Samstag, 30. November 2013, 13:59 Uhr

Die Sprache der Großen Koalition

Die Große Koalition hat sich viel vorgenommen, wie der Koalitionsvertrag auf 185 Seiten beweist. Dazu gehört auch: “Der Erwerb der deutschen Sprache ist eine zentrale Voraussetzung für eine gelingende Integration. Wir werden das frühe Erlernen der deutschen Sprache gezielt weiter fördern”.

Mal sehen, wie weit die Koalitionäre selbst dabei gekommen sind. Einige schöne Beispiele, worüber die SPD-Mitglieder jetzt auch abstimmen dürfen:

Zudem wollen wir künftig eine Anlaufhemmung bei bestimmten Auslandssachverhalten hinsichtlich der Festsetzungsverjährung einführen, wenn diese nicht korrekt erklärt werden kann.

Aha. Und was will die Koalition noch?

Die Initiierung von Innovationsprozessen zum Beispiel durch Spitzenclusterwettbewerbe oder durch Netzwerke wie die Nationale Plattform Elektromobilität wollen wie auf alle Leitmärkte – auch in Europa – ausweiten.

Sehr gut. Und was noch?

Bei den derzeit laufenden Verhandlungen über die Durchsetzungsrichtlinie zur Entsenderichtlinie setzen wir uns für das in Deutschland geltende hohe Niveau mit klaren Haftungsregeln, umfassenden Informationsrechten der Behörden sowie effizienten Kontrollrechten der Mitgliedsstaaten ein.

Das erfreut den Leser. Aber das kann doch nicht alles gewesen sein.

Das sogenannte Best-Effort-Internet, das für die Gleichberechtigung der Datenpakete steht, wird in seiner Qualität weiterentwickelt und darf nicht von einer Vielzahl von “Managed Services” verdrängt werden.

Das wird viele SPD-Mitglieder beruhigen. Es muss aber doch noch andere große Herausforderungen geben.

Verschärfte internationale Konkurrenz, auch aus den schnell wachsenden Schwellenländern, ein rasanter wissenschaftlicher und technischer Fortschritt, insbesondere die Digitalisierung, der demographische Wandel u.a. mit dem Fachkräftemangel, und die Knappheit natürlicher Ressourcen stellen uns vor neue Herausforderungen.

Gut erkannt, sauber herausgearbeitet. Noch mehr wichtige Aufgaben?

Die bereits im sogenannten Two-Pack-Verfahren eingeführte Überwachung der nationalen Haushaltsplanung durch die EU-Kommission wollen wir zu einem effizienten Instrument ausbauen, das bei klaren Verstößen gegen EU-Regeln einem nationalen Haushaltsgesetzgeber ermöglicht, frühzeitig selbst gegenzusteuern.

Prima. Noch was?

Wir werden die Wirkungen der Regelungen der achten GWB-Novelle auswerten und weitere Schritte zur Straffung des behördlichen und gerichtlichen Verfahrens bei Kartellverstößen prüfen.

Jetzt rauchen aber die Köpfe im Ortsverein. Gibt`s noch was zum Internet?

Es wird ein Förderprogramm “Innovation in IT-Forschung und Sicherheit” zur Stärkung der nationalen F&E-Aktivitäten in diesen Bereichen weiterentwickelt, wobei Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit für unterschiedliche Anwendergruppen in Einklang gebracht werden.

Danke, Große Koalition.

Aber was ist mit der Nutzerfreundlichkeit des Koalitionsvertrages? Und wie steht es in der Politik mit dem Erlernen einer verständlichen deutschen Sprache?

P.S. Die Beispiele können unendlich fortgesetzt werden.

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Donnerstag, 28. November 2013, 15:59 Uhr

Feigheit vor dem Parteifreund

Der Mitgliederentscheid der SPD wird zur Groteske und die Behauptung der Parteiführung, es gehe bei der Abstimmung um mehr innerparteiliche Demokratie, wird als Farce entlarvt. Die Mitglieder sollen über die Inhalte der Großen Koalition abstimmen, ohne zu wissen, wer diese Inhalte als Minister umsetzen soll.

