Askese mit Joschka Fischer

Joschka Fischer war, so lange ihm das Essen und Trinken Spaß machte, ein echter Genussmensch. Und daran ließ er auch andere teilhaben. Ich erinnere mich an einen feucht-fröhlichen Abend bei Bruno auf der Bonner Cäcilienhöhe, bei Parteitagen war er gelegentlich erst am nächsten Mittag wieder verhandlungsfähig. Als er sich aber zur Askese entschloss, erwartete er Askese auch von den Journalisten. So bewirtete der grüne Außenminister drei “Spiegel”-Redakteure, die ihn im Urlaub in der Toskana besuchten, mit einem (!) Apfel. Er schnitt ihn in dünne Scheiben, gab einige mikroskopisch kleine Spuren von Peccorino-Käse dazu und glaubte, so ein guter Gastgeber zu sein.

Die “Spiegel”-Kollegen aber hatten noch Glück. Für die zwei Reporter von “Bild am Sonntag”, die ihn in demselben Urlaub zum Interview besuchten, gab es bei 35 Grad im Schatten nur ein Glas Wasser – und das auch nur auf Anforderung.

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Einer von uns?

Im Bonn der 70er Jahre war nicht nur die Politik sehr polarisiert, sondern auch der Journalismus. SPD-nahe Journalisten hatten sich im Club “Gelbe Karte” organisiert, die CDU-nahen waren im “Bergsdorf-Kreis”, genannt nach dem Büroleiter Helmut Kohls. Beide veranstalteten regelmäßig Hintergrundgespräche mit Politikern ihrer Couleur, die “Gelbe Karte” verstand sich zudem als Kampagnen-Instrument, sprach Themen und Geschichten ab.

Als ich Ende 1973 mit 25 Jahren für “Die Welt” nach Bonn kam, war für mich diese Gruppenbildung ein Problem. Ich wollte gar keiner Gruppe angehören. Vom Alter und Lebensgefühl fühlte ich mich eher zu den jungen, linken Journalisten hingezogen, die – aus meiner Sicht – “alten Knacker” im Bergsdorf-Kreis waren mir fremd.

Um prominente Politiker hautnah erleben zu können, ging ich dann doch zu den CDU-Journalisten. Als ich einmal einen Kollegen mitbringen wollte, fragte mich Kohls Sprecher Eduard Ackermann: “Ist der denn einer von uns?”. Ich antwortete: “Was heißt, einer von uns? Ich bin auch keiner von uns”. Bei den linken Journalisten freundete ich mich mit einem Kollegen an, der später beim “Spiegel” Karriere machte. Er teilte mir eines Tages mit, wir könnten nicht länger befreundet sein, er habe deswegen Schwierigkeiten mit der “Gelben Karte”. Die hätten kein Verständnis dafür, dass er sich mit einem “Welt”-Redakteur treffe. So saß ich dort, wo eigentlich ein Journalist hingehört – zwischen Baum und Borke.

Im Frühjahr 1976, nachdem ich Büroleiter von BILD geworden war, wurde ich Mitglied im “Adler-Kreis”, einem der wenigen unabhängigen, überparteilichen Kreise, genannt nach dem Treffpunkt, dem Hotel “Adler” in Bad Godesberg. Ihm gehörten die Büroleiter großer Zeitungen und Sender an. Er traf sich mit Spitzenpolitikern aller Parteien. Seitdem musste ich mich nicht länger zwischen Gruppen entscheiden.

Den “Spiegel”-Kollegen traf ich zwanzig Jahre später in Positano am Strand. Er tat so, als seien wir immer die engsten Freunde gewesen.

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Mittwoch, 15. Juli 2009, 10:03 Uhr

Du rettest den Freund nicht mehr

Thomas Steg, der sich heute als stellvertretender Regierunssprecher verabschiedet, ist um seinen neuen Job nicht zu beneiden: Kommunikationschef des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Das ist etwa so attraktiv wie Pressesprecher bei Vattenfall. Auch die SPD hat so viele Störfälle hinter sich, dass ihr am 27. September die Abschaltung droht. Das kann selbst ein so hervorragender Mann wie Steg kaum noch verhindern. 

