünf Monaten geschafft hat, an die Spitze der Beliebtheitsskala deutscher Politiker zu stürmen – vor Angela Merkel und weit vor seinem Entdecker Horst Seehofer. Zu bedauern ist der CSU-Politiker, weil das jetzt natürlich noch mehr Neider auf den Plan ruft. So schnell so hoch – da kann die Luft nur dünner werden. Das Mittelmaß der deutschen Politik jault auf und schmiedet Rachepläne. ihn wieder vom Gipfel herunterzuzerren. Das lassen die Söders der Politik einem Newcomer nicht durchgehen.

Jahrelang galt in der deutschen Politik Management by Champignon: Wer den Kopf zu früh und zu weit herausstreckt, dem wird er abgeschlagen. Und dann kommt ein – geistig und materiell – unabhängiger Kopf aus Franken und stellt das ganze Parteiensystem auf den Kopf, aus dessen Ochsentour bisher keiner so herauskam, wie er als hoffnungsvoller junger Mann hineingegangen war. Viele, die als Idealisten angefangen haben, kommen aus diesem System als Zyniker heraus. Zu Guttenberg widerlegt mit seinem rasanten Aufstieg, den es in dieser Form in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat, alle Urteile – und Vorurteile – über das deutsche Parteiensystem.

Zu Guttenbergs Spitzenplatz demonstriert, wie groß die Sehnsucht der Wähler nach jungen, frischen Gesichtern ist, nach Politikern, die noch Prinzipien haben und diese auch öffentlich klar vertreten, nach Politikern, die so handeln, wie sie reden. Sein Aufstieg ist auch eine Menetekel für die Kanzlerin. Er zeigt gnadenlos die Schwächen Angela Merkels auf: ihre Profillosigkeit, ihre Art, sich nicht festzulegen, die Probleme auszusitzen. Zu Guttenberg ist das Gegenbild zur Kanzlerin – und genau darin liegt auch die Gefahr. Kanzler oder Kanzlerinnen wollen keine fremden Götter neben sich haben. Jetzt werden die Fallen aufgestellt, in denen sich spätestens nach der Wahl zu Guttenberg verfangen soll.

Glücklicher zu Guttenberg, armer zu Guttenberg!

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag vom 24.06.2009 “Guttenberg & Seehofer – wie lange hält die Liebe?


apparent media - iPhone Apps aus Berlin