Das ist ein merkwürdiges Verständnis von innerparteilicher Demokratie. Die Mitglieder werden einerseits für so mündig gehalten, dass sie bei einer Beteiligung von nur 20 Prozent mit 48.000 Stimmen die Große Koalition platzen lassen können, andererseits aber für zu unmündig, um auch über das schon längst ausgekungelte Personal abzustimmen.

Das Verhalten der SPD-Führung ist nur als angstgetrieben zu erklären. Angst davor, dass die Basis mit dem einen oder anderen Ministerkandidaten nicht einverstanden sein und deshalb ihre Zustimmung verweigern könnte. Das ist Feigheit vor dem Parteifreund. Kein Wunder, dass sich dagegen jetzt Widerstand regt.

Der Mitgliederentscheid ist ohnehin inkonsequent. Wieso dürfen die Mitglieder die Aufgabe der Volksvertreter übernehmen, wenn sie zuvor weder über den Kanzlerkandidaten noch über das Wahlprogramm abstimmen durften? Wo blieb da die innerparteiliche Demokratie? Das wäre die originäre Aufgabe der Basis gewesen. Für Regierungsbildungen sind dann die gewählten Repräsentanten zuständig.

Diese Widersprüchlichkeit ist auch nur mit der Angstgetriebenheit der SPD-Führung zu erklären, die glaubte, die Partei würde ohne den Mitgliederentscheid zerbrechen.

Sigmar Gabriel hat wieder einmal übertaktiert und sich jetzt in den Fallstricken seiner Taktik verfangen. Noch ist Zeit, diese Farce zu beenden und die Ressortverteilung und die Ministerkandidaten offenzulegen. Der Schaden ist schon eingetreten, aber er könnte bis zum Beginn des Mitgliederentscheids am 6. Dezember noch repariert werden.

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Samstag, 23. November 2013, 11:47 Uhr

Koalition der Enttäuschungen

Die bisherigen Verhandlungen über eine Große Koalition verdienen nur ein Prädikat: bescheuert! Das Verfahren kann sich nur einer ausgedacht haben, der entweder ein Dilettant ist oder der will, das die Verhandlungen am Ende scheitern.

Erst alle Wünsche aufschreiben, die Begehrlichkeiten und Hoffnungen bei allen Parteien, ihren Flügeln und natürlich bei den Wählern wecken, dann feststellen, dass sie nicht finanzierbar sind, und sie am Ende wieder einkassieren. Das ist der sicherste Weg, um bei allen Beteiligten und bei den Wählern Unzufriedenheit zu produzieren.

So wird aus dem Start einer Koalition, die tatsächlich groß hätte werden können, ein Fehlstart. Und eine Koalition der Enttäuschungen, eine Frust-Koalition. Weil keiner mutig geführt hat, weder Angela Merkel noch Sigmar Gabriel. Sie haben es laufen lassen statt erst den Finanzrahmen zu definieren. Jetzt müssen sie die Scherben einsammeln.

Am Ende werden weitgehend nur Beschlüsse zu Lasten Dritter stehen – zu Lasten der Arbeitgeber, zu Lasten der Hauseigentümer, zu Lasten der Sozialversicherten. Vom Mindestlohn und der Mietpreisbremse bis zur Mütterrente, von der Erhöhung der Beiträge zur Pflegeversicherung bis zur Rücknahme der Senkung der Beiträge zur Rentenversicherung – plus ihrer absehbaren Erhöhung.

Und dazu ein paar gesellschaftpolitische Girlanden, die nichts kosten – von der doppelten Staatsbürgerschaft bis zur Frauenquote.