Kommunikationsexperten können nicht erfolgreicher sein als das Produkt, das sie verkaufen. Und Stegs Produkt heißt Steinmeier, das laut Umfragen seit Monaten wie Blei in den Regalen liegt. Und die Firma, die dahinter steht, die SPD, hat im Wahlkampf bisher fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: zu früh gestartet, die falschen Botschaften, öffentlich zerstritten, strahlt sie eine tiefsitzende Unsicherheit aus, die sich auf die Wähler überträgt. Sie hat den Europa-Wahlkampf nur mit Negativ-Campaigning gegen Finanz-Haie, Dumpinglöhne und heiße Luft bestritten und erfolglos versucht, Angela Merkel schlecht zu reden. Was bleibt jetzt noch? Steinmeier (“Prickel”) noch einmal neu erfinden? Dafür ist es zu spät. Es sind nur noch 74 Tage bis zur Wahl. Die SPD kann nur noch auf Fehler der CDU/CSU und FDP hoffen.

Für Thomas Steg gilt, was Friedrich Schiller schon in der “Bürgschaft” schrieb.”Du rettest den Freund nicht mehr”. Ich wünsche Steg das, was mir einer der genialsten SPD-Wahlstrategen, Bodo Hombach, 2002 wünschte, als ich für Edmund Stoiber arbeitete: Persönlich viel Erfolg, aber nicht für die Aufgabe. Und er muss aufpassen, dass ihn seine Genossen nicht hinterher zum Sündenbock machen.

Bei der SPD gibt es übrigens auch immer noch Franz Müntefering, dessen Realtitätsverlust schon Bunkermentalität angenommen hat. Er sagte in einem grotesken “Spiegel”-Interview, Frau Merkel könne schon mal die Koffer packen. Dabei wäre es schon ein Riesenerfolg für die SPD, wenn sie der Kanzlerin auch in der nächsten Legislaturperiode die Koffer tragen dürfte.

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Als Reporter (noch) Reporter waren

In grauer Vorzeit, als “Der Spiegel” seine Enthüllungskompetenz noch nicht an die “Süddeutsche” abgegeben hatte, gab es in Bonn ein legendäres, manche meinen, ein berüchtigtes Reporter-Duo: Dirk Koch und Klaus Wirtgen vom “Spiegel”. Sie waren die Treppenterrier der Bonner Politik, scheuten weder Selbstverleugnung noch Tricks, um an ihre Geschichte zu kommen. Wer sie zur Vordertür rauswarf, musste damit rechnen, dass sie zur Hintertür wieder hereinkamen. Ihre Rollenverteilung war klar in “good guy, bad guy”.

Wie die beiden arbeiteten, konnte ich 1976 erleben. Sie brauchten unbedingt ein Statement von Franz-Josef Strauß zu einer Geschichte, was dieser schon mehrmals abgelehnt hatte. Also fuhren sie uneingeladen zu Richard Stücklens 60. Geburtstag nach Weißenburg. Erwartungsgemäß wurden sie am Eingang abgewiesen. Daraufhin baten sie darum, Stücklen wenigstens ihr Geburtstagsgeschenk überreichen zu dürfen – eine handgeschnitzte Madonna, die sie für 1.500 Mark gekauft hatten. Der CSU-Politiker war darüber so gerührt, dass er die ungebetenen Gäste doch noch zu seiner Party bat, worauf sich Koch und Wirtgen sofort zu Strauß an den Tisch setzten und ihn mit ihren Fragen bombardierten.

Nach wenigen Minuten wurde es Strauß zu viel und er forderte Stücklen nachdrücklich auf, die beiden rauszuwerfen – was dann auch geschah. Aber sie hatten ihr Statement.

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Samstag, 04. Juli 2009, 16:50 Uhr

In eigener Sache

“Der Spiegel” meldet vorab “exklusiv”, CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla werde nach der Bundestagswahl Arbeitsminister. Wer wollte, konnte dies bei sprengsatz.de schon am 21.05.2009 unter “Pofalla wird nach der Wahl abgelöst” erfahren.


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