Das heißt nicht, dass einzelne dieser Beschlüsse nicht sinnvoll sind, aber sie können nicht den fehlenden Kern einer Großen Koalition ersetzen. Er hätte eine Reformagenda sein müssen, die ihren Namen verdient. Eine langfristige Sanierung der Sozialversicherungen und nicht die Aufweichung der Beschlüsse der letzten Großen Koalition. Ein Konzept zum Schuldenabbau. Eine überzeugende wirtschafts- und finanzpolitische Perspektive für Europa.

Alles Fehlanzeige. Kein Programm, das in die Zukunft weist. Es geht weiter mit einer Gesellschaft, die auf Kosten der jüngeren Generation lebt.

Für wirkliche Zukunftsinvestitionen reicht das Geld nicht. Dann hätte man es sich eben beschaffen müssen. Es rächt sich, dass eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes und der Erbschaftssteuer von der CDU/CSU zum Tabu erklärt wurde.

Das ist ohnehin das Problem dieser Großen Koalition: auf der einen Seite sitzt die Nein-Partei CDU/CSU, die nur weiß, was sie nicht will, auf der anderen Seite die Ja-Partei SPD, die weiß was sie will, deren Ideen aber häufig an den finanziellen Realitäten scheitern. Oder die zu Lasten Dritter gehen.

Aus diesem Nein und Ja kann nur ein verzagtes Irgendwie werden. Irgendwie werden CDU, CSU und SPD schon miteinander regieren, wenn nicht noch die SPD-Mitglieder einen Strich durch die Rechnung machen. Aber für ein Irgendwie-Bündnis braucht es keine Große Koalition. Das konnte Schwarz-Gelb auch.

Noch ist eine Woche Zeit. Vielleicht kommen Merkel und Gabriel noch zur Besinnung. Die Hoffnung ist gering, aber sie stirbt bekanntermaßen zuletzt.

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Montag, 18. November 2013, 13:31 Uhr

Gabriels Leimrute

Weil die Koalitionsverhandlungen so lange dauern und so zäh, so ergebnislos und langweilig verlaufen, muss im politischen Berlin ein neues Thema her – mag es auch in noch so weiter Ferne liegen. Das Thema Rot-Rot-Grün, im Politjargon neuerdings R2G genannt.

Lustvoll spekulieren die Blätter, ob die Große Koalition nur eine Episode werde, dass es vielleicht schon vor 2017 zu Neuwahlen und zu einer rot-rot-grünen Koalition kommen könnte. Es macht ja viel mehr Spaß, über die politische Zukunft zu spekulieren als sich mit den Mühen der Gegenwart zu beschäftigen.

Anlass für die Spekulationen ist der Beschluss der SPD, künftig für alle demokratischen Parteien, als auch für “Die Linke”, grundsätzlich koalitionsfähig zu sein. Landespolitisch ist das die SPD schon länger, bundespolitisch ist es ein Novum. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich die Linkspartei von ihrem bisherigen kompromisslosen außen- und sicherheitspolitischen Kurs und von utopischen, unfinanzierbaren  Sozialforderungen abwendet.

Warum sollte “Die Linke” das tun? Sie braucht die Pazifisten, die Utopisten und auch die westdeutschen Sektierer, um künftig noch die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden. Denn im Osten hat sie es mit einer aussterbenden Kernwählerschaft zu tun. Und als Opposition muss sie sich in den nächsten vier Jahren im Bundestag radikal links von der SPD abgrenzen. Viel Änderung ist da nicht zu erwarten.

Und die SPD wiederum muss zur Mitte rücken, wirtschaftsfreundlicher werden, wenn sie wieder Volkspartei werden will. Sie muss sich also von der Linkspartei weiter entfernen. Denn dort kann sie nichts mehr gewinnen. Das hat Parteichef Sigmar Gabriel in seiner widersprüchlichen Parteitagsrede schon skizziert.

Und die Rechnung der Spekulanten ist ohne die Grünen gemacht. Sie werden von der SPD und der Linkspartei immer automatisch vereinnahmt, ohne gefragt zu werden. Auch sie haben mit zu viel steuerpolitischer Radikalität gerade Schiffbruch erlitten und sind künftig für Koalitionen mit der CDU/CSU offen. In Hessen wird sich zeigen, wie weit die Tür wirklich geöffnet ist.

Und die Rechnung ist auch ohne eine künftig möglicherweise stärker werdende anti-europäische Partei gemacht und ohne die Frage einzubeziehen, ob die FDP nicht doch wiederkommen könnte.

Aus all dem ergibt sich, dass die R2G-Spekulationen auf ziemlich tönernen Füßen stehen. Und die Wähler haben auch noch ein Wort mitzureden. Das Einzige, was heute feststeht, ist die Erkenntnis, dass  die alten Recht-Links-Gewissheiten der Vergangenheit angehören. Künftig ist bei Koalitionsbildungen theoretisch und prinzipiell alles möglich. Betonung erst einmal auf theoretisch.

Deshalb ist es sinnvoller, sich wieder dem Jahr 2013 zuzuwenden, und zu überlegen, ob die Koalitionsöffnung der SPD zur Linkspartei nicht nur die Leimrute ist, auf der Gabriel seinen linken Flügel in die große Koalition locken will.

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Donnerstag, 07. November 2013, 13:02 Uhr

Wie man es nicht macht

Eine schwäbische Hausfrau hätte das so gemacht: Sie hätte zuerst in ihr Portemonnaie geschaut, ihr Geld gezählt, überlegt, was sie unbedingt für den Haushalt braucht und was dann noch übrig bleibt, um sich etwas außer der Reihe zu gönnen. Aber die schwäbische Hausfrau ist an den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen leider nicht beteiligt.

Deshalb läuft es in Berlin andersherum. Zuerst wird aufgeschrieben, was man sich alles Teures gönnen will, dann ist man über seine ungehemmte Ausgabenlust völlig erstaunt und muss schauen, ob man sich das überhaupt leisten kann.

Ein merkwürdiges Verfahren, das bei der letzten schwarz-gelben Koalition dazu geführt hatte, dass alles unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wurde, womit der Keim für ihr Scheitern im Koalitionsvertrag eingepflanzt wurde.

Schade, dass Sigmar Gabriel und die ehemalige schwäbische Hausfrau Angela Merkel daraus so wenig gelernt haben. Jetzt geistert jeden Tag eine neue Wohltat durch die Blätter und am Ende muss ein großer Teil davon wieder eingesammelt werden. Was zum Verdruss der freudig beglückten Wähler führt.

Das Verfahren hat einen zweiten Nachteil: wer erst die Ausgaben formuliert, neigt am Ende zum Schuldenmachen oder, wenn dies per Schuldenbremse verboten ist, dazu, die Kosten den Beitragszahlern und Autofahrern aufzubürden und das einstmals gegebene Versprechen, Schulden abzubauen, gleich ganz zu vergessen.

Diesem Anfang der Großen Koalition wohnt bisher kein Zauber inne. Horst Seehofer hat das Stichwort schon gegeben. Bisher ist es eine Wünsch-Dir-Was-Koalition.

Und noch eine zweite Botschaft enthalten die bisherigen Verhandlungen. Innenminister Hans-Peter Friedrich ist für sein Amt endgültig diskreditiert.

Der Superverharmloser des NSA-Skandals und Erfinder des – nicht existierenden – “Supergrundrechtes Sicherheit” musste seinen Vorschlag zurückziehen, auch in Deutschland weiter an der Überwachungsschraube zu drehen. Die LKW-Maut-Kontrollen zur Autofahrer-Überwachung einzusetzen – das war selbst CSU-Chef Horst Seehofer zu viel.

Friedrich hat einfach nicht kapiert, dass mehr Überwachung nicht mehr in die Zeit passt. Eine relevante Zahl der Bürger, wenn offenbar auch nicht die Mehrheit, hat seit dem NSA-Skandal davon die Nase voll.

Bisher lernt der interessierte Bürger aus den Koalitionsverhandlungen nur eines: Wie man es nicht macht.